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StartseiteBüchermarktFarbsatte Psychothriller in historischem Ambiente22.08.2007

Farbsatte Psychothriller in historischem Ambiente

Leo-Perutz-Biografie erschienen

Theodor W. Adorno und Alfred Hitchcock zählten ebenso zu seinen Fans wie der James-Bond-Erfinder Ian Fleming: Am 25. August jährt sich der Todestag des großen österreichischen Erzählers Leo Perutz zum 50. Mal. Schon im Vorfeld dieses Jahrestags hat der Zsolnay-Verlag eine große Leo-Perutz-Biografie herausgebracht. Geschrieben hat sie der Hamburger Literaturwissenschafter Hans Harald Müller.

Von Günter Kaindlstorfer

In den 20er Jahren avanciert Perutz zu einer der verlässlichsten Stützen der Wiener Kaffeehaus-Boheme.  (AP Archiv)
In den 20er Jahren avanciert Perutz zu einer der verlässlichsten Stützen der Wiener Kaffeehaus-Boheme. (AP Archiv)

Mit Romanen wie "Nachts unter der steinernen Brücke" und "Der schwedische Reiter" und hat sich der Prager Kaufmannssohn Leo Perutz einen prominenten Platz in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur erschrieben. Auf den ersten Blick wirken viele Perutz-Bücher wie spannende, farbsatte Psychothriller in historischem Ambiente. Das Historische indes ist eine raffinierte Form der Camouflage, weiß der Perutz- Biograph Hans-Harald Müller.

"Das, was an Romanen des 19. Jahrhunderts oft penetrant ist an den historischen Kostümen, das merkt man an den Romanen des Leo Perutz überhaupt nicht. Er hat wie Flaubert immer wieder versucht, die moderne Problematik in historischem Ambiente zu zeigen. Und diese moderne Problematik ist in praktisch allen Romanen heute relativ leicht zugänglich."

In Leo Perutz' Romanen - raffinierten Vexierspielen zumeist - wimmelt es von Identitätskonflikten und Ich-Spaltungen, von eminent modernen, man könnte auch sagen: postmodernen Phänomenen. In seiner Biogaphie verfolgt Hans-Harald Müller den Lebensweg des Schriftstellers über siebeneinhalb Jahrzehnte hinweg. 1882 in Prag geboren, übersiedelt Leo Perutz mit seiner Familie 1901 nach Wien. Mit seinem Roman "Der Meister des jüngsten Tages" feiert der 41-Jährige Anfang der zwanziger Jahre den literarischen Durchbruch. Das Thema: der mysteriöse Selbstmord eines Wiener Hofschauspielers 1909, der letztlich durch die Droge eines florentinischen Alechmisten aus dem 16. Jahrhundert ums Leben kam. Ein Welterfolg, der Perutz' Ruhm nicht nur in Europa, sondern auch jenseits des Atlantiks begründete: Jorge Luis Borges beispielsweise zählte den "Meister des jüngsten Tages" zu den virtuosesten Krimis der Weltliteratur - und das, bitte sehr, will etwas heißen.

In den 20er Jahren avanciert Perutz zu einer der verlässlichsten Stützen der Wiener Kaffeehaus-Boheme. Im "Café Herrenhof" und im "Café Central" hält er Hof. Dabei präsentiert sich der Dichter als anspruchsvoller Stammtisch-Souverän - auch in der Rekrutierung seines Hofstaats.

"Diese Stammtische waren nur von einigen wenigen auserlesenen Geistern zu besuchen. Er war sehr schroff im Abweisen von Fremdlingen, von Leuten, die ihm nicht gefallen haben."

Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Richard A. Bermann und einige andere fanden dann aber doch Gnade vor den Augen des strengen Kaffeehaus-Habitués. Seine Freunde und Stammtischgenossen schätzten nicht nur Perutz' Poker- und Tarock-, sondern vor allem auch seine Erzählkünste. Leo Perutz hat aber auch unter jüngeren Autoren von heute seine Fans. Daniel Kehlmann ist einer von ihnen:

"Perutz ist der große magische Realist der deutschen Literatur. Er ist jemand, der im Grunde das macht, was Gabriel Garcia Marquez und Jorge Luis Borges auch für sich entdeckt haben: nämlich, das Wunderbare, das Unbegreifliche und Magische mit - wie Marquez es nennt - unbewegtem Gesicht zu erzählen."

Neben dem "Meister des jüngsten Tages" und der stimmungsvollen Prager Novellensammlung "Nachts unter der steinernen Brücke" bewundert Daniel Kehlmann vor allem einen Perutz-Roman: den "Marques de Bolibar", einen zur Zeit der napoleonischen Kriege in Spanien angesiedelten Identitäts-Krimi.

