Montag, 18.12.2017
StartseiteBüchermarktEs wird immer später01.09.2002

Es wird immer später

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

<em>Mein Liebling, durch Zufall habe ich erfahren, dass Du noch am Leben bist. Der Gärtner der Sharia Farassa ist ein alter Mann, dessen Großeltern Italiener waren, und da er die Verbindung zur Heimat seiner Vorfahren aufrecht erhalten will, hat er eine Tageszeitung abboniert, die ihm jeden Morgen ins Geschäft geliefert wird und die er wahrscheinlich gar nicht liest, am Tag darauf wickelt er den Salat damit ein. </em>

Maike Albath

Vierzig Jahre lang hat der Verfasser geschwiegen. Ohne ein Wort war er weg gegangen aus der toskanischen Heimat, hatte einen neuen Namen angenommen, in Neapel, Saloniki und Alexandria gelebt, sich mit seinem Harfenspiel über Wasser gehalten und seiner Geliebten nie auch nur eine Zeile übersandt. Als er auf dem zerknitterten Zeitungspapier seines Gemüsehändlers das Foto der ehemaligen Freundin entdeckt, fällt er in ein Zeitloch. Plötzlich erwacht die Vergangenheit in ihm. Er setzt sich hin und schreibt ihr einen Brief.

Am Samstag trieb ich mich in der Altstadt herum, las die Namen an den Türklingeln, aber die Namen unseres Volkes waren verschwunden, sogar die, die seit Jahrhunderten griechisch klangen. Hin und wieder, ganz selten, klingelte ich an einer Tür. Wen wollte ich treffen, wirst Du mich fragen. Tja, wen wollte ich treffen: eine alleinstehende Frau, alte Überlebende, Fremde, die sich fragten, was oder wen ich suchte? Und ich frage mich auch selbst: Was suchte ich? Wen suchte ich? Hielt ich mich vielleicht für David, der den Auftrag bekommen hatte, seine Volk zu zählen? Und um was für eine Zählung handelte es sich eigentlich, sofern man sie überhaupt so nennen konnte? Sammelte ich vielleicht Schatten? Aber ja doch, im Grunde habe ich zwanzig Jahre damit zugebracht, Schatten zu zählen, genau das habe ich in Saloniki gemacht. Mir war fast, als würde ich die Töne, die ich am Abend bei den Konzerten spielte, in einem bodenlosen Korb einsammeln.

Siebzehn Mal begibt sich Antonio Tabucchi in seinem neuen Buch Es wird immer später in die Rolle eines anonymen Briefschreibers, siebzehn Mal lässt er einen Mann an eine verlassene Gefährtin, Ehefrau, Verstorbene oder ehemalige Geliebte schreiben. Sämtliche Verfasser wenden sich aus großer Distanz an die Empfängerinnen und verbergen sich hinter einer Art Nebelwand, die sich nur dann und wann auflöst. Wie bei einem Rätsel ist die Kombinationsgabe des Lesers gefragt, er kann die verräterischen Äußerungen aufklauben und zu einem Bild zusammen setzen. Hier scheint die sehnsuchtsvolle Stimme einem spanischen Juden zu gehören, einem Angehörigen der Sepharden, die Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben wurden und nach Südosten flohen. Die Deportationen während des Zweiten Weltkrieges erlebt der Harfenist als eine Wiederholung. Von einem inneren Diktat getrieben, nimmt der Musiker den Weg seiner spaniolischen Urväter gen Osten und sucht nach den versprengten Resten seines Volkes. Sesshaft wird er nirgends; er trägt nicht einmal seinen tatsächlichen Namen, sondern wechselt je nach Aufenthaltsort die Identität. Sein Harfenspiel, so begreift man nach einer Weile, ist seine Heimat und Requiem für die unzähligen namenlosen Toten zugleich. Subtil illustriert Tabucchi über den Akt des Briefschreibens einen Erkenntnisprozess. Erst nach vierzig Jahren kann der Verfasser zurückblicken auf das, was sein Leben war - dadurch, dass sich der Harfenspieler erinnert und die Erinnerung in Sprache fasst, findet er den Anfang seiner Geschichte. Die Zeit ist plötzlich keine Spirale mehr, die sich unendlich repetiert, sondern sie wird erzählbar und gewinnt Kohärenz.

