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StartseiteBüchermarkt"Es fließen ineinander Traum und Wachen"13.05.2012

"Es fließen ineinander Traum und Wachen"

Buch der Woche: Arthur Schnitzler: "Träume. Das Traumtagebuch 1875- 1931".

Der Mediziner Schnitzler setzte sich intensiv mit Freuds Traumanalyse auseinander - und notierte selbst seine Träume. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Schnitzlers Traumtagebuch jedoch zu einem Gegenentwurf zu Freud - und beweist doch, welche Durchschlagskraft Freud hatte.

Von Annette Mayhöfer

Das zeitgenössische Porträt zeigt den österreichischen Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862-1931). (dpa)
Das zeitgenössische Porträt zeigt den österreichischen Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862-1931). (dpa)

Sigmund Freud war erstaunt. Wie viel so ein Dichter, immerhin ein Kollege, Arzt wie er, von den Dingen wusste! Im März 1899 hatte er Arthur Schnitzlers Einakter "Paracelsus" im Theater gesehen, die berühmten Worte gehört:

"Es fließen ineinander Traum und Wachen,
Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.
Wir wissen nichts vom andern, nichts von uns;
Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug."


"Die Traumdeutung" erschien im November 1899. Im September hatte Schnitzler das Schauspiel "Der Schleier der Beatrice" beendet. Und Freud wäre mehr als erstaunt gewesen, darin seine revolutionäre Entdeckung, dass der Traum nichts sei als die verkleidete Erfüllung eines unterdrückten oder verdrängten Wunsches, in wenige Verse gefasst zu finden.

"Doch Träume sind Begierden ohne Mut,
Sind freche Wünsche, die das Licht des Tags
Zurückjagt in die Winkel unsrer Seele,
Daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen."


So wurden sie, der Psychoanalytiker, dessen Krankheitsgeschichten und Traumdarstellungen sich mitunter wie Novellen lasen, und der Dichter, der das weite Land der Seele erkundete, immer wieder in einem Zusammenhang genannt, obwohl sie einander nur selten begegneten. Allein der viel zitierte Brief zu Schnitzlers 60. Geburtstag 1922 verführte zur Spekulation. Darin gestand bekanntlich Freud dem Jubilar, er habe ihn gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu, weil dieser allein durch Intuition und feine Selbstwahrnehmung aufgedeckt, was er in mühseliger Arbeit fand: die Wahrheiten des Unbewussten, die Triebnatur des Menschen, die Polarität von Lieben und Sterben. Ja, im Grunde war Schnitzler ein psychologischer Tiefenforscher, so unparteiisch und unerschrocken wie nur je Einer.

"26.3.1900. Traum, dass ich in Uniform mit Zivilhosen (wie im Traumdeutungsbuch von Freud gelesen), aber doch unentdeckt von Kaiser Wilhelm II., dem ich begegne, von einem Tor unter den Linden ins andere gehe."

In dem Kapitel über Nacktheits- oder Exhibitionsträume findet sich in der Tat eine kleine Anmerkung über jene, die den Rock des Kaisers tragen und in ihrer Fantasie nicht vorschriftsmäßig bekleidet sind. Freud hatte viel zu sagen über derlei Träume, in denen der Wunsch nach Entblößung, nach der Schamlosigkeit der Kinderjahre, auf den mächtigen Traumzensor trifft. Kaum ein Autor des 20. Jahrhunderts hat so viel entblößt über sein Leben und Schaffen wie Arthur Schnitzler, über seine Lieben und seine Ängste. In den frühen Diarien, zehn sind es insgesamt, von 1879 bis 1931, hat er, ein Casanova mit der Attitüde des Buchhalters, sogar Statistiken über seine sexuellen Erfolge bei einer Jeanette oder Poldi oder Mizi aufgestellt.

