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StartseiteInterview"Es geht hier um das nackte Überleben"25.08.2010

"Es geht hier um das nackte Überleben"

Vier Monate eingesperrt - Traumatherapeut Pieper über die Grubenarbeiter in Chile

Das "Wunder von Lengede" von 1963 - 14 Kumpel überlebten elf Tage lang. In Chinas überlebte eine Gruppe 25 Tage lang. In Chile müssen 33 Männer nach einem Stolleneinsturz vielleicht bis Weihnachten ausharren - wie soll ein Mensch das verkraften?

"Es geht uns gut, es gibt 33 Überlebende" - Nachricht aus der Tiefe in Chile (AP)
"Es geht uns gut, es gibt 33 Überlebende" - Nachricht aus der Tiefe in Chile (AP)

Stefan Heinlein: Neue Hoffnung für die verschütteten Kumpel in Chile. Wasser, Nahrung und Medikamente, ein schmaler Schacht ermöglicht mittlerweile ihre Versorgung. Seit Anfang August sind die 33 Bergleute unter Tage gefangen. Trotz der Erleichterung in Chile ist es bis zur endgültigen Rettung noch ein weiter und gefährlicher Weg. Die Bohrung eines Rettungsschachts wird noch Wochen und vielleicht Monate in Anspruch nehmen. So lange müssen die Männer in fast 700 Meter Tiefe ausharren.

Lebendig begraben, ein Albtraum für die Kumpel und ihre Angehörigen, über den ich jetzt sprechen möchte mit dem Psychotherapeuten Georg Pieper vom Institut für Traumabewältigung in Marburg. Guten Morgen, Herr Pieper.

Georg Pieper: Schönen guten Morgen!

Heinlein: Herr Pieper, Sie haben nach dem Grubenunglück von Borken 1988 jahrelang die Bergleute und ihre Angehörigen begleitet und betreut. Können Sie beschreiben, wie die chilenischen Kumpel derzeit ihre Situation wohl erleben?

Pieper: Das ist natürlich erst mal auf jeden Fall eine ganz schwierige Situation. Sie sind eingeschlossen und sie sind zwischen Bangen und Hoffen. Aber was ich aus der Zeit des Eingeschlossenseins der Kumpel in Borken weiß ist, dass eine große Solidarität untereinander herrscht, dass sie sich gegenseitig stützen und dass der feste und klare Wille und die Hoffnung da ist, da wieder rauszukommen.

Heinlein: Also ist es wichtig, dass diese 33 Bergleute jetzt als Gruppe zusammenhalten und sich gegenseitig stützen?

Pieper: Das ist das ganz Entscheidende und das ist natürlich auch der große Unterschied zu einer Situation, wenn da ein Mensch alleine gefangen wäre. Es gibt unglaubliche Ressourcen in einer solchen Gruppe, sich in einer schwierigen Situation gegenseitig wieder aufzupäppeln. Ich habe es damals mit den sechs Bergleuten erlebt. Immer mal wieder hängt natürlich einer durch und verliert die Hoffnung und dann kommen die anderen und päppeln ihn wieder auf, machen ihm Mut. Ich denke, das ist das, was jetzt auch in Chile passieren wird. Natürlich kann es auch innerhalb der Gruppe Konflikte geben, aber die spielen in einer solchen Gefahrensituation nie eine lange Rolle. Es geht hier um das nackte Überleben.

Heinlein: Dennoch: Es ist ja eine Albtraumsituation, eingesperrt in einen winzigen Rettungsraum, 700 Meter unter der Erde. Wie groß ist denn die Gefahr, dass einer der eingeschlossenen diese Albtraumsituation nicht aushält und in den nächsten Wochen oder Monaten ganz einfach durchdreht?

Pieper: Ja, die Gefahr ist auf jeden Fall da. Es gibt natürlich in jeder Gruppe immer psychisch labilere Menschen auch, und die sind schon sehr gefährdet. Nicht nur psychisch labile, sondern auch die Menschen, die insgesamt höhere Risikofaktoren haben, wie wir das sagen, also die zum Beispiel ein schlechtes soziales Umfeld haben, die vielleicht finanzielle Probleme haben, Eheschwierigkeiten haben oder was auch immer, da kann es schon in einer solchen Belastungssituation dann zu einem Bruch oder zu einem Zusammenbruch kommen. Aber wie gesagt, ich denke, dass sich das ausgleichen wird, dass da dann immer wieder starke Kräfte auch da sind, die dann in einer solchen Situation eben die Vaterrolle übernehmen oder die Lehrerrolle oder auch mal ein Machtwort sprechen und sagen, wir müssen gemeinsam stark sein, wir müssen gemeinsam an unser Ziel, an die Rettung glauben. Von daher gehe ich davon aus, dass sie damit umgehen können.
Allerdings muss man sagen, die Zeit ist natürlich extrem lange. So etwas hat es noch nie im Bergbau gegeben. Das längste Eingeschüttetsein hat es mal in China gegeben mit 25 Tagen und da werden die auf jeden Fall weit darüber kommen. Von daher denke ich, man sollte auch sehr darüber nachdenken, ob man die Bergleute nicht über diese Versorgungsleitung, die jetzt besteht, eben nicht nur medizinisch und mit Lebensmitteln versorgt, sondern auch psychologisch betreut.

