Die neue Platte / Archiv /

Einspielungen mit Seltenheitswert

Joanna Michna und das Duo Tal/Groethuysen spielen Richard Wagner auf Klavier zu zwei und vier Händen

Von Klaus Gehrke

Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843
Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843 (picture alliance / dpa / Zentralbild)

Sowohl Joanna Michna als auch das Duo Tal&Groethuysen legen mit ihren neuen CDs überaus interessante Einspielungen vor, die in dieser Form Seltenheitswert im Wagnerrepertoire haben; die Bearbeitungen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zeigen deutlich, wie faszinierend Wagners Musik auf Anhänger und Gegner einwirkte.

Wagner, Züricher Vielliebchen-Walzer

Man mag es kaum für möglich halten - aber auch das ist ein echter Wagner, allerdings nicht bedeutungsschwer überladen, sondern eher launig leicht, humorvoll und sehr kurz.

"So lustig wie möglich, aber mit leidenschaftlichem Anstand" wollte Richard Wagner seinen so genannten 'Vielliebchen-Walzer‘ vorgetragen wissen. Dieses kleine Stückchen entstand 1854 im Züricher Exil für Marie Luckemeyer, der Schwester von Mathilde Wesendonck, die ihrerseits Wagner just im gleichen Jahr zu 'Tristan und Isolde' inspirieren sollte. Im Gegensatz zu dem berühmten Musikdrama sind seine Klavierwerke jedoch unbekannt geblieben. Das möchte die Pianistin Joanna Michna ändern: Auf ihrer neuen CD 'Enjoy Wagner', erschienen beim Label Elisio hat sie neben dem 'Vielliebchen-Walzer' noch drei weitere Petitessen des Bayreuther Meisters eingespielt. Den Schwerpunkt bilden jedoch höchst unterschiedliche Klavierbearbeitungen unter anderem von Franz Liszt, Carl Tausig oder Joachim Raff. Carl Czernys Rondo Nr. 1 über Themen aus Wagners 'Rienzi' beispielsweise wirkt eher wie ein geglättetes Potpourri als wie eine am Original orientierte Bearbeitung.

Wagner/Czerny, Rondo, op. 758

Ob Wagner eine solche Bearbeitung besonders geschätzt hat, ist fraglich; doch wahrscheinlich schrieb Czerny dieses Rondo sowie fünf weitere nach Motiven aus dem 'Rienzi' sogar in dessen Auftrag. Wagner hat Joanna Michna, wie sie im Booklet der CD schreibt, lange Zeit nicht interessiert:

"Meine Vorbehalte basierten - wie bei vielen anderen Menschen, auf Vorurteilen, und zu der Zeit versuchte ich nicht einmal, das Werk Wagners kennenzulernen."

Erst ab 2011 beschäftigte die Pianistin sich intensiv mit dessen Musik - und lernte sie lieben. Ihr Hauptanliegen mit der neuen CD-Einspielung formuliert sie so:

"Mein Wunsch ist, dass sich im Wagner-Jahr 2013 - in dem auch sein großer Rivale Verdi 200. Geburtstag hat - auch Wagner-Gegner für dessen Kunst die Zeit nehmen und nicht nur vorhandene Vorurteile pflegen."

Hinsichtlich der Umsetzung von Wagners Partituren für ein Klavier nahmen Liszt oder Ferruccio Busoni es sehr genau. Dessen Transkription von Siegfrieds Tod aus der 'Götterdämmerung' ist ein technisch recht anspruchsvolles Stück, das Joanna Michna souverän meistert.

Wagner/Busoni, Trauermarsch (von 1'24 - 4'14)

Hochinteressante Bearbeitungen Wagner' scher Werke hat auch das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen auf seiner neuen CD bei Sony Classical eingespielt. Und an deren Aufnahme des 'Trauermarsches' aus der Götterdämmerung' zeigt sich höchst eindrucksvoll, welchen Unterschied ein zweites Klavier in Sachen Klangvolumen und orchestraler Wirkung ausmacht.

Wagner/Pringsheim, Trauermarsch (von 5'02 - 7'30)

Das Duo Tal/Groethuysen, das seit Langem für interessante unbekannte Entdeckungen abseits des gängigen Repertoires bekannt ist, hat auch diesmal eine echte Rarität ausgegraben: Die Bearbeitungen von 'Siegfrieds Tod' und der Finalszene aus der 'Götterdämmerung' stammen von Alfred Pringsheim, dem bedeutenden Mathematiker und Schwiegervater von Thomas Mann. Darüber hinaus war Pringsheim ein glühender Verehrer der Musik Richard Wagners und, was weithin unbekannt ist, ein exzellenter Pianist und Arrangeur. Er schrieb zudem viele kritische Artikel über Wagner und sein Werk, korrespondierte mit dem Komponisten und erstellte über vierzig Klavierbearbeitungen. Die nun erstmals auf CD eingespielten Arrangements für zwei Klaviere fertigte Pringsheim 1876 während den Proben zur Uraufführung der 'Götterdämmerung' in Bayreuth sowie 1879 an. Zum 'grünen Hügel' pilgerten nach Wagners Tod 1883 nicht nur zahllose illustre Gäste aus ganz Europa, sondern auch viele Komponisten, wie beispielsweise Claude Debussy oder Paul Dukas. Beide verfassten heute kaum bekannte Klaviertranskriptionen Wagner'scher Werke: Debussy bearbeitete 1890 die 'Holländer'-Ouvertüre, Dukas drei Jahre später die 'Bacchanal-Szene' aus dem 'Tannhäuser'.

