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StartseiteEuropa heuteDebatte um die Kippa15.01.2016

FrankreichDebatte um die Kippa

In Frankreich ist nach dem Angriff eines Jugendlichen auf einen jüdischen Geistlichen eine Debatte um das Tragen der Kippa entbrannt. Der Präsident des israelitischen Konsistoriums von Marseille empfahl den Juden der Stadt, die Kippa vorerst verdeckt zu tragen. Politiker sehen das anders. Einige sehen sogar die Grundlagen der Republik in Gefahr.

Von Jürgen König

Ein Mann mit einer Kippa sitzt anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht in der Synagoge in Dresden. (dpa / picture alliance / Sebastian Kahnert)
Mann mit Kippa (dpa / picture alliance / Sebastian Kahnert)
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Jüdische Gemeinde in Frankreich Uneins über Tragen der Kippa

Ist es ein Zeichen von Feigheit, wenn ein Jude aus Angst vor islamistischen Attacken seine Kippa nicht mehr trägt? Darf man seinen Glauben verstecken - aus Angst? Das ist die zentrale Frage, die nicht nur die etwa 70.000 Juden in Marseille umtreibt, sondern die jüdischen Gemeinden landesweit, aber auch Politiker, Intellektuelle, die Kirchen, die Medien.

Zvi Ammar, der Präsident des israelitischen Konsistoriums von Marseille, hatte die Debatte ausgelöst. Am Dienstag war ein 15-Jähriger in Marseille - nach eigenen Angaben "im Namen Allahs" und unter Berufung auf den sogenannten Islamischen Staat - mit einer Machete auf den jüdischen Lehrer Benjamin Amsellem losgegangen, der eine Kippa trug: Nur wenig später empfahl Zvi Ammar den Juden der Stadt, die "Kippa in dieser schwierigen Zeit lieber nicht zu tragen – solange nicht, bis bessere Zeiten kommen".

"Das einzige Ziel muss es sein, das menschliche Leben zu schützen. Es gibt nichts auf dieser Welt, was heiliger wäre als das menschliche Leben. Und wenn es dann Menschen gibt, die wie Barbaren sind, die nicht nachdenken und die vor nichts zurückschrecken und die vor nichts Angst haben, – dann sind wir doch intelligenter als sie."

Zwischen Angst und Gelassenheit

Ruben Ohana, der Großrabbi von Marseille, erinnerte an die große Tradition der Toleranz in Marseille – und empfahl eine Kompromisslösung.

"Ich empfehle der Gemeinde und den Eltern, den Kopf ihres Kindes zu bedecken, aber auf eine etwas diskretere Weise. Das heißt: ja, die Kippa auch weiterhin tragen, aber darüber noch etwas Größeres, etwa eine Kappe – weniger ostentativ."
Nicht wenige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Marseilles sehen es eher gelassen:
Erster Anwohner:

"Wir tragen die Kippa jetzt! - und wer sie nicht mehr tragen will, den wird man nicht mit Steinen bewerfen. Er übernimmt halt für sich Verantwortung und das ist gut. Aber wir hier im Viertel, wir haben nicht so viel Angst."
Zweiter Anwohner:

"Ich habe nicht die Gewohnheit, die Kippa zu tragen – außer in der Synagoge. Ich sehe mich nicht als Juden an, wenn ich auf der Straße bin – ich sehe mich als Franzosen an – wie jedermann."

Joel Mergui vom Dachverband der jüdischen Einrichtungen in Frankreich hat Verständnis für die Haltung Zvi Ammars – sie sei die eines besorgten Familienvaters. Aber diese Haltung, sagte er der Zeitung "Le Monde", dürfe nicht zur generellen Position des französischen Judentums werden. Die Kippa sei ein grundlegendes Symbol des Judentums, auf sie zu verzichten hieße, auf jüdisches Leben zu verzichten.

Aus den Reihen der Politik kommen noch schärfere Töne: die Grundlagen der Republik seien in Gefahr. Würde man die Arme, den Kopf hängen lassen, würden die Juden in Marseille davon absehen, ihre Kippa zu tragen, sagte Xavier Bertrand, Präsident der Region Nord-Pas de Calais-Picardie: dann werde Frankreich nicht mehr wirklich Frankreich sein.
Innenminister Bernard Cazeneuve:

"Ich erinnere daran, dass die Trennung von Religion und Staat ein Prinzip der Republik ist: die Möglichkeit zu glauben – oder nicht zu glauben, die Möglichkeit, seine Religion frei zu wählen und sie auch frei auszuleben, in den Gotteshäusern oder den religiösen Stätten wie auch im öffentlichen Raum. Aus diesem Grunde sichern Tausende Polizisten seit Monaten den Schutz der Schulen, insbesondere der jüdischen Schulen, der Kirchen, der Moscheen, der Synagogen."

Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit

Der angegriffene Lehrer, Benjamin Ansellem – er trägt jetzt wieder die Kippa – unter einer Mütze.

"Das Problem ist nicht die Kippa, das Problem ist die Gefährlichkeit, ist der Hass dieser Leute – das ist das größere Problem. Ich selber habe ein Trauma erlitten, deshalb werde ich alles tun, um mich in größtmöglicher Sicherheit zu fühlen. Deshalb trage ich eine Mütze. Aber das ist meine persönliche Wahl",

sagt Benjamin Amsellem – während der 15jährige Angreifer aussagt, er sei "stolz auf seine Tat".

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