Interview / Archiv /

 

Elitz: "Journalisten sind Welterklärer"

Am letzten Arbeitstag zieht Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz Bilanz

Ernst Elitz im Gespräch mit Jochen Spengler

Ernst Elitz, Intendant Deutschlandradio (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Ernst Elitz, Intendant Deutschlandradio (Deutschlandradio - Bettina Straub)

15 Jahre lang hat Professor Ernst Elitz das Deutschlandradio als Gründungintendant maßgeblich geprägt. Im Rückblick stellt Elitz mit "Befriedigung" fest, dass mehr erreicht wurde als man es sich vorgestellt habe - und gibt einen Ausblick auf das kommende "DRadio Wissen".

Jochen Spengler: Heute ist für das Deutschlandradio, also für den Deutschlandfunk und sein Schwesterprogramm, das Deutschlandradio Kultur, ein besonderer Tag, denn heute geht der Lotse von Bord, der dem Schiff Deutschlandradio 15 Jahre lang die Richtung gewiesen hat. Letzter Arbeitstag für den Intendanten, Professor Ernst Elitz. Morgen steht mit Willi Steul ein neuer Intendant an Deck. Guten Morgen, Herr Elitz!

Ernst Elitz: Guten Morgen, Herr Spengler.

Spengler: Sie gehen mit 67 Jahren. Wohin eigentlich, in den Ruhestand?

Elitz: Ich gebe mein Amt als Intendant auf, aber ich bin ja gelernter Journalist und für Journalisten gibt es bekanntlich keine Altersgrenze.

Spengler: Das heißt, Sie tun was dann ab morgen?

Elitz: Ich habe einerseits eine Professur, eine Honorarprofessur an der Freien Universität Berlin für Kultur- und Medienmanagement, und dann werde ich auch für Zeitungen schreiben.

Spengler: Was empfinden Sie heute an so einem letzten Arbeitstag, Wehmut, Befriedigung?

Elitz: Eigentlich eher Befriedigung und natürlich auch Wehmut, Wehmut natürlich etwas weniger, denn man bleibt dem Radio ja verbunden. Ich wechsele sozusagen den Aggregatzustand, vom Angestellten des Radios hin zum Hörer. Aber die Kolleginnen und Kollegen bleiben mir ja vertraut, weil ich die Programme weiter höre und mit jedem ja auch ein Gesicht verbinde – ein Vorzug, den ja viele andere unserer Hörerinnen und Hörer nicht haben. Aber eben auch nach 15 Jahren mit Befriedigung, denn in diesen 15 Jahren haben wir eigentlich alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben, und noch etwas mehr. Wir haben sogar einen Auftrag für ein weiteres Programm, für Deutschlandradio Wissen bekommen, und das ist in der gegenwärtigen Zeit sicher auch eine Anerkennung für die Arbeit, die wir beim Deutschlandradio geleistet haben.

Spengler: Sie haben die 15 Jahre angesprochen. Da haben Sie in den letzten Wochen viel Lob eingeheimst. Es gab Abschiedsreden. Worauf sind Sie besonders stolz?

Elitz: Dass es uns gelungen ist, in Deutschland wie in allen anderen uns umgebenden Staaten einen nationalen Hörfunk aufzubauen. Wir haben ja das nationale Fernsehen, ARD und ZDF, aber es gab bisher – was heißt bisher, bis vor 15 Jahren – nur die Landesrundfunkanstalten mit ihren ja doch stark regional orientierten Programmen. In der Situation nach der Wiedervereinigung hatten die Ministerpräsidenten, also die Länderchefs dann den Entschluss gefasst, wir brauchen auch in Deutschland ein nationales Radio, so was wie die BBC mit den interessantesten Informationen, mit den besten künstlerischen und kulturellen Darbietungen aus allen Ländern, vom Norden, von der Nordsee, von der Ostsee, bis hin in den Süden, nach Bayern bis zu den Alpen. Da brauchen wir einen nationalen Hörfunk, der denjenigen, die sich jetzt über das Regionale hinaus interessieren, auch im Radio die Möglichkeit bietet, sich zu informieren und dabei zu sein.

Spengler: Ein nationaler Hörfunk braucht Frequenzen und eine Ihrer wichtigen Aufgaben war es, aus anfangs 30 Hörfunkfrequenzen mehr als 300 zu machen. Dazu muss man betonen: Wir teilen uns diese Frequenzen leider nicht selbst zu.

