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StartseiteBüchermarktFeindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments24.03.2003

Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments

Propyläen, 220 S., EUR 20,-

"Amerika, Du hast es besser". Oder: "Amerika, o graus!" Das Wort Goethes wie das Wort Heines verweisen nicht so sehr auf das Land, das da gemeint ist. Sondern vielmehr auf denjenigen, der da spricht. Denn wer auf Amerika (und damit ist meist die USA gemeint) schimpft oder wer es lobt, der sagt vor allem etwas aus über sich selbst. Über seinen eigenen Zustand. Dem er den Zustand Amerikas - entweder glorifizierend oder verdammend - entgegenhält. Ein Finger zeigt auf Amerika, und drei Finger zeigen auf den Sprechenden. Das ist der Ausgangspunkt von Dan Diners Untersuchung zum Antiamerikanismus.

Oliver Seppelfricke

Für den Historiker war und ist Amerika, die neuentdeckte Welt, von Angang an Zielfläche für europäische Träume gewesen. Für Angstträume wie für Wunschträume. Amerika war von Anfang an Projektionsfläche für europäische Ideen. Europas alter ego quasi. Die Neue Welt war und ist somit der Ort, an dem sich bis heute für Diner ein beispielloser Konflikt abspielt: der zwischen Tradition und Moderne. Zwischen denjenigen, die die Traditionen Europas hochhalten und im Vergleich dazu die Neue Welt geringachteten, und denjenigen, die den neuen Staat freudig begrüßten als Land von Freiheit und Gleichheit, und die es vielleicht sogar besiedelten. Die nicht nur aus der Ferne zusahen, wie viele andere, die sich entweder hinübersehnten oder froh waren, daß sie daheim waren. Fern vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das ist die historische Wurzel des Antiamerikanismus. Er ist so alt wie das Land selbst!

Amerika ist überall! Die Verheißungen des neuen Staates, der 1776 ins Leben trat, zogen und ziehen heute auf der ganzen Welt die Menschen in ihren Bann: Das Recht auf Freiheit und das Streben nach persönlichem Glück, wie es die Verfassung von Anfang an bis heute garantiert. Und doch waren nicht alle auf diese Verheißungen gut zu sprechen. Dan Diner liefert in seinem Buch die Abwehrhaltungen der Europäer (denn nur auf diesen Raum beschränkt er sein Untersuchungsfeld), die sich zum sogenannten Antiamerikanismus ausbauten.

Sein Buch, das ein wahrer Zitatenschatz ist, listet die antiamerikanischen Stereotypen von der Entdeckung des Kontinents bis hinein in unsere Gegenwart auf. Für Thomas Morus "Utopia" war Amerika bereits Vorbildmodell, auch für Francis Bacons "Neues Atlantis" ein Jahrhundert später, als "Hoffnung des Menschengeschlechts" feierte es der Ökonom Turgot im 18. Jahrhundert. Doch auch die negativen Stimmen waren von Anfang an da: Amerika, das Land der Eroberer, des Geldes, "das größte Unglück, das der Menschheit widerfahren sei", so der Philosoph Cornelius de Pauw zur selben Zeit.

Vor allem die europäische Romantik tat sich bei dieser Verdammung hervor. Dan Diner sieht in ihr "die produktivste Werkstätte langlebiger amerikafeindlicher Bilder und Metaphern". Die Romantiker schätzten das organisch Gewachsene, nicht das revolutionär Entstandenene. Und in ihren Zeiten der aufbrechenden Industrialisierung verdammten sie die Maschinisierung und das Geld. "Diese Amerikaner sind himmelanstürmende Krämerseelen. Tot für alles geistige Leben, mausetot." Das schrieb 1832 der Dichter Nikolaus Lenau. Der sich für kurze Zeit in Amerika aufhielt. Eine Studienreise sollte es nach außen hin sein, eine Bildunsgreise, der eigentliche Grund jedoch war, daß Lenau das viele Geld, das er in Europa mit Staatspapieren gewonnen hatte, genau in dem Land anlegen wollte, das er wegen seiner Geldgeilheit so sehr verdammte. Eine zwiespältige Haltung, die es bis heute gibt.

