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StartseiteBüchermarktEine neue Eiszeit26.04.2006

Eine neue Eiszeit

Doris Lessings Space-Fiction-Roman über eine Umweltkastrophe

Was passiert, wenn sich die Menschen bei einer neuen Eiszeit in die mittleren Zonen der Welt zurückziehen müssen? Dieser Frage ist Doris Lessing in einer modernen Märchenfolge nachgegangen, die in der Tradition ihrer "space fiction" steht. Ihr neues Buch "Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund" ist die Fortsetzung des Romans "Mara und Dann".

Von Elke Heinemann

Eine neue Eiszeit in der nördlichen Hemisphäre, während sich im Süden die Dürre immer weiter ausbreitet.  (AP)
Eine neue Eiszeit in der nördlichen Hemisphäre, während sich im Süden die Dürre immer weiter ausbreitet. (AP)

"Space fiction" ist ein literarisches Mittel, um aktuelles Geschehen zu kommentieren. Wie der größte Teil der Science-Fiction-Literatur ist "space fiction" ein Gesellschaftskommentar. Es ist falsch, zu glauben, es ginge hier um eine Art Weltflucht. Das ist es ganz und gar nicht. Wir verdanken der Science-Fiction-Literatur die besten Kommentare zu unserem Zeitgeschehen.

Was passiert, wenn sich die Menschen auf Grund einer neuen Eiszeit in die mittleren Zonen der Welt zurückziehen müssen? Was bleibt übrig von Hochkulturen, die sich zwischen verschiedenen Eiszeiten entwickelt haben? Diesen Fragen ist Doris Lessing in einer modernen Märchenfolge nachgegangen, die in der Tradition ihrer "space fiction" steht, einer Prosa also, die gegenwärtige Probleme in ferne, zukünftige Gebiete verlegt. Ihr neues Buch "Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund" ist die Fortsetzung ihres Romans "Mara und Dann", in dem ein unfreundliches Geschick zwei Königskinder auf eine abenteuerliche Zukunftsreise durch "Ifrik" entsendet, einem semifiktiven Afrika, das durch einen trockenen Canyon von der vereisten Nordhalbkugel getrennt ist. Dann, im neuen Buch "General", unternimmt eine weitere Reise durch Gebiete, die von Kriegen um Trinkwasser gezeichnet sind. Schließlich erreicht er das "Zentrum", eine Ruinenstadt, die von einem erloschenen Goldenen Zeitalter zeugt.

"Schon aus der Ferne sah er, wie es sich vor ihm erhob, die Dächer in schweren Wolken verborgen. Wie groß es war, wie eindrucksvoll – solange man nicht wusste, dass manche Bereiche ganz oder teilweise in Trümmern lagen, dass das Wasser von Norden und Westen eindrang, dass es nach Nässe und Fäulnis roch. Kein Wunder, dass das Zentrum so lange die ganze Gegend beherrscht hatte – oder sogar ganz Ifrik. Wenn die Sonne am westlichen Himmel schien, schimmerte es, gekrönt von einer goldenen Wolke, und die Außenwände leuchteten."

Zeichnete sich der Roman "Mara und Dann" durch eine spannende Handlung aus, so ist das neue Buch ereignisärmer. Auch führt der Beschreibungseifer der Autorin mitunter weg vom Fantastischen und hin zum schlichtweg Kitschigen. Gleichwohl ist Doris Lessings Fortsetzungsgeschichte die lesenswerte Geschichte einer globalen Umweltkatastrophe, vor der heute viele Mahner warnen.

Im Buch geht sie auf die Misshandlung der Natur durch Menschen zurück, deren Denken unter den selbstentworfenen Techniken und Maschinen so sehr gelitten hat, dass sie die Folgen ihres rücksichtslosen Vorgehens nicht absehen konnten. So kam es zu einer neuen Eiszeit in der nördlichen Hemisphäre, während sich im Süden die Dürre immer weiter ausbreitet.

Lessing: "Ich habe mich im Geiste sehr oft mit dem Geschehen unserer Zeit beschäftigt. Und man schreibt über das, worüber man nachdenkt. Wissen Sie, die Leute sagen: Ah, sie ist eine Prophetin! Sie sagen das sehr oft von Schriftstellern. Aber es liegt vielmehr daran, dass man viel über etwas nachdenkt und sich Ideen öffnet, auf die andere gar nicht kommen. Die Leute lieben natürlich die Vorstellung von Propheten und Gurus und weisen Männern und Frauen – was sehr gefährlich ist. Ich erinnere mich an ein Treffen in Amerika. Ich hatte ein Exemplar der Zeitschrift 'New Scientist' dabei, eine semi-populärwissenschaftliche Zeitschrift. Und man fragte mich: 'Wie können Sie das alles nur voraussehen?' Und ich sagte: 'Schauen Sie, es steht im 'New Scientist', es steht da schon seit einem Jahr. Warum nennen Sie mich eine Prophetin?'"

