Die neue Platte / Archiv /

 

Finstere Trauer

Tenebrae-Lamentationen aus Italien

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

Blick auf den heutigen Tempelberg in Jerusalem - die Trauer um die Zerstörung des Solomo-Tempels 586 v.Chr. ist historische Grundlage für die Tenebrae-Lamentationen.
Blick auf den heutigen Tempelberg in Jerusalem - die Trauer um die Zerstörung des Solomo-Tempels 586 v.Chr. ist historische Grundlage für die Tenebrae-Lamentationen. (AP Archiv)

Der Titel scheint zunächst ein wenig irreführend, handelt es sich bei den "Leçons de ténèbres" doch um Tenebrae-Lamentationen italienischer Komponisten des 17. Jahrhunderts, die das Ensemble "In Musica Veritas" jetzt beim französischen Label "Ad Vitam Records" veröffentlichte.

Manchmal kann das Beharren auf den französischen oder ins Französische übersetzten Titeln verwirren. Hier werden nämlich nicht Klagegesänge von Lambert, Delalande, Couperin oder Charpentier zu Gehör gebracht, sondern ein Überblick über das Genre der Trauergesänge in den Osternächten im Italien des Seicento gegeben.

Im Studio begrüßt Sie dazu Christiane Lehnigk.

Das Programm dieser Einspielung gruppiert sich um die Oster-Liturgie am Samstag und Sonntag, die kombinierten Messen von Matutinen und Lauden, die den Teil der Christus-Geschichte symbolisieren, der von der Dunkelheit beim Tod Christi bis zum Licht der Auferstehung dauert. Die zwei Orgelwerke von Giovanni Maria Trabaci wurden hier als Einteilung zweier Abschnitte verwendet: da ist zunächst die kummervolle Kontemplation um die Responsorien von Ludovico Großi da Viadana, und dann die Zeit der Hoffnung, dargestellt in den Laudes von Giovanni Matteo Asola und Gerolamo Ballione.

Die mitteltönige Orgel, gespielt von Pierre Gallon, mit ihren harmonischen und chromatischen Reibungen, scheint in dieser Registrierung die Stimmung des tiefen Schmerzes vorzugeben.

Giovanni Maria Trabaci:
1. Durezze. et Ligature
Pierre Gallon, Orgel


Der Begriff der Tenebrae-Messen stammt eigentlich aus dem 18. Jahrhundert, auch wenn Teile der Liturgie schon im 5. Jahrhundert nachgewiesen werden können. Diese Trauer- oder Finstermessen, die in den Osternächten gesungen werden, existieren in Hunderten von Kompositionen. Das französische Ensemble "In Musica Veritas" mit der Sängerin Alice Habellion hat sich hier italienischen Komponisten des 17. Jahrhunderts gewidmet, im Mittelpunkt stehen dabei die Responsorien von Ludovico Viadana. Sie sind in drei Nokturnen mit einer vorangehenden Lectio eingeteilt, den ältesten und umfangreichsten Teilen des christlichen Stundengebetes.

Der Franziskaner Viadana war unter anderem in Mantua und Rom tätig und wandte als der erste bedeutende Komponist die damals neuentwickelte Technik des bezifferten Basses an. Die Mezzosopranistin Alice Habellion wird hier von einem Ensemble aus Posaunen, Zinken und Orgel begleitet.

Ludovico Großi da Viadana:
3.Lectio prima
4.Responsorium primum
5.Lectio secundum
6.Responsorium secundum
7.Lectio tertia
8.Responsorium tertium
In Musica Veritas


Man muss schon genau hinhören, um die Stimme von Alice Habellion identifizieren zu können, so stark erinnert das Timbre ihrer Stimme an das eines Countertenors. Sie gibt diesen Gesängen, in denen mit allen damals gängigen Affekten Schmerz und Trauer ausgedrückt wurde, einen zuweilen erschütternden Ausdruck mit immer wieder neuen Klangfarben.

Der Osterzyklus liegt im Zentrum des liturgischen Jahres in der Römisch-Katholischen Kirche und hat auch heute noch, sieht man sich allein die Prozessionen in vielen Ländern an, nichts an der dramatischen Darstellung verloren.

