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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Erich Loest: Der vierte Zensor.31.03.2003

Erich Loest: Der vierte Zensor.

Der Roman "Es geht seinen Gang" und die Dunkelmänner. Linden Verlag Leipzig 2003, 192 Seiten, Euro 18,90

<strong>Am 09. April. um 19.00 Uhr findet im Berliner Roten Rathaus ein Festakt für Erich Loest und seinen Roman Es geht seinen Gang statt. Laudator wird Rainer Eppelmann sein, Erich Loest liest, und im anschließenden Podium diskutiert der Autor mit Karl Corino, Ehrhart Neubert, Rita Kuczynski und Hans-Dieter Schütt unter der Moderation von Fritz Pleitgen. Abgerundet wird der Abend mit Liedern von und mit Wolf Biermann. Der Deutschlandfunk sendet am 11.4. um 19.15 Uhr eine Zusammenfassung dieser Veranstaltung, die ein Buch würdigt, das 1977 in der DDR nur unter großen Problemen erscheinen konnte und dessen Editionsgeschichte eine brisante Zensurgeschichte mit vielen Dunkelmännern ist. So brisant, dass Loest die Behinderung dieses Romans schon in den 80er Jahren in einem eigenen Buch, betitelt Der Vierte Zensor, festgehalten hat. Nachdem Loest Einsicht in seine Stasiakten nehmen konnte, erscheint das Buch nun in einer aktualisierten Neuausgabe, die vielen einstigen Funktionären des DDR-Kulturbetriebes auch heute noch schlaflose Nächte bereiten könnte.</strong>

Udo Scheer

Fünfundzwanzig Jahre ist es her, seit Erich Loests Roman Es geht seinen Gang gleichzeitig in der DDR und der Bundesrepublik erschien. Nach zehn Jahren erfolgreicher Krimi-Autorenschaft unter Pseudonym hatten Freunde den Autor gedrängt:

Bist lange genug aus dem Knast raus, hast deinen Magen kuriert ... Nun schreib wieder was, das Hand und Fuß hat." Honecker war neu an der Macht und versprach einen neuen Kurs: "Wenn man von den festen Positionen des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet der Kunst und Kultur keine Tabus geben." "Also", sagte sich unser Mann, "der Prüfstein ist immer die Praxis.

Auf seiner Themensuche Anfang der 70er Jahre hatte der Autor die Beobachtung gemacht: Für die Generation, so alt ist wie die DDR, gab es keine wirklichen Herausforderungen mehr und kaum Aufstiegschancen. So stattete Loest seine Hauptgestalt Wolfgang Wülff als DDR-Durchschnittsbürger aus, ehemals Werkzeugmacher, jetzt Ingenieur, guter Familienvater, ehrgeizige Frau, Plattenbauwohnung und Trabant. Kaum Stoff für einen Roman, wäre da nicht das Urerlebnis der "Schlacht auf dem Leuschnerplatz".

Es war eine aufgeregte Situation. Die Partei machte wieder einmal eine Wendung. Bisher hatte sie Beat-Musik für möglich gehalten. Die Jungs da aus den Slums von Liverpool, das waren ja Proletarier, die sich hochgerafft hatten. Aber dann hieß es sehr bald: Nein, nein, es ist doch westliche, imperialistische Musik, vor der wir unsere Jugendlichen schützen müssen. Ich bin dabei gewesen, hab´s kurz danach aufgeschrieben. Es ist ein für mich beklemmendes Erlebnis gewesen, wie Polizei mit Hunden, mit Wasserwerfern ein musikalisches Problem lösen will.

Loest lässt seinen Ich-Erzähler Wülff mit mehreren hundert beatgegeisterten Jugendlichen protestieren. Den realen Hintergrund lieferte 1965 das Verbot der Butlers, später Renft-Combo. Ihm folgten Verbote zahlreicher weiterer Beatgruppen in der DDR.

Bislang war die Welt für Wülff klar eingeteilt: "Der Feind stand im Westen; die Amerikaner bombardierten Vietnam. ... Nun biss mich einer unserer Hunde, der eigentlich einen Ami hätte beißen sollen ...

Danach war sein heiles sozialistisches Weltbild erschüttert. Nicht genug damit, dass Loest mit dem offiziell als "Gammler-Aufstand" abgewerteten Protest ein DDR-Tabu bricht, lässt er Wülff später dabei sein, als dessen Abteilungsleiter die täglichen Mühen für einen besseren Sozialismus mit Herzinfarkt bezahlte. Nach diesen Grenzerfahrungen verweigert sich Wülff allem, was Macht bedeutet. Er lehnt eine berufliche Karriere ab – auch um den Preis seiner Ehe.

