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Es war einmal...

Karen Duve: "Die entführte Prinzessin"

Wer heute Romane über Prinzessinnen, Ritter, Zauberer und Drachen schreibt, macht sich bei Literaturkritikern nicht unbedingt beliebt. Da mögen fantastische Geschichten dank Harry Potter oder Tolkiens Herr der Ringe noch so sehr im Kinotrend liegen: Gerade deutsche Rezensenten tun sich weiterhin schwer mit dem, was man "Fantasy" nennt. Eskapismus - also: trivial-unproduktive Weltflucht - wirft man Romanen gern vor, in denen es nach realistischen Maßstäben nicht mit rechten Dingen zugeht. Ein Vorwurf, den die Boulevardpresse nun ebenfalls schnell für Karen Duves neues Buch "Die entführte Prinzessin" parat hatte. Schließlich beginnt das nicht nur märchentypisch mit "Es war einmal". Es handelt auch noch von einer wunderhübschen Prinzessin, um deren Hand sich dann gleich zwei wackere Edelleute streiten. "Darf eine der renommiertesten, deutschen Autorinnen einen Ritterroman schreiben?", fragte da die Frauenzeitschrift "Brigitte" bereits bang. Und das Konkurrenzblatt "Gala" war sich sicher: ein solcher "Ausflug in die Märchenwelt" ergäbe nun einmal "einfach keine gute Geschichte".

Von Gisa Funck

Trotz Drachen und Zwergen: der anspruchsvolle Fantasy-Roman klammert die Wirklichkeit nicht unbedingt aus. (Stock.XCHNG / Allan Browne)
Trotz Drachen und Zwergen: der anspruchsvolle Fantasy-Roman klammert die Wirklichkeit nicht unbedingt aus. (Stock.XCHNG / Allan Browne)

Der Impuls, zwischen einer angeblich höherwertigen, "realistischen" Literatur und einer angeblich minderwertigen Fantasy-Gattung zu unterscheiden, scheint immer noch ausgeprägt zu sein. Bleibt die Frage: Ist eine solche kategorische Unterscheidung wirklich berechtigt und überhaupt sinnvoll? Schließlich beweist schon ein flüchtiger Blick in die Literaturgeschichte, dass es in den großen Werken tatsächlich nur so vor märchenhaften Abenteuergeschichten wimmelt: angefangen bei Homers Ilias und Odyssee - über die Artussage und Wolfram von Eschenbachs Parzival - bis hin zur Geburt des modernen Romans mit Cervantes' Don Quichotte oder die Gruselstorys von Edgar Allan Poe. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.


Nicht umsonst stellte der Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov deswegen schon 1972 fest, dass es sich bei der fantastischen Literatur keineswegs um ein klar abgrenzbares, festes Genre handelt, sondern vielmehr um eine "verschwimmende Gattung". Die Ächtung einer angeblich "eskapistischen" Fantasy erweist somit als letztlich willkürliches Geschmacks-Urteil, das nach Meinung von John Ronald Tolkien sogar ideologische Gründe hatte. Mit nichts Geringerem als "Gefängniswärtern" des Geistes verglich der berühmte Schöpfer der Herr-der-Ringe-Triologie seine Negativ-Kritiker. Oder, wie es Tolkien 1960 wortgetreu formulierte: "Warum sollte man einen Mann verachten, der an andere Themen denkt und über andere Themen schreibt als nur über Gefängnisse und Kerkermauern?" Gemeint waren - wohlgemerkt - die Gefängnisse und Kerkermauern der so genannten "Wirklichkeit".