Die Tenebrae-Lamentationen/-lektionen haben ihren Namen von dem Textbeginn des 8. Responsoriums erhalten:

""Tenebrae factae sunt, dum crucifixissent Jesum Judaei"
("Finsternis entstand, als die Juden Jesus kreuzigten")"

und sie werden dem Propheten Jeremiah zugeordnet.

Der zentrale Punkt ist dabei das Klagen über die Zerstörung Jerusalems und des Tempels von 586 v. Chr., und dieses Bild entwickelte sich dann zum Symbol für die Gefangennahme, die Kreuzigung und den Tod Jesu. Die Lamentationen waren Teil des liturgischen Stundengebetes und wurden in den Osternächten als Matutin zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen gefeiert.

Am Beginn eines jeden alttestamentlichen Bibelverses steht der hebräische Buchstabe des Alphabetes. Beendet wurden die Lamentationen immer mit dem Ruf:

""Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum", ("Jerusalem, Jerusalem, kehr um zum Herrn, deinem Gott")."

Darauf folgten oft die Lauden, deren Rolle es war, den Dialog zwischen den Texten der hebräischen Tradition und denen des Neuen Testamentes herzustellen.

Zelebriert wurde das Ganze in einer dunklen schmucklosen Kirche - man sollte die Todesangst Jesu am Ölberg nachempfinden und die Passionsgeschichte reflektieren können. Als weiterer dramatischer Effekt befand sich auf dem Altar ein Leuchter mit 15 brennenden Kerzen, die an bestimmten Stellen der Lektionen nach und nach gelöscht wurden, bis es nur noch die Finsternis gab, wie sie nach dem Tod Jesu folgte.

Ludovico Großi da Viadana
23.Lectio nona
24.Responsorium nonum
In Musica Veritas


Die eigentlichen Tenebrae-Lamentationen enden mit der dritten Nokturn, doch schließen sich auch hier Laudes an, die das Prinzip Hoffnung symbolisieren, nach dem "Pianto della Madonna" von Giovanni Felice Sances teilt hier wieder ein Orgelstück von Trabaci die beiden thematischen Teile und anschließend kann man noch zwei Entdeckungen hören, ein "Christus factus est" von Giovanni Matteo Asola, einem der damals wichtigsten Vertreter venezianischer Kirchenmusik, und "Maria Magdalena con una Canzon Francese in Soprano" von Gerolamo Ballione, über den im Booklet-Text leider nichts Näheres zu erfahren ist. Die Mezzosopranistin Alice Habellion wird wieder begleitet von den beiden anderen festen Musikern des Ensembles "In Musica Veritas", dem Posaunist Franck Poitrineau und dem Organist Pierre Gallon. Als Gast ist bei dieser Produktion hier noch die Zinkenistin Judith Pacquier mit dabei. Die Zusammenstellung dieser Tenebrae-Lamentationen aus der Zeit vor den glanzvollen mehrstimmigen Fassungen aus dem Spätbarock ist durch die ungewöhnliche Besetzung und die Anreicherung mit virtuosen instrumentalen solistischen Stücken stilvoll und abwechslungsreich gestaltet und zugleich in dieser Rekonstruktion eine Entdeckung neuen Repertoires.

Hier zum Abschluss noch Balliones Referenz an Maria Magdalena, die das leere Grab entdeckte und als Erste Zeugin der Auferstehung wurde.

Gerolamo Ballione
Maria Magdalena con una Canzon Francese in Soprano
In Musica Veritas


In unserer Sendung "Die Neue Platte" stellten wir Ihnen heute Tenebrae Lamentationen italienischer Komponisten aus der Zeit vom Ende des 16. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts vor. Die Aufnahme mit dem Ensemble "In Musica Veritas" erschien jetzt beim französischen Label Ad Vitam Records im Vertrieb von Harmonia Mundi. Im Studio verabschiedet sich, mit Dank fürs Zuhören, Christiane Lehnigk.

CD-Infos:
"Leçons de ténèbres”
Samedi Saint
Dans l"Italie du Seicento
Ensemble In Musica Veritas
Ad Vitam Records
AV 120315

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