Montag, 20.11.2017
StartseiteCampus & KarriereForschen ja, aber anders22.11.2007

Forschen ja, aber anders

Hängen die ostdeutschen Universitäten in der Forschung zurück?

Beim Finale der Exzellenzinitiative Ende Oktober war keine ostdeutsche Universtät dabei. Kein Wunder, heißt es doch, die Unis im Osten hätten bei der Forschung einen Rückstand von 10 bis15 Jahren. Das sagte zumindest der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner kürzlich der "Sächsischen Zeitung". Ist das wirklich so und wo liegen die Ursachen?

Von Marion Nagel

Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

Der Rektor der Technischen Universität Dresden Herman Kokenge runzelt die Stirn, als er hört, dass an seine Uni in der Forschung hinterher hängen soll:

"Das sehe ich nicht so. Circa ein Drittel unseres Haushaltes besteht aus eingeworbenen Drittmitteln, das sind im letzten Jahr rund 110 Millionen Euro gewesen. Und damit liegen wir im bundesdeutschen Vergleich auf Platz 4. "

An der größten sächsischen Universität forscht man vor allem in den Schwerpunktbereichen Biotechnologie, Materialwissenschaften und in der Mikro- und Nanotechnologie. Neben zahlreichen Sonderforschungsbereichen hat man in den letzten Jahren interdisziplinäre Forschungsgruppen gebildet, eine Graduiertenschule gegründet und den Zuschlag für ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Zentrum für Regenerative Therapien bekommen. Damit steht in Dresden eines von nur sechs DFG Forschungszentren in Deutschland.

Trotz dieser Erfolge der Dresdner- kaum eine ostdeutsche Uni ist unter den ersten Plätzen bei den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft am höchsten bewilligten Forschungsvorhaben zu finden. Einzig die Berliner Humboldt-Universität hat es unter die ersten zehn Hochschulen geschafft. Doch ein generelles "Hinterher-hängen" in der Forschung lässt Kokenge nicht gelten. Man müsse genau nach den Ursachen schauen, meint der Rektor. Die Universitäten in Ostdeutschland mussten sich seit der Wende tiefgreifend verändern. Noch bis Mitte der 90er Jahre war man vor allem damit beschäftigt, die Profile der Universitäten neu auszurichten. Studienpläne, Ausstattung und auch das wissenschaftliche Personal wurden rund erneuert, so Kokenge.
"Das heißt, wenn ich den Zeitpunkt der bundesdeutschen Exzellenzinitiative sehe, hatten die ostdeutschen Unis erst 10 Jahre einer mehr oder weniger kontinuierlichen Entwicklung vorzuweisen. Das ist nicht mal die Laufzeit eines DFG Sonderforschungsbereiches. "

Dies könnte auch erklären, warum Leipzig, Jena oder auch Halle-Wittenberg bei auf den ersten 20 Plätzen sind. An der Universität Leipzig, hatte man erkannt, dass die Bundesexzelleninitiative eine Chance ist. In sogenannten "Profilbildenden Forschungsbereichen", sollten auch Geisteswissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zu einem Thema zusammenarbeiten. Was für die Naturwissenschaftler unproblematisch war, stellte die Geistes- und Sozialwissenschaftler jedoch vor ungeahnte Probleme, sagt der Leipziger Politologe Professor Wolfgang Fach:

"Die Ausgangsposition war, das geht überhaupt nicht und haben gemeint für unseren großen Bereich ist diese Form des Forschens nicht denkbar. Wir sind Individualisten, wir machen so etwas privat. Wenn wir kooperieren, dann machen wir sowas nicht systematisch und nicht in größeren Gruppen und schon gar nicht in einer Größenordnung von 30 Millionen Euro."

Dieses Problem haben sicherlich nicht nur ostdeutsche Geisteswissenschaftler, meint Prof. Rudolf Schlögl, Sprecher des geisteswissenschaftlichen Forschungsverbundes "Kulturelle Grundlagen von Integration" an der Universität Konstanz. Als einzige Hochschule in Deutschland hat Konstanz bei der Entscheidung zur Bundesexellenzinitiative im Oktober mit einem geisteswissenschaftlichen Forschungsthema den Zuschlag bekommen.

Doch für Schlögl haben viele der geisteswissenschaftlichen Fakultäten im Osten einen Nachteil: Als man sie nach der Wende neu ausrichtete, habe man dort für eine sehr traditionelle Wissenschafts- und Forschungsstruktur entschieden. Die Haltung und das Selbstverständnis, auch in den Geisteswissenschaften interdisziplinär und in großen Gruppen zu forschen, stand nicht im Vordergrund. Das zu ändern, bräuchte mehr Zeit so Schlögl.

Dieser Mangel an Erfahrung und Zeit war dann möglicherweise der Grund, weshalb der Leipziger Antrag für den Sonderforschungsbereich "Riskante Ordnungen" von der DFG abgelehnt wurde, meint Professor Fach:

"Man hat uns gesagt, Ihr habt ein gutes Thema, aber es kommt noch ein bisschen zu früh. Das ist das Problem mit aller Forschung in den neuen Bundesländern, weil die Universitäten erst seit relativ kurzer Zeit am arbeiten sind. Also die Art von Aufbauleistungen und Organisationsvorleistungen die notwendig war, um diesen Forschungsbereich zu etablieren, den musste keine andere Institution in der Weise leisten."

In Konstanz hingegen konnte eine Tradition von fächerübergreifender Forschung seit Mitte der 60er Jahre langsam wachsen. Als sogenannte "Reformuni" gibt es in Konstanz keine Lehrstühle und Fakultäten. Und somit auch keinen Streit um Gelder und Etats.

Die ostdeutschen Unis forschen nicht grundsätzlich weniger als die Westdeutschen, dass ließe sich pauschal so nicht sagen, sagt der Dresdner Rektor Herman Kokenge. Wenn man davon ausgeht, dass die ostdeutschen Universitäten erst seit gut zehn Jahren am gesamtdeutschen Forschungswettbewerb teilnehmen können und gerade auch in den Geisteswissenschaften lange gewachsene interdisziplinäre Strukturen wie in Konstanz praktisch nicht vorhanden sind, dann erscheinen die Unterschiede zu den westdeutschen Universitäten in einem anderen Licht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk