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Experte: Medienpädagogische Grundbildung von Lehrkräften verstärken

Bilanz nach 15 Jahren "Schulen ans Netz"

Horst Niesyto im Gespräch mit Kate Maleike

Schulen ans Netz e.V. - Homepage (screenshot)
Schulen ans Netz e.V. - Homepage (screenshot) (Screenshot)

Horst Niesyto, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, fordert, eine medienpädagogische Grundbildung, die alle Lehrkräfte erhalten sollten. Denn oft haben heute Schüler mehr Erfahrung mit neuen Medien als ihre Lehrkräfte.

Kate Maleike: Horst Niesyto ist Professor mit Schwerpunkt Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Und er ist dazu Sprecher der Initiative "Keine Bildung ohne Medien". Herr Niesyto, 15 Jahre "Schulen ans Netz". Welche Bilanz kann man denn aus medienpädagogischer Sicht für das Geburtstagskind ziehen?

Horst Niesyto: Ja, erst mal herzlichen Glückwunsch auch auf diesem Weg an die Kolleginnen und Kollegen von "Schulen ans Netz". Aus meiner Sicht ist einiges zustande gekommen, vor allen Dingen in der Zeit, nachdem diese technische Orientierung, die zu Beginn dominierte, überwunden worden ist. Am Anfang ging es ja vor allen Dingen um Ausstattungsfragen, und man hat gesehen, dass das nicht reicht, dass es um pädagogische Konzepte geht, um Inhalte geht, um Materialien, und da hat sich doch in den letzten Jahren einiges geändert. Wenn ich sehe, wie zum Beispiel das Netzwerk Biber für frühkindliche Bildung entwickelt wurde oder auch in der beruflichen Bildung viele Angebote gemacht werden oder auch das Projekt Medienkompetenzförderung in der Ganztagshauptschule, das sind schon sehr wichtige Ansätze, die da existieren, die auch in die Breite gehen. Aber leider ist es so, dass immer noch nicht genügend breitenwirksam passiert in diesen Bereichen in Deutschland in der Medienkompetenzförderung. Leider ist es auch so, dass viele wichtige Akteure sich da nicht genügend engagieren - das sind die politischen Spitzen vor allen Dingen, die zwar immer wieder von der Schlüsselkompetenz Medienbildung und Medienkompetenz sprechen, in Deklarationen, aber wenn man dann den Alltag sieht, dass man die Wirklichkeit da, ist doch noch einiges zu tun. Und auch die Wirtschaft, denke ich, engagiert sich hier zu wenig. Wenn man mal sieht, dass allein die Medienwirtschaft in Deutschland im Jahr etwa 60 Milliarden Umsatz macht, dann frage ich mich, wo ist da die Relation zu entsprechenden Anstrengungen, gesamtgesellschaftlich jetzt gesehen, zur Medienbildung. Und da müssen alle Akteure erheblich mehr tun, und ich denke, es wäre auch Aufgabe, mal drüber nachzudenken, ob nicht auch in der Medienwirtschaft ein Beitrag geleistet wird, auch in der Form, nicht nur die Selbstverantwortung, sondern auch dass die Selbstverantwortung sich dadurch ausdrückt, dass auch eine Abgabe beispielsweise gemacht wird. Über solche Dinge müsste man vermehrt nachdenken und sprechen und schauen, wie man hier zu einer gesamtgesellschaftlichen Strategie kommt. dass viel mehr Brücken geschlagen werden sollten zwischen dem Alltag der Kinder und Jugendlichen, in ihrem Medienalltag, und der Schule. Aber dafür ist es notwendig, dass Lehrkräfte auch entsprechend sensibilisiert werden, ausgebildet werden. Und deswegen fordern wir beispielsweise eine medienpädagogische Grundbildung, die alle Lehrkräfte erhalten sollten, und auch verstärkte Möglichkeiten zur Vertiefung und zur Spezialisierung. Oft sind es Einzelkämpfer an Schulen, die viel versuchen in einzelnen Fächern, aber es kommt darauf an, dass sich mehr Gruppen bilden auch an Schulen, und dafür ist die Voraussetzung, dass auch mehr Lehrkräfte während der Ausbildung, während der ersten Phase der Ausbildung bereits die Möglichkeit erhalten. Und da sieht es insgesamt noch sehr schlecht aus.


Maleike: Das waren jetzt relativ viele Forderungen für einen Geburtstag, aber ich verstehe Sie richtig, dass Sie sagen, das war eine sehr lobenswerte Initiative, da ist viel erreicht worden. Sind denn die Schüler nicht inzwischen unter Umständen viel schlauer als ihre Lehrer, also braucht man eigentlich Medienbildung?

