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StartseiteBüchermarkt"Es gibt einfach sehr viele unschöne Seiten"06.02.2009

"Es gibt einfach sehr viele unschöne Seiten"

Luo Lingyuan: Die Sterne von Shenzhen.

Dai und sein Freund wollen in Shenzhen ein Unternehmen gründen. Zunächst erfolgreich, holt sie schon bald die brutale Wirklichkeit des Wirtschaftskampfes in China ein. Ein Buch, von dem die Autorin sagt, dass es wohl zunächst nicht in China erscheinen können wird.

Rezensiert von Lerke von Saalfeld

Fensterputzer reinigen die Fensterscheiben des neuen Sanlitun-Einkaufszentrums in Peking. (AP)
Fensterputzer reinigen die Fensterscheiben des neuen Sanlitun-Einkaufszentrums in Peking. (AP)

"China entwickelt sich sehr schnell. Auf dem Buchmarkt kann man sehr viele Bücher lesen über Unternehmensgeschichten. Wenn ich zu Hause bin, habe ich immer die Zeitungen gelesen, und meine Eltern erzählen mir auch immer Geschichten, wer plötzlich reich geworden ist, wer einen Supermarkt aufgebaut hat. Ich habe die Entwicklung in China immer verfolgt, besonders jene positiven Figuren, die es sehr wenig gibt. Viele sind ja doch ein bisschen kriminell und daher bin ich immer sehr interessiert zu sehen, ob es ein paar positive Figuren gibt, und ich habe tatsächlich zwei, drei gefunden, und so habe ich sie als Vorbild genommen, ein bisschen zusammengemischt und dann noch Phantasie dazu."

Der neue Roman von Luo Lingyuan, die in Berlin lebt und deutsch schreibt, liest sich spannend wie ein Wirtschaftskrimi im modernen China. Die männliche Hauptfigur Dai ist ein aufstrebender Unternehmer, der eine Fabrik aufbauen will, in der sich alle entfalten können, die geleitet ist von Fortschritt und Intelligenz und nicht die Profitmacherei als oberstes Ziel hat. Allerdings wird der Aufsteiger schon frühzeitig gewarnt: "Die Sorte von Unternehmen, die ihren Betrieb nicht mit Krediten aufputschen, sondern Größe aus eigenen Kräften erreichen, ist rar wie das Nashorn in China." Der Ort des Geschehens ist nicht zufällig gewählt, die Stadt Shenzhen, in der die Eltern der Autorin leben; eine Stadt gegenüber von Hongkong, die Luo Lingyuan jedes Jahr besucht und gut kennt:

"Shenzhen war in den 80er-Jahren ein verlassenes Fischerdorf. Da gab es Armut; man hat nichts richtig gemacht, deshalb war die Wirtschaft total kaputt. Viele Leute wollten flüchten, viele waren nachts übers Wasser geschwommen nach Hongkong. Da gab es auch Tote, weil die Grenzsoldaten auch geschossen haben. Nach 1980, als Deng gesagt hat, 'hier bauen wir die erste Sonderwirtschaftszone', da hat Deng gleich gesagt, 'diese Stadt soll mehr Freiheit bekommen, damit man was aufbauen kann'. Sie durften von Hongkong lernen, vom Kapitalismus lernen, wie man so eine Stadt wiederaufbaut. Und jetzt wohnen dort ungefähr 12 Millionen Menschen und arbeiten da. Es ist ein sehr wichtiges Wirtschaftszentrum geworden. Man sieht, diese Stadt ist reich und ist auch ein bisschen vergnügt. Es gibt unzählige Restaurants und die Leute verdienen relativ gut. Die Leute kommen von allen Provinzen her, die nach Arbeit suchen. Es sind nicht nur Bauern, sondern eben auch wie Dai und andere Leute, die intelligent sind, die einen Uni-Abschluss haben und die da etwas machen wollen. Es gibt natürlich auch arme Leute, die da reich geworden sind. Es ist eine Stadt, die für viele Chinesen ein Wunder bedeutet, deswegen laufen jetzt immer noch ziemlich viele Chinesen dahin."

In diese Stadt kommt auch Dai zusammen mit seinem Freund, die gemeinsam eine Fabrik für Unterhaltungs-Software und für traditionelle chinesische Medizin aufbauen mit dem vielsagenden Namen Tenglong - aufsteigender Drache. Zunächst sind die beiden Freunde erfolgreich und können ihre Waren gut absetzen; aber langsam lässt sich Dai, der der alleinige Chef ist, vom kapitalistischen Fieber anstecken. Er will eine neue Firmenzentrale bauen, die wie der Turmbau zu Babel immer mehr in die Höhe wächst, die ein Wahrzeichen seines Erfolgs werden soll, bis schließlich durch verschiedene Katastrophen der Unternehmer an den Rand des Ruins gerät und seinen Neubau nicht mehr finanzieren kann. Parallel dazu greift ein Produktpirat in der Provinz an, kopiert die medizinischen Heilmittel, verwässert sie und bringt sie billiger auf den Markt. Mit äußerster Brutalität gehen seine Schlägerbanden gegen das erfolgreiche Unternehmen vor. Der Bruder von Dai, der die Produktpiraten stellen will, wird zum Beispiel von Skorpionen, die die Banditen in seinem Auto versteckt haben, zerstochen und vergiftet. Als Leser fragt man sich, muss so viel Grausamkeit sein? Die Autorin ist da anderer Meinung:

"Ich versuche wirklich, die Gesellschaft wiederzugeben, wie ich es erlebt habe. Es gibt einfach sehr viele unschöne Seiten. Viele schöne Figuren können zerstört werden, wenn man selber nicht kräftig genug ist, dann gehen sie zugrunde."

