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StartseiteEuropa heutePräsident Ilves und die Digitalisierung seines Landes18.12.2013

EstlandPräsident Ilves und die Digitalisierung seines Landes

Estland ist eines der digitalsten Länder Europas, zu den Grundrechten gehört unter anderem der Zugang zum Internet. Das beliebte Staatsoberhaupt Toomas Hendrik Ilves ist ein idealer Repräsentant Estlands: Er hat schon als Teenager Computerprogramme geschrieben.

Von Gabor Paal

Estlands Präsident Toomas Hendrik Ilves sieht immer noch eine Teilung zwischen West- und Osteuropa. (picture alliance / dpa / Kimmo Brandt)
Erst spät hat Toomas Hendrik Ilves den Weg in die Politik gefunden. (picture alliance / dpa / Kimmo Brandt)
Weiterführende Information

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Er grüßt mit einem gepflegtem "Grüß Gott" – schließlich hat er fast zehn Jahre in München gearbeitet, als Journalist bei Radio Free Europe. Ilves spricht gern über die Vorreiterrolle seines Landes in Sachen Digitalisierung, über Verschlüsselungstechniken und Cybersicherheit. Zurückgelehnt sitzt er, in seinem Sessel, die Hände ruhen auf den Armlehnen.

"Ich finde in den meisten Staaten bewegt sich die Diskussion auf dem Niveau von digitalen Analphabeten. In Deutschland, entschuldigen Sie, aber das ist Wahnsinn."

Toomas Hendrik Ilves ist nicht der Typ von Staatsoberhaupt, der seine Worte vorsichtig wägt und sich hinter wohlfeilen blumigen Phrasen versteckt. Er lässt auch durchblicken, dass seine Amtskollegen in den anderen europäischen Ländern sich mit ihm nicht wirklich auf Augenhöhe bewegen, wenn sie etwa über die NSA-Affäre sprechen.

"Wenn ich mir die Äußerungen aus den europäischen Hauptstädten anhöre, die die USA wegen dieser Sachen verurteilen, sage ich: Ihr versteht nicht, worum es geht. Das Problem ist, dass die IT-Revolution zu spät kam, als dass die Leute, die heute in politischer Führung sind, da noch mitkommen könnten, und deshalb kam es nach der Snowdon-Geschichte zu all diesen albernen Äußerungen. Jetzt sind wir über die Aktivitäten der NSA und des GCHQ in Großbritannien informiert worden, aber ich wäre wirklich überrascht,  wenn Europa eine weiße Weste hätte und nur die USA die Bösen sind. Die Europäer überwachen das Netz ebenfalls. Es gibt natürlich andere Staaten, die machen noch weitaus mehr. Russland hat offiziell verkündet, dass die gesamte Telekommunikation in Sotschi überwacht wird."

Aus Spaß verschlüsselt Toomas Hendrik Ilves Emails mit banalem Inhalt besonders gut

Dass ausländische Geheimdienste seine E-Mails lesen oder sein Handy ausspionieren – das war ihm schon vor der NSA-Affäre klar. Manchmal würde er aus Spaß gerade E-Mails mit banalem Inhalt besonders gut verschlüsseln, um dem russischen Geheimdienst etwas zu tun zu geben.

"Ich habe mit Computer schon viel länger zu tun, nicht erst, seit ich Präsident bin. Ich habe mein erstes Programm mit 13 Jahren gelernt, vor 47 Jahren. Meinen ersten eigenen Computer hatte ich 1982, ein Apple 2E. Und wenn man sich das ganze Leben damit beschäftigt hat, ist es nicht so schwer, auf dem Laufenden zu bleiben. Meine Mitarbeiter wissen das, ich schicke denen ständig Lektüre über diese Themen."

Erst spät hat Toomas Hendrik Ilves den Weg in die Politik gefunden. Geboren 1953 in Stockholm als Sohn  estnischer Exilanten wächst er in den USA auf, studiert Psychologie in New York. Es folgten die Münchener Jahre und anschließend ein Botschafterposten in Washington.  1996 dann, mit 43 Jahren, zieht er nach Estland. Wird Außenminister, später Mitbegründer der heute sozialdemokratischen Partei Estlands, und schließlich 2006 Staatspräsident. Bei seiner Wiederwahl 2011 erhält er fast eine Dreiviertel-Mehrheit im Parlament. Die Jahrzehnte im Ausland und die späte Heimkehr haben seinem Ansehen nicht geschadet. Er ist beliebt, wird respektiert, nur manche sagen, er habe die Außenministerrolle nie wirklich abgelegt, denn er reist viel in der Welt herum und tritt vor allem als Image-Botschafter seines durchdigitalisierten Landes auf.

Manche sagen, er habe die Außenministerrolle nie wirklich abgelegt

"In vielerlei Hinsicht ist Estland das geworden, was ich mir vor 15 Jahren vorgestellt habe, als ich diese Entwicklung mit angestoßen habe. Ich weiß nicht, wo es endet."

Auch wenn ihn, wie er sagt, die NSA-Enthüllungen wenig überrascht haben, so tritt er jetzt umso mehr dafür ein, den Datenverkehr in Europa besser zu schützen.

"Ich habe das Problem auf der Münchner Sicherheitskonferenz gegenüber den Vertretern der USA angesprochen, noch bevor das Thema in diesem Sommer durch die Snowdon-Enthüllungen hochkochte. Ich sagte, da gibt es ein Problem. Die Amerikaner meinten, da ist kein Problem. Ich sagte: doch. Und was sollen wir tun, fragten sie. Ich sagte, nachdem der Trend immer mehr Richtung Cloud Computing geht, müssen wir überlegen, europäische Clouds zu entwickeln. Das ist eine große Herausforderung, an der ich gerade in meiner Freizeit arbeite."

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