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StartseiteBüchermarktEine zerrüttete Ehe als Teil der Identität22.09.2013

Eine zerrüttete Ehe als Teil der Identität

Louis Begley: "Erinnerungen an eine Ehe", Suhrkamp Verlag

Die Ehe einer verbitterten, alten Frau schildert Louis Begley wie einen Kriminalfall. Er lässt die alte Frau wie ein Staatsanwalt zu Wort kommen, sammelt Indizien, ruft Zeugen auf.

Von Shirin Sojitrawalla

Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Zu Beginn des Romans kommt man sich vor wie inmitten einer gut besuchten Stehparty, auf der man gar niemanden kennt: Fremde Menschen, die derart in ihre eigenen Gespräche vertieft sind, dass sie Außenstehenden keinen Blick gönnen. Das erschwert die Kontaktaufnahme, doch zum Glück haben wir den Ich-Erzähler des Romans, Philip, seines Zeichens New Yorker Schriftsteller, an unserer Seite, der uns geradewegs zur Hauptperson des Romans führt. Lucy De Bourgh, eine verbitterte alte Frau, die so ziemlich alles verloren hat, was das Leben einst für sie bereithielt: Liebe wie Schönheit, aber auch Freude und Frieden. Diese Lucy ist die Protagonistin des Romans, ihre Ehe und die damit verbundenen Erinnerungen bilden das pulsierende Zentrum.

Zufällig laufen sich Philip und sie nach Jahren bei einem Ballettabend über den Weg, verabreden sich, um zu erzählen, wie das Leben ihnen mitgespielt hat, wie man sich eben ab einem gewissen Alter nur noch trifft, um über alte Zeiten zu reden.

Philip ist Witwer, seine geliebte Frau Bella ist vor Kurzem verstorben, und nach Jahren in Paris ist er wieder nach New York zurückgekehrt, Lucy wurde von ihrem Mann Thomas, der inzwischen auch gestorben ist, schon vor vielen Jahren verlassen und fristet ihr Dasein als zänkische Dame, die ihre aufgedonnerten Launen spazieren führt wie New Yorkerinnen ihre Schoßhündchen. Lucy und Philip kennen sich seit Jahrzehnten, eine Nacht verbrachten sie gemeinsam, nicht spektakulär, Pyjama und Missionarsstellung, ein einziges Mal.

Ich schüttelte diese Erinnerungen ab. Lucy, inzwischen gut 40 Jahre älter als die Maitresse de la Maison, über die ich sinniert hatte, kam ins Zimmer und bot mir die Wange zum Kuss. Die Lucy von damals hatte nach L'Heure Bleue und Sandelholzseife, ihrer anderen Lieblingskreation von Guerlain, geduftet. Die neue Version roch ganz leicht nach Mottenkugeln – hatte sie den weißen Kaschmirpullover, den sie trug, im Sommer eingemottet und vor dem Anziehen nicht gut genug gelüftet?

Und wenn man ihr nahekam, während sie redete, so nahe, wie ich jetzt, da sie mir die Wange zum Kuss bot, war der Geruch irgendwie säuerlich. Vielleicht litt sie an Mundtrockenheit.
- Schön, schön, sagte sie, du bist ja wirklich gekommen!
- War das irgendwie zweifelhaft, entgegnete ich. Ich habe deine Einladung doch angenommen.
- Das hast du, aber an dem Ballettabend warst du nicht besonders glücklich, mich zu sehen. Ein glanzloses Gespenst aus deiner Vergangenheit, eine Frau, die dich allein zu einem Dinner einlädt, weil sie keine glamourösen Gäste zu deiner Unterhaltung auftreiben kann? Natürlich hat mich dieser Gedanke nicht davon abgehalten, aber ich habe damit gerechnet, dass du mir per E-Mail erklärst, du seiest krank geworden oder habest abreisen müssen oder Gott weiß, welchen anderen Schwindel erzählst. E-Mails machen das Lügen leicht.

Weil sie sah, dass ich widersprechen wollte, sagte sie noch: Lass nur, darüber können wir später reden, das hat noch Zeit. Was möchtest du trinken?