Nun ist es aber natürlich nicht so, dass anspruchsvolle Fantasy-Romane die so genannte Wirklichkeit tatsächlich ausklammern würden. Sie stellen sie bekanntlich nur anders dar: verschlüsseln sie allegorisch, oder verlagern menschliche Grundkonflikte entweder an ungewöhnliche Orte oder in ferne Zeiten. In dieser Hinsicht trägt auch Duves so genanntes "Märchen" nur bedingt märchenhafte Züge. Zwar kommen in Die entführte Prinzessin genretypische Figuren und Motive wie Drachen, Zauberer und verlorene Pantoffel vor. Der besondere Lektüre-Spaß dieses 400-seitigen Romans aber liegt vor allem darin, dass er nur so vor ebenso amüsanten wie intelligenten Verweisen strotzt: mal auf die aktuelle Gegenwart, mal auf eine historische Vergangenheit. Dann wieder auf die literarische Erzähltradition, oder auch auf Sprüche aus heutiger Werbung oder dem Beziehungsratgeber.

Dieses Spiel mit den Zitaten fängt schon bei den beiden Königreichen an, die im Roman vorgestellt werden. Beide stehen in einem Nord-Süd-Konflikt zueinander, der einem nur allzu vertraut vorkommt, weil sich darin auch zwei generell unterschiedliche Lebenshaltungen widerspiegeln. Im Norden liegt die Heimat der wunderhübschen Prinzessin Lisvana, um die sich in Duves Geschichte alles dreht: das so genannte "Nordland". Ein ziemlich unwirtlicher Flecken. Denn dieses nördlich gelegene Königreich ist geprägt von nasskalter Witterung, rauen Sitten und einem strengen Ehrenkodex. Man hat beim Nordland schnell das Bild raubauziger Germanen oder Wikinger im Kopf, auch wenn Duve ihren archaisch beschriebenen Nordländern zumindest zubilligt, schon schreiben und lesen zu können.

Das Nordland besaß äußerst geringfügige Silbervorkommen und noch geringfügigere Kupfervorkommen. Große Vorkommen gab es bloß an Blut saugenden Insekten. (…) Die Nordländer freilich hielten ihr Königreich für das schönste der Welt. Immerhin lag zu Weihnachten garantiert Schnee. (…) Er fiel bereits Ende Oktober in weißen, flauschigen Flocken vom Himmel. (…) Mit dem Schnee und der Kälte aber kam die Dunkelheit. Schon der November war ein finsteres Loch, das füllte man mit knusprigem Schafsschinken, gebackenen Schweinepfoten und triefenden Kapaunen. Im Schloss musste der Hofzwerg Pedsi täglich seine Purzelbäume schlagen, Honigbier floss in Strömen, der König erzählte Rentierwitze und die Ritter von ihren Ehrenhändeln. Wie die meisten Länder ohne bedeutende Vorkommen an Bodenschätzen hielt sich das Nordland viel auf seinen Stolz und auf seine Ehre zugute. Davon konnte man fördern und fördern, es wurde doch nicht weniger. (…) Spätestens im Februar gingen Honigbier und Wein aus, und die Ritters schauten immer melancholischer in ihre Becher. Die Hofdamen traten den Zwerg, wenn sie ihn bloß sahen, die Ritter traten ihre Knappen und den Hofzwerg obendrein. Manchmal verprügelten sie sich auch gegenseitig. (…) Das war die einzig wirkliche Abwechslung im Winter.

Duve unterläuft in Die entführte Prinzessin immer wieder genussvoll die Leser-Erwartung. So auch an dieser frühen Stelle. Das Königreich ihrer Prinzessin Lisvana erweist sich als Land, das längst nicht so märchenhaft-anmutig wirkt wie seine Königstochter. Im Nordland fließen weder Milch noch Honig, sondern herrschen bittere Armut und brutale Umgangsformen. Es stellt damit das genaue Gegenstück zum anderen, im Buch erwähnten Königreich dar, in dem Prinz Diego zuhause ist. Jener Prinz, der sich alsbald glühend in die Nordland-Prinzessin verliebt. Diegos südliches Mittelmeer-Reich mit dem wohlklingenden "Baskarien" ist ein reicher, von der Sonne durchfluteter und hochkultivierter Staat. Seine von Wasserkanälen durchzogene Hauptstadt "Basko" steht sogar im Ruf, mehr Brücken als Venedig zu besitzen: wohl nicht zufällig ein Werbespruch, den Duves Märchen-Metropole mit der heutigen Hansestadt Hamburg gemeinsam hat. Vor allem aber ist der baskarische Hof berühmt für seine luxuriösen Garten-Anlagen. Ein Hinweis, der die erfundene Monarchie dann wiederum in die Nähe des historischen Barock-Staats von Ludwig XIV. rückt, samt dessen prachtvoller Schlossgärten von Versailles:

