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StartseiteInterview"Erstmal bin ich nur vorsichtig optimistisch"23.11.2010

"Erstmal bin ich nur vorsichtig optimistisch"

Sprecher der Deutschen Aidshilfe begrüßt Äußerungen des Papstes zu Kondomen

Benedikts Worten müssten nun Taten folgen, so Jörg Linwinschuh. In Deutschland sei eine sehr gute bis befriedigende Situation in der Prävention von HIV und Geschlechtskrankheiten gegeben, dennoch müsse man weiterhin Aufklärung betreiben.

Jörg Litwinschuh im Gespräch mit Volker Wagner

Deutsche Aidshilfe begrüßt aktuelle Äußerungen des Papstes zur Kondomnutzung. (AP)
Deutsche Aidshilfe begrüßt aktuelle Äußerungen des Papstes zur Kondomnutzung. (AP)

Friedbert Meurer: Nicht wenige in Deutschland halten die katholische Kirche für ziemlich altmodisch. Frauen dürfen nicht Priester werden, Schwangerschaftsverhütung ist in jeder Form verboten, sei es mittels Babypille oder Kondom. Aber die katholische Kirche ist trotzdem eine moralische Autorität, vielleicht in Afrika noch mehr als hier bei uns im immer säkularer werdenden Europa. Deswegen hätte man eigentlich erwarten können, dass der Satz des Papstes, Kondome seien in Ausnahmefällen doch erlaubt, gerade in Afrika für Furore sorgt. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Sowohl in Afrika als auch hier in Deutschland gelten Kondome als bester Schutz, um beim Geschlechtsverkehr zu verhindern, dass der HIV-Virus übertragen wird. Volker Wagener hat gestern Abend mit Jörg Litwinschuh gesprochen, Sprecher der Deutschen Aidshilfe, über die Äußerung des Papstes, und zunächst hat er gefragt, ob bei der Deutschen Aids-Hilfe schon Reaktionen auf das Papst-Interview eingegangen sind.

Jörg Litwinschuh: Insgesamt merken wir schon, dass Menschen sehr froh sind über diese Äußerungen, auch wenn sie noch unsicher sind, was sie denn bedeuten, weil es ja weiterhin ein Kondomverbot gibt, der Papst ja nur eine geringe Einschränkung gemacht hat, eine kleine Öffnung. Deshalb sind viele HIV-Positive, auch gläubige HIV-Positive noch abwartend.

Volker Wagener: Mit Kondomen lasse sich Aids nicht bekämpfen, hatte Benedikt noch 2009, also im vergangenen Jahr, auf seiner Reise nach Afrika gesagt. Hat er das mit seiner aktuellen Aussage nun zurückgenommen, oder nur relativiert?

Litwinschuh: Wir glauben, dass er das nur relativiert hat. Dennoch: Der Papst sagt nichts, ohne es wirklich gut durchdacht zu haben, ohne sich mit seinen Beratern natürlich auch ausgetauscht zu haben. Wir glauben schon, dass der Papst hier die Tür einen kleinen Schritt weit aufmacht, das ist vielleicht wirklich auch ein Test für die katholische Kirche, denn die katholische Kirche weiß, gerade in den Ländern, wo sie besonders viele streng gläubige Mitglieder der Kirche hat, ist das Problem HIV und Aids besonders groß. Also die Kirche ist hier ein Mitspieler in der Prävention, ein Mitspieler zur Gesundheitserhaltung der Gläubigen, und da weiß auch die Kirche, da muss sie sich modernen Gesetzen der Prävention stellen, weil sie sonst ihre Gläubigen verliert.

Wagener: Was wissen Sie denn über den Einfluss der katholischen Kirche auf die Gläubigen in Sachen Sexualmoral? Hat ein Papstwort überhaupt noch Gewicht?

Litwinschuh: Ich kann jetzt natürlich nicht für alle Gläubigen in der Welt sprechen und sicherlich hat das Wort des Papstes in den Industrieländern vielleicht etwas weniger Gewicht als in Schwellenländern oder sogenannten Entwicklungsländern. Wir hören doch von vielen unserer Partner in aller Welt, gerade in Afrika, aber auch in Südamerika, dass der Papst schon ein sehr großes Gewicht hat und dass die Sexualmoral, die wir ja sehr rigide finden vonseiten der Aidshilfen, der katholischen Kirche dort doch ein sehr, sehr großes Gewicht hat. Aber Menschen leben eben nicht alle monogam, Menschen haben unterschiedliche Beziehungen, Jugendliche entdecken ihre Sexualität, Menschen suchen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter auf. Das heißt, die katholische Kirche hat hier eine Sexualmoral, die eben überhaupt nicht mit den Realitäten einhergeht. Vor dem Hintergrund dieser heftigen HIV-Epidemie ist diese Sexualmoral eben überhaupt nicht geeignet, um die HIV-Epidemie weltweit in den Griff zu bekommen.