Dabei war dieser "geschlechtliche Übermensch" ein Eifersuchtsberserker, dem jeder neue Reiz in Gereiztheit umschlägt. Auch das protokollierte er, rücksichtslos gegen sich selbst, all die Lügen und Herzensschlampereien. Aber dieser Seelenexhibitionist, der die Tagebücher für das Beste hielt, was er je geschrieben hatte, verbirgt sich in den Worten, ein "Selbstkenner ohne Tendenz zur Besserung". Allein postum wollte er erkannt sein:

"Als könnte es mich von der quälenden inneren Einsamkeit befreien, wenn ich jenseits meines Grabes Freunde wüsste", wie er schrieb. Aber diese Freunde wollte er sehr wohl über den Tod hinaus lenken. So ist auch sein Traumtagebuch, dem er, gleich seiner ersten Lyriksammlung nur den Titel "Träume" gab, mehr als ein bloßes Destillat aus den Diarien. Zwar hatte er seiner langjährigen Sekretärin Frieda Pollak zwischen 1921 und 1927 die darin enthaltenen Träume diktiert, mit kleinen Auslassungen. Das haben die Herausgeber Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing, soweit wie möglich, korrigiert, auch das Buch um Traumdarstellungen, vor allem die aus den letzten Jahren, 1928 bis 1931, ergänzt. Aber niemals war dies eine private Sammlung, sondern von Anfang an zur Veröffentlichung bestimmt, Schnitzlers Formwillen unterworfen. So beginnt er mit zwei Träumen von 1875, vier Jahre vor den Tagebüchern.

"23.10. 1875. Ich träumte heute Nacht, ich wäre beim Fenster; sie käme zu mir und zwar außen vom Fenster. Da war mir plötzlich, ich weiß nicht wie. Ich umarmte sie und küsste sie heiß und sie küsste mich wieder. Und so blieben wir einige Zeit und küssten uns fort und fort. Ich wachte auf, im Traum schon jubelte ich, ich habe sie geküsst – ein Kuß von ihr und ich wachte auf. In lautes Weinen brach ich aus. Es dämmerte eben, ich war trübe gestimmt, sehr trübe."

Auch der zweite Traum vom 24.10. 1875 gilt seiner Kinder- und Jugendliebe, Franziska Reich, Fännchen, einer Nachbarstochter, so alt wie er. Da entschwindet sie, die ihn doch in allen Träumen verfolgte, in einer dunklen Allee. Er findet sich allein mit seinem "Rivalen", der ihr angeblich bessere Gedichte schrieb, und dann plötzlich in einer dunklen Kammer mit seinem Lehrer für Geschichte und Deutsch, einem antisemitisch gesinnten Mann, der ihm Bernsteinpfeifen – wer dächte da nicht an Phallussymbole - zum Kauf anbietet. Der Traum bricht ab mit einem

"ich muss sie sehen. Ich – ."

Im dritten Traum der Sammlung, da sitzt er mit Kollegen vor dem Seziersaal des Krankenhaus, so zwanglos wie Soldaten vor der Kaserne. Immer wieder werden Kranke oder Tote vorbeigetragen.

"6.5.1880. Einer trieb sich vor dem Tor herum, ein schmächtiger Mensch, klein, mit dünnen Haaren, schlechten Zähnen, blassem Gesicht, auf dem schwarze Stoppeln wucherten, und scheuen Augen. Ich wollte ihn anfangs für tot halten und kam auf trübe Gedanken, wozu der Mensch eigentlich lebe, da er doch schon vor dem Tod so unglücklich sei."

So klingen in jenen ersten drei Träumen, über 600 sind es am Ende, bereits seine großen Themen an, die Sehnsucht, geliebt zu werden, und die Angst zu sterben. Denn die Liebe ist nur, weil der Tod ist, und er wäre nicht ohne sie, wie Heinrich Mann in seiner Gedenkrede sagte. "Lieben Träumen Sterben" nannte Ulrich Weinzierl sein 1994 erschienenes wunderbares Schnitzler-Buch. Auch er hat darin schon bedauert, dass der Träumer Arthur Schnitzler viel weniger kühn ist als der Autor, der in seinen Werken bis hin zur schon notorischen "Traumnovelle" immer wieder von Begierden ohne Mut, von frechen Wünschen und wahren Nachtmahren schreibt. Im Tagebuch verweigert er, der sehr wohl zu unterscheiden wusste zwischen manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken, die Wiedergabe der Assoziationen und Erinnerungen, beschränkt seine "Deutungen" zumeist auf die Erwähnung von Tagesresten; eine Chronologie hätte dem Buch gut getan. Es bedurfte, hatte Freud einst geschrieben, "schwerer Selbstüberwindung", Träume mitzuteilen und zu deuten, "sich selbst als den einzigen Bösewicht zu enthüllen unter all den Edlen".