Auf Anweisung der baskarischen Königin Isabella waren Teiche ausgehoben worden, Hügel abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgehäuft, riesige Bäume verpflanzt und rote Felsen herbeigeschleift worden. Man hatte sogar Höhleneingänge gegraben, in denen sich der Garten von unten betrachten ließ. Es gab Schaukeln für die Jugend, Springbrunnen, um die Luft zu kühlen, und Pavillons für das ungestörte Gespräch. Das ganze Gelände umschloss eine viele Kilometer lange Mauer, so dass nichts und niemand ohne Erlaubnis hereinkamen und das schöne Bild durch seine pöbelhafte Erscheinung stören konnte. (…) Und es war nichts Ungewöhnliches, wenn einer der viel hundert Hofgärtner plötzlich vor lauter Freude über seinen schönen Arbeitsplatz laut aufjauchzte oder mit der Unkrauthacke tanzte.

Die Liebe des baskarischen Prinzen Diego zur nordländischen Prinzessin Lisvana bietet Duve Gelegenheit, tüchtig Stile und Epochen durcheinander zu mischen. Tiefstes Mittelalter trifft in Die entführte Prinzessin auf frühe Moderne. Hinterste Provinz auf großstädtische Eleganz. Nordische Sittenstrenge auf südliches Laisser-faire. Und es sind nicht zuletzt seine starken Kontraste, aus denen sich die anspielungsreiche Komik dieses modernen Märchens speist. Als sich die reichen Baskaren etwa zur Brautschau ins karge Nordland aufmachen, bringen sie den Nordländern Bananen mit: fast so, als würden sie Affen im Zoo besuchen. Oder als Wessis nach dem Mauerfall in die ostdeutsche Zone fahren. Überhaupt wirkt das Personal, trotz Ritterrüstung und Kostümen, kaum einmal so, als wäre es tatsächlich einer fernen Epoche entsprungen. Schildert Duves auktorialer Erzähler doch alle Ereignisse in einer betont lapidaren Alltagssprache. Und auch ihre Helden unterhalten sich im Umgangston, und hegen höchst zeitgenössische Gedanken und Vorlieben. Sie wirken gleichsam wie verkleidete Zeitgenossen, die vor wechselnder, historischer Kulisse auftreten.

Lisvanas Königsvater Rotharfur erzählt da genauso gern seine Rentierwitze wie andere Spaßmacher heutzutage ihre Ostfriesen-, Blondinen- oder Häschen-Witze zum Besten geben. Der verwöhnte und ebenfalls sehr hübsche Baskaren-Prinz Diego gleicht einer Art Märchen-Punk, weil er - typisch-punkige Marotte - prinzipiell nur schwarze Kleidung trägt. Und auch seine baskarische Königsmutter Isabella könnte man als skrupellose Karrierefrau heutigen Zuschnitts interpretieren: inklusive eines für skrupellose Karrierefrauen typischen Rabenmütter-Verhaltens. Isabella interessiert sich nämlich einzig und allein für die Pflege ihrer Hofgärten.

