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StartseiteTag für TagNicht nur nett01.09.2017

EmpathieNicht nur nett

Vor zwei Jahren standen am ersten Septemberwochenende tausende Deutsche an Bahnhöfen, um Flüchtlinge willkommen zu heißen. Ein Wort machte Karriere: Empathie. Woher kommt das Mitgefühl mit den Armen und Bedrängten? Verpflichtet Religiosität zu Mitgefühl? Und: Wann ist Empathie echt?

Von Susanne Fritz

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Flüchtlinge auf dem Hauptbahnhof in München (picture alliance/dpa/Foto: Sven Hoppe)
Die Willkommenskultur am Münchner Hauptbahnhof war für Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt kein Akt der Empathie (picture alliance/dpa/Foto: Sven Hoppe)
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Applaus am Münchner Hauptbahnhof. Im September 2015 kommen Tausende von Flüchtlingen in Deutschland an. Angela Merkel hatte die Grenze für die Menschen aus Syrien, Afghanistan und Irak geöffnet. Ein Akt der Empathie. Doch nicht nur Angela Merkel, ganz Deutschland ist offenbar in einem Rausch des Mitgefühls. Der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt hat da allerdings seine Zweifel:

"Ich glaube, dass viele Menschen damals im September 2015 und auch in den Folgemonaten von einer sonderbaren Begeisterung erfasst waren. Das wurde häufig als Empathie bezeichnet. Was aber möglicherweise in vielen Fällen stattgefunden hat ist, dass die Menschen sich mit den Helfern identifiziert haben. Sie haben sich gar nicht so sehr auf die Flüchtlinge direkt eingelassen, haben keine langfristigen Beziehungen und Freundschaften aufgebaut, sondern wollten sich als die Helfer sehen, als die Guten. Und das ist etwas anderes als Empathie."

"Wer Anerkennung will, erwartet auch Dank"

Viele Bürger an den deutschen Bahnhöfen applaudierten sich selbst als Teil eines Landes, das weltoffen und hilfsbereit ist. Und sie applaudierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und den vielen Ehrenamtlichen. Ein typischer Fall von falscher, fehlgeleiteter Empathie, sagt Fritz Breithaupt. Das Problem dabei: wer sich mit den Helfern identifiziert, versetzt sich nicht wirklich in die Lage der Notleidenden. Nicht die Flüchtlinge, sondern die Helfer spielen hier die Hauptrolle. Wer so denkt, will vor allem Anerkennung für die Hilfe und stellt hohe Erwartungen an die Menschen:

"Wer Anerkennung will, erwartet eben auch Dank oder will seinen Erfolg sehen, will sehen, dass die Flüchtlinge sich schnell integrieren, dass sie Deutsch lernen, dass sie die Regeln des Landes verstehen und so weiter. Wenn das dann nicht kommt, dann kann das umschlagen in Ressentiments, Groll, Unzufriedenheit, die Flüchtlinge werden dann im besten Fall noch als undankbar bezeichnet, im schlimmsten Falle verzeiht man es ihnen nicht und sagt, die müssen wieder abhauen und so weiter."

Falsche Empathie ist nicht von langer Dauer, so der Wissenschaftler. Bis zum Unmut über die Flüchtlinge sei es nur ein kurzer Weg. Die Erfolge der AfD in Deutschland nach der Flüchtlingskrise können dafür ein Beleg sein. Bei echter Empathie hingegen versetzt sich ein Mensch genau in die Lage eines anderen. In einer Notlage folgt daraus der Impuls, dem anderen zu helfen bis sich die Situation verbessert hat. Das Problem ist nur, dass wir nicht mit allen Menschen gleichermaßen Empathie empfinden, sagt Fritz Breithaupt. Manchmal lassen wir kein Mitgefühl zu, weil wir Leidenden die Schuld an ihrer Situation geben. Oder wir verweigern unsere Empathie, weil wir eine Gruppe von Menschen als minderwertig diffamieren. Deshalb entstehe durch Empathie nicht automatisch auch Gerechtigkeit:

"Ich würde deshalb sagen, dass Empathie uns hilft, insofern als dass sie uns erst einmal zeigt, dass da andere Menschen sind, dass es andere Schicksale gibt als das eigene. Aber wenn wir uns wirklich entscheiden, wie und wem wir helfen sollten, dann können wir uns nicht auf Empathie alleine verlassen", sagt Fritz Breithaupt.

"Es geht um die Nachahmung Gottes"

Möglicherweise ist Mitgefühl zuverlässiger, wenn es religiös begründet wird.

Auch in den monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam spielt Empathie eine große Rolle. Im Islam ist Mitgefühl im Gebot der Almosengabe verankert, im Christentum im Gebot der Nächstenliebe, die bekanntlich im Neuen Testament einen zentralen Platz einnimmt. So der Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel von der Universität Münster:

"Jesus verkündet, dass Gott selber mit den Menschen Mitgefühl hat, dass Gott barmherzig ist und nach Jesus geht es im religiösen Leben zentral darum, dieses von Gott empfangene Mitleid, Mitgefühl, die empfangene Barmherzigkeit an andere dann auch so weiterzugeben. Dementsprechend sagt Jesus dann in der Bergpredigt: 'Seid barmherzig wie der Vater im Himmel barmherzig ist.' Also es geht um die Nachahmung Gottes."