Der Alkohol dient als Durchlauferhitzer für diese Erinnerungen an eine Ehe. Lucy und Philip werden sich von nun an regelmäßig treffen, essen, trinken und reden. Sie redet, er hört zu. Und wie Scheherazade bricht sie immer an einem besonders kniffligen Punkt ab, sodass er wiederkommen muss, will er erfahren, was weiter geschehen ist. Dabei überlagert Louis Begley unterschiedliche Zeitebenen. Wiedertreffen tun sich die beiden im Jahr 2003, sprechen aber immer wieder über ihre jüngste Vergangenheit und blicken in ihre Vorvergangenheit, als sie noch jung und hoffnungsvoll in die Zukunft staunten.

Beide verbrachten einige Zeit in Paris, wie auch Begley selbst nach dem Krieg dort einige Monate lebte, bevor er in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Die Unterschiede zwischen dem New Yorker Lifestyle und dem Pariser Savoir Vivre brechen dabei immer wieder auf wie überreife Früchte. Etwa, wenn sich eine andere New Yorker Bekannte von Philip Salat ohne Sauce und Mineralwasser zum Mittagessen bestellt, während er als Frankreichliebhaber zu Pastete, Steak und Côte du Rhône greift. Dabei ist die Adresse und die Frage, auf welcher Seite und welcher Höhe des Parks man wohnt in beiden Städten für bestimmte Kreise von eminenter Wichtigkeit.

Und in genau diese Kreise führt uns Begley, wie schon so oft: Anwälte, Finanzmenschen und andere, die es zu Ruhm und Reichtum gebracht haben, bevölkern seine Romane. Menschen mit Zweitwohnsitzen in den Hamptons, Menschen, die meinen, sie hätten es sich tatsächlich verdient. Diese High Society stellt Begley nicht bloß, auch wenn er ein Großmeister im Verteilen kleiner Spitzen ist, sondern beäugt sie mit geradezu ethnografischem Forscherdrang. Doch sein vordringliches Interesse gilt diesmal nicht der Gesellschaftsschicht, sondern der Ehe und ihren Dramen. Im Mittelpunkt steht die gescheiterte Ehe zwischen Lucy und Thomas, aber auch Philips augenscheinlich glückvolle Ehe mit Bella, die verstorben ist, blitzt immer mal wieder auf, wie andere Paare, die es sich mehr oder minder in ihrer Zweisamkeit gemütlich gemacht haben. Dabei gerät Philip das Interesse an Lucy geradezu zu einer Obsession. Wie besessen recherchiert er diese Ehe und die Umstände, die zu ihrem frühzeitigen Ende führten. Kein Wunder, Philip ist Schriftsteller und die leben nun einmal auch von den Geschichten der anderen.

Ich war dazu übergegangen, Lucy fast täglich zu sehen, nachmittags zum Tee in ihrer Wohnung oder beim Dinner im Bistro in der Lexington Avenue. Das Unbehagen, das ihre Erzählung in mir bewirkt hatte, war verflogen, aber aus verschiedenen Gründen. Unter anderem, weil ich lange Abende und exzessiven Alkoholkonsum vermeiden wollte, blieb ich bei meinem Entschluss, Einladungen zum Dinner oder zu Drinks in ihrer Wohnung abzulehnen. Gelegentlich nutzten wir das schöne Wetter und unterhielten uns nachmittags auf einer Bank mit Blick auf den See und die Ruderer im Central Park.

Dort fragte sie mich eines Tages geradeheraus und mit einem nur sehr dünnen Lächeln, ob ich ein Buch über sie und Thomas schriebe. Ob das der Zweck unserer Interviews sei? Denn Interviews seien es doch, die ganze Zeit, seit ich zum ersten Mal zum Dinner zu ihr gekommen sei?

Ich sagte ihr die Wahrheit: Ich arbeitete an etwas ganz anderem, einem Roman, der in meiner Heimatstadt Salem spielte, aber wenn ich nach dem Abschluss dieses Projekts noch lebte und bei Verstand war, würde ich vielleicht ein Buch über die Zerrüttung einer Ehe schreiben wollen. Eine Ehe zwischen erfundenen Personen, sagte ich ausdrücklich, nicht ihre und Thomas' Ehe. Freilich werde alles, was ich in unseren Unterhaltungen erfuhr, Teil meiner Erfahrungen sein, in den Fundus meines Wissens und meiner Beobachtungen eingehen und sich womöglich auf die Erzählung auswirken. Aber das Buch werde ein Roman sein, keine Biografie und keine Reportage.