"8.9.1889. Heute Nacht ein entsetzlicher Traum; ich komme zu spät zu meinem Begräbnis, werde schon erwartet. Stehe vor dem Haustor und sehe die Kränze und suche zu erraten, von wem sie sind. Bin tief betrübt, habe Angst mich in den Sarg zu legen, dann redet mir die Mutter zu. Ich denke, die Betäubung wird schon kommen."

Dieser Albtraum wiederholt sich, noch zwei Mal notiert Schnitzler Ähnliches von der Mama, die ihn drängt, sich endlich begraben zu lassen. Einmal steht auf den Schleifen der Kränze als Todesdatum der 16.Mai, der Tag nach seinem Geburtstag. Sicherlich war darin die Verzweiflung zu spüren, der Schmerz des gewöhnlichen Narziss, dem das Nicht-lieben, das Nicht-Erleben nicht behagte, dies Gefühl, als "ob man in einem zugenagelten gläsernen Sarg durchs Leben getragen werde", wie er 1881 notiert hatte. Als Louise Schnitzler 1911 stirbt, macht er sich, trotz aller Abneigung gegen ihre Empfindlichkeit und ihr Misstrauen, Vorwürfe, ihr nicht genug Zärtlichkeit entgegenbracht zu haben. Und noch im Dezember 1922 hat er einen "ganz unklaren, aber irgendwie erotisch gefärbten" Traum von der Mutter: Ein Hinuntergleiten wie in der Rutschbahn im Bergwerk spielt darin eine Rolle, auch das Burgtheater, und ganz im Verborgenen war die Mutter auch Schwester auch Olga Gussmann, seine geschiedene Frau. Dennoch, trotz der auffälligen Sexualsymbolik, empfand er das Ganze mehr froh als lustvoll.

Vom Vater, dem in seinen Träumen meist strafenden, tadelnden, überlebensgroßen Vater, dem berühmten Dr. Johann Schnitzler, der ihn in die ärztliche Karriere gezwungen hatte, ist häufiger die Rede. Der wirft ihm vor, er habe kein Talent. Er sei faul, aber Thomas Mann habe, so erwidert der Träumer, seit 1899 nichts geschrieben, und er präsentiert diesem ironisch lächelnden Vater ein Manuskript.

Das ist seine andere Sorge, immer wieder fürchtet er, ein Manuskript verloren, vergessen zu haben; einst hatte der Vater das Tagebuch des 16-Jährigen entdeckt und ihn daraufhin gezwungen, Kaposis drei Atlanten über Sexualkrankheiten zu studieren. Seine Tagebücher deponierte Schnitzler später in einem Banksafe. Aber er hegt immer wieder Todeswünsche gegen den früh, 1893 verstorbenen Vater, Reminiszenzen aus seiner Kindheit und Jugend, die sich überlagern mit der Sehnsucht, anerkannt, geliebt zu werden.

"25.11.1921 Gestern träumte ich, als wäre ich mit meinem Vater uneins, es war aber gar nicht mein Vater, sondern er sah einer inferioren Figur aus einem Wiener Volksstück ähnlich (gestern abend Nestroy gelesen!) Wir stritten (worum?), lagen zusammen im Bett (angekleidet), ich war erschüttert und weinte, als hätte ich ein Unrecht begangen, küsse ihn auf den Schenkel, es war ein schmerzlicher, peinlicher, irgendwie erniedrigender Traum."