Heinlein: Welche Möglichkeiten gibt es denn, diesen eingeschlossenen Bergleuten psychologische Hilfe zu leisten?

Pieper: Das betrifft so den gesamten Bereich der notfallpsychologischen Interventionen, in denen man den Menschen Mut macht, in denen man sie darauf hinweist, dass sie jetzt schon vieles überstanden haben, in denen man vielleicht auch einzelne längere Gespräche führen kann, wenn sich die Betroffenen Sorgen machen über bestimmte Dinge, die sich über Tage abspielen, vielleicht mit ihren Familien. Ich denke, da muss vermittelt werden zwischen den Gedanken, den Sorgen, die sie sich machen, und ihren Familien. Manchmal werden da auch direkte Gespräche sinnvoll sein, manchmal eben auch gerade nicht, und da sollte eine Fachkraft sehr gut die Zügel halten und im Hintergrund oder auch im direkten eingreifen die Situation mit managen.

Heinlein: Sollten denn die Einsatzkräfte, die Rettungsleute den Bergleuten mitteilen, dass ihre Rettung tatsächlich möglicherweise noch Monate, bis Weihnachten dauern wird?

Pieper: Das ist eine nicht so ganz einfache Frage. Aber ich denke schon. Ich denke, es wäre besser, da mit offenen Karten zu spielen, dass sie sich darauf einstellen können. Man sollte vielleicht jetzt nicht gerade von Weihnachten erst sprechen, weil das sowieso so emotional besetzt ist, dieses Fest, sondern schon von Wochen. Dann können sie sich mehr darauf einstellen. Denn nach meiner Erfahrung, zum Beispiel auch mit Gefangenen, die in Geiselhaft waren – ich habe mal einen Mann betreut, der war drei Jahre im Libanon in Dunkelhaft, also unter ganz schrecklichen Bedingungen, und was ihn am meisten belastet hat, war, natürlich die Ungewissheit, nicht zu wissen, wann hat das Ganze hier ein Ende. Von daher denke ich, die Bergleute dort in Chile können besser damit umgehen, wenn sie wissen, das wird noch mindestens mal vier Wochen dauern.

Heinlein: Sie sagen es: dieses unter Tage, das ist ja so eine Art Dunkelhaft, wochen- und monatelang eingeschlossen auf engstem Raum, ohne Sonnenlicht. Wie verändert dies denn die Psyche eines Menschen?

Pieper: Man ist natürlich erst mal sehr abgeschirmt von Außenreizen, von Reizen, von denen wir normalerweise alle leben. Wir bekommen alle viel zu viele von diesen Außenreizen mit, im täglichen Leben und durch die Medien und durch Nachbarn und Freunde und die Arbeitssituation. Davon sind sie abgeschirmt. Das heißt, sie sind extrem eingeschränkt an Reizen und in dem Maß wachsen dann natürlich innere Gedanken, die sowohl in das Negative reingehen können, also in Richtung Sorgen, Anspannung, Ängste, Phobien, als aber auch in positive Dinge. Das wäre zum Beispiel so etwas, was man auch stützen könnte durch eine psychologische Begleitung – die Gefangenen, die da drei Jahre lang in Dunkelhaft waren, die haben zum Beispiel sehr viel mit ihrer Fantasie angestellt. Da kann man sehr positive Dinge mit anstellen. Die haben sich da hingestellt und haben gekocht zum Beispiel, haben ihre Lieblingsrezepte gekocht und ausgetauscht und davon geschwärmt, wie lecker das ist, wenn man da noch eine Priese Safran dazutut und so weiter. Das sind Dinge, die gefördert werden müssen und wo die Psyche über erstaunliche Mechanismen verfügt.

Heinlein: Der Marburger Psychotherapeut Georg Pieper über die eingeschlossenen Bergleute in Chile. Herr Pieper, ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören.

Pieper: Okay, danke. Tschüß!

Das Wunder von Atacama - Tagesthema auf DRadio Wissen mit Interview eines Lengede-Überlebenden

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