Forschung aktuell / Archiv /

 

Elektronischer Küstenschutz an der Adria

Bonn: Katastrophenschutztechniken für das Mittelmeer vorgestellt

Nicht nur Vulkane, auch Tsunamis können Stromboli gefährlich werden.
Nicht nur Vulkane, auch Tsunamis können Stromboli gefährlich werden. (USGS)

Mit 45 Millionen Euro unterstützt die Bundesregierung den Aufbau eines Tsunami-Frühwarnsystems für Indonesien. Tsunamis bedrohen aber auch Europa, betroffen sind hier Mittelmeerraum und Nordostatlantik. Auf einer Konferenz in Bonn wurden am Mittwoch erste Konzepte für ein Warnsystem in dieser Region vorgestellt. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich kommentiert es im Gespräch mit Gerd Pasch.

Pasch: Wie hoch ist die Flutgefahr am Mittelmeer und der Atlantikküste?

Röhrlich: Diese absolute Tsunami-Gefahr betrifft vor allen Dingen alle Mittelmeeranrainerstaaten, aber auch Portugal, Spanien, Frankreich, Großbritannien und die skandinavische Staaten, vor allen Dingen Norwegen. Dort hat es schon Tsunami gegeben. Es ist insgesamt so, dass die Gefahr höher ist, als wir uns so denken. Wir haben es einfach lange nicht mehr erlebt. Aber im 20. Jahrhundert haben sich zehn Prozent aller Tsunami, die sich auf dieser Welt ereignet haben und von denen wir wissen, in diesem speziellen Bereich ereignet. Wenn man jetzt 400 Jahre zurückgeht, kommt man sogar auf ein Viertel. Das heißt, die Gefahr ist durchaus real. Wir haben im Mittelmeerraum eine Eintrittswahrscheinlichkeit eines Tsunami von 100 Jahren. Der letzte große, der wirklich Opfer gefordert hat, war 1908 in Sizilien. Dort hat es vor Messina ein Erdbeben gegeben, und durch das Erdbeben und den Tsunami starben nach Schätzungen zwischen 80.000 und 180.000 Menschen. Es ist also, wenn es ernst wird, eine sehr große Gefahr.

Pasch: Was wäre denn, wenn das heute passierte?

Röhrlich: Stellen wir uns einmal dieses Beben von Messina heute vor: An einem heißen Sommertag in den Ferien, alle Leute liegen am Strand, dann haben wir Millionen von Menschen, die in unmittelbarer Gefahr sind, wenn dann ein Tsunami kommt. Selbst wenn im Winter ein solcher Tsunami aufliefe auf diese eng besiedelte Küste, dann leben dort einfach viel mehr Menschen als vor 100 Jahren, die Werte, die dort stehen, sind viel größer, die Schäden wären also auch sehr viel höher. Es ist inzwischen so, dass ein Viertel der Menschheit in den ersten zehn Kilometern von der Küste wohnt, also in gefährdeten Gebieten. Es ist eine wirkliche Potenzierung des Ganzen. Wir hatten vor kurzem eigentlich Glück: 2002 hat es einen kleinen Tsunami gegeben auf der Insel Stromboli, der Vulkaninsel. Es war aber Winter, deshalb war keiner da. Sonst hätten wir da auch in Europa Opfer gehabt.

Pasch: Warum gibt es denn für den Mittelmeerraum nicht schon längst so ein Frühwarnsystem?

Röhrlich: Zum einen vergessen Menschen: Was nur alle hundert Jahre passiert, steht nicht so auf Nummer Eins bei der Liste dessen, wo man sich drum kümmern muss. Aber das hat auch technisch-wissenschaftliche Gründe: Im Pazifik gibt es seit 40 Jahren ein Tsunami-Frühwarnsystem. Dort habe ich ideale Bedingungen, wenn man so will, denn die Vorwarnzeiten sind sehr lang. Wenn ein Beben passiert, muss erst mal diese Welle den ganzen Ozean, wenn man Glück hat, überqueren, und ich weiß schon mehrere Stunden vorher, was passieren kann, es sei denn, ich bin direkt am Beben-Ort.

Im Mittelmeer ist es so, dass ich Vorwarnzeiten habe zwischen: Jetzt passiert das Beben und schon kommt die Welle, von maximal einer Stunde. Das heißt, ich habe höchstens eine Stunde Zeit, und das macht es sehr viel schwieriger und sehr viel problematischer auch von technischer Seite her, da noch was zu tun.

Pasch: Was haben denn die Forscher für Konzepte, was will man tun?

