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StartseiteDeutschland heuteGoldgräberstimmung in der Sicherheitsbranche24.02.2016

FlüchtlingsunterkünfteGoldgräberstimmung in der Sicherheitsbranche

Die steigende Zahl von Flüchtlingen in Deutschland hat einen Boom in der Sicherheitsbranche ausgelöst. Denn in jeder Asylunterkunft werden Sicherheitsleute beschäftigt. Das Geschäft ist lukrativ. Kein Wunder, dass sich die Firmen um die Aufträge reißen - darunter auch dubiose.

Von Sarah Zerback   

Zwei Sicherheitskräfte des Sicherheitsdienstleisters Siba Security GmbH, stehen im Februar in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in der Reinhardt-Kaserne in Ellwangen (Baden-Württemberg) an der Pforte, in der Mitte geht ein Flüchtling vorbei. (dpa / picture alliance / Marijan Murat)
Zwei Securitykräfte eines privaten Sicherheitsdienstleisters in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in der Reinhardt-Kaserne in Ellwangen (Baden-Württemberg) mit einem Flüchtling. (dpa / picture alliance / Marijan Murat)
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Marc Ferchland stapft durch den Matsch, der sich rund um die kleine Sporthalle gebildet hat. Darin leben zurzeit 70 Geflüchtete, die darauf warten, einen festen Wohnort zugewiesen zu bekommen, hier in Sprockhövel im südlichen Ruhrgebiet. Der 43-Jährige ist dafür zuständig, dass es drinnen wie draußen sicher bleibt. Er und sein Team von R&G Security sind hier rund um die Uhr im Einsatz, immer zu dritt, immer zwölf Stunden am Stück:

„Das Wichtigste ist, dass man offen auf die zugeht. Das bringt überhaupt nix, wenn man hier mit einer grimmigen Miene rumsitzt. Oder wie der typische Sicherheitsdienst auftritt, man steht hier mit Kampfstiefeln, Cargohose und so. Das ist bei uns nicht so.“

Bewaffnet ist das Sicherheitsteam nicht, weder mit Pfefferspray noch mit Riesentaschenlampen, die als Schlagstock zweckentfremdet werden könnten. Das sei schlicht nicht nötig:

„Aber man muss jetzt nicht bei jedem Streit immer dazwischen gehen. Da muss man abwarten, dann muss man Präsenz zeigen. Wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt, gehen wir natürlich dazwischen, ansonsten stehen die Leute zehn Minuten später wieder vor der Tür und rauchen eine Zigarette zusammen.“

Der Türsteher-Typ ist nicht gefragt

In der öffentlichen Wahrnehmung der Branche ist derlei Besonnenheit selten. Da dominieren die Bilder von Gewalt und sexuellen Übergriffen durch Sicherheitsdienste auf Flüchtlinge. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft BDSW verfolgt diese Entwicklung mit großer Sorge und fordert Sensibilität. Sprecherin Silke Wollmann:

„Wenn Sie in einer Flüchtlingsunterkunft tätig sind, dann müssen Sie mit den Menschen umgehen können und nicht irgendwo eine Tür auf und zu machen oder eine Ausweiskontrolle beim Einlass durchführen. Dessen muss sich die Politik bewusst sein, die Arbeitgeber und auch die Arbeitnehmer.“

Gefragt sei nicht der Türsteher-Typ vor dem Club, sondern das in Konfliktlösung geschulte Personal. Dafür seien gesetzliche Vorgaben nötig, die über die derzeit geforderten Qualifikationen hinausgehen.

„Diese Unterrichtung, das sind 40 Stunden bei einer IHK - das ist ein Sitzschein, da bekommen sie die Anwesenheit bescheinigt. Und da wäre es schon mal ein guter Anfang wenn man hingeht, man braucht zusätzliche Qualifikationen. Eben Deeskalationstraining in viel mehr Stunden, als es dort vorgesehen ist. Die Leute müssen darauf vorbereitet werden, auf was für Menschen sie dort treffen. Sprich dieses geflügelte Wort ‚interkulturelle Kompetenzen‘.“

Mitbewerber schießen wie Pilze aus dem Boden

Auch die Hürden, um einen eigenen Sicherheitsdienst zu eröffnen, seien bislang zu niedrig. 80 Stunden Unterricht, der Gewerbeschein und ein einwandfreies Führungszeugnis reichen. So hat es auch Till Steinberger gemacht, als er sich 2004 mit dem Sicherheitsdienst "Steinberger" selbstständig gemacht hat. Dem gelernten Rettungssanitäter ist es wichtig, qualifiziertes Personal zu beschäftigen. Dazu bräuchte es aber keine Gesetzesverschärfungen, sondern schlicht Ausschreibungskriterien, die sich an der Qualität orientieren und nicht nur am besten Preis:

„Wenn natürlich eine Kommune sagt, das was eine Landesregierung beschließt, ist uns aus Kostengründen mehr oder weniger egal, dann ist das natürlich ein Einfallstor für Personen, die andere oder eben schlechte Motive haben. Und dann wird dieser Job meistens ausgeübt von Personen, die nicht viele Optionen haben oder schlechte Motive haben und das ist eine gefährliche Mischung.“

9,70 Euro - das verdienen Mitarbeiter im Sicherheitsdienst in NRW laut Tarif - plus Zuschläge für Nacht- und Sonntagseinsätze. Die werden jedoch längst nicht immer gezahlt. Hinzu kommen lange Subunternehmerketten, durch die nicht nur die Qualitätskriterien unterlaufen werden können, sondern die sich auch auf die Motivation der Mitarbeiter auswirken, beobachtet der 34-jährige Securitymann. Mitbewerber seien in den vergangenen Monaten wie Pilze aus dem Boden geschossen. 10.000 Sicherheitsdienstmitarbeiter sind derzeit bundesweit in der Bewachung von Asylunterkünften tätig - laut BDSW ist das fast drei Mal so viel wie im Vorjahr. Das Geschäft ist lukrativ, sagt Steinberger:

„Es herrscht seit letztem Jahr immer noch in der Branche Goldgräberstimmung, denn das ist eine Stundenanzahl, die da bewältigt werden muss, die ist enorm. Und da haben teilweise Unternehmer es geschafft, gerade in der freihändigen Vergabe, Verrechnungssätze zu realisieren, die unglaubliche Gewinnmargen beinhalten. Da sagt mir ein Mitbewerber, er macht bei jedem Flüchtlingszug - als die noch in Zügen ankamen - die Sektkorken auf. Weil das saniert einen für die nächsten Jahre.“

Gesetz für bundesweite Kontrollen auf dem Weg

Kontrolliert wird die Arbeit der Unternehmen in der Regel nur bei Eintritt in die Branche. Verband und Flüchtlingsrat fordern deshalb einen unabhängigen und transparenten Kontrollmechanismus, der regelmäßig greift. Nordrhein-Westfalen hat bereits im vergangenen Jahr die Vorschriften verschärft. Dort darf nur Personal eingesetzt werden, das von Polizei und Verfassungsschutz überprüft wurde. Wie jetzt bekannt wurde, hat das Bundeswirtschaftsministerium einen entsprechenden Gesetzentwurf erarbeitet, um derlei Kontrollen auch bundesweit einzuführen.

 

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