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StartseiteKultur heuteAuf den Spuren der Sowjetarmee 27.05.2015

FotoausstellungAuf den Spuren der Sowjetarmee

"We will forget soon" ist der Titel einer Wanderausstellung, die zurzeit an der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn Station macht. Die italienischen Fotografen Stefano Corso und Dario-Jacopo Laganà begeben sich dabei auf die Spur der Sowjetarmee, die sich vor 20 Jahren aus Ostdeutschland zurückgezogen hatte.

Von Cornelius Wüllenkemper

Sowjet-russische Soldaten bei ihrer Exerzierausbildung, Elstal, Juni 1990 (Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst / Wladimir Borissow)
Sowjetische Soldaten in der DDR im Juni 1990 (Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst / Wladimir Borissow)
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Die Ausstellung "We will forget soon" ist noch bis zum 14. Juni in Marienborn zu sehen. Weitere Stationen im Anschluss sind Halle an der Saale, Rostock, Berlin, Dresden und Rügen.

Nie in der Geschichte hat eine Besatzungsmacht ein größeres Truppenkontingent über einen so langen Zeitraum im Ausland unterhalten: Über 40 Jahre lang bevölkerten mehr als eine halbe Million sowjetischer Soldaten und ihre Familien 276 Militärstandorte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Der hochgerüstete Brückenkopf eines Krieges, der nie ausbrechen sollte.

Aus den streng abgeschirmten sowjetischen Kasernen, die sich größtenteils am Stadtrand oder im Wald befanden, drangen nur wenige Lebenszeichen nach außen, wie die Historikerin Silke Satjukow in ihrem Begleittext zur Ausstellung "We will forget soon" schreibt: der Geruch nach Schweiß, Schmiere und Öl, nach Kohl und Knoblauch, nach billiger Seife und beißend süßem Papirossa-Zigaretten, die sonntäglichen Appelle mit Marschmusik, das Befehlsgeschrei und die "Urra"-Rufe oder das Geklapper des Aluminiumgeschirrs. Die italienischen Fotografen Dario-Jacopo Laganà und Stefano Corso haben sich 20 Jahre danach auf die Spuren der Sowjetarmee begeben und die Überreste der Kasernen, Übungsplätze, Krankenhäuser, Offizierskasinos und zivilen Stadtanlagen fotografisch dokumentiert. Der Blick der Italiener auf die deutsch-sowjetische Vergangenheit ist dabei erstaunlich unpolitisch.

"Ein kollektives Gedächtnis entsteht dadurch, dass Menschen eine Entscheidung darüber treffen, an was sie sich erinnern wollen. Dafür müssen sie aber erst mal eine Wahl haben. Unser Projekt ist dafür ein Ausgangspunkt. Wir zeigen unsere Ausstellung nicht nur in Ost-Deutschland, sondern auch in Westdeutschland und in ganz Europa, das ist uns wichtig. Das begleitende Buch wird dokumentarischer sein, sodass man die Geschichte jedes einzelnen Ortes nachvollziehen kann. So hat jeder Betrachter die Wahl, ob diese Vergangenheit endgültig vorbei ist, oder ob er sich an sie erinnern möchte. Unsere Fotos bieten den Ausgangspunkt für eine mögliche Erinnerung."

Dario-Jacopo Laganà und Stefano Corso schaffen mit ihren rund 300 aus über 10000 ausgewählten Fotografien den ästhetischen Grundstein für eine sehr persönliche Erinnerung. In ihren Bildern thematisieren sie einerseits verlassene Militäranlagen, die sich die Natur wieder aneignet und so einen auch ästhetisch spektakulären Beweis der vergangenen Zeit liefert. Hier überzeugt nicht nur die unaufdringlich in Szene gesetzte Schönheit der Vergänglichkeit, sondern auch Laganà und Corsos geometrische Experimentierlust. Das Treppenhaus einer alten Kaserne wird vor ihrer Linse zum surrealistischen Formenspiel.

Zugleich bekommen wir in dieser kontrastreichen Ausstellung Aufnahmen restaurierter Bauten zu sehen, Krankenhäuser, Wohnblöcke oder Freizeitparks, aus denen die militärische Vergangenheit restlos heraussaniert wurde. Auch die Leere ist in der Schau unter dem Titel "We will forget soon" angemessen inszeniert: Auf dem Gelände einer abgerissenen Kaserne mitten im Wald zeugt allein eine riesige liegende Lenin-Statur von der Geschichte des Ortes. Die meisten außerstädtischen Anlagen sind 20 Jahre nach dem Abzug der Sowjets sich selbst überlassen worden. Weil es schlicht an Investoren fehlte, die die großräumigen Militärstädtchen sanierten, wurden sie zu Orten außerhalb der Zeit. Allein versteckte Dachkammern, in denen sich russische Militärs einen privaten Rückzugsraum geschaffen hatten, oder kyrillische Schriftzeichen an der Wand belegen, dass hier einmal Menschen gelebt haben. Dario-Jacopo Laganà:

"Deutschland hat viel dafür getan, die verschiedenen Gesichter der Geschichte aufzuzeigen. Die Militärpräsenz der Sowjets macht es uns allerdings ein wenig komplizierter, denn dieser Teil der Geschichte spielte sich im Schatten der Mauer ab. Viel der Orte, Wandmalereien und Gegenstände, die wir fotografiert haben, existieren bereits jetzt nicht mehr. Auch wenn nicht alle unsere Motive künstlerisch reizvoll waren, wollten wir sie auf jeden Fall fotografieren. Das sind die zwei Seiten unseres Projekts: Wir verfolgen einen künstlerischen Ansatz für unsere Fotos, die zugleich einen dokumentarischen Wert für die Betrachter haben sollen."

Die Ausstellung "We will forget soon" ist nicht nur künstlerisch äußerst sehenswert. Hier wird zugleich ein neues Element der innerdeutschen Erinnerungsbrüche aufgerufen. Begrüßenswert ist deshalb, dass die Schau auch durch Westdeutschland und später durch ganz Europa tourt. Denn die Überreste der sowjetischen Militärpräsenz in Deutschland sind ein Symbol für die friedliche Koexistenz ehemaliger Feinde und für das Ausbleiben kriegerischer Eskalation im Wettstreit der Systeme. Der neutrale Blick der beiden italienischen Fotografen hält sich heraus aus der Diskussion über Gräueltaten der sowjetischen Siegerarmee gegen die deutsche Zivilbevölkerung unmittelbar nach Kriegsende und die ideologische und realpolitische Bevormundung des moskautreuen Satellitenstaates DDR. Laganàs und Corsos Bilder belegen, wie weit die Epoche der europäischen Teilung aus unserem Alltag verschwunden ist und überlassen sie damit zugleich der persönlichen Erinnerung.

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