Mit der Verweigerung des Ich-Erzählers und zudem aus der Erzählperspektive des "kleinen Mannes" unterlief Loest das propagierte Ideal vom fortschrittsbewussten DDR-Bürger und zeigte stattdessen ein Stück wirklicher DDR. Das "gelbe Buch" traf den Nerv der Zeit und avancierte im Osten zum Kultbuch. Viele waren überrascht, dass dieser Roman überhaupt die Zensurhürden genommen hatte.

Bereits 1984 hatte Loest die zermürbenden Behinderungen bis zur Drucklegung und sein Vabanquespiel um das Erscheinen des Romans aus seinem damaligen Kenntnisstand heraus in einer Publikation des DeutschlandArchiv beschrieben. Anhand nun vorliegender Akten und Erinnerungen Beteiligter dokumentiert er in der stark erweiterten Neuausgabe des Vierten Zensors die eigentlichen Mechanismen der Behinderung eines seiner wichtigsten Romane. Bemerkenswert hoch ist dabei die IM-Quote in Loests Bekanntenkreis.

IM "Brauer" berichtet nicht nur, sondern bewertet für das MfS auch die besondere Gefährlichkeit des Autors: "Loest ist ein Schwein, doppelt gerissen ... Im Rahmen, in dem er sich bewegt, macht er alles, was erlaubt ist. Politisch wird er nicht mehr auftreten.

Falsche "Freunde", deren Meinung Erich Loest zu markanten Manuskriptteilen gern einholte, waren ebenso wie sein Verlagsleiter Eberhard Günther, sein Lektor und die Außengutachter Bestandteil der MfS-Strategie. Die lautete: Verhinderung des Romans "wegen literarischer Schwächen". Das war eine beliebte Verunsicherungs- und Zermürbungstaktik gegen missliebige Autoren. Gleichzeitig sollte Loest hingehalten und an den Verlag gebunden werden, damit der Roman nicht anderswo erscheine. Die Ablehnung der inzwischen fünften Fassung des Buchmanuskriptes schien vorprogrammiert, als 1976 die Biermann-Ausbürgerung die Funktionäre aufschreckte. Auch Eberhard Günther sollte seine Autoren zumindest zu Neutralität bewegen. Loest, den bislang keiner um seine Unterschrift gebeten hatte, fand bei der Gelegenheit, es sei angemessen, wenn der endlich den Vertrag mitbringe.

Ein halbes Jahr später haben wir uns dann wieder hart in die Wolle gekriegt, der Dr. Günther und ich, und haben uns geeinigt nach einem abendlangen Streit um einzelne Formulierungen - ich glaube, es waren 25 Punkte, die wir abgehandelt haben – da war ein neuer Zeitpunkt, da sagten Regierung und Partei: Jetzt mal Ruhe, jetzt haben wir ein halbes Jahr lang mit dieser Biermann-Sache zugebracht, jetzt müssen wir wieder zur Arbeit kommen. Es war eine milde Phase. Da wurde die Druckgenehmigung gegeben. Und als das Buch ein Jahr später da war, es dauerte ja ein Jahr in dieser Industriegesellschaft DDR, bis ein Buch zum Buch wurde, da war die Situation und das Klima schon völlig anders.

Schriftstellerkollegen, deren Namen Loest in der ersten Ausgabe des Zensors bewusst verschwieg, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen, beglückwünschten ihn zum Erscheinen, unter ihnen Günter de Bruyn, Stefan Heym und Christa Wolf, die schrieb: "Dir ist, finde ich, etwas Wichtiges gelungen. Man 'riecht’ geradezu DDR-Wirklichkeit." Vielleicht wäre es für Loests Roman gar nicht so schlimm gekommen, wenn im Verlag nicht zeitgleich Werner Heiduczeks Roman Tod am Meer erschienen wäre. Sowjetbotschafter Pjotr Abrassimow war verärgert. Kurt Hager, der Chefideologe im ZK und "Zensurminister" Klaus Höpcke schalteten sich ein und die SED-Bezirksleitung Halle verhängte Parteistrafen gegen Verleger und Lektor. Die Funktionäre hatten einmal mehr ein Paradoxon geschaffen: Heidczeks Tod ... und Loests ... Gang – beide bereits im Buchhandel verkauft – kamen auf den Index. Der Krimi-Autor Wolfgang Schreyer, durch das MfS selbst im OV "Wühler" bearbeitet, schrieb in einem Protestbrief an Verleger Günther:

Nun greift aus dem Dunkel höherer Sphären drastisch ein vierter Zensor ein, um bemerkenswerte, publikumswirksame Bücher in vollem Lauf zu stoppen.

