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StartseiteEuropa heuteFrankreichs verstrahlte Soldaten07.03.2007

Frankreichs verstrahlte Soldaten

Staat lehnt Verantwortung für Folgen von Bombentests ab

Mit riskanten Atombombenversuchen hat Frankreich über Jahrzehnte Menschen in Gefahr gebracht. Der "Verein der Veteranen der Atombombentests" fordert bislang vergeblich vom französischen Staat die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für Strahlenopfer. Hans Woller berichtet.

Französischer Atombombentest auf dem  Mururoa Atoll 1971. (AP Archiv)
Französischer Atombombentest auf dem Mururoa Atoll 1971. (AP Archiv)

Ein mit 300 Personen gut gefüllter Saal im französischen Senat während der Vorführung eines Films mit dem Titel "Es lebe die Bombe", dessen Handlung einer wahren Geschichte nachempfunden ist: neun junge französische Soldaten, die am 1. Mai '62 bei einem missglückten unterirdischen Atombombenversuch unweit der Basis In Eker in der algerischen Sahara von allen vergessen wurden und stundenlang in nur zwei Kilometern Entfernung vom Explosionsort Strahlungen ausgesetzt waren. Fast jeder im Saal hat einen der französischen Atombombenversuche am eigenen Leib miterlebt, und jeder hat mit Spätfolgen zu kämpfen: Mehrere sind erblindet, einem fehlt die halbe Nase. und ein Krebs am Kieferknochen hat sein Gesicht zusätzlich entstellt, andere sind mit Hautkrankheiten davongekommen. Am Ende der Filmvorführung schlagen die Emotionen hoch:

"Wir waren stolz an diesem Experiment teilzunehmen, das dazu diente, Frankreich zu einer Großmacht werden zu lassen , die in der Welt respektiert wird. Aber dieses Frankreich hat uns als lebende Versuchskaninchen benutzt, hat uns nicht vor der Gefahr gewarnt, uns hinterher nicht behandelt und hat uns wie ein verbrauchtes Papiertaschentuch weggeworfen. Alle Veteranen, die überlebt haben, sind heute krank . Und der Staat wartet anscheinend, bis sie gestorben sind, um ihnen posthum einen Orden zu verleihen."

Jeder dieser Veteranen , der den französischen Staat zur Verantwortung ziehen will, muss beweisen, dass seine Erkrankung in Zusammenhang mit der Verstrahlung durch die Atombombenversuche der letzten Jahrzehnte steht, ein Ding der Unmöglichkeit. Wer trotzdem vor Gericht Recht bekommt, ist bei weitem nicht am Ende seines Kreuzwegs: Der französische Staat und die Armee legen systematisch Berufung ein und spielen auf Zeit. Nicht mal eine parlamentarische Untersuchungskommission ist zustande gekommen und kaum ein französischer Politiker hat sich bislang des Themas angenommen. Eine Ausnahme, die Senatorin Helene Luc. Sie hat eine Gesetzvorlage eingebracht, die allerdings kaum Aussicht hat, jemals angenommen zu werden:

"Jemand, der Krebs hat und der als Soldat in Polynesien oder in der Sahara war, muss das Recht auf eine Pension haben. Und die militärische Geheimhaltung muss aufgehoben werden, das hat doch keinen Sinn mehr, 47 Jahre danach. Der Staat muss heute akzeptieren, der Realität ins Auge zu sehen , anerkennen, was passiert ist, und exakt sagen, was passiert ist."

Eine Delegation des Verbandes der Veteranen der Atombombenversuche ist vor wenigen Wochen , von Wissenschaftlern begleitet und mit Geigerzählern ausgestattet, am Ort des verunglückten Atombombenversuchs vor 45 Jahren in In Eker in Algerien gewesen:

"Wenn wir den Geigerzähler zwölf Stunden lang dort gelassen hätten, wären