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Eine verrückte Mischung aus Philip Roth und John Irving

Arnon Grünberg: "Der Vogel ist krank"

Von Hajo Steinert

Nichts für den Helden von Grünbergs Roman: Ein zärtlicher Kuss
Nichts für den Helden von Grünbergs Roman: Ein zärtlicher Kuss (AP)

Arnon Grünberg, zu Hause ein Star, ist ein Erzähler, dem man einiges zutrauen darf. Er gilt sogar als ein "enfant terrible". Mithin als Spezialist für verzwickte Liebesfälle. Der Typ ist eine ganz verrückte Mischung aus Philip Roth und John Irving. Und manchmal tatsächlich so lustig wie Woody Allen. Besonders schön bewies er das in seinem Roman "Phantomschmerz" (2000) und in den unter seinem Pseudonym Marek van der Jagt herausgekommenen Romanen "Amour fou" und "Monogam". Tolle Bücher. Jetzt stellt er keinen Anarcho, sondern einen Taugenichts ins Zentrum, der vor allem eines nicht mehr kann und will: vögeln.

Christian Beck heißt die bemitleidenswerte Kreatur. Mit seiner Freundin, einer Naturwissenschaftlerin, ist er schon lange zusammen. Man redet dauernd über das Wie und Wann der Erotik, auch über eine bevorstehende Trennung -, der Leser winkt allerdings ab: Sie werden es niemals tun. Oder doch? - Lange ist es her, dass Christian Bücher geschrieben hat. Jetzt begnügt sich der gescheiterte Schriftsteller mit Übersetzungen von Gebrauchanweisungen. Ein Mann ohne Illusionen, ohne Ziele, aber dennoch irgendwie mit sich im Reinen. Ein Stoiker von der einfältigen Art, überhaupt nicht sexy, beschäftigt vor allem mit seiner persönlichen Einübung in die Gleichgültigkeit. Selbst die Nachricht einer schlimmen Krankheit seiner Freundin kann ihn nicht nachhaltig erschüttern.

Dann kommt der Dritte. Dieser Dritte ist nicht nur ein Exilbewerber, sondern darüber hinaus auch ein Bewerber fürs Bett der Langzeitfreundin. Der Mann kommt aus Algerien. Für Christian kein Grund, ihm nicht seine Matratze anzubieten. Der Hausherr selbst nächtigt im Flur, während nebenan mächtig gevögelt wird. Für jeden Masochisten eine prickelnde Situation. Aber unseren Christian kann das alles nicht erschüttern. Er fühlt sich wie Hiob. Im Dulden liegt indes auch der Versuch einer Befreiung von eigener Schuld. Hatte er doch, damals im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Israel, während seine Freundin einen Schwerkranken betreute, unentwegt ein Bordell aufgesucht, um seinen niederen Gelüsten nachzugehen.

Arnon Grünberg erzählt seine verwegene Geschichte, in der jeder auf seine Weise in ein Exil geht, weil es mit der Liebe nicht klappt, auf zwei zeitlich auseinander liegenden, inhaltlich aber deutlich miteinander verwobenen Erzählebenen. Leider wird die Handlungsdynamik in diesem immerhin 500-seitigen Schinken von ausufernden Grübeleien, schicken Sentenzen und aufgesetzten Dialogen unterbrochen. Bei Grünberg steht nichts zwischen den Zeilen. Alles wird hier bis zum geht nicht mehr ausgesprochen. Das ist manchmal lustig, aber meistens ist man als Leser genervt.

Erst im dritten Teil gewinnt der Roman an Fahrt und schlittert schnurstracks auf ein bizarres und turbulent erzähltes Katastrophenszenario zu. Die beiden Männer - wer sagt da, sie seien Widersacher - nehmen gemeinsam Abschied von der sterbenden Frau. Der Algerier nimmt ihre Asche mit auf Reisen. Christian, langsam aber sicher doch ein Verwirrter, kommt in die Medien, weil ein literarisch von ihm damals vorweggenommenes Attentat in einem Amsterdamer Bordell Realität wird. Der Rest ist eine einzige Groteske. Arnon Grünberg ist ein kluger, sprachmächtiger und wüster Erzähler. Einer, der weiß was er kann und sein Können auch gerne ausstellt. Der Roman ist nicht virtuos, er inszeniert Virtuosität. Ein ambitioniertes, aber nicht sympathisches Buch.

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