Das gilt selbstredend auch für den vorliegenden Roman, bei dem es sich naheliegenderweise genau um das besagte, noch zu schreibende Buch über die Zerrüttung einer Ehe handeln könnte. Nach dem berühmten Dreisprung von Samuel Beckett "Wieder versuchen / Wieder scheitern / Besser scheitern" verbringen manche Paare ihre Langzeitehen, und auch Thomas und Lucy beherrschen den Sprung anfangs gut, wie wohl ihre Ehe von Beginn an zum Scheitern verurteilt scheint. Zu unterschiedlich sind die beiden Geister aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen, die da keinen Bund fürs Leben eingehen; sie reiche Erbin, er Sohn eines Mechanikers.

Warum haben die beiden geheiratet, lautet die Kernfrage des Romans und legt Lucy gleich eine böse mögliche Antwort in den Mund: "Man muss mit jemanden leben, um zu erkennen, dass man ihn nicht ausstehen kann." Der Satz steht für die Bitterkeit und den Total-Pessimismus der Witwe Lucy, während Philips Ehe anscheinend nur der Tod imstande war, zu scheiden.

Als Schriftsteller rekonstruiert Philip Lucys Ehe wie einen Kriminalfall und sein Schöpfer Louis Begley verfährt dabei ganz wie der Rechtsanwalt, der er auch ist. Er lässt seine Mandantin ausführlich zu Wort kommen, sammelt Indizien, ruft Zeugen auf und setzt aus diesen Puzzleteilen den Tathergang zusammen. Die Leser werden zu Mitwissern, wobei sie immer genau so viel oder wenig über diese Ehe erfahren, wie Philip. Der lässt sich von den Menschen, die Lucy und ihren Mann kennen und kannten, erzählen, was sie für einen Eindruck von den beiden gewonnen haben. Dann erzählt er uns, was die anderen ihm erzählt haben. Angetrieben wird Philip von einer beinahe unerklärlichen Faszination an Lucys Leben, die sich flugs auf die Leser überträgt, auch weil das Interesse an den Geschichten der anderen nun einmal die zentrale Wirkmacht der Literatur ausmacht.

Zu den Zeugen, die Philip aufruft beziehungsweise aufsucht, gehört auch Lucys Sohn Jamie, der einen sehr abgeklärten Blick auf die Ehe seiner Eltern wirft:

"Solange ich denken kann, haben sie gestritten. Oder eher: Bei jedem beliebigen Anlass hat sie ihn heruntergeputzt. Egal, worum es ging. Wie er Auto fuhr, gab viel her. Sein Aufschlag beim Tennis – sie fand, er schlage den Ball nicht hoch genug und könne nicht richtig durchziehen. Und damit hatte sie recht, aber was sollte er machen? Niemand hatte ihm gezeigt, wie es geht. Die Art, wie er tranchierte, besonders Lammkeule und Puter, fand sie typisch Unterschicht. Es hatte was damit zu tun, ob man mit oder gegen die Fasern schnitt, eines von beiden, ich weiß nicht mehr. Und damit, wie er das Messer hielt. Sie sagte ihm, er solle Onkel John und Grandpa De Bourgh dabei zusehen, die könnten wunderbar tranchieren. Tagsüber schwarze Schuhe tragen. Das fand sie ganz unmöglich. Er konnte ihr noch so oft erklären, das sei die Uniform an der Wall Street, es nützte nichts. Ich erzähle dir nur von dem, was offen ausgetragen wurde. Anderes Gezeter hatte mit den Szenen im Schlafzimmer zu tun. Was immer da los war, Dad musste die Hälfte der Zeit im Gästezimmer schlafen."

Dabei erinnert nicht nur das Verfahren an einen Anwalt, sondern auch der Sprachduktus, der nicht selten vor unerbittlicher Sachlichkeit strotzt: nüchtern, manchmal beinahe bürokratisch, spröde auch, immer aber erbarmungslos.

Die beiden Schriftsteller Philip und Louis Begley sezieren diesen Fall einer Ehe wie einen toten Fisch. Dabei entgeht ihnen nichts: Nicht, was die Leute um sie herum für Klamotten tragen, nicht, wie sie aus dem Mund riechen. Mit Lucy entwirft Begley zudem eine idealtypische New Yorkerin mit viel Geld und wenig Anstand. In ihrer Unverfrorenheit erinnert sie an Dorothy Parker, aber auch andere Frauen unter Einfluss kommen einem unwillkürlich in den Sinn.

In einer Verfilmung böte die Hauptrolle der Lucy eine Paraderolle für eine Ausnahmeschauspielerin. Als Idealbesetzung ließe sich etwa an Gena Rowlands denken. Die wäre auch in der Lage, den folgenden Nervenzusammenbruch Lucys auf einer Parkbank im Central Park gnadenlos zur Schau stellen.