Der Sinn eines Lebens kann jedoch auch darin bestehen, unsinnigerweise verschwundene Stimmen zu sammeln und vielleicht eines Tages zu glauben, sie gefunden zu haben, eines Tages, wenn man schon gar nicht mehr damit gerechnet hat, eines Abends, wenn man bereits müde und alt ist und im Mondschein spielt und alle die Stimmen einsammelt, die aus dem Sand kommen. Und man denkt, es sei kein Wunder, denn wir brauchen keine Wunder, die überlassen wir gerne den anderen. Und dann, denkt man, war es vielleicht nur eine Illusion, eine erbärmliche Illusion, die dennoch einen Augenblick lang wahr war, solange man gespielt hat. Und nur deshalb hat man gelebt, und man glaubt, dass die Sinnlosigkeit dadurch einen Sinn bekommt, meinst Du nicht auch?

In einem leichtfüßigen Parlando verhandelt Tabucchi die letzten Dinge, sein Stil ist wie gewohnt elegant, manchmal fast schwebend, durchzogen von einem melancholischen Grundton. Der Harfenist entwirft in seinem Brief eine Philosophie in nuce: es sind Epiphanien, augenblickliche Zustände der Erfüllung, die den Sinn eines Lebens ausmachen. Zumindest einen Moment lang hat der Sepharde durch sein Spiel den Seelen der Verstorbenen Ausdruck verliehen und ihnen ihre Würde zurück gegeben. Die Erzählung des Harfenspielers zählt zu den gelungeneren des Bandes, aber schon hier zeigt sich Tabucchis Neigung zu mystischer Verrätselung und künstlicher Überfrachtung. Immerhin gibt es noch so etwas wie ein Geschehen, und dieser Geschehensrest besitzt eine gewisse Tiefe. Das Getriebensein des Protagonisten und sein Schmerz um das verpasste Leben wirken glaubhaft, eine tragische Empfindung wird zumindest gestreift.

Antonio Tabucchi ist ein Liebhaber des Unerklärbaren. Seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt sich der toskanische Schriftsteller mit der Rätselhaftigkeit des Lebens. Seine Helden empfinden das eigene Dasein als Geheimnis, jede Antwort wirft neue Fragen auf, jede Lösung birgt einen mysteriösen Kern und jede Reise führt in ein Labyrinth. Die Irreversibilität der Zeit und die Irrwege des Schicksals sind auch das Scharnier seines neuen Buches, und streng genommen sind sämtliche Briefe Variationen desselben Themas. Das ist das große Problem von Es wird immer später. Denn der toskanische Schriftsteller hat so etwas wie einen Ideenroman geschrieben, wobei er über den Ideen den Roman vergaß. Tabucchi, der sich als Professor für Portugiesische Literatur vor allem um Fernando Pessoa verdient gemacht hat, sieht sich in der Nachfolge des sagenumwobenen Dichters. Wie sein großes Vorbild liebt er die literarische Travestie, aber in seinem Briefroman ähneln sich die Stimmen. Der Gestus des sehnsüchtigen alten Mannes, der der verlorenen Zeit nachtrauert, nutzt sich ab, die zur Schau getragene Ausweglosigkeit droht zur Pose zu gerinnen. Es hapert an überzeugenden Figuren, nachvollziehbaren Handlungen, ja, an Geschichten überhaupt.

Meine Liebe, ich weiß, Du beschäftigst Dich mit der Vergangenheit: Es ist Dein Beruf. Aber das hier ist eine andere Geschichte, glaub mir. Die Vergangenheit ist leichter zu verstehen. Man dreht sich um und wirft einen Blick zurück, sofern das überhaupt möglich ist. Und wie wir aus bestimmten Romanen, die noch dazu gut sind, wissen, bleibt die Vergangenheit immer irgendwo hängen, und sei es auch in Fetzen. Um sie wahrzunehmen, genügt manchmal ein Reiz, der über den Geruchs- oder den Geschmackssinn empfangen wird. Oder irgendeine Erinnerung, egal welche.