Niesyto: Nicht nur unter Umständen, es gibt doch sehr viele Schüler, die Erfahrungen mitbringen im praktischen Umgang mit Medien, auch in der technischen Bedienung. Und es ist sehr wichtig, dass Projekte auch gefördert werden, in denen Schülerinnen und Schüler Freiräume bekommen, mit Medien zu experimentieren, sich auszudrücken, zu kommunizieren. Gleichzeitig wissen wir aber auch aus zahlreichen Beobachtungen und Studien, dass es Bereiche gibt, wo sehr viele Schülerinnen und Schüler Unterstützung und Beratung benötigen. Wir machten zum Beispiel eine Umfrage letztes Jahr auf SchülerVZ, wo das ganz deutlich von Schülerinnen und Schülern - es haben über 6000 daran teilgenommen - artikuliert wurde, von ihnen selbst artikuliert wurde. Stichworte wie Medienkritik, wie Mediengestaltung, dort mehr Informationen und Möglichkeiten zu bekommen. Und da wird dann auch beklagt, dass erstens ein Großteil der Lehrkräfte einfach zu wenig weiß, was junge Menschen selbst mit Medien machen, und zweitens auch zu wenig medienkompetent sind selbst, um hier Impulse zu geben. Und wir sind der Meinung von der Initiative "Keine Bildung ohne Medien", dass viel mehr Brücken geschlagen werden sollten zwischen dem Alltag der Kinder und Jugendlichen, in ihrem Medienalltag, und der Schule. Aber dafür ist es notwendig, dass Lehrkräfte auch entsprechend sensibilisiert werden, ausgebildet werden. Und deswegen fordern wir beispielsweise eine medienpädagogische Grundbildung, die alle Lehrkräfte erhalten sollten, und auch verstärkte Möglichkeiten zur Vertiefung und zur Spezialisierung. Oft sind es Einzelkämpfer an Schulen, die viel versuchen in einzelnen Fächern, aber es kommt darauf an, dass sich mehr Gruppen bilden auch an Schulen, und dafür ist die Voraussetzung, dass auch mehr Lehrkräfte während der Ausbildung, während der ersten Phase der Ausbildung bereits die Möglichkeit erhalten. Und da sieht es insgesamt noch sehr schlecht aus.

Maleike: An welcher Stelle würden Sie sich denn die Medienbildung dann im Schulalltag vorstellen, vorausgesetzt, wir haben auch die Lehrer dafür? Wäre das das Schulfach Informatik, erweitert?

Niesyto: Informatik war und ist eines der Fächer, wo das versucht wird. Es ist aber aus unserer Sicht notwendig, Medienbildung in allen Fächern zu verankern, weil einfach die Medien in den verschiedenen Themen da sind und Ansatzpunkte in den verschiedenen Fächern sind. Das betrifft ethische Fragen, das betrifft Fragen des sprachlichen Ausdrucks, das betrifft ökonomische Bezüge, das betrifft Fragen der Gestaltung, der künstlerischen Gestaltung mit Medien. Und das lässt sich nicht nur an einem Fach festmachen. Insofern ist es wichtig, deswegen unsere Forderung nach einer medienpädagogischen Grundbildung für alle Lehrkräfte, dass in allen Fächern sozusagen diese Medienbezüge herausgearbeitet werden, von den Fächern her, aber auch von fachübergreifenden Aspekten. Gleichzeitig sind wir der Ansicht, dass auch spezielle Orte an der Schule notwendig sind, wo Schülerinnen und Schüler auch noch mal vertieft sich mit befassen können. Auf unserem Kongress in Berlin waren sehr viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich des Bibliothekswesens, und die haben zum Beispiel vorgeschlagen, dass Schulbibliotheken zu Schulmediatheken verstärkt ausgebaut werden. Da könnte ich mir vorstellen, dass das einer der Orte ist, wo Schülerinnen und Schüler sich auch treffen, tagsüber, aber auch im Rahmen von Nachmittagsunterricht, und dass dort auch produktiv was gemacht wird, da dort auch andere Medien einbezogen werden, dass da produziert wird. Und dass es solche Orte gibt, wo sich Interessierte treffen und sich austauschen können und wo das begleitet wird.

Maleike: 15 Jahre nach dem Start von "Schulen ans Netz" braucht es in Deutschland vor allem vernetzte und nachhaltige Medienbildung. In "Campus & Karriere" war das dazu Horst Niesyto, Professor für Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Sprecher der Initiative "Keine Bildung ohne Medien".

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