Elitz: Nein. Das ist in Deutschland, in einem föderalen Staat, ein sehr kompliziertes System. Das sind die Landesmedienanstalten, das sind manchmal die Parlamente, das sind manchmal die Staatskanzleien und da muss man auch als Intendant wie ein Reisediplomat unterwegs sein und darum werben und sich politisch einsetzen und das auch mit Nachdruck tun, damit die Programme Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, für die die Hörerinnen und Hörer ja zahlen – es sind zwar nur 39 Cent im Rahmen der gesamten Rundfunkgebühren im Monat -, auch empfangen werden können. Da wird auch mein Nachfolger noch einiges vor sich haben.

Spengler: Das heißt, die 300 Frequenzen, die beide Programme haben, reichen noch nicht?

Elitz: Die reichen noch nicht aus. Jeder spürt es, der durch das Land fährt, dass die Programme immer wieder verschwinden. Es sind sehr viele schwache Frequenzen dabei, die nur für eine Stadt, für einen bestimmten Autobahnabschnitt ausreichen. Wir brauchen starke Frequenzen, wie die Landesrundfunkanstalten sie auch haben. Das braucht auch der nationale Hörfunk.

Spengler: Abgesehen von den Frequenzlöchern, die es noch gibt, gibt es etwas, wo Sie mit sich hadern, wo Sie weniger erfolgreich waren, als Sie gehofft hatten?

Elitz: Nein. Ich glaube, wir sind in all diesen Bereichen sogar erfolgreicher gewesen, als wir es uns vorgestellt haben. Es ist uns gelungen, mit dem Deutschlandfunk und mit dem Deutschlandradio Kultur in der Medienlandschaft, in der zerklüfteten Medienlandschaft Deutschlands, zwei ganz klare Markenprodukte aufzustellen. Der Deutschlandfunk steht für Information, Deutschlandradio Kultur steht für Kultur. Sie sind Leitmedien, sie werden von anderen Medien, von Zeitungen, vom Fernsehen, zitiert. Wir bieten Quellen auch für alle anderen und wir wissen, dass Kerngruppen derjenigen Multiplikatoren aus der Wirtschaft, aus der Politik, aus dem Journalismus nicht umhin können, unsere Programme zu hören, weil in denen die Themen für den Tag gesetzt werden.

Spengler: Sie haben immer Zeit Ihres Lebens für Qualitätsjournalismus gestritten. Ich mag Ihre ganzen Stationen gar nicht aufzählen: RIAS, Spiegel, ZDF, beim Süddeutschen Rundfunk waren Sie Chefredakteur, Moderator von "Pro und Contra". Worin besteht für Sie Qualitätsjournalismus?

Elitz: Qualitätsjournalismus besteht für mich bei der Vielzahl der Zielgruppen, an die wir uns in der Gesellschaft wenden, darin, dass die Zielgruppe, an die ich mich wende, mich versteht. Der Journalistenberuf lässt sich am besten so definieren: Journalisten sind Welterklärer. Und ob es eine Boulevard-Zeitung ist oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung, ob es der Deutschlandfunk ist oder 1LIVE, ein Jugendprogramm des Westdeutschen Rundfunks, ich habe jeweils unterschiedliche Zielgruppen. Diesen Zielgruppen die Welt zu erklären, dass die anschließend sagen, Mensch, jetzt habe ich das aber verstanden, dass sie ein Aha-Erlebnis haben, das ist Qualität im Journalismus.

Spengler: Das gelingt uns nicht immer; wir bemühen uns darum. Werden die Zeiten für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur eigentlich härter, oder werden sie leichter?

Elitz: Ich glaube, sie werden leichter, denn gesetzlich sind jetzt alle Grundlagen geschaffen. Die Ministerpräsidenten haben noch einmal klar entschieden: für alle nationalen Radioangebote ist das Deutschlandradio zuständig, die Landesrundfunkanstalten für die regionalen Angebote. Wir bekommen ein drittes Programm, DRadio Wissen. Damit ist diese Familie aus drei Programmen noch erkennbarer in der Öffentlichkeit aufgestellt, ganz klar im Kern der Grundversorgung: Information, Kultur, Bildung und Wissen. Damit verstärkt sich der Auftritt des Deutschlandradios.

Spengler: Unsere Hörer kennen den Deutschlandfunk, vielleicht auch das Deutschlandradio Kultur. Das dritte Programm können sie noch nicht kennen; das wird es erst ab 2010 geben: ein Vollprogramm, ein digitales. Für wen ist dieses dritte Programm gedacht?