Wagener: Wo sehen Sie denn praktische Veränderungen, wenn nun die katholische Kirche Kondome sozusagen auf der Ebene der medizinischen Indikation akzeptieren sollte, beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent? Was könnte das jetzt praktisch bedeuten?

Litwinschuh: Erst mal will ich noch einmal vorausstellend sagen, dass die Kirche ja sehr viel für Menschen mit HIV und Aids tut. Gerade in den Entwicklungsländern und Schwellenländern pflegt die Kirche viele HIV-und Aids-Kranke. Die haben dort hervorragende Einrichtungen und betreuen eben Menschen nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch palliativ. Andererseits hat diese Kirche in der Vergangenheit wenig getan, um Menschen vor einer HIV-Infektion zu schützen, und gerade das ist ja ein sehr, sehr großer Widerspruch. Jetzt hoffen wir aber, dass durch diesen kleinen Spalt der Veränderung schon die liberalen Kräfte zum Beispiel in Afrika oder Südamerika gestärkt werden, die auch bisher schon etwas liberaler aufgeklärt haben. Das heißt, wir hoffen, dass Schwestern die Frauen bei der Familienplanung beraten, dass Lehrer in Schulklassen, dass Präventionisten zur Gesundheitsfürsorge jetzt vielleicht das Kondom doch etwas häufiger ins Spiel bringen, dass sie "ein geringeres schlechteres Gewissen" haben und dass sie sich gestärkt fühlen, und wir hoffen vor allem, dass Bischofskonferenzen in den jeweiligen Ländern das vielleicht noch mal anders interpretieren, verstärken und Ähnliches. So haben wir gerade vonseiten der Deutschen Aidshilfe gestern den Chef der Deutschen Bischofskonferenz, Herrn Zollitsch, aufgefordert, auch hier auf den Papst einzuwirken, dass wir in den nächsten Jahren auch eine Veränderung haben, dass wir auch etwas Schriftliches bekommen, eine Art Handreichung, an der sich auch die Gläubigen orientieren können, denn eigentlich nichts ist in der Kirche wirklich wichtig, wenn es nicht auch schriftlich fixiert ist. Aber das wird sicherlich noch ein langer Weg sein.

Wagener: Sie haben also schon den Kontakt zur Deutschen Bischofskonferenz gesucht und gefunden. Sehen Sie trotzdem ganz konkret irgendwelche Konsequenzen für die Aidsbekämpfung in Deutschland? Das Kondom wird ja durch Benedikts Äußerung weder mehr, noch weniger genutzt werden, vermute ich mal.

Litwinschuh: Insgesamt haben wir in Deutschland ja eine sehr gute bis befriedigende Situation. Nirgends in der Welt haben wir eine Kondomnutzung, die so hoch ist wie in Deutschland. Es werden alleine über 200 Millionen Kondome pro Jahr verkauft. Jetzt ist der Verkauf natürlich noch lange nicht eine Nutzung, aber wir wissen über aktuelle Studien zum Beispiel der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass gerade Jugendliche und junge Erwachsene eine sehr, sehr hohe Motivation haben, das Kondom zu benutzen. Aber Sexualität hat immer auch mit Loslassen zu tun, mit dem Kopf abschalten und Ähnlichem. Das heißt, insgesamt ist die Nutzung eines Kondoms und Sexualität häufig schon ein kleiner Widerspruch, und deshalb ist es eben sehr, sehr wichtig, dass wir immer wieder jeder Generation neu beibringen, A selbstbestimmt über ihre eigene Sexualität zu entscheiden und auch B zu wissen, mit welchen Instrumenten man sich vor welcher sexuell übertragbaren Krankheit schützen kann.

Wagener: In gut einer Woche wird anlässlich des Welt-Aidstages wieder an die Not der vielen Aidsinfizierten erinnert. Profitiert die Aidshilfe von Benedikts Äußerungen?

Litwinschuh: Das ist eine sehr, sehr schwierige Frage. Insgesamt haben wir erst mal seine Äußerung begrüßt, aber diesen Worten müssen jetzt erst mal Taten folgen. Das heißt, wir müssen jetzt mal schauen, was machen die Gläubigen in den einzelnen Ländern mit diesen Äußerungen, lässt sich diese Äußerung wirklich in gelebte Präventionsarbeit umsetzen, und dann sicherlich wäre es vielleicht ein historischer Schritt. Aber erstmal bin ich nur vorsichtig optimistisch.

Meurer: Jörg Litwinschuh war das von der Deutschen Aidshilfe. Mein Kollege Volker Wagener hat mit ihm gesprochen.

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