Doris Lessing ist in Afrika aufgewachsen, wo sich Wüsten ausdehnen, Menschen und Tiere während langer Trockenzeiten umkommen, verseuchtes Wasser und verdorbene Nahrungsmittel zu Epidemien führen. Vor allem ihre letzten beiden utopischen Romane sind durch diese Erfahrungen stark geprägt.

Lessing: "Nun, was erleben wir denn Ihrer Ansicht nach? Ich finde nicht, dass diese Welt sehr gemütlich ist. Es ist sehr nett im Westen. Wir erleben ein Höchstmaß an Wohlstand – die meisten Leute jedenfalls. Aber so sieht es nicht im Rest der Welt aus. Kontinent um Kontinent: Es ist kein hübsches Bild. Wir kennen all die Gefahren, ich brauche sie nicht aufzulisten. Angefangen mit der Art und Weise, wie wir die Meere vergiften und den Boden und so weiter. Ich glaube nicht, dass wir Anlass dazu haben, selbstgefällig zu sein. Aber wir sind selbstgefällig. Das wissen wir alle. Die Frage ist: Können wir etwas verändern? Es scheint mir, verstehen Sie, und das ist das Problem, dass wir glauben, wir hätten alles im Griff, könnten alles kontrollieren, aber das stimmt nicht. Wir laufen uns selbst hinterher, die ganze Zeit über laufen wir unseren Erfindungen hinterher, wir versuchen, ihnen zu folgen, gerade versuchen wir, mit den Implikationen des Internets mitzuhalten. Vielleicht schaffen wir es. Wer weiß?"

Neben Bezügen zur erlebten Realität weist Doris Lessings "space fiction" selbstverständlich fantastische Züge auf. Dazu gehören märchenhafte Gestalten wie Dann bester Freund Ruff, ein "Schneehund" von prähistorischem Format. Auch gibt es surreale Orte wie die "Sandbibliotheken", kugelförmige Archive, in denen Danns Männer versuchen, die fragmentarischen Zeugnisse früherer Hochkulturen zu erhalten.

"Überall in der Halle kritzelten die Schreiber hastig beliebige Sätze oder auch einzelne Wörter, während die Bücher in ihren Händen zu Staub zerfielen.
... truths to be self evident …
Un vieux faun de terre cuite...
… in England sein...
... Rose, thou art sick…
… alle Weltmeere…
… Sag ich einst auferstehend, dass die Sonne scheint...
... in einen Sommertag...
... Helen...
Western wind, when...
Die Pleiaden...
... alleine schlaf ich...
... und alle Wege führen nach ..."

Mit den Resten des Archivmaterials, den Rudimenten des kulturellen Gedächtnisses, verlässt Dann das in den Fluten versinkende "Zentrum". An der Spitze seiner Armee geht er zusammen mit seinem Hauptmann Griot und seiner Nichte Tamar, der Tochter seiner verstorbenen Schwester Mara, nach Tundra. Es ist die Zeit, in der die Kriege enden, die Zeit, in der sich Hoffnungen regen auf einen Neubeginn, auf die Wiederkehr einer kulturellen Blüte, von der die Blätter in den "Sandbibliotheken" zeugen.

"Den Schreibern und den Gelehrten, die seinerzeit an den Tischen in der großen Halle des Zentrums das Material aus dem geheimen Ort studiert hatten, hatte man ein Gebäude zugeteilt, in dem sie das, was sie gerettet hatten, lehrten und aufbewahrten. Es war Danns Lieblingsplatz, und er verbrachte dort viel Zeit. Tamar auch, denn sie sollte Leiterin dieser Akademie des Lernens werden, wenn sie erwachsen war, und beinahe war es schon so weit. Jeder, der das Gebäude betrat, stand zunächst vor einer hohen, breiten, weißen Wand, die fast leer war – nur ganz oben stand geschrieben:

Diese große weiße Fläche steht für das Ausmaß des Wissens in der Alten Welt. Das kleine schwarze Viereck in der unteren rechten Ecke steht für den Wissensvorrat, über den wir verfügen. Alle Besucher werden gebeten, einen Augenblick nachzudenken und sich zu fragen, ob sie vielleicht über Kenntnisse oder Einblicke verfügen, die nicht zum Allgemeingut gehören und unserem gemeinsamen Bestand zugeführt werden könnten. Vor langer Zeit hat es einmal eine Kultur gegeben, an der die ganze Welt Anteil hatte: Denkt daran, wir besitzen nur Bruchstücke davon."

Und so endet dieses schwarze Märchen freundlich – kein Wunder, ist doch seine Erfinderin Optimistin.

Lessing: "Nun, ja, glücklicherweise sind wir ja enorm flexible Leute und wir sind sehr gut darin, zu überleben. Wir haben bisher immer überlebt. Unsere Geschichte besteht darin, Katastrophen zu überleben. Das können wir gut. Deshalb bin ich optimistisch."

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