Elitz: Der Kern der Hörerschaft sollen die jüngeren Menschen sein, die sich noch orientieren, die ihr Abitur machen, die an der Universität sind, die sich beruflich orientieren. Dort vermuten wir das größte Interesse. Das wissen wir auch aus Wissenschaftssendungen, die wir bei uns im Programm haben, aus Bildungssendungen. Ansonsten machen wir aber Programme für alle Generationen. Uns ist der 18-jährige genauso lieb wie der 80-jährige Hörer oder die Hörerin, denn wir haben ja nicht, weil wir werbefrei sind, die Verpflichtung, möglichst viele Leute nur bis 50 Jahren einzusammeln und für uns zu gewinnen. Dort in diesem Programm werden wir aber das ganze Kaleidoskop des Wissens, von der Netzwelt, von der Wissenschaft, von der Forschung, auch pädagogische Fragen, Bildungsfragen, behandeln und das wird eine sehr enge Verbindung zum Internet haben. Jeder dieser Beiträge, den wir dort senden, wird seine Entsprechung im Internet finden. Das Internet ist ein Informationsmedium für die junge Generation, für die Menschen auch bis 50, und auch die 60-Jährigen greifen heute stärker zum PC und zum Internet. Das wird eine enge Verbindung sein zwischen Radio und Internet und aus diesem Grunde ein ausgesprochen zukunftsfähiger Auftritt eines Mediums.

Spengler: Ernst Elitz, der heute aus dem Amt scheidende Intendant des Deutschlandradio. Danke auch für das Gespräch und alles Gute.

Elitz: Danke schön, Herr Spengler.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Wirtschaftshistoriker Plumpe"Die Griechen müssen wieder Herr im eigenen Haus werden"

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem und der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis bei einer Pressekonferenz in Athen. Dijsselbloen trägt einen Kopfhörer. Im Hintergrund ist die Europa-Fahne. (Aris Messinis, AFP)

Nach dem Sieg von Alexis Tsipras habe man den Eindruck, dass Brüssel und Deutschland die Wahl des griechischen Volkes als "unangenehm" empfinde, sagte Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe im DLF. "Wenn die Eurozone dazu führt, dass demokratischen Entscheidungen in einzelnen Ländern nicht mehr legitim sind, weil sie den Regeln des Euro nicht entsprechen, dann haben wir ein echtes Problem."

Deutsche Vorbilder"Gauck ist Weizsäcker in seiner Art nicht unähnlich"

Der verstorbene Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin. (picture-alliance/dpa/Britta Pedersen)

In Deutschland sei immer eine "moralische Appellationsinstanz" wichtig gewesen, wie sie Richard von Weizsäcker dargestellt habe, sagte der Historiker Paul Nolte im DLF. Nicht jeder Politiker könne ein Elder Statesman wie Weizsäcker sein. Helmut Schmidt sei ein Beispiel dafür, aber auch der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck.

AfD-Parteitag in Bremen"Unschärfe in alle Richtungen beibehalten"

Leinwand mit dem Logo der AfD und einem Bild der Videoübertragung der Rede von Bernd Lucke. (dpa / Joerg Sarbach)

Der Politikwissenschaftler Lothar Probst erwartet vom AfD-Parteitag in Bremen keine abschließenden Positionierung in inhaltlichen Fragen. Im Deutschlandfunk sagte er, die AfD wolle wählbar sein, deswegen werde sie an den Rändern unscharf bleiben.

 

Interview der Woche

Publizist Alfred Grosser"Französische Gefängnisse produzieren Mörder"

Der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser ( picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Der Politologe und Schriftsteller Alfred Grosser hat die alltägliche Diskriminierung junger Muslime bei der Wohnungs- und Arbeitssuche in Frankreich beklagt. Auf der Suche nach Identität wendeten sich viele mit dem Islam zu, sagte Grosser im DLF. Entscheidend seien aber auch Frankreichs Gefängnisse.

IG MetallKeinen Mindestlohn, "der bloß eine Hülle darstellt"

Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann. (Imago / Jörg Hofmann)

Die IG Metall fordert in der laufenden Tarifrunde 5,5 Prozent mehr Gehalt. Dadurch könne der private Konsum stabilisiert werden - und damit auch das Wirtschaftswachstum, sagte der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, im DLF. Unions-Forderungen nach raschen Änderungen beim gesetzlichen Mindestlohn lehnte er kategorisch ab.

Volker Bouffier"Vorratsdatenspeicherung ist ein Mittel, aber kein Allheilmittel"

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, CDU (dpa / pa / Dedert)

Vorratsdatenspeicherung dürfe nicht wahllos sein, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier im Deutschlandfunk. Aber angesichts von Extremismus und Terrorismus müsse man in der Lage sein, Strukturen zu ermitteln und Rückschlüsse zu ziehen. Wichtig sei eine offene Diskussion über Voraussetzungen und konkrete Ausgestaltung.