Um ihren Sohn und ihren königlichen Ehemann Leo hingegen kümmert sie sich praktisch gar nicht. Daneben weckt natürlich auch die so genannte "Prinzessinnenliste der fahrenden Sänger" sofort aktuelle Assoziationen. Man denkt etwa an gängige Lifestyle-Magazine, wenn Diego sich in dieser alljährlich erscheinenden Liste über mögliche Ehe-Kandidatinnen informiert:

Prinz Diego las die Jahresliste der heiratsfähigen Königs- und Fürstentöchter eigentlich mehr aus Langeweile. (…) Die dritte Änderung in der Liste betraf die Prinzessin Lisvana vom Nordland. "Ah, Prinzessin Lisvana vom Nordland", dachte Prinz Diego, als er ihren Namen zum zweiten Mal überflog, "war das nicht die mit der popeligen Mitgift?" Aber dann blätterte er weiter zur Mitgift-Seite, und dort stand: "Nordland-Mitgift (…): Ja! Ja doch! Für den Hundsfott von einem Prinzen, der bei so viel Schönheit auch noch an Mitgift denken kann. Wir sagen nicht, was und wie viel. (…) Und wie schön die Prinzessin Lisvana ist? Ein Paradiesvogel, gefangen im Eis, ein Kleinod, nur eines wahren Königs und Helden würdig. Korallenrote Lippen, Goldhaar, durchsichtiger Hals, schneeweiße Hände, unvergleichlicher Liebreiz, nie gesehene Anmut und noch vieles mehr.(…)" Prinz Diego las die Beschreibung noch einmal. Er las sie ein drittes, viertes und zwölftes Mal. (…) Dies war die Liebe seines Lebens, sein Seelengegenstück, das wusste er ganz zweifelsfrei.


Prinz Diego ist von der Formulierung des Sängers Pennegrillo, wonach Lisvana einem "Paradiesvogel, gefangen im Eis", vergleichbar ist, so fasziniert, dass er sich auf der Stelle in die Nordland-Prinezssin verliebt. Auch das kann man als zeitgenössische Referenz verstehen.

Schließlich verlieben sich Märchenprinzen üblicherweise anders: auf den ersten Blick nämlich. Duves Prinz aber verguckt sich in Lisvana, wie sich auch heutige Teenager in ihre Idole vergucken: über Promi-Klatsch und Tratsch. Dummerweise jedoch ist die Nordland-Prinzessin schon so gut wie vergeben. Einmal nämlich hat Lisvana bereits im Treppendunkel dem nordländischen Ritter Bredur für ein paar Sekunden die Hand gedrückt.

Seitdem malt sie sich zusammen mit ihrer Ehrenjungfer Rosamonde schmachtend aus, "was für eine süße Lust" es wohl wäre, "von diesem tapferen Mann berührt zu werden".

Karen Duve ironisiert nicht nur an dieser Stelle ihres Romans die konservative Vorstellung von Anstand und Ehre, die in klassischen Märchen und Sagen stets eine zentrale Rolle spielt. Anders als Veralberungen aufs Genre aber, wie zuletzt etwa der Kinofilm "Sieben Zwerge - Männer allein im Wald", geht es der Autorin nicht darum, die alte Form lächerlich zu machen.

Die Autorin, die in Interviews immer wieder betont, als Jugendliche eine begeisterte Leserin von Heldensagen gewesen zu sein, lädt die Gattung vielmehr bewusst psychologisch auf. Oder anders gesagt: Ihr Erzähler richtet seinen Blick genau auf jene Aspekte, die herkömmliche Märchenerzähler mit Bedacht gerade aussparen: auf die innere Gefühlsverfassung der Helden.

Die genretypisch festgelegten Rollen von Gut und Böse müssen dabei unweigerlich ins Wanken geraten. In Die Entführte Prinzessin sind tapfere Ritter manchmal feige, Feuer speiende Drachen verspielt - und liebende Prinzessin äußerst gefühlsunsicher. Duves psychologischer Blick enttarnt die menschlich-allzumenschlichen Seiten. Was die Helden dann zwar weniger heldenhaft erscheinen lässt als ihre traditionellen Vorbilder. Anderseits aber eröffnet sich durch diese moderne Perspektive auch die Chance, wie im Roman eine Persönlichkeitsentwicklung der Figuren nachzuzeichnen, die in Märchen und Legenden normalerweise nicht vorkommt.