Das Spiel mit den Zeitebenen zählt seit den 80er Jahren zu den oft brillant und geistreich inszenierten Erzählstrategien des toskanischen Professors, aber auch hier erliegt Antonio Tabucchi der Versuchung, seiner Figur abstrakte Reflexionen über die Empfindung von Zeit in den Mund zu legen, statt sie direkt agieren zu lassen. Seine Helden denken zu viel, und sie sprechen auch noch darüber. Varianten der Proustschen Madeleine - ein zerknittertes Zeitungsfoto, wie in der Geschichte des Sepharden, ein nach Jahrzehnten entdeckter Brief, ein altes Haus, eine vertraute Melodie - katapultieren seine Akteure in ein schillerndes Zeitvakuum, in dem sich die Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder auflösen. An Tabucchis Gewitztheit als Konstrukteur besteht kein Zweifel: er konterkariert die Zeitbahn, auf der sich seine Briefschreiber befinden, mit der Linearität des Lesens. Denn meistens wird das Leben seiner Helden von hinten aufgedröselt: der Verfasser erzählt aus der Retrospektive von seinen Erfahrungen, er hält an einem bestimmten Punkt inne, schaut über die Schulter und setzt das, was ihm wiederfuhr, neu zusammen. Durch das Voranschreiten der Lektüre bewegt sich der Leser in die entgegen gesetzte Richtung: es entsteht eine Reibung der Chronologien. Der wissenschaftstheoretisch sehr beschlagene Tabucchi macht uns dadurch auf die Komplexität unserer Zeiterfahrung aufmerksam und variiert eine Erkenntnis der modernen Physik. Die Zeit als solche gibt es nämlich gar nicht. Sie ist nur eine Koordinate in einem vierdimensionalen Kontinuum, eine Weltlinie, die wir für unsere Orientierung und unser Denken brauchen. So faszinierend diese philosophischen Paradoxien sein mögen - literarisch hält Tabucchi seinen theoretischen Ansprüchen häufig nicht stand. Seine Briefschreiber sind versponnen, ohne wirklich verrückt zu sein, sie tun verzweifelt und wissen doch immer versiert zu plaudern, und sie neigen zu Wiederholungen.

Madame, meine liebe Freundin, wie das Leben so spielt. Und was die Dinge lenkt: ein Nichts. Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen, und jetzt denke ich darüber nach. Und außerdem: Suchen wir, oder werden wir gesucht? Auch darüber sollte man nachdenken. Jemand flaniert zum Beispiel am Abend über die Straßen, geht von Café zu Café, lässt sich vom Zufall treiben, wie ich, der ich an Schlaflosigkeit leide.

Mit diesen Worten hebt die Erzählung "Forbidden Games" an, in der der Held und Verfasser des Briefes in einem Pariser Café nach dem Prinzip der russischen Puppe auf einen jahrzehnte alten Brief seiner früheren Geliebten stößt. Hätte er ihn damals erhalten, wäre sein Leben anders verlaufen, ein nichtiger Zufall, die Verwechselung eines Ortes, hatte sein Schicksal bestimmt. Zugegeben, ein faszinierender Gedanke. Aber er verliert an Ausstrahlung, wenn man ihm mehrfach begegnet. In den 17 Briefen geht es nicht nur fortwährend um das ewige Ineinanderfließen allen Seins, das ständige Werden und Vergehen, sondern auch um die Existenz des Nichts, das den Lauf der Welt bestimmt. Drei Mal wagt Tabucchi eine wortwörtliche Wiederholung. Auch ein alternder Schriftsteller, der nach jahrelangem Ausharren endlich seine Angebetete besitzt, serviert uns diese Erkenntnis.

Aber unsere Geschichte könnte trotzdem so beginnen, denn genau wie in diesem Roman ist auch bei unserer Geschichte die Zeit von elementarerer Bedeutung: die Zeit, die aus nichts besteht, so wie auch die Dinge aus nichts bestehen, aus einem petit rien, das daran erinnert, was die Dinge bewirkt - ein Nichts zuweilen.