Schon in der Romantik erkennt man, daß sich hinter der Verdammung Amerikas also eine klammheimliche Sympathie und Sehnsucht verbirgt. Die sich frei nicht äußern darf oder kann. Amerika ist so eine "notorische Projektionsfläche für abgespaltene Anteile von Selbsthaß", schreibt Dan Diner nicht ohne guten Grund. Man verdammt das, was man heimlich begehrt, den eigenen Grundsätzen der Moral nach jedoch nicht begehren darf. Amerika als Heil und Amerika als Verderben – beides ist eng miteinander verbunden. Wobei es hier nach Dan Diner große Unterschiede gab und gibt:

Schon im ganzen 19. Jahrhundert verdammt eine Klasse Gebildeter und Besitzender das neue Land, das alle gleich machen wollte. Kulturlos sei dieses Land, alle seinen nur auf Geld aus, es gebe bloß eine gesichtslose Masse ohne Unterschiede, alles sei oberflächlich vom Schein bestimmt und es gebe keine Tiefe, es zähle nur die Maschine, der Mensch sei nichts. So lauten sie gängigen antiamerikanischen Stereotype bis heute. Für viele jedoch, die ihr Glück in der starren Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nicht machen konnten, war es das Ziel, sie wanderten aus. In der Weimarer Republik hielten sich trotz oder gerade wegen Swing und der ersten importierten amerikanischen Waren diese Haltungen durch. Man genoß sie oder lehnte sie als dekadent ab. In Nazideutschland gab es dann eine widersprüchliche Einstellung dem Land gegenüber: die Gleichmacherei verurteilte Hitler bloß, weil sie vom Judentum ausgehe, die Geldorientierung verdammte er aus dem selben Grund, die technischen Errungenschaften wollte er jedoch haben. Ferdinand Porsche studierte in den amerikanischen Automobilwerken die Massenfertigung, um den VW zu entwerfen, die Rüstungsproduktion lief nach diesem Vorbild ab und die neuen Massenkommunikationsmittel wie Radio und Fernsehen nahm nicht nur Goebbels enthusiastisch auf. Die heimliche Vorliebe der NS-Oberen für Hollywood-Filme ist ja bekannt.

Mit der Bundesrepublik endet Diners lesenswerte und materialreiche Studie. Amerika hat hier immer als Projektionsfläche eigener, unterdrückter Sehnsüchte funktioniert. Um so mehr, als die Amerikagegner die kommunistische Sowjetunion nach dem Gulag-Schock als Gegenbild nicht mehr ohne weiteres aufrechterhalten konnten. Eine Blindheit nach beiden Seiten. Dan Diner sieht sie auch heute noch am Werk. Denn diejenigen, die heute auf Amerika schimpften als dem Verursacher der Moderne par excellence, für die Amerika der ideale Sündenbock ist für die Tendenzen der Beschleunigung, der Technisierung und der Selbstentfremdung, wie sie sich ja heute auf der ganzen Welt breitmachen, genau diejenigen bedienten sich häufig dieser Techniken und Methoden, die in Amerika entstanden sind: Computer, Internet, Chat usw.! Man sieht: Der Antiamerikanismus ist ein komplexes Phänomen, über das man genauer nachdenken sollte. Gerade in Zeiten des Krieges.

Dan Diners Buch ist 1993 schon einmal erschienen. Nach dem 11.9. hat der Autor es überarbeitet und um ein Kapitel zu den Ereignissen erweitert. Auch dieses ist so lesenswert wie der Rest. Denn Diner liefert eine Erklärung für den 11.9., die von den üblichen Deutungsmustern abweicht: Die Anschläge vom 11.9. seien nicht so sehr aus dem antiamerikanischen Ressentiment gespeist, so Diner, sondern sie hätten ihre tiefere Wurzeln in dem Konflikt, der auf Amerikas Rücken bloß ausgetragen werde als dem Land der Moderne par excellence: Die Attentate vom 11.9. seien, so Diner, ein "sakraler Akt" gewesen. Sie hätten weniger gegen den "american way of life" protestiert als vielmehr ein Zeichen in unseren Umbruchzeiten setzen wollen, in der die Moderne die Traditionen auflöst. Das ganze sei fast ein ritueller Widerstand gegen die Moderne gewesen und nicht gegen Amerika insbesondere. Ein selbstmörderisches Plädoyer für ein Leben im Glauben – auch darüber muß man nachdenken!

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