"Sie fing an zu weinen, zum ersten Mal seit unserem ersten Treffen. Wir saßen auf einer Parkbank. Ich fand keine tröstlichen Worte, legte den Arm um sie und klopfte ihr auf die Schulter.

- Schon gut, sagte sie, danke. Oder nein, es ist nicht gut. Weißt du, wie sie dich ramponieren, deine Mama und dein Papa, nicht mit Absicht, aber trotzdem? Natürlich weißt du das. Mich haben sie total ramponiert, oder wenn nicht sie, dann die Männer, die mich ausgenutzt haben, Thomas gehört dazu, und all die verdammten De Bourghs und Goddards, die die falschen Gene weitergegeben haben. Ich habe nicht das Leben gehabt, das ich mir erhofft hatte, das hast du wahrscheinlich schon zehnmal gehört, aber es stimmt nicht weniger, wenn ich es noch mal sage. Oder das Leben, das ich verdient hätte. Wie auch immer, sogar Thomas sah, dass ich krank war. Er fragte, was Dr. Reiner mir rate. Ich log und sagte, er wolle mich wieder in die Anstalt überweisen. Ich hatte ihm nie erzählt, dass ich nach meiner Rückkehr aus Genf schon dort gewesen war, deshalb war dies ein Schock für ihn. Dass ich beschädigte Ware war, wusste er schon, aber jetzt wusste er auch, dass er eine Verrückte geheiratet hatte.


Ausgedehnte Sitzungen beim Therapeuten gehören zu Lucys Leben wie in die meisten New York Romane; und ein solcher ist "Erinnerungen an eine Ehe" auch. Die mittlerweile aufgeräumte und vergleichsweise milde lächelnde Stadt taugt als perfekte Kulisse für Begleys Ehestudie, die ja auch von einem mit den Jahren aufgeräumteren Begehren und seinen Verwundungen erzählt. Dabei handelt es sich nicht um einen New-York-Roman, mit dem in der Hand man sich als Tourist durchs Straßennetz Manhattans leiten lassen könnte. Nun gut: Der Central Park, ein paar Adressen und Restaurants kommen vor. Wichtiger ist, dass der einstige Glanz und die gegenwärtige Attitüde der Stadt miteinander wetteifern, wie die Jugend und das Alter der Protagonisten.

Das Desinteresse der geschilderten Personen an einer Welt außerhalb ihres schicken Daseins nimmt der Roman auf, indem er selbst immer wieder Hinweise auf das politische Leben fallen lässt wie Unhöflichkeiten. Der Irak-Krieg und der Präsidentenwahlkampf von John Kerry interessieren nur am Rande und dienen dem Autor in erster Linie zur zeitgeschichtlichen Verordnung. Das Interesse des Ich-Erzählers gehört ganz seinem Studienobjekt Lucy.

Seine zwanghafte Recherche ist aber keineswegs nur seiner Neugierde und seinem Beruf geschuldet, sondern auch seinem fortgeschrittenen Alter. Wie schon in früheren Romanen von Louis Begley, der im Oktober seinen 80. Geburtstag feiert, ringen auch die Protagonisten im neuen Roman mit ihrer Endlichkeit, wobei die Endlichkeit der Frauen eine andere Dimension zu besitzen scheint. "Frauen haben ein Ablaufdatum, Männer nicht", befindet die Hauptperson in Eva Menasses spitzfindigem Roman "Quasikristalle". Diesen Eindruck gewinnt man auch beim Lesen dieser "Erinnerungen an eine Ehe". Ich-Erzähler Philip macht keinen Hehl daraus, dass es ihm wenig Freude bereitet, Frauen seines Alters anzuschauen, ja, nicht einmal Frauen, die fünf Jahre jünger sind als er, findet er lange Blicke wert. Das, was dieser Mann wirklich will, ist eine Brücke zur Gegenwart, wie er sagt. Und auch in diesem Begehren ist er prototypisch für Louis Begleys Werk, denken wir an seinen Anwalt Albert Schmidt und andere: Alte Männer, die sich nicht mit alten Frauen abfinden mögen, weil sie sich nicht mit ihrem eigenen Alter abfinden können. Philip indes hat das schon hinter sich, belässt es bei schweinischen Träumen und ausufernden Gedankenspielen und schwenkt seine Obsession lieber auf Lucys einstiges Liebesleben, während er seiner geliebten Frau hinterher trauert, wobei er sich in Bezug auf seine eigene Ehe merkwürdig bedeckt hält. Von Bella erfährt man in diesem Roman nur das Wenigste. Nachkommen haben sie keine. Begraben liegt sie in Paris, während Philip seinen eigenen Tod plant wie einen Behördengang und sich mit seinen Gebrechen als alter Mann versucht, zu arrangieren.