Der Ausspruch bekommt etwas Sentenzartiges, spätestens beim dritten Mal wirkt die Einsicht irritierend und man liest entnervt darüber hinweg. In seiner Erzählung "Das indische Nachtstück", mit der Tabucchi 1984 der literarische Durchbruch gelang, sind ebenso wie in dem großartigen Band "Das Umkehrspiel" von 1988 Traum und Wirklichkeit fast dasselbe. Man war von den flirrenden Prosa-Gebilden fasziniert. Der toskanische Professor schien genau das richtige Maß an absichtsloser Virtuosität und Bildung zu entfalten. Außerdem hatte Julia Kristevas Rede von der Intertextualität inzwischen auch noch den verschlafensten Weltwinkel erreicht, da kam Tabucchi mit seinem kulturgeschichtlichen Anspielungsreichtum gerade recht. Seine Inszenierung der Fiktion, die Überblendungen von Raum und Zeit, die barocken Satzgewinde, geschickt platzierte Archaismen und die elliptischen Erzählformen mit den Krimisplittern schufen eine ganz eigene Atmosphäre. Was sich dahinter eigentlich verbarg, wusste man nicht so genau. Man erlag der Schönheit der Verhüllung. In seinem neuen Buch entsteht nun der Eindruck, dass die formale Beschaffenheit der Erzählungen gegenüber dem, was erzählt wird, noch an Bedeutung gewinnt. Der Leser ist Teil des Spektakels, er darf hinter die Kulissen schauen und wird eingeweiht in die Regeln, nach denen das Imaginäre funktioniert. Inspiriert von der Lektüre eines Fachmanns in diesen Fragen, nämlich des französischen Philosophen Clement Rosset, lässt Tabucchi in Es wird immer später einen seiner Briefschreiber detailliert von einer Reise nach Samarkand berichten, die niemals statt fand. Dennoch gibt es viel darüber zu sagen, und sie scheint wahrhaftiger als tatsächlich geschehene Dinge. Der Brief liest sich wie eine Propädeutik in die Phänomenologische Logik. Überhaupt wimmelt es in allen Briefen von intertextuellen Seitenhiebe: die unzähligen literarischen Zitate, musikalischen Paraphrasen und filmischen Bezüge sind eine Spezialität Tabucchis. Das mag für Freunde der literaturgeschichtlichen Schnitzeljagd ganz amüsant sein. Aber auch hier gilt: das Mosaik der Verweise ist interessanter als die Briefe selbst, es mangelt an einer Welt im Text. Tabucchi verspielt außerdem die Möglichkeiten des Genres. Nun erzählt Es wird immer später mitnichten, anders als es der Untertitel "Ein Roman in Briefform" verspricht, eine durchgängige Geschichte mit denselben Akteuren nach dem Muster der klassischen Briefromane von Rousseaus Julie oder die neue Héloise über Choderlos de Laclos Gefährliche Liebschaften bis zu Goethes Werther. Das wäre auch keine Voraussetzung für einen gelungenen Briefroman. Aber durch die zahlreichen Wiederholungen einerseits und das wechselnde Personal andererseits verschleißt sich die Form. Mit den Pfründen des Genres - der großen Unmittelbarkeit und der seelischen Intimität zwischen dem Verfasser der Briefe und dem Leser - kann Tabucchi nicht wuchern.

Nur eine Eigenschaft teilt Tabucchi mit den Klassikern: auch die Briefe seiner siebzehn Männer sind ausnahmslos Liebesbriefe. Und wie es sich für veritable Liebesbriefe gehört, haben Sex und Begehren darin ihren Platz. Allerdings gestaltet sich der Umgang mit dem Geschlechtlichen eher bizarr. Da ist von verspritzten Samen auf einem Lavendelfeld die Rede. In einem anderen Brief wird der desorientierte Absender von einem eigentümlichen Juckreiz auf der Eichel befallen. In einem dritten Brief geht es um den Sohn des Verfassers, der schon als Zwölfjähriger mit den Geschlechtsmerkmalen eines Erwachsenen ausgestattet ist. Doch damit noch lange nicht genug: auch das weibliche Genital kommt vor. Mitten in Griechenland trifft ein Mann in der Apsis einer Dorfkirche auf eine Tür, hinter der eine unentgeltliche Wiedergeburt statt finden soll. Neugierig tritt er ein.