Töten aus Nächstenliebe

Was zunächst eine innere geistige Haltung beschreibt, wird in der tätigen Nächstenliebe praktisch ausgedrückt. So etwa in den Werken der Caritas oder der Diakonie. Soweit das Ideal. Doch es gibt dunkle Seiten. Der einflussreiche mittelalterliche Theologe und Philosoph Thomas von Aquin will die Macht der Kirche sichern. Deshalb rechtfertigt er mit dem Gebot der Nächstenliebe sogar Gewalt. Perry Schmidt-Leukel:

"Thomas von Aquin behandelt in seiner ,Summe der Theologie', seinem theologischen Hauptwerk, einmal die Frage, sollen wir die Irrlehrer töten. Und er gibt darauf die verblüffende Antwort, wir müssen sie töten, weil uns die Nächstenliebe dazu zwingt. Thomas von Aquin begründet das dann so, dass er sagt: durch das Wirken der Irrlehrer werden viele einfältige Menschen zu einem falschen Glauben geführt und durch diesen falschen Glauben kommen sie in die Hölle. Um sie vor diesem Schicksal zu bewahren - und dazu zwingt uns die Nächstenliebe -, müssen wir das gefährliche Wirken der Irrlehrer stoppen und wenn es nicht anders geht, dann auch unter Einsatz von Gewalt."

Ein Kupferstich von 1723, Inquisition in Spanien, Zug der Ketzerrichter und der zum Tode verurteilten Ketzer zur Kirche (Bild: imago stock&people) (imago stock&people)Auch die Gewalt der spanischen Inquisition wurde durch Nächstenliebe legitimiert (imago stock&people)

Damit ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Die blutige Geschichte des Christentums setzt sich im Mittelalter und in der Neuzeit fort.

Der Buddhismus hat , anders als Christentum und Islam, das Image, eine friedliche Religion zu sein. Dort hat Mitleid, was dasselbe meint wie Empathie, einen sehr hohen Stellenwert.

"Im Buddhismus ist der Begriff des Mitleids zentral, also vergleichbar zentral wie der Begriff der Nächstenliebe im Christentum", sagt Perry Schmidt-Leukel. "Der alte Sanskrit- beziehungsweise Pali-Begriff hierfür ist "Karuna" und ein Buddha, jemand, der die vollkommene Erleuchtung erreicht hat und gleichzeitig die buddhistische Wahrheit entdeckt, von einem Buddha heißt es: er sei vollkommen in Weisheit und an Mitleid. Auch hier ist das eine von dem anderen nicht zu trennen, die vollkommene Weisheit schließt das Mitleid ein und das echte und vollkommene Mitgefühl schließt die Weisheit ein."

Buddha empfindet Mitleid mit Kranken, Schwachen und Hungernden und allen noch nicht Erleuchteten. Sein Mitleid richtet sich also auf körperliche wie auf geistige Nöte und zwar aller Lebewesen. Das heißt für die Anhänger: Wer Buddha verehrt, der kümmert sich empathisch um Notleidende und übt sich im Mitleid. Trotzdem ist der Buddhismus nur im Ideal eine pazifistische Religion. In einer Legende aus dem früheren Leben des Buddha wird wie im Christentum Gewalt mit Empathie legitimiert:

"Der Buddha, in einer vorangegangenen Existenz war er ein Passagier auf einem Schiff und auf diesem Schiff waren sehr viele wohlhabende Kaufleute und der zukünftige Buddha erkennt, dass es einen Menschen mit übler Absicht auf diesem Schiff gibt, der vorhat die 500 Kaufleute umzubringen, um sich an ihren Waren zu bereichern. Soll er jetzt diesen Übeltäter töten, um damit den von ihm geplanten Anschlag auf die Kaufleute zu verhindern? Und es heißt eben dann, dass der Bodhisattva, das ist der Ausdruck für einen zukünftigen Buddha, sich entschließt, genau das zu tun …"

... und erstaunlicherweise tötet Buddha den potentiellen Täter in der Legende aus Mitleid. Denn Buddha will nicht nur die Kaufleute retten, sondern vor allem den Verbrecher vor negativem Karma bewahren. Ein philosophischer Trick, der in der Geschichte des Buddhismus zahlreiche Kriege und Morde reingewaschen hat. Im Buddhismus ist es entscheidend, aus Mitleid zu töten und nicht aus Aggression.

Der Professor für Interkulturelle Theologie, Perry Schmidt-Leuke, in der Universität in Münster. (Foto: Westfälische Wilhelms-Universität/dpa) (dpa / Westfälische Wilhelms-Universität)Professor Perry Schmidt-Leukel hat sich an der Universität Münster viel mit Buddhismus auseinandergesetzt (dpa / Westfälische Wilhelms-Universität)

Es bleibt das Gewissen

Empathie führt also auch in den Religionen nicht immer automatisch zu guten Taten. Genauso wenig wie in einer Ethik ohne Gott. Doch worauf können wir uns verlassen, wenn wir über moralisches Handeln nachdenken? Immanuel Kant lehrte im 18. Jahrhundert, nicht den Empfindungen wie dem Mitgefühl, sondern dem Verstand zu vertrauen. Bis heute ist die Diskussion darüber in der Philosophie nicht beendet. Fritz Breithaupt will bei Moral jedenfalls nicht allein auf den Verstand setzen:

"Ich würde stattdessen setzen auf Dinge, die etwas altmodisch klingen, nämlich die innere Stimme, das Gewissen, das uns leiten kann, das Richtige zu tun. Andere Menschen sind nicht immer die besten Ratgeber, auch unsere Rationalität nicht, die können wir umbiegen, wir können immer etwas legitimieren, was eigentlich nicht legitimiert werden sollte. Die innere Stimme ist etwas schwieriger kaltzustellen."

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