Wagner/Dukas, Venusberg-Bacchanal

Yaara Tals und Andreas Groethuysens neue CD mit dem Titel 'Götterdämmerung' ist nicht nur eine überaus gelungene Hommage zu Wagners 200. Geburtstag, sondern in gewisser Weise auch eine Fortsetzung in Bezug auf die künstlerische Auseinandersetzung des Duos mit dem Bayreuther Meister; bereits 1997 nahmen die beiden einige Wagnerbearbeitungen für Klavier zu vier Händen auf. Sowohl Joanna Michna als auch das Duo Tal/Groethuysen legen mit ihren neuen CDs überaus interessante Einspielungen vor, die in dieser Form Seltenheitswert im Wagnerrepertoire haben; die Bearbeitungen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zeigen deutlich, wie faszinierend dessen Musik auf Anhänger und Gegner einwirkte.

Wagner/Reger, Isoldes Liebestod

Das war ein Ausschnitt aus 'Isoldes Liebestod' von Richard Wagner in der Bearbeitung von Max Reger mit dem Klavierduo Tal und Groethuysen; deren CD 'Götterdämmerung' ist beim Label Sony Classical erschienen; Joanna Michnas neue CD 'Enjoy Wagner' gibt es beim Label 'Elisio'. Soweit für heute unsere Sendung 'Die neue Platte, am Mikrofon verabschiedet sich mit Dank fürs Zuhören Klaus Gehrke.

Musik:
Joanna Michna, Enjoy Wagner, Klavierstücke von Richard Wagner und Bearbeitungen von Franz Liszt, Carl Czerny, Joachim Raff, Carl Tausig und Ferruccio Busoni
Elisio (LC 24713) ECD-1813

Klavierduo Tal&Groethuysen, Götterdämmerung, Szenen aus Opern von Richard Wagner in der Bearbeitung für Klavier vierhändig/zwei Klaviere von Claude Debussy, Alfred Pringsheim, Paul Dukas und Max Reger
Sony Classical (LC 06868) 88765441592

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Die neue Platte

ViolinkonzerteSibelius und Adès zeitlos

Nahaufnahme vom Körper einer Geige.

Die Violinkonzerte der Komponisten Jean Sibelius und Thomas Adès trennt ein immenser Altersunterschied. Der Geiger Augustin Hadelich hat diese Werke auf einem Album eingespielt. In dieser Zusammenstellung wirkt der eine zeitlos und der andere erstaunlich modern.

Orgelwerke des norddeutschen BarockFast vergessene Komponisten

Die Orgelpfeifen einer Kirchenorgel aufgenommen am 30.11.2012 in einer Kirche in Stadtbergen (Bayern).

Die Liste an bedeutenden Komponisten zwischen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach ist nur auf den ersten Blick etwas spärlich. Bei genauerem Hinsehen gibt es im Bereich der norddeutschen Orgelmusik viele einst berühmte und heute fast vergessene Namen zu entdecken.

Haydns "Sieben letzte Worte"Wunderbares Werk, wunderbare Aufnahme

Ein Kruzifix in Oberschwaben

Die von Joseph Haydn selbst arrangierte Fassung der "Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" für vier Streicher hat das spanische Cuarteto Casals pünktlich zu Ostern eingespielt. Es entdeckt die Essenz dieser Passionsmusik in ihrer Schlichtheit.

 

Musik

Corso-Gespräch"Ich will keinen Bildschirm sehen, wenn ich Musik höre"

Eine Schallplatte wird in einem Musikfachgeschäft in Hannover (Niedersachsen) auf einem Plattenspieler abgespielt. 

Die CD wird wohl aussterben, Musik-Abos werden stattdessen immer wichtiger. Eine Entwicklung, die dem MC und Sänger Textor nicht gefällt. Statt auf MP3s setzt er weiterhin auf Vinyl - vorerst.

DebütalbumSpielplatz von Iggy Azaleas Ideen

Die australische Musikerin Iggy Azalea in einem roten Kleid beim Ankommen bei den Brit Award 2014.

Amethyst Amelia Kelly alias Iggy Azalea hat ihre Heimat Australien verlassen und war wegen ihrer Liebe zum Hip-Hop nach Amerika gekommen. Auf dem nun erschienen Debütalbum thematisieren ihre Raps ihr Ankommen in den USA und das Leben als öffentliche Person. Musikalisch experimentiert sie mitunter - zum Beispiel mit Affengeräuschen.

Neues Album von EelsHarte Themen in charmanten Songs

Mark Oliver Everett, Sänger der US-amerikanischen Rockband Eels, steht am 08.04.2013 in Berlin im Tempodrom auf der Bühne.

Im Mittelpunkt der US-amerikanischen Band Eels steht der Singer/Songwriter Mark Oliver Everett. Auf dem neuen Album "The Cautionary Tales Of ..." singt der 51-Jährige über Einsamkeit und Verzweiflung und will damit die Menschen vor Fehlern, Dummheiten und Unzulänglichkeiten bewahren - verpackt in kleinen charmanten Songs.