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StartseiteKalenderblattFeind aller Gesinnungshuberei17.02.2006

Feind aller Gesinnungshuberei

Vor 150 Jahren starb der Schriftsteller Heinrich Heine

Heinrich Heine ließ sich von keiner Seite vereinnahmen. Sein Weg war durch und durch artistisch und zu gleicher Zeit durch und durch politisch - freilich nie auf Seiten einer Partei, es sei denn der der kritisch heiteren Vernunft. Heinrich Heine starb am 17. Februar 1856.

Von Jürgen Wertheimer

Der Schrifsteller Heinrich Heine galt als unbeugsamer Geist. (AP Archiv)
Der Schrifsteller Heinrich Heine galt als unbeugsamer Geist. (AP Archiv)

Gestern Schillers Socken, heute süße Mozartkugeln und bittersüße Heinetränen. Das Jubiläenkarussell dreht sich unaufhaltsam weiter. Heute jährt sich der Todestag des Düsseldorfer Kaufmannssohns und späteren Juristen Heinrich, Harry, Heine zum 150. Mal: emanzipierter deutscher Jude, leidenschaftlicher Verfassungspatriot und Kosmopolit im französischen Exil auf halbe Lebenszeit. Harry Heine: streitbar, umstritten, faszinierend.

Keiner, der es einem leicht macht, sich ihm trotz seiner Popularität naiv zu nähern. Gustav Heinemann fragte einst zu seiner Zeit als Bundespräsident mit Bezug auf Heine:

"Wer sind heute die wahren Patrioten? Sind es die Selbstzufriedenen, die Deutschland, gleich, was bei uns geschieht – oder geschah – aus Nibelungentreue, ohne Einschränkung, bejahen. Oder sind es die, die weil sie ihr Vaterland lieben, nicht einfach mit dem 'wie es ist' sich abfinden ... und damit manchmal notgedrungen zu Kritikern des Bestehenden werden?"

Und auch Politbarde Wolf Biermann sucht gesinnungstüchtig Heine-Nähe:

" Nestbeschmutzer. Einer der häufigsten Vorwürfe, die gegen Heinrich Heine ja erhoben wurden. Die Leute nun aber, die das deutsche Nest nun wirklich nicht nur beschmutzt, sondern vollgeschissen haben bis zum Rand und mit Blut und Tränen, wie die Nazis, die haben dem Heine diese Vorwürfe am allerheftigsten gemacht und haben ihn ja versucht ,sogar in Vergessenheit geraten zu lassen und ihn verbrannt, seine Bücher."

Doch Heine, mehr als der Pate von Migranten und Exilanten, der Engagierten und schmerzvoll politischen Aktivisten, war vor allem ein wesensmäßiger Feind aller Eindeutigkeiten, aller Gesinnungshuberei; er war kein Kronzeuge, kein Parteigänger, sondern allenfalls Widergänger – ein ideologischer, poetischer und tiefenpsychologischer Doppelgänger: ein permanenter Grenzgänger zwischen schwebender Ironie und aggressiver Attacke, Traditionsbruch und Traditionswahrung, Pariatum und Duellwahn, Ich-Kult und Doppelgänger-Spiel; das Oszillieren zwischen Deutschland-Süchtigkeit und Deutschland-Hass, Fluchtreflex, Heimkehr-Verlangen und striktem Negieren dieses Bedürfnisses. Heine ist verhaltensauffällig wie der Weltschmerz-Experte Lord Byron; er ist leidens- und vernichtungssüchtig wie Giacomo Leopardi, draufgängerisch-patriotisch wie ein deutscher Puschkin, dann wieder frivol-zynisch wie ein rechtsrheinischer Alfred de Musset. Aber wo ist bei Heine "rechts" und wo "links"? Bei einem, der sein halbes Leben in Frankreich verbracht hat, ist das nicht eindeutig zu sagen. Heine, Doppelgänger seiner selbst?
"
Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe,
Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt;
Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe -
Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt.

Du Doppeltgänger! du bleicher Geselle!
Was äffst du nach mein Liebesleid,
Das mich gequält auf dieser Stelle,
So manche Nacht, in alter Zeit?"

Die Widersprüchlichkeit als Heines innere Lebensform scheint in Deutschland immer noch schwer verständlich. Er hat sich (fast wie Hölderlin) an den Rand der Gesellschaft geschrieben und sich gleichzeitig (anders als Hölderlin) volksliedhaft ins Innerste der Nation hineingesungen. Den poetischen Hochseilakt ohne Netz beherrschte er mit traumwandlerischer Sicherheit.

Großstadtneurotiker, Narziss und braver Aufklärungssoldat und Trommler der Vernunft – bei Harry Heine ist das kein Widerspruch, und deshalb brauchen wir ihn heute! Nicht tot und musealisiert, sondern lebendig und als "Tambourmajor" kritischen Denkens und Fühlens.
"
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
trommle Reveille mit Jugendkraft,
marschiere trommelnd immer voran,
das ist die ganze Wissenschaft. "

Heinrich Heine, das ist Schlemihl, Artist und engagierter Kämpfer in ein und derselben schillernden Figur.

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