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StartseiteEuropa heuteErleichterung im Baskenland23.05.2008

Erleichterung im Baskenland

Nach der Verhaftung der ETA-Aktivisten hoffen die Angehörigen der Opfer auf ein Ende des Terrors

Andoain ist ein beschauliches Dorf im Baskenland, nicht weit weg von San Sebastián. Die Einwohner konnten es kaum glauben, als vor drei Tagen ihr ehemaliger Bürgermeister und seine Stellvertreterin verhaftet wurden. Sie gehörten beide der heute verbotenen Batasuna-Partei an und sollen Kontakte in die Führungsriege der ETA gehabt haben. Jetzt, da sich die Chefs der Organisation voraussichtlich vor Gericht verantworten müssen, hoffen viele Basken darauf, dass endlich Frieden einkehrt. Hans-Günter Kellner berichtet.

Wer gegen die ETA demonstriert, lebt gefährlich.  (AP)
Wer gegen die ETA demonstriert, lebt gefährlich. (AP)

Maite Pagazaurtundua kommt nie alleine zu ihren Verabredungen. Ein bewaffneter Leibwächter bleibt immer in ihrer Nähe, auch im Hotel in San Sebastián. Vor fünf Jahren wurde ihr Bruder von Mitgliedern der ETA ermordet. Und die ehemalige sozialistische Lokalpolitikerin und Vorsitzende der Stiftung der Terroropfer steht immer noch im Fadenkreuz der Terrororganisation. Manches Mal hat Maite Pagazaurtundua daran gedacht, fortzuziehen:

"Oft. Bevor sie meinen Bruder töteten und danach. Zuvor, weil ich verhindern wollte, dass sie ihn umbringen. Ich war als Lokalpolitikerin der Sozialisten bekannt. Ich hatte große Angst, dass sie ihn umbringen würden. Und als sie es schließlich taten, weil ich den Eindruck hatte, dass wir bedroht werden, weil wir die Dinge beim Namen nennen, der Rest der Basken aber dafür in Ruhe gelassen wird."

Joseba, ihr Bruder, war Chef der Stadtpolizei von Andoain und ebenfalls Mitglied der sozialistischen Partei. Sein Auto ging in Flammen auf, einmal wurde er verprügelt. Batasuna, der politische Arm der ETA, verurteilte die Gewalt nicht. Im Gegenteil: "Nehmt euch in Acht", drohte die zu Batasuna gehörende Vizebürgermeisterin Ainhoa Ozaeta einmal. Jetzt wurden der damalige Bürgermeister José Antonio Barandiarán und seine Stellvertreterin mit der mutmaßlichen Nummer eins der ETA verhaftet. Maite Pagazurtundua überrascht das nicht:

"In den Dörfern um Tolosa tritt nicht einmal die demokratische nationalistische PNV zu den Wahlen an. In einem Dorf wurde einmal eine Frau verprügelt, weil sie für die PNV kandidieren wollte - von ihrem Sohn und ihrem Bruder! So stellt sich Batasuna ihr baskisches Wohnzimmer vor. Ohne jeden Gegner, mit sozialer Kontrolle und sozialem Druck. Aber trotzdem versteht die PNV nicht, dass unser großes Problem im Baskenland dieses Machtverständnis von Batasuna ist."

Als sie von der Festnahme des Bürgermeisters in Andoain erfuhr, verstand sie mit einem Mal, warum die Sozialisten im Ort so terrorisiert wurden, warum ihr Bruder sterben musste. Die Radikalen wollten auch aus Andoain ein Dorf ohne Gegner machen, und der Bürgermeister habe hinter dieser Strategie gestanden. Aber dennoch verblüfft sie, wie leicht die Batasuna-Politiker offenbar von der Stadtverwaltung in Andoain zur ETA-Spitze wechseln konnten. Das Verbot Batasunas von 2003 und die Bestrebungen, auch die Partei ANV als deren Nachfolgerin zu verbieten, hält sie für richtig:

"Damit diese Batasuna-Leute nicht noch eine Generation mit ihrem Hass füttern können, die dann wieder tötet. Wir müssen verhindern, dass an unseren Rathausfassaden weiter die Fotos von ETA-Häftlingen wie Heldenikonen ausgehängt werden, die illegalen Organisationen weiter Propaganda machen. Da wird immer wieder vom Dialog gesprochen. Dafür haben wir doch die Parlamente. Diese Leute müssen doch nur Teil des demokratischen Systems werden. Aufhören, diese erpresserischen Mittel als Alternative oder Ergänzung zur demokratischen Politik zu sehen."

Immer noch müsse mit Anschlägen gerechnet werden, warnt die 43-jährige Mutter zweier Töchter. Die ETA könne sogar versuchen, mit spektakulären Aktionen ihr Ende hinauszuzögern. Sie fordert vor allem eine Weiterentwicklung der demokratischen Nationalisten.

"Die linken Parteien haben sich doch auch vor Jahren schon vom Marxismus und den Vorstellungen von der Diktatur des Proletariats verabschiedet. Die PNV hat sich in ihrer 100-jährigen Geschichte keiner solchen Selbstkritik unterzogen. Wer ihre Vorstellungen vom baskischen Volk zu Ende denkt, landet bei den Morden der ETA. Ich bezweifle nicht, dass die PNV auch Schluss machen möchte mit der ETA. Aber sie sind gegen das Verbot der Batasuna. Damit verhindern sie eine Weiterentwicklung Batasunas, weg von diesen mafiösen Methoden. So wird sich an den Vorstellungen der Batasuna nie etwas ändern."

Und Maite Pagazaurtundua wird auch weiterhin ihre Wohnung nur mit einem bewaffneten Leibwächter verlassen können - nur weil sie, wie die Mehrheit der Basken, gegen die ETA ist, keinen eigenständigen baskischen Staat fordert - und sich traut, das auch laut zu sagen:

"Wenn wir von Unabhängigkeit reden, müssen wir auch von den wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen reden, die wir zum Rest Spaniens haben. Das alles soll gekappt werden? Wenn man mit baskischen Nationalisten spricht, sagen sie, dass sie das auch nicht wollen. - Also was jetzt? Du bist für die Unabhängigkeit, aber in Wahrheit willst du sie doch nicht. Und wegen solcher Kindereien werden wir verfolgt."

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