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StartseiteForschung aktuellVorbebenwahrscheinlichkeit leichter ermitteln 20.08.2014

ErdbebenvorhersageVorbebenwahrscheinlichkeit leichter ermitteln

Am 6. April 2009 starben beim Erdbeben im italienischen l'Aquila 308 Menschen. Die zur Zeit der Katastrophe Verantwortlichen wurden zu zwei Jahren Haft verurteilt. Wissenschaftler hätten das Erdbebenrisiko unzureichend kommuniziert. Deshalb wird nach neuen Vorhersagemethoden gesucht.

Von Dagmar Röhrlich

Ein eingestürztes Haus nach dem Erdbeben in l´Aquila, Italien, 2009. (picture-alliance / epa/Ansa Lattanzio)
Ein eingestürztes Haus nach dem Erdbeben in l´Aquila, Italien, 2009. (picture-alliance / epa/Ansa Lattanzio)

Es geschah am 18. Oktober 1356. Nachmittags erschütterte ein erster Erdstoß Basel. Häuser stürzten ein, Menschen flohen in Panik. Wer damals die Nacht auf dem Feld verbrachte, war gut beraten, denn spät am Abend zerstörte eine Serie schwerer Erdstöße die Stadt, und der Brand, der ausbrach, soll acht Tage lang gewütet haben.

"Einer meiner Albträume eigentlich als Verantwortlicher des schweizerischen Erdbebendienstes ist, dass wir wieder so ein Beben wie in 1356 haben, und ich muss dann halt auch Empfehlungen abgeben an die Leute, an den Zivilschutz: Was sollen wir machen?"

Erde wird vor Erdbeben unruhiger

Erklärt Stefan Wiemer, Direktor des schweizerischen Erdbebendienstes. Die Crux ist, dass sich Erdbeben nicht vorhersagen lassen - andererseits lehrt die Erfahrung, dass sich immer wieder in den Stunden, Tagen, Wochen oder Monaten vor katastrophalen Erdbeben kleine und mittlere Ereignisse häufen. Stefan Wiemer:

"Man kann erkennen, dass die Erde zu bestimmten Zeiten etwas unruhiger ist und dass dann auch die Chance, ein größeres Erdbeben zu haben, höher ist als es an einem ganz gewöhnlichen, durchschnittlichen Tag ist."

Allerdings folgt längst nicht auf jeden Anstieg der seismischen Aktivität ein starkes Beben. In solchen Situationen soll die probabilistische Erdbebenvorhersage bei der Entscheidungsfindung helfen: Sie berechnet die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei der gerade herrschenden seismischen Aktivität in einem Gebiet tatsächlich um Vorbeben für ein großes Ereignis handelt. Stefan Wiemer:

Probabilistische Vorhersage berechnet Vorbebenwahrscheinlichkeit

"Dann überlegt man sich halt: Was wäre denn, wenn ein Beben kommen würde? Wie viele Schäden hätten wir dann, wie viele Menschen kämen eigentlich dann zu schaden? Und man verschneidet diese beiden Informationen und kann daraus eine Risikokurve ableiten, wie hoch mein Risiko ist im Moment und welche Maßnahmen würden sich denn lohnen."

Denn obwohl also in solchen Zeiten die relative Gefährdung in einem Gebiet stark steigt, liegt die absolute Wahrscheinlichkeit, dass es in den kommenden 24 Stunden tatsächlich in Trümmer gelegt wird, meist bei weniger als einem Prozent, erklärt Stefan Wiemer.

Historisches Basel-Beben als Modellversuch

Evakuierungen können jedoch Wochen oder Monate dauern, das Leben in der Region käme zum Erliegen mit katastrophalen Folgen für die Wirtschaft - und meistens passiert nichts. Um angesichts dieser Problematik das Ganze einmal durchzuspielen, haben die schweizerischen Seismologen die Modelle mit den rekonstruierten Daten des historischen Basel-Bebens laufen lassen. Stefan Wiemer:

"Was dabei rauskommt, ist für uns ein bisschen überraschend und leicht deprimierend. Rein rational betrachtet macht es nach den meisten dieser Vorbeben wenig Sinn, den Leuten zu sagen, die Häuser zu verlassen, denn die Chance, das Risiko, dass wirklich etwas kommt, bleibt halt so klein, dass es sich nicht lohnt. Die Wissenschaft hätte wahrscheinlich den Leuten 1356 empfohlen, dass sie lieber in den Häusern drin bleiben sollten, obwohl sie natürlicherweise rausgelaufen sind."

Erst die verheerenden Erdstöße der Nacht hätten die Warnstufe auf "Evakuieren" steigen lassen. Diese Analysen seien jedoch nur der Anfang, müssten ergänzt werden durch Strategien für den Umgang mit erhöhten, aber geringen Wahrscheinlichkeiten, erklärt Warner Marzocchi, Leiter des Nationalen Zentrum für Erdbebengefährdung in Italien:

"Ich glaube nicht, dass wir die Bürger einfach zu etwas zwingen sollten, weil es sich in den meisten Fällen um falschen Alarm handeln wird. Wir müssen eher die Leute über das erhöhte Risiko aufklären und Ihnen zeigen, wie sie in einer solchen Zeit erhöhter seismischer Aktivität ihr eigenes Risiko mindern können. Leben sie beispielsweise in einem schlecht gebauten Haus, könnten sie - bis alles wieder abgeklungen ist - zu Verwandten ziehen, die in besseren Häusern wohnen."

Die Menschen sollten verstehen lernen, was passiert, um dann - richtig informiert - selbst Entscheidungen treffen zu können. Auch der Zivilschutz könnte die Informationen über die gestiegene, aber immer noch geringe Wahrscheinlichkeit für Vorbereitungen nutzen. So stürben die meisten Leute nicht beim Beben direkt, sondern in den ersten beiden Tagen danach in den Trümmern. Wäre Räumgerät vor Ort, könnte das viele Leben retten, so Warner Marzocchi.

 

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