"Ein scheinbar historischer Roman, der zunächst relativ konventionell beginnt, dann aber auf einen irritierenden Identitätstausch hinausläuft: Der Ich-Erzähler wird während des Erzählens zu einer anderen Person. So etwas habe ich bis jetzt nirgendwo anders gelesen. Ein unvergesslicher Effekt."

Müller: "Dass das Ich nicht mehr bei sich zu Hause ist, ist etwas, das im Grunde genommen die Kultur seit hundert Jahren bewegt. Zu Perutz' und vielleicht schon zu Schnitzlers Zeiten war das ein besonderes Problem. Bis in die dreißiger Jahre hinein hat sich Perutz außerordentlich intensiv mit einer Frage beschäftigt: Wie konstruiert sich das Ich seine eigene Vergangenheit."

Politisch war Leo Perutz nicht leicht ausrechenbar, wie Hans-Harald Müller in seiner materialreichen Biografie belegt. Nach dem "Ersten Weltkrieg" publizierte der Dichter in der sozialdemokratischen "Arbeiterzeitung", bei den Nationalratswahlen 1930 wählt er christlich-sozial. Nach 1933 wendet sich Perutz dem Legitimismus zu, den er für das verlässlichste Bollwerk gegen Nationalismen aller Art hält. Und später, im Exil in Palästina, spricht sich der Schriftsteller dezidiert gegen die Gründung des Staates Israel aus. Er hätte eine binationale Lösung unter Einbindung der Araber bevorzugt. Perutz und die Politik - ein komplexes Kapitel.

Müller: "Am besten ist es, wenn man sich den Wahlspruch ansieht, den er auf seinem Siegelring eingraviert hat: "Contra torrentem - Immer gegen den Strom."

Das Jahr 1938 markiert einen Wendepunkt in Leo Perutz' Biografie: Nach dem Anschluss Österreichs ans Dritte Reich sucht der Schriftsteller verzweifelt nach einem Land, in dem er Asyl finden könnte. Im September 1938 geht Perutz mit seiner Familie in Palästina an Land, einem ökonomisch rückständigen, damals noch stark agrarisch geprägten Land. In der Gotlieb Street in Tel Aviv bezieht Familie Perutz eine bescheidene Wohnung. Vom "Café Herrenhof" in den Vorderen Orient: Der Kulturschock saß tief, wie Hilde Spiel, eine von Perutz' Weggefährtinnen, sich kurz vor ihrem Tod erinnerte:

"Es hat einen wirklichen Bruch in seiner Existenz bedeutet. Er hat sich dort sicher nicht heimisch nicht gefühlt. Er war ein so bewusster Österreicher, er hat Österreich so innig geliebt. Also, dass war ein schwerer Schlag, dass er dort weg musste."

Hilde Spiel war nur eine von vielen Zeitzeuginnen, deren Erinnerungen Hans-Harald Müller in seine Perutz-Biografie eingearbeitet hat. Auf 400 Seiten zeichnet der Hamburger Literaturwissenschafter ein plastisches und lebendiges Porträt des Schriftstellers. Man erfährt Erhellendes etwa über die amourösen Erfolge des zeitweilig notorischen Womanizers Leo Perutz, man erfährt auch einiges über des Dichters Liebe zum Salzkammergut und vor allem zu St. Wolfgang, wo er sowohl vor wie nach dem Krieg viele, viele Sommer verbracht hat.

Müller: "Perutz hat das Salzkammergut geliebt. Dazu müssen Sie wissen, dass er in St. Wolfgang viele Freunde gehabt hat, Alexander Lernet-Holenia, Hilde Spiel, Peter de Mendelssohn, die hat er immer wieder besucht. Seine Sehnsucht galt vor allem der Landschaft. Es gibt viele berührende Briefe aus Palästina, in denen Perutz schreibt: Ich fühle mich hier sehr wohl, das einzige, was mir fehlt, sind die Berge, die Wälder, die Seen des Salzkammerguts."

Hans-Harald Müller hält Leo Perutz für einen der bis heute spannendsten Autoren der Wiener, und nicht nur der Wiener Moderne. Zum einen, so Müller, habe Perutz einfach fesselnde Bücher geschrieben - den "Schwedischen Reiter" etwa, oder die als Psychothriller getarnte Faschismus-Analyse "St. Petri Schnee".

"Auf der anderen Seite würde ich es auch erfahrenen Lesern empfehlen, sich immer wieder mit Perutz auseinanderzusetzen, weil seine Romane außerordentlich vielschichtig sind. Das heißt: Sie haben eine natürliche Ereignisspannung, sie sprechen aber auch entscheidende Probleme des 20. und 21. Jahrhunderts an: etwa die Frage nach der Schuldfähigkeit und der moralische Verantwortlichkeit des Einzelnen für seine Taten."

Da fügt es sich gut, dass der Zsolnay-Verlag - neben der verdienstvollen Biografie von Hans-Harald Müller - auch alle wichtigen Romane von Leo Perutz in fantasievoll gestalteten Einzelausgaben neu herausbringt.

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