Er könne zwar hinabschauen in die Tiefe, sagte er einmal, nicht aber hinabsteigen. Dies mag auch mit seiner Abneigung gegen die psychoanalytische Seelenaufwühlerei zu tun haben, diese Modeerscheinung mit ihren großen Vereinfachungen, ihrem Complexen-Complex, ihrer Immoralität, ja Verbrecherhaftigkeit; nur auf Freud lässt er nichts kommen. Aber gerade die nächtlichen Fantasien von den Geliebten, den ehemaligen, den aktuellen, sind auffallend diskret. Allein von der, mit besonderer Eifersucht verfolgten Schauspielerin Mizi Glümer, M.G., träumt er einmal, dass sie ein Kind von ihm empfange, dass er ihr daraufhin Gift gebe und sie in seinen Armen sterbe. Da verdichten sich ihm die Erinnerungen an sie, die er auch Mizi I. nannte, mit denen an die Andere, Marie Reinhard, die ihn, 23 ist sie da, in seiner Praxis aufsuchte, eine Gesangs- und Musikstudentin. Sie rettete ihn, wie er behauptete, aus den Armen der allzu selbstbewussten Dilly, Adele Sandrock; es dauerte lange, bis er triumphieren konnte: "Tag der Märzgefallenen". Als Marie Reinhard schwanger wird, reist er mit ihr nach Paris, vielleicht die glücklichste Zeit seines Lebens. Aber das Kind wird tot geboren, er fühlt sich schuldig, ohne darum seinen Harem, Mizi I und all die Anderen, aufzugeben. Im März 1899 stirbt Marie Reinhard an einer Sepsis in Folge einer Blinddarmentzündung. Immer wieder träumt er von ihr, der "Entschwundenen", wie er sie, mythisch überhöht, nennt.

"31.7.1899 (Spittal) Traum: Ich sitze auf dem Bett der Entschwundenen, sie sterbend, sie erhebt sich, beugt sich über mich, ich sinke zurück, sie zieht mich an sich, sie sagt: Auf Wiedersehen und ich fühle, dass ich auch sterbe."

Seine Todesträume häufen sich, allnächtlich verfolgen ihn die "bösen Träume künftiger Wahrheit".

"6.4.1900 Abbazia. Traum, dass ich drei Träume gehabt, die mir alle den Tod bedeuten. Unklar welche: Einer, dass ich Haare zwischen den Zähnen, dann die Entschwundene...; sie quasi ärgerlich lässt die Rouleaux (wie sie oft getan). Ich komme erst später darauf, dass es ist, um mich küssen zu können."

Krankheit und Tod waren ihm, dem Arzt, zur Monomanie geworden, wie er schon ein Jahr nach dem Sterben des Vaters notierte. Dazu kam, seit 1896, ein quälendes Ohrengeräusch, das rechte Ohr beginnt allmählich zu ertauben. Oterosklerose diagnostiziert der Experte, aber da weiß er längst selbst, dass er unter einem unaufhaltsam fortschreitenden Verlust des Gehörs litt, der ihm die Welt verdüsterte, ihn den Menschen noch weiter entfernte. Von dem verehrten Gustav Mahler träumt er häufig, auch von Alma, mit der er die VII. Symphonie ihres Gatten spielt. Häufiger leidet er auch unter Versagensängsten, aber noch immer ist er süchtig nach dem Duft der Frauen. Olga Gussmann, die ehrgeizige Schauspielschülerin, 20 Jahre jünger als er, bietet sich, nur ein Jahr nach dem Tod der Entschwundenen, ihm förmlich an, mit einem Brief und einer Bitte um ein Foto. Er träumt von seiner armen Toten, und als er Olga zum ersten Mal küsst, sagt er ihr, dass vor anderthalb Jahren die letzte, die er geliebt habe, begraben wurde. Aber im August 1902 wird der Sohn Heinrich geboren und im darauffolgenden Jahr aus Olga Gussmann Olga Schnitzler. Noch am Hochzeitstag träumt Schnitzler, dass sie ihn betrügen werde oder schon betrogen habe. Immerhin dauert das Desaster dieser Ehe 18 Jahre, vor allem dank der Tochter Lili, 1909 geboren, die er über alles liebt.