Tatsächlich diente Karen Duve eine alte, deutsche Heldensage als Vorlage für Die entführte Prinzessin. Es ist die Sage von der Königstochter Gudrun, die der Legende nach vom Normannen-Prinzen Ludwig entführt wurde, obwohl sie schon mit einem anderen Prinzen verlobt war. Duve hält sich nun insoweit an das Original, als auch Diego Lisvana kurzerhand per Schiff in seine Heimat "Baskarien" verschleppt - und deswegen ebenfalls ein Krieg ausbricht. Anders als Gudrun aber, die - ganz Vorbild an sittsamer Treue - alle Avancen ihres Entführers Ludwig strikt ablehnt, fühlt sich Lisvana schon bald zu Diego hingezogen. Da sie sich ihre Gefühle aufgrund ihrer nordländischen "Ehrpusseligkeit" jedoch nicht eingestehen kann, behandelt Lisvana den Prinzen schlecht. Umso schlechter, je lieber sie Diego eigentlich gewinnt.

Eines Abends (…) hörte Prinzessin Lisvana ein lautes Poltern und Klirren vor ihrer Tür. Als sie nachschaute, stand dort Prinz Diego. Er sah aus wie ein Wrack. (…) Offenbar hatte der Prinz mal wieder ein Tablett voller Speisen und Wein zu Lisvana bringen wollen, das Tablett aber fallen lassen. (…) "Ah, der tölpelhafte Tänzer!", sagte Prinzessin Lisvana. Prinz Diego starrte sie glasig an und drängte hinein. "Was soll ich tun", brüllte er, "was soll ich denn noch tun? Sag mir, was! (…) Warum liebst du mich nicht? Warum?"

Prinzessin Lisvana wandte den Kopf ab. Prinz Diego lief um sie herum, bis sie ihn wieder ansehen musste. "Ich weiß, was du denkst. Du denkst, ich habe mich da in eine Idee verrannt. Du denkst - bloß, weil meine Mutter mich nie geliebt hat, suche ich mir jetzt eine Frau, die mich auch nicht liebt."

"Das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe. So etwas denke ich überhaupt nicht. Ich denke, Ihr seid verwöhnt und habt immer alles gekriegt, was Ihr wollt, und jetzt könnt Ihr es nicht akzeptieren, dass jemand nein sagt. (…) Es kommt nicht darauf an, wie sehr man geliebt wird. Es kommt darauf an, wer man ist. Und, wenn ich Euch erhöre, wäre ich eine heimatlose Verräterin."

Mutterkomplex, Vaterhass, Bindungsangst: In Sachen Liebe stellen sich Duves Prinz, Prinzessin und Ritter mindestens ebenso ungeschickt an, wie es mitunter auch Normal-Sterbliche tun. Alle drei machen die sprichwörtlichen Mördergruben aus ihren Herzen. Und, indem sie ihre wahren Gefühle lange vor sich und den anderen verbergen, kommt es zu ebenso grausamen wie folgenreichen Missverständnissen. Aus falschem Stolz überschüttet Lisvana Diego mit Kränkungen. Der Prinz wiederum hält nicht zuletzt aus Rache an seiner egoistischen Mutter so hartnäckig an der Nordlandprinzessin fest.

Und selbst bei Diegos Nebenbuhler, dem Nordland-Ritter Bredur, hat man als Leser rasch den Verdacht, dass auch seine Liebesmotive nicht nur ritterlich sind. Schließlich wünscht Bredur sich nichts sehnlicher, als endlich einmal seinem martialischen Vater Fredur von Wackterthun zu imponieren, der seinen Sohn für einen geborenen Versager hält. Fredur, ein trinklustiges Raubein, verachtet Bredur so sehr, dass er selbst bei kleinsten Verfehlungen seines Sohnes immer gleich öffentlich die Todesstrafe für ihn fordert. Klar, dass der gedemütigte Filius da endlich einmal wie ein richtiger Held dastehen möchte. Und was wäre dafür besser geeignet, als die entführte Nordland-Prinzessin aus ihrer baskarischen Gefangenschaft zu befreien?