Angst vor dem Tod trieb mich nicht um. Und mich beunruhigte auch nicht mehr, dass ich ein Chaos hinterlassen würde: Manuskripte und Akten, Andenken und andere kümmerliche Habseligkeiten. Meine Papiere würden an eine Universitätsbibliothek gehen, die sich bereit erklärt hatte, sie zu beherbergen. Der Rest konnte in alle vier Winde verstreut werden. Das Altern, vor dem ich mich gefürchtet hatte, war bis jetzt nicht besonders beschwerlich gewesen. Ich hatte ungefähr alle Kinderkrankheiten durchgemacht, aber abgesehen von Erkältungen, die sich länger und länger hinzogen, und einer unangenehmen Bronchitis vor einigen Jahren war ich nie krank gewesen. Mit der Hilfe einer gelegentlichen Steroidinjektion in meinen Rücken konnte ich die meisten Ziele, die ich erreichen wollte, noch zu Fuß erreichen. Und in ganz gutem Tempo. Mein Gedächtnis hatte keinen Schaden genommen. Eine Lesebrille war notwendig geworden, der graue Star war eine neuere Entwicklung, gegen die ich etwas unternehmen würde. Und ich konnte nicht mehr so gut hören wie früher. Irreparabel war der Verlust an Leidenschaftlichkeit. Meine sporadischen Vereinigungen mit dieser oder jener relativ attraktiven Dame nach Bellas Tod waren pawlowsche Reflexe auf die immer gleichen Stimuli gewesen: die Willigkeit der Dame und die Mühelosigkeit der Transaktion.

Männer, die sich mit Frauenkörpern kurieren, sind, wie schon gesagt, keine Seltenheit bei Louis Begley. Doch in seinem jüngsten Roman gesteht er die ausschweifende Liebeskunst auch einer Frau zu: Lucy ist sich für nichts zu schade und spaziert in ihren besten Jahren als fleischgewordene Männerfantasie über die Seiten. Die Zwänge des Eros und die Macht des Todes, es sind die großen Themen der Literatur, die sich auch durch Begleys Romane ziehen. Das Milieu aus Bankern, Rechtsanwälten und Schriftstellern taucht dabei so zuverlässig in seinem Werk auf wie der Dreier aus Sex, Geld und Alkohol, der seine Figuren zusammenhält. Ihr Leiden an der Welt gleicht einem Luxus und ihre Bitterkeit dem Bonustrack eines Lebens auf der Überholspur. Begley konstatiert das zwischen den Zeilen, ohne seine Personage zu diffamieren. Die Geschichte, die er Philip aufschreiben lässt, ist die Lebensbeichte der Lucy De Bourgh, die sie ihm zwar nicht Wort für Wort selbst erzählt, die er sich aber im Laufe seiner Recherchen zusammenreimen kann. Und wir mit ihm.

An einer Stelle des Romans wird Lucys Mann mit den Worten zitiert, wenn er noch einmal leben sollte, würde er sie wieder heiraten. Das erinnert fatal an Max Frischs Theaterstück "Biografie: Ein Spiel", in dem die Figuren begreifen müssen, dass sie ihr Leben immer wieder so leben, wie sie es bereits gelebt haben, ihre Identität demnach zementierter ist, als sie es sich wünschen würden.

Philip ist aber nicht nur fasziniert von Lucys Geschichte, sondern fragt sich auch, wie man sie erzählen könnte. Begleys multiperspektivische Erzählweise ist eine Antwort darauf. Derart ist es möglich, das Innen und Außen einer Ehe aufzuzeigen, Lucys Selbstbilder mit den Fremdwahrnehmungen der anderen in Einklang zu bringen.

Der traurig schöne Schlussakkord des schmalen Romans gleicht dann einer kleinen Verbeugung vor den Lächerlichkeiten der Liebe.

Buchinfos:
Louis Begley: "Erinnerungen an eine Ehe". Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger. Suhrkamp. 222 Seiten, 19,95 Euro

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