Selten mischt in sein Nachtleben das Tagespolitische. Einmal, da träumt er vom Mord an dem Thronfolger Franz Ferdinand, angeblich vier Wochen vor dem Attentat von Sarajewo. Von dem berüchtigten Bürgermeister Karl Lueger, Vorbild noch für Hitler, von den allgemeinen antisemitischen Stimmungen, von Theodor Herzls Utopien und von Angriffen der Hakenkreuzler auf Stefan Zweig und ihn selber ist die Rede. Nein, Schnitzlers Nachtbuch eignet sich kaum zu einem Porträt seiner Zeit, allenfalls zu einem sehr privaten, dessen zahlreiche Protagonisten, abgesehen von Richard Beer-Hofmann, Hugo von Hofmannsthal, der notorischen Alma und ihren Gatten Mahler und Werfel, von Karl Kraus und Alfred Polgar und Egon Friedell, zumeist nur Eingeweihten bekannt sein dürften. Immer wieder ist er bei den nachgeträumten Theaterbesuchen, den Bällen unangemessen gekleidet, hat seinen Rock oder seinen Überzieher verloren; was hätten die Psychoanalen, wie Kraus sie nannte, allein daraus gemacht. Überdies wird er seit 1913 nächtens von Hunden verfolgt.

"25.5. 1913. Traum. Ein toller Hund beißt mich, linke Hand, kleine Wunden, eine vom Biss, eine von Kralle, Daumen, Zeigefinger; zum Arzt, er nimmts leicht. Salbe. Ich gehe, entdecke am dritten Finger eine Wunde, wieder Arzt, Salbe. Er glaubt nicht an Pasteur. Ich gehe verzweifelt Mariahilferstraße,....will mich erschießen. In der Zeitung wird stehen: "Wie ein Größerer (Raimund) vor ihm", was mich ärgert."

Der Dramatiker Ferdinand Raimund hatte sich 1836 nach einem Hundebiss aus Furcht vor Tollwut das Leben genommen. Immer wieder träumt Schnitzler von den Tieren. Einmal suchen ihn in einer Nacht allein drei schwarze Hunde heim, einem fährt er, ohne böse Absicht, mit dem Stock ins Maul, trotzdem nähert er sich ihm zärtlich, aber der Träumer bleibt misstrauisch. Das war, so Schnitzler, der psychische Inhalt fast all dieser Hundeträume, ihr Anlass banal: Er hatte einen kleinen, für Lili angeschafften, Hund zurückgeben müssen, "eliminieren", wie er schreibt. Der genaue Leser der "Traumdeutung" musste wissen, dass Tiere leidenschaftliche Triebe symbolisierten, vor denen der Träumer sich fürchtet; sie stellten die verdrängte Libido dar. In manchen Fällen standen sie, gleich den Totemtieren, auch für den gefürchteten Vater. Noch 1924 verfolgen ihn die Hunde: Im Traum soll er in ein Absteigequartier zu M. R., Marie Reinhard gehen, findet aber statt ihrer seine damalige Freundin Hedy Kempny im Bett, die sich so gierig auf ihn stürzt, dass ihm graut. Immerhin kann er, wenngleich wie so oft nicht ganz ordentlich angezogen, das Zimmer verlassen. Nur den Schlüssel zur Absteige findet er nicht. Und:

"Auf dem Weg zu dem Haus werde ich in widerlicher Weise von geilen Hunden verfolgt, die ihre Brunst mir nachlaufend zwischen meinen Schenkeln zu stillen suchen."

Er deutete den Traum vor allem als Todestraum, um halb acht, da hatte er sein Traum-Rendezvous mit ihr, war Marie Reinhard gestorben. Dazu kamen noch andere Elemente, wie er zugeben muss, "das erotische und nackt-Sexuale mit deutlicher Abwehrbetonung". Auch Schuldgefühle spielten darein, denn nach dem Ende seiner Ehe mit Olga 1921 hatte er die Vielweiberei keineswegs aufgegeben, auch wenn aus dem Harem mehr ein Hofstaat geworden war. So unterhielt er neben der Beziehung zu Hedy Kempny unter anderem auch noch eine mit der Schriftstellerin Clara Katharina Pollaczek, die unter seiner Untreue leidet, später mit seiner Übersetzerin ins Französische, Suzanne Clauser. Und er träumt immer wieder, wie in all den Jahren ihrer Krise, von Olga, obwohl er doch all die Zeit gewusst hatte: "man hätte einander lieber nicht finden sollen".