Bredur buhlt um die Anerkennung seines Vaters. Diego leidet unter einem Mutterkomplex. Und Lisvana möchte aller Welt beweisen, dass sie keine Prinzessin ist, die man sich einfach so mitnehmen kann. Ein Trio voller Neurotiker, die alle viel zu sehr in sich selbst verstrickt sind, um sich wirklich auf einen anderen Menschen einlassen zu können.

Sehr viel lebens- und liebesklüger erweist sich da, wie so oft in Parodien auf die Hofgesellschaft, der Hofnarr. Er ist der eigentliche Held von Duves Prinzessinnengeschichte: wenn auch ein stiller, abseitiger - und gewissermaßen einer im Halbformat. Körperlich ein Zwerg, muss Pedsi zunächst am nordländischen Hof ertragen, dass die adelige Gesellschaft an ihm regelmäßig ihre schlechte Laune in Form von Spott, Tritten und Schlägen auslässt. Bis er Lisvana an die Entführer verrät und am baskarischen Hof zum gefeierten Pilzgärtner und Lieblingszwerg der Königin Isabella aufsteigt. Seine außerordentliche Karriere gehört zu den anrührendsten Stellen im Buch. Doch ist es weniger seine äußere als seine innere Wandlung, die Pedsi von allen anderen Figuren abhebt. Der Hofzwerg wird zum Gärtner im umfassenden Sinne, der nicht nur lernt, dass Pilze wie "heimwehkranke Tiere" sind, die man einzeln - jeder Pilz für sich - pflegen muss. Pedsi, der unglücklich in Lisvanas Ehrenjungfer Rosamonde verliebt ist, erkennt auch, dass die Kunst, Pilze zu züchten, jener, ein fremdes Herz zu erobern, nicht ganz unähnlich ist. Für beides braucht man Konzentration und Geduld, wie ein Hofzwerg-Kollege ihm einmal verrät:passend zum buddhistisch anmutenden Klang dieses Ratschlags, ein Japaner mit Namen Ozamu:

Der Sonntag war der härteste Tag. Da musste Pedsi sich auf der Terrasse hinter dem Amphitheater auf eine Bank setzen und vom Mittag bis zum Einbruch der Dunkelheit dort sitzen bleiben, (…) um den Panoramblick zu komplementieren (…) Eines Sonntagnachmittags, als Ozamu am Panoramblick vorbeikam, sah er Pedsi vornüber gebeugt. "Sitz gerade", raunzte er, "du verdirbst die ganze Landschaft." Aber, wie Pedsi sich zu ihm umdrehte und Ozamu Pedsis kummervolles Gesicht sah, änderte er sogleich seinen Ton. "Ich weiß, es ist nicht ganz einfach, das alles über sich ergehen zu lassen."
(…)
"Darum geht es mir gar nicht", sagte Pedsi grämlich, "(…) Es ist wegen Rosamonde. Sie hasst mich." (…) "Was du brauchst, ist eine Aufgabe", sagte Ozamu, "Mach's wie ich. Frag die Königin, ob du nicht einen Teil ihres Gartens gestalten darfst." (…) Außerdem gibt es fast keine Frau auf der Welt, die man nicht haben kann, wenn man sich richtig darauf konzentriert. Du musst von dir selbst überzeugt sein, und du musst deine Rosamonde wirklich haben wollen, mehr als alles andere. Dann kriegst du sie auch."