In meiner Erinnerung sah ich plötzlich Deine Möse (entschuldige, wenn ich darauf bestehe, die Dinge beim Namen zu nennen) klaffend offen vor mir, wenn ich das so sagen darf, und das war zweifellos ein wenig blasphemisch, denn immerhin befand ich mich an einem geweihten Ort, auch wenn er seiner Bedeutung schon lange enthoben war. Und ich begriff, dass ich, im Gegensatz zu Kazantzakis, nicht frei war. Dass ich vielmehr ein Gefangener meiner selbst war. Und vor allem war ich nicht mehr jung, oder zumindest nicht mehr so jung wie damals, als ich Dich kennen gelernt habe. Aber ich glaubte, dass ich inzwischen mehr verstand, viel mehr. Wie merkwürdig manche Assoziationen doch sind: die Vorstellung etwa, Dein Spalt sei nicht nur eine Art Wirbel, von dem ich mich mitreißen lassen möchte, weil er mir unsagbare Wonnen bereitet hat (das wäre zu einfach), sondern er stelle tatsächlich eine Möglichkeit dar, zu dem zurückzukehren, was vor der Erinnerung liegt, zum Ursprung der Welt, wie der scharfsinnige Maler es genannt hat, und noch weiter, bis zum Ursprung aller Ursprünge, bis zu den Einzellern oder, besser noch, den Bakterien oder, besser noch, bis zum Wort, das wohl die zutreffendste Metapher für die Aminosäure ist. Was bin ich doch für ein Idiot, nicht wahr?

Soll das ein Witz sein, eine Posse in Woddy-Allen-Manier, ein Mann, der die Welt als einen überdimensionalen Frauenkörper erlebt, auf dem er herum turnen darf? Oder sind wir nicht auf der Höhe der ästhetischen Diskussion, geht es um die Desavouierung gewisser poststrukturalistischer Theoreme, die das weibliche Geschlecht mit der Lücke, dem gap, dem ewigen Abwesenden assoziieren? Übersehen wir einen wichtigen Beitrag zur Gender-Frage? Im Anfang war das Weibliche und dann erst das Wort, der männliche Logos, das penetrierende Element? Tabucchis Ausflüge in die Sexualkomödie haben nichts Süffisantes, sondern wirken penetrant und peinlich. Beruhigenderweise scheint aber das Weibliche dann doch die Rettung zu sein. Der Band schließt nämlich mit einem achtzehnten Brief, zugleich die Titelerzählung, in dem eine Frau ihre Stimme erhebt und sich an sämtliche männlichen Absender wendet. Die Formulierung "Es wird immer später" ist wörtlich gemeint.

Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, geht leider zu Ende. Klotho und Lachesis haben ihre Aufgabe erfüllt, und nun bin ich dran. Sie, meine Herren, werden mir verzeihen, aber in diesem Augenblick, den ich mit einer anderen Sanduhr messe als Sie, scheint für Sie alle dasselbe Jahr, derselbe Monat, derselbe Tag und dieselbe Stunde auf: der Zeitpunkt, an dem der Faden durchgeschnitten werden muss. Darin besteht mein Auftrag, und ich erfülle ihn, glaube Sie mir, nicht ohne Bedauern. Jetzt. Augenblicklich. Sofort.

Das Abendland mit seinen griechischen Göttern wird herauf beschworen, und die Parzen haben das Sagen. Nach der Spinnerin Klotho und der Loswerferin Lachesis ist Atropos, die Unabwendbare, an der Reihe. Sie ist im Besitz eines Kastrationsinstruments, zückt die Schere und schneidet den Männern das Wort ab. Ein origineller Schluss. Endlich kommt Bewegung in die Angelegenheit, endlich unterbricht jemand die herum lavierenden Herren, endlich erfährt man Näheres über die Empfängerinnen. Vielleicht hätten die weiblichen Schicksalsmächte nicht so lange stumm bleiben dürfen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk