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StartseiteBüchermarktErzählen ohne Richten09.03.2007

Erzählen ohne Richten

Christian Haller schließt "Trilogie des Erinnerns" ab

"Die besseren Jahre" von Christian Haller ist kein autobiografischer Roman. Doch die Grenze zwischen Fiktion und Chronik verschwimmt zur Unkenntlichkeit.

Von Alain-Claude Sulzer

In der Schweiz kämpft sich W. durch den Alltag. (AP)
In der Schweiz kämpft sich W. durch den Alltag. (AP)

Nun liegt der dritte Band von Christian Hallers "Trilogie des Erinnerns" vor. Mit "Die besseren Jahren" schließt sich das Tor über jenem groß angelegten, insgesamt fast tausendseitigen Romangebäude, das mit "Die verschluckte Musik" begann und in "Das schwarze Eisen" seine Fortsetzung fand. Wir haben es mit einer weit über das Anekdotische hinausweisenden Familiengeschichte zu tun. Tatsächlich handelt es sich bei diesen drei eng ineinander verschränkten Werken, die man allerdings auch unabhängig voneinander lesen kann, um eine intime Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der sich die Historie - noch nicht Geschichte geworden, sondern noch einmal ganz gegenwärtig - mehrfach spiegelt. Die Personen, die der Familienvergangenheit des Erzählers angehören, tragen idealtypische Züge, doch nie geben sich Stereotype für Charaktere aus. Sie sind es.

Hinter dem distanzierten Erzähler gibt sich Christian Haller zu erkennen, ohne sich je preiszugeben. Wie bereits im ersten, diskontinuierlich erzählten, zwischen Gegenwart und Vergangenheit irrlichternden Band über die Mutter, erscheint er nun wieder im dritten Buch, diesmal als Kind und Jugendlicher. Hier wie dort wahrt er das Erzählprinzip größtmöglicher Zurückhaltung. Es erlaubt ihm, sich ins Innere seiner Personen zu begeben, ohne sie von außen belastend kommentieren zu müssen. Dies ist kein autobiografischer Roman. Die Grenze zwischen Fiktion und Chronik verschwimmt zur Unkenntlichkeit.

Stand im Mittelpunkt der "verschluckten Musik" die jüdische Familie der Mutter, die in den 20er Jahren Rumänien, das mondän pulsierende Bukarest, verließ und in die Schweiz emigrierte, ohne an das frühere gesellschaftliche Leben anknüpfen zu können, gab im zweiten Buch "Das schwarzen Eisen" wie überhaupt in der Familie H. der Großvater väterlicherseits den Ton an. Ihm, dem Kind von Armenhäuslern, war der Aufstieg vom Außenseiter zum selbstbewussten Fabrikanten gelungen, auch wenn ihm der Makel des ehemaligen Fremdenlegionärs lebenslang anhaftete. Die Defizite lagen auf der Hand, wer mit ihm zu tun hatte, bekam sie zu spüren: Der Mann entwickelte sich zum selbstgerechten, ungerechten Patriarchen.

Während die älteren Mitglieder der mütterlichen, urban orientierten und an allem Schönen interessierten Familie verzweifelt versuchten, die Uhrzeiger rückwärts zu drehen oder zumindest anzuhalten, wurden sie von diesem Mann ländlicher Herkunft gewaltsam nach vorne gerückt. Der Erfolg gab ihm recht. Der Großvater mütterlicherseits, in Bukarest wohlhabend und geschätzt, sah sich am Ende seines Lebens zum Hausierer degradiert, der von seiner Frau dafür verachtet wurde, alles verloren zu haben. Der Großvater väterlicherseits hingegen hatte die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und machte gute Geschäfte mit seinen Gusseisenwerken.

Bereits hier lernten wir seine Söhne kennen, vor allem den ungeliebten Erstgeborenen W. - den Vater des Erzählers Christan Haller -, der in jungen Jahren plötzlich erblindete, dank einer damals revolutionären Behandlung zwar geheilt wurde, sein zukünftiges Leben aber wesentlich durch die Angst bestimmt sah, das Augenlicht erneut, dann aber für immer zu verlieren. Es war nicht die einzige Bedrohung, gegen die er machtlos war. Bedrohlicher als obskure Gefahren, war der übermächtige Vater, den er nur zu gut kannte. Ihm zu widersprechen, ihm zuwider zu handeln, war ein Dinge der Unmöglichkeit, zumal für den Erstgeborenen, dessentwegen der Vater eine Frau hatte heiraten müssen, die er nicht liebte. Über Wohl und Wehe der Kinder verfügte nur er. Egal, welche Folgen sein Gutdünken nach sich zog, ihm wurde nachgekommen.

W. steht im Mittelpunkt der "besseren Zeiten". Ihm ist es gewidmet. Wir begegnen zunächst einem jungen Mann, der keine andere Wahl hat, als in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er mag zwar davon träumen, eines Tages aus ihnen herauszutreten, doch jeder Gedanke daran wird notfalls von ihm selbst im Keim erstickt. Die Strafe erfolgte unverzüglich, wenn er es auch nur versuchen würde. Zu Lebzeiten des rücksichtslosen Patriarchen handelt er nur einmal frei und bekommt es spüren: Als er Ruth heiratet, die mehrfach Fremde aus B., die Städterin mit den extravaganten Hüten, die unausgesprochene Jüdin, über deren Herkommen man, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand spricht; die Frau, die sich bald anschicken wird, ihre Wurzeln und damit ihre engsten Bindungen auf geradezu beschämende Weise zu verleugnen, um sie erst in der "verschluckten Musik", in der geistigen Verwirrung ihrer alten Tage wiederzufinden. Als "Hungerleider" bezeichnet der Schwiegervater Ruths Familie, und niemand widerspricht, "keiner wehrte sich", heißt es, "und Mutters Rumänien, jenes Land, das doch so tabakgelb glutig gewesen war, erstickte in einem grauen Staub, wurde in dieser Zeit zu einem Unort, wohin man nicht ging, woher man nicht kam."

Wo enges Denken das seine nicht tat, tat der Lalte Krieg ein Übriges: Rumänien, das Land der vergangenen Verheißungen, das Land der Hitze und Leidenschaft, für das man schließlich einen Urlaubsersatz in Italien finden sollte, versank im Grau, wurde eine unbekannte Welt voller anonymer Wesen, die ein Leben führten, das sich in allem von den eigenen Bestrebungen unterschied. Man kehrte dem Osten den Rücken zu, "der allmählich hinter einem Vorhang verschwand, in einen Schatten geriet, der die Farben löschte und kaum noch Konturen sichtbar ließ. Und Mutters Jugend war unversehens hinter einen Sperrgürtel aus Stacheldraht und Minenfeldern geraten, lag abgetrennt in einer Vergangenheit, zu der kein Weg mehr führte."

Und diesseits des Vorhang in der Schweiz? In der boomenden Gegenwart der 50er und 60er Jahre? Hier kämpft sich W., vom Fabrikantenvater von der Stadt auf das Land zurückbeordert, durch einen Alltag, der ihm verhasst ist, dem er aber nicht entkommt. Durch den Vater gezwungen, wird er gemeinsam mit seinem Bruder Teilhaber einer Maschinenfabrik, scheidet gezwungenermaßen aus der Firma aus, gründet mit einem ehemaligen Angestellten eine neue, wird von seinem neuen Geschäftspartner betrogen, verzeiht ihm später, um dann ein zweites Mal von ihm hintergangen zu werden, und sieht es am Ende seines Lebens als sein größtes Verdienst an, sich im Baugewerbe, wo die krummen Geschäfte auf der Tagesordnung standen, die Hände nicht schmutzig gemacht zu haben.

Der Erzähler als Kind versteht nicht alles, jedoch genug, um zu spüren, in welchem Dilemma der Vater steckt. Er sieht ihn vor seinem Großvater immer wieder in die Knie gehen, er sieht, wie sehr ihm jede Widerstandskraft fehlt. Der Junge glaubt, ihn auf eine "gänzlich unklare Weise beschützen" zu müssen, wie es einmal heißt. Und vielleicht gelingt es ihm hin und wieder sogar.

Indessen verändern sich die gesellschaftlichen Strukturen. Schon wenige Jahre später, Ende der 60er, ist es kaum noch vorstellbar, dass ein erwachsener Mann seinem Vater die eigene Lebensvorstellung opfert. Doch in den Genuss der neuen Freiheiten wird nach etlichen Kämpfen erst die nächste Generation gelangen, zu der Erzähler gehört. Sein Vater wird ihm gewiss nicht jene Steine in den Weg legen, die er selbst nicht auszuräumen vermochte. Die Zeiten ändern sich rasant: "Die Familien waren keine Familien mehr, sie hielten lediglich noch den Anschein aufrecht. Hinter den Fassaden wuchsen Schatten, wurden länger mit dem zunehmenden Wohlstand, lauerte der Hass [...]. Doch die zerbrochenen Werte - Ehe, Moral und christlicher Glaube - mussten um jeden Preis hochgehalten werden, damit nach den Verheerungen der Vergangenheit die Ordnung so sein würde, wie sie vordem [...] geherrscht hatte." Wie lange wird man sich noch über Scheidungen empören, ohne selbst der Doppelmoral überführt zu werden?

Das Personal dieses Romans, wie auch der beiden vorangegangenen Romane, veranschaulicht, ohne je formelhaft zu sein, jeder auf seine unverwechselbare Weise Elemente, die das letzte Jahrhundert bestimmt haben: Emigration, Fortschrittsglaube, Gewalt, List, Unversöhnlichkeit, Abhängigkeit. Die besseren Zeiten sind in den "besseren Zeiten" nur partiell oder gar nicht oder nur für einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft angebrochen. Haller nimmt dazu keine moralische, ja überhaupt gar keine dezidierte Haltung ein. Er urteilt oder verurteilt nicht aus erhobener Lage. Er ist Erzähler und Erfinder - nicht Richter. Immer wieder wechselt und verändert er seine erzählerische Position.

Christian Hallers Sprache schafft Distanz. Distanz schafft aber auch Sprache. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, Nähe zu den Personen herzustellen, um sich unvermittelt wieder von ihnen zu entfernen. Das ist eine hohe Kunst, die man nicht unterschätzen, ja, die man nicht hoch genug schätzen sollte. Sie beschert dem Leser Seite um jede Seite jede Menge Glückgefühle.

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