Röhrlich: Zuerst einmal muss man erfassen, was man genau hat. Die Computer-Netzwerke sind ja schon mal da, die seismischen Netzwerke sind da. Man weiß, es fehlen noch Daten, beispielsweise: Wie sieht die Küste genau aus, also wie wird sich ein Tsunami verhalten, der aufläuft. Man ist aber schon relativ weit gediehen, was die technische Seite angeht. So soll Ende 2007, also bis Ende diesen Jahres, die Keimzelle dieses Systems geschaffen werden, erst mal in Form von Pegelmessungen. Das schützt jetzt keinen, aber es ist sehr wichtig, irgendwo anzufangen. Und dieser Punkt soll eigentlich dazu führen, dass man weiß, wie man international zusammenarbeitet. Denn Katastrophenschutz ist ja eher national geregelt, ein Tsunami ist ein internationales Phänomen, das die Küste lang läuft. Das heißt, ich muss lernen, wie kann ich die Daten transferieren, wie sieht der Datenfluss am besten aus, wie bekomme ich die Warnzentren, brauche ich nur eines, brauche ich drei? Wie kann ich die Entscheidungsträger informieren, wie bekomme ich die Öffentlichkeit informiert? Das sind alles Sachen, die jetzt in den nächsten Monaten entwickelt werden, entschieden werden. Dann hofft man, dass in fünf oder sechs Jahren dieses System arbeiten kann.

Pasch: Und wie soll es dann aussehen?

Röhrlich: Das steht auch noch nicht fest, aber es wird wahrscheinlich das gesamte technische Programm, was man heute hat, bieten. Also Erdbebenüberwachung, GPS, das Globale Positionierungssystem von Satelliten, um Bodenbewegungen zu überwachen, dann Pegelmesser, alles was man sich vorstellen kann. Man wird eine Datenbank aufbauen, weil diese Zeiten zu kurz sind, um irgendwie zu rechnen, wenn ein Beben passiert und zu schauen: Wie ist es denn jetzt genau? Da muss einfach alles schon vorher an Modellen gerechnet worden sein und man zupft dann sozusagen aus einer Datenbank den passenden Fall aus und gibt dann die Warnung weiter. Anders geht es nicht. Und für viele Gebiete wird auch einfach nur die Devise sein: Wenn die Erde stark bebt, dann renne! Denn für Warnungen ist es dann einfach zu spät. In Messina beispielsweise kann man es nie hinkriegen.

Pasch: Nun, wenn die Technik steht, das ist ja noch nicht alles, oder?

Röhrlich: Die letzte Meile ist das, was zurzeit noch die meisten Gedanken macht. Die letzte Meile ist das, was passiert, wenn die Leute reagieren. Das wird national geregelt und man muss Schutzkonzepte erarbeiten, die aber sehr genau sein müssen. Wir müssen beispielsweise Schutztürme an Stränden bauen. Ob die Bürgermeister das schön finden, ist natürlich die zweite Frage. Wir müssen diese Schutztürme mit Wasser versorgen. Das muss auch alles ständig geregelt sein, dass es wirklich passiert. Die Leute müssen trainiert werden, damit sie nicht die anderen tot trampeln auf der Flucht. Also das ist sehr viel, was da passieren muss und das ist der eigentlich interessante Teil, der jetzt noch entwickelt werden muss.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Forschung Aktuell

BotanikPilze sammeln im Supermarkt

Eine Frau steht zum Bezahlen in einem Supermarkt an der Kasse.

Ein englischer Pilzforscher musste nicht weit reisen, um neue Pilzarten zu entdecken: Er fand sie in seiner Einkaufstasche. Eine der neuen Arten, die der Supermarkt vor Ort unwissentlich im Angebot hatte, trägt nun den Namen "Weißer Kuh-Leberpilz".

MedizinBakterienanalyse zur Früherkennung von Darmkrebs

Bestimmte Bakterienkonstellationen im Darm könnten ein Warnsignal für Darmkrebs sein, so die Annahme einiger Forscher. Am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg will man der Hypothese auf den Grund gehen - und sucht dabei neue Wege der Früherkennung.

Umstrittenes FrackingMethan im Trinkwasser gibt Rätsel auf

Ein Fracking-Bohrturm in der Abenddämmerung. 

Fracking ist äußerst umstritten. Kritiker fürchten, dass durch das Aufpressen von Gesteinsschichten Trinkwasser verunreinigt werden könnte. In Pennsylvania und Texas haben Forscher nun über 130 Wasserproben genommen und ein Analyseverfahren entwickelt, das endlich Klarheit bringen soll.