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StartseiteUmwelt und VerbraucherGefährdete Ernten durch unerwünschte Tierarten14.07.2016

EU-ListeGefährdete Ernten durch unerwünschte Tierarten

Waschbären und Grauhörnchen, asiatischer Knöterich und großblütiges Heusenkraut – das sind einige der Arten, die künftig unerwünscht in Europa sind. WWF-Sprecher Roland Gramlich sagte im DLF, er habe Zweifel, ob die von der EU aufgestellte Liste mit unerwünschten Arten weiterhelfe.

Roland Gramling im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Ein Waschbär sitzt im Wildpark Grafenberger Wald in Düsseldorf auf einem Baum. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
Gehört jetzt zu den unerwünschten Arten: der Waschbär (hier auf einem Baum im Wildpark Grafenberger Wald in Düsseldorf) (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
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Susanne Kuhlmann: Waschbären und Grauhörnchen, asiatischer Knöterich und großblütiges Heusenkraut, das sind einige der Arten, die künftig unerwünscht in Europa sind. Die EU-Kommission hat sie gestern auf eine Liste mit 37 Tieren und Pflanzen gesetzt, die daran gehindert werden sollen, sich weiter auszubreiten. Ein Problem ist allerdings: Diese Arten sind bereits sehr stark auf dem Kontinent vertreten. Ein anderes - und das bringt die EU-Kommission dazu, diese Liste aufzustellen: Manche gefährden Ernten oder Viehherden, andere beeinträchtigen die Artenvielfalt.

Am Telefon in Berlin ist Roland Gramling, Sprecher der Umweltorganisation WWF. Guten Tag, Herr Gramling.

Roland Gramling: Guten Tag.

Kuhlmann: Wie hindert man unerwünschte Tiere und Pflanzen daran, sich weiter auszubreiten?

Europa war schon immer ein Einwanderungskontinent für Arten

Gramling: Wie man sie daran hindert, das ist eine große Frage, mit der sich ganz viele Experten beschäftigen. Das Hauptproblem ist eigentlich, wenn sich erst mal invasive Tier- und Pflanzenarten irgendwo festgesetzt haben in einem neuen Lebensraum und ihre Nische da besetzen, dann ist es so gut wie unmöglich, sie wieder wegzubekommen und sie zurückzudrängen. Auch die weitere Ausbreitung gelingt diesen Arten meistens und kann nur verhindert werden, wenn überhaupt, indem man richtig viel Geld investiert.

Kuhlmann: Wann ist eine Art denn überhaupt eine fremde? Kennen wir eine Stunde null, was das europäische Artenspektrum betrifft?

Gramling: Europa war schon immer ein Einwanderungskontinent für Arten, weil wir einfach nicht isoliert sind. Das heißt, es gab hier immer einen Austausch von Arten. Es kamen immer neue Arten dazu, alte verschwanden. Allerdings muss man natürlich sagen, dass viele der invasiven Tierarten, die wir heute kennen, vor allem durch den Menschen nach Europa kommen. Das heißt, der Mensch ist quasi die Transporthilfe und sorgt dafür, dass die Arten viel schneller und in viel größerem Maße nach Europa eindringen können. Ein wirkliches Problem sind invasive Arten natürlich dann vor allem in Inselländern wie Australien oder Neuseeland. Dort kannte man vorher keine invasiven Tierarten, weil einfach keine Arten diesen Sprung auf diese sehr entlegenen Regionen geschafft haben.

Kuhlmann: Warum stellt die EU-Kommission diese Liste nun auf? Wie kann es zum Beispiel ausgehen, wenn ein Tier oder eine Pflanze in unserem Ökosystem Schaden verursacht? Laut EU-Kommission soll der jedes Jahr ungefähr zwölf Milliarden Euro betragen.

"Nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches Problem"

Gramling: Auch der WWF hat bereits 2009 eine ähnliche milliardenhohe Zahl in den Raum gestellt. Da haben wir eine Untersuchung gemacht, eine große Studie, und ein Beispiel ist zum Beispiel die nordamerikanische Rippenqualle. Die wurde durch das Ballastwasser von Schiffen ins Schwarze Meer, aber auch in die Nord- und Ostsee eingeführt. Im Schwarzen Meer hat sie zum Beispiel Sardelle und Sprotte nahezu ausgerottet und auch in Nord- und Ostsee richtet sie Schäden an. Das bedeutet, dass die invasiven Tier- und Pflanzenarten hier nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches Problem sind. Trotzdem geht diese Liste der EU so ein bisschen an dem eigentlichen Problem vorbei. Natürlich ist der Waschbär eine invasive Tierart. Er hat sich in Deutschland festgesetzt. Er wird auch nicht mehr verschwinden. Das wirkliche Problem ist aber Kleinstlebewesen aus dem Meer, die über das Ballastwasser in unsere Flüsse, in unsere Seen, in unsere Meeresregionen vordringen, und da gibt es eigentlich wirksame Maßnahmen. Die Technologien gibt es schon. Es gibt auch ein internationales Ballastwasser-Übereinkommen. Das ist bloß noch nicht in Kraft. Das Übereinkommen gibt es seit 2004, es wurde aber auch noch nicht ratifiziert von genügend Staaten, um in Kraft zu treten, und auch EU-Staaten wie gerade Griechenland, eine große Seefahrtnation, haben es noch nicht unterschrieben. Da sollte die EU eigentlich viel eher mal ihren Fokus drauf legen.

Kuhlmann: Prinzipiell ist der WWF aber durchaus damit einverstanden, manchen Arten das Leben hier zu erschweren?

Gramling: Wir als WWF sagen nicht unbedingt, dass zum Beispiel der Waschbär so ein großes Problem ist, dass man den jetzt intensiv bejagen müsste. Natürlich sind das Kletterkünstler, die kommen an die Nester von Vögeln heran und rauben diese auch aus. Aber die Vögel in Europa sind es gewohnt, dass Raubtiere, zum Beispiel auch der in Europa schon immer heimische Marder, ihre Nester mal ausräubern. Das Problem an sich ist durchaus gegeben. Ob sich das Problem mit der Liste einschränken lässt, das sei jetzt mal dahingestellt. Und auch indem man sagt, dass Zoos ihre Tierarten stärker regulieren wollen, na ja, müssen wir mal schauen, ob das wirklich zielführend ist.

Kuhlmann: Die EU möchte fremde Tier- und Pflanzenarten in ihrem Vorkommen begrenzen. Was der WWF davon hält, erläuterte der Sprecher der Umweltorganisation, Roland Gramling. Ihnen danke nach Berlin.

Gramling: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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