Was der Hofzwerg Pedsi durch Belehrung lernt, sehen Lisvana, Diego und Bredur erst langsam, durch leidvolle Erfahrung ein. Wie den Hauptfiguren der vorherigen, beiden Romane von Karen Duve fällt es auch ihnen schwer, sich dem äußeren Erwartungsdruck ihrer Eltern und der Gesellschaft zu entziehen und einer eigenen Herzenswahrheit zu folgen. Wie die ess-gestörte Anne Strelau in Dies ist kein Liebeslied oder die magersüchtige Martina im Regenroman leiden auch die drei Märchenhelden an mangelndem Selbstwertgefühl und hängen im Teufelskreis aus Überforderung und Selbstentwertung fest. Nur gewinnt die Autorin dieser eigentlich zerstörerischen Psycho-Dynamik diesmal ungeahnt humorvolle Aspekte ab.

Ausgerechnet das, was üblicherweise als positives Ideal im Märchen gefeiert wird - die unverbrüchliche Liebe - empfinden ihre Prinzessin, ihr Prinz und Ritter oft genug nur als bedrückende Bürde. Oder, wie es Bredur lapidar ausdrückt, als "überhaupt etwas Fürchterliches, das nur schief gehen konnte."

Und damit es bei so viel Gefühlsunsicherheit überhaupt noch zum standartgemäßen, guten Ende kommen kann, stellt Tierfreundin Duve ihren Figuren auch diesmal wieder Hunde als Glücksbringer an die Seite. Oder besser gesagt: Tierische Helfer mit Hunde-Charme. Denn richtige Hunde tauchen in ihrem äußerst unterhaltsamen Selbstfindungs-Märchen nicht auf.

Dafür aber das erstaunliche Pony "Kelpi" des Ritters Bredur, das sich selbst Kaninchen und Fasane zum Abendessen jagt: um die Beute dann, Knochen nagend, am Lagerfeuer zu verspeisen. Und es gibt den Krötendrachen "Grendel", der ebenfalls eher ein hündisches als ein Drachen-ähnliches Verhalten an den Tag legt. Welches im Gegensatz zu seinem Namensvetter aus der altenglischen Sage "Beowulf" vergleichsweise harmlos ausfällt. So harmlos wie das eines verspielten Kampfhundes eben:

Der Drache rannte mit aufgesperrtem Maul geradewegs auf den Ritter zu. Nicht ohnmächtig werden, dachte Bredur, bloß nicht ohnmächtig werden! Wenn er sich das Pferd schnappt, musst du alle Glieder aus dem Weg nehmen und weg springen, sowie du frei kommst. In diesem Moment erkannte er, dass es sich bei den meertangartigen Fransen des Drachen um Beine und Füße handelte, zu denen noch Rumpf, Arme und Kopf gehörten. Auf dem Hals des Drachen saß ein Mann mit weißem Bart und violettem Spitzhut, allem Anschein nach ein Zauberer. "Keine Aaaangst! Der tuuuut nichts!", brüllte der Zauberer mit weit offenem Mund gegen den Fahrtwind an. "Der will nur spiiiielen." (…) Bredurs Pferd Kelpi scharrte mit durchdrehenden Hufen im Morast. (…)"Wie kann man so mit seinem Drachen durch die Gegend rasen und anderer Leute Pferde zu Tode erschrecken. Drachenhaltung gehört sowieso verboten!", legte Bredur los, der sich endlich aus seiner Erstarrung löste.

Grendel, der Krötendrache dritter Nobilität, ist es schließlich, der Lisvanas falschen Stolz bricht und Bredur tatsächlich zum Helden macht.

Unter dem Gewand des Märchens steckt in Die entführte Prinzessin ein moderner, psychologischer Beziehungsroman, in dem sich nicht die real auftretenden Drachen und Meeres-Ungeheuer als die wahren Monster herausstellen. Es sind vielmehr die Dämonen im Kopf, die bei Karen Duve erneut für die wirklichen Ungeheuerlichkeiten sorgen. Nicht unbedingt eine neue Botschaft. Aber eine, die selten so spannend und originell in einem Märchen verpackt wurde.

Karen Duve: "Die entführte Prinzessin", Eichborn Berlin Verlag, 398 Seiten, 24,90 Euro.

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