"30.12. 1917 Traum: Ich mit O. (in irgend einem ziemlich kahlen Zimmer) zu Bett, und besorge, dass durch das Schlüsselloch vom Nebenzimmer aus, meine Eltern hereinsehen können. – O. in der gleichen Nacht träumt eine ähnliche Beziehung zwischen uns. – Ein scharlachrotes Band verbirgt mich, Lili tritt herein und O. schämt sich. Tief zu deuten."

Konnten Sie allein um der Konvention willen, um der Kinder willen nicht voneinander lassen? Als Olga ein Verhältnis mit dem jungen Pianisten und Komponisten Wilhelm Groß beginnt, bleibt Schnitzler äußerlich ganz gelassen. Doch träumt er von der sich andeutenden Trennung, träumt 1919, dass er mit ihr, sie nackt auf einer Ruderbank, in einem Kahn hinausfährt, und er sie darum tadelt, woraufhin sie ins Wasser springt und in den Wellen verschwindet. Oder sie fährt ihm, der wegen seiner Herzschmerzen die Tram verpasst, einfach in einer anderen davon. Ja, da beklagt er sich, dass der Traumgott sich mit seiner Symbolik keine sonderliche Mühe gebe. Und dennoch:

"23.7.1919. Wie wir im Traum zu letzten Gefühlswahrheiten kommen, deren sich im Wachsein unsere Eitelkeit schämt, die für das Wachleben kaum wahr sind."

Und die Ambivalenz bleibt, selbst nach der Scheidung schwankt er zwischen Liebe und Hass, Triumph und Angst. Immer wieder hat er auch Minderwertigkeitsträume, obwohl er nach 1921 einige seiner besten Werke schreibt, die "Komödie der Verführung", "Fräulein Else", die "Traumnovelle". Das Verbot gegen den "Reigen" wird endlich aufgehoben, sein Historienstück, "Der junge Medardus", wird verfilmt von Michael Kertész, der sich in Hollywood Michael Curtiz nannte. Im Traum soll er zum Vizebürgermeister von Wien gewählt wird, aber wieder einmal ist er unpassend gekleidet, in kurzen Pepitahosen und blauem Rock. Aber er träumt auch, dass seine Frauen, Olga oder Clara und die Sekretärin Frieda Pollak ihn zu seiner Hinrichtung begleiten. Einmal bricht er in seiner Fantasie, äußerlich ganz verschlampt, weil er innerlich so ungeordnet ist, sogar in Tränen aus, wegen seiner Einsamkeit. Und im Juli 1928 ereignet sich die große Katastrophe seines Lebens: Seine geliebte Lili, um die er immer wieder bangte, deren Tod er vorausträumte, erschießt sich mit der Pistole ihres Mannes, eines faschistischen italienischen Miliz-Hauptmanns. Schon als Jugendliche hatte sie ein mitunter merkwürdiges Benehmen gezeigt, hatte gelogen und betrogen, vom Selbstmord fantasiert, für den Vater bloß Symptome einer leichten Hebephrenie, eines Jugendirreseins.

In den Träumen nach ihrem Selbstmord sieht er sie immer wieder als sein kleines Mädchen mit den Zöpfen, erst allmählich dringt die Wahrheit in sein Nachtleben. Er träumt von Freud, der ihm, um seinen Schmerz zu mildern, sagt, er habe auch eine Tochter verloren, seine geliebte Sophie, gestorben an der Spanischen Grippe. Im Oktober 1929 notiert Schnitzler, an jenem Julitag 1928 sei sein Leben zu Ende gewesen. Zwei Jahre später, am 10. Oktober brechen die Traumaufzeichnungen ab: Er hatte Suz., Suzanne Clauser, aus seinen "Träumen" vorgelesen. Am 21. Oktober stirbt Arthur Schnitzler, vermutlich an einem Gehhirnschlag.

Arthur Schnitzler: "Träume. Das Traumtagebuch 1875- 1931." Hg. von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing. Wallstein Verlag, Göttingen; 493 Seiten; 34,90 Euro.

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