Der Vierte Zensor als späterer Titel war geboren. Doch vorerst bat Erich Loest Hermann Kant um Einflussnahme. Allerdings wollte er nie recht glauben, dass Kant sich wirklich für ihn eingesetzt habe. Anfang der ´90er Jahre offenbarten Stasi-Akten die wahren Hintergründe:

Er wurde Präsident des Schriftstellerverbandes, Nachfolger von Anna Seghers. Und das hat ihm natürlich gefallen, das hat ihn begeistert. Er bekam ein großes Amt und wollte am Anfang dieses Amt auch mit Leben erfüllen. Ich habe ihn dann gebeten, mir zu helfen, er war krank, hat sich erst mal mit einer Postkarte beholfen. Wir haben ein langes Gespräch am Telefon geführt, was die Stasi gottlob mitgeschnitten hat. Wir haben es heute da. Und in diesem Gespräch wird offenbar, er will sich für mich einsetzen. Er ist zu Honecker gegangen und hat gesagt, er muss sich für dieses Buch einsetzen, sonst steht er bei anderen Auseinandersetzungen wie ein Messer ohne Klinge da.

Kant drohte sogar mit Rücktritt. Doch Honecker machte ihm klar, primär sei er Parteifunktionär mit Parteiauftrag. Fortan wich Kant nicht mehr von der Linie ab. Zur Wahrung von Kants Ansehen wies Honecker an, noch einmalig 10.000 Exemplare des "Gang" zu drucken. Erich Loest erhielt die Rechte zurück und gab sie, womit die Literaturlenker nicht gerechnet hatten, an einen westdeutschen Verlag.

Ich habe dann dem Höpcke, dem Minister, gesagt: Herr Minister, der Franz Fühmann hat gesagt, er stellt das Naturrecht des Schriftstellers auf Veröffentlichung über die Gesetze der DDR. Ich halte es genau so. Ja, sagte Höpcke, aber dann machen Sie sich strafbar. Ich sagte, dass weiß ich. Und nun wollen wir mal sehen, wie wir aus der Sache rauskommen. Sie, Herr Höpcke, wollen mich nicht gerne einsperren, ich will aber auch nicht gerne eingesperrt werden, ich kenne das. Wie wäre es, Sie lassen mich aus dem Lande heraus, Sie lassen mich dorthin, wo meine Bücher erscheinen, wo Es geht seinen Gang erscheint. Das hat dann anderthalb Jahre gedauert, es hat sich hingezogen.

Überrascht, meint Loest, sei er gewesen, wie schnell Höpcke und Kant im letzten Jahr brieflich bereit waren, auf seine Fragen einzugehen. Beide mutmaßten den "vierten Zensor" im kaum mehr fassbaren Gebilde "Bezirksleitung Halle". Eine Stellungnahme vor dem Mikrofon lehnten bezeichnenderweise jedoch beide ab.

Na ja, Höpcke ist natürlich ein Ironiker und auch ein Zyniker. Er hat mir einige Dinge brieflich mitgeteilt, die ich zitieren kann, die hilfreich für mich sind, die auch in die anderen Zusammenhänge hinein passen. Das geht alles nicht gut für Höpcke aus, das muss ich schon sagen. Und dass er dann am Ende noch gutes Gelingen wünscht, das halte ich für sehr bemerkenswert.

Wer also war nach Selbstzensur, Lektoratseinflussnahme, Beauflagungen durch die Hauptverwaltung Verlage unter Höpcke der ominöse vierte Zensor? Für den Roman Es geht seinen Gang sieht der Ex-Verlagsleiter Günther - und das scheint plausibel - eine konzertierte Aktion zwischen ZK, Ministerium für Kultur und SED-Bezirksleitung Halle, im Hintergrund immer das MfS. In der DDR-Literatur sollte es keinen Raum geben für einen Helden, dem die großen Zukunftsversprechungen unwichtig waren. Dass Der Vierte Zensor zu einem ebenso eindrucksvollen Stück Autobiographie wie erlebter Literatur- und Zeitgeschichte wurde, verdankt er nicht zuletzt Erich Loests unaufgeregtem, detailgenauen Blick und seinem Vergnügen am feinhumorigen Erzählen.

Erich Loest: Der vierte Zensor. Der Roman "Es geht seinen Gang" und die Dunkelmänner. Linden Verlag, Leipzig, 192 Seiten, 18,90 Euro.

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