Wenn man als deutscher Leser das liest, diese Schlägerbanden, die mit einer unglaublichen Brutalität vorgehen, ist das realistisch? Haben sie bewusst übertrieben?

"Nicht übertrieben. Es gibt ja noch härtere Fälle. Ich habe nicht die härtesten Fälle genommen. Diese Entwicklung, wo viele versuchen voranzukommen mit allen Mitteln, das ist manchmal auch eine gefährliche Entwicklung. Es gibt schon noch härtere Fälle und China hat damit zu kämpfen."

Luo Lingyuan schildert sehr unterschiedliche Charaktere, die ehrlichen wie die skrupellosen, die sanften wie die brutalen. Alle sind konfrontiert mit einem neuen kapitalistischen System, das bereit ist, im äußersten Fall über Leichen zu gehen; ein System, in dem das Recht noch keinerlei Wirkung zeigt, weil es viel zu schwach entwickelt ist; ein System, in dem Korruption und Bestechung auf der Tagesordnung stehen. Wer keine guten Beziehungen hat, ist macht- und einflusslos und wird scheitern. Der gute Wille allein nützt nichts, das muss Dai in aller Härte erfahren, aber er hat sich auch vom Aufbaufieber anstecken lassen und muss dafür büßen.
Insgeheim verfolgt die Autorin aber noch ein anderes Ziel:

"Eigentlich hab ich diesen Roman auch Frauen gewidmet, weil ich da drin verschiedene Frauenrollen gezeigt habe...Das sind Frauen, die man im heutigen China überall erleben kann. Die Frauen sind stärker, die sind zäh, die sind stark, die haben Ausdauer und sind meistens leichter verletzlich und zärtlich."

Im Vordergrund stehen zwei Frauen: Roula, die eigenständige Unternehmerin und Sängerin werden will, und Anqi, die zur Retterin des Unternehmers Dai wird. Beide Frauen haben durch die Kulturrevolution und durch Armut eine bittere Kindheit hinter sich:

"Roula ist eine, die sich von der Gesellschaftstradition befreit. Sie will einen eigenen Weg gehen, aus eigener Kraft reich werden, sie will auch besser leben als ihre Feinde. Sie hat alles dafür eingesetzt; sie ist auch keine feste Beziehung eingegangen. Und dadurch, dass sie auch charmant ist, hat sie auch sehr viele Männer für ihre Karriere eingesetzt. Da hat sie eine tüchtige Waffe, die Frauen haben. Anqi ist schon eher ein bisschen mehr traditionell, aber auch von westlichen Gedanken beeinflusst und ein bisschen offener als viele traditionelle Frauen. Sie will eine offene Gesellschaft, aber sie will auch eine Familie haben. Anqi will viel Freiheit, die die Gesellschaft noch nicht unbedingt hergibt. Zum Beispiel Roula will sexuelle Freiheit, und das ist in China noch nicht ganz so problemlos. Anqi ist ein bisschen prüde in dieser Hinsicht, sie will aber eine gute Familie."

Die Frau des durch Skorpione getöteten Bruders von Dai ist eine Mustergattin, traditionell und zurückhaltend, ohne eigene Ansprüche und deshalb von vielen Männern verehrt und heimlich geliebt. Der vierte Typus von Frau in diesem Roman ist eine mustergültige Arbeiterin. Sie kommt vom Land und opfert sich durch unermüdliche harte Arbeit auf, um ihre Familie in der Provinz zu unterstützen bis sie vor Erschöpfung tot umfällt.

Luo Lingyuan zeichnet ein vielschichtiges Bild der heutigen chinesischen Gesellschaft, die sich im Aufbruch befindet und dafür einen hohen Preis zahlt. Die Autorin wollte aber nicht nur die Schattenseiten beleuchten, ihr kam es vor allem auch darauf an, Personen zu beschreiben, die trotz des gnadenlosen Konkurrenzkampfes ein Mensch mit Seele bleiben und sich von Macht und Materialismus nicht zerfressen lassen. Das sind die 'Sterne' von Shenzhen, und deshalb endet ihr Roman versöhnlicher als ihre ersten Erzählungen. Ob dieser Roman jedoch auch in China erscheinen könnte?:

"Es hängt natürlich davon ab, ob mein Name gern gesehen wird. Momentan sieht es so aus, dass mein Name in China noch nicht so gern gesehen wird, wahrscheinlich wegen meines ersten Buches. Wahrscheinlich muss ich unter einem anderen Namen veröffentlichen. Aber ich denke, in zwei Jahren wird der Roman auch möglich sein in China."

Luo Lingyuan: Die Sterne von Shenzhen. Dtv premium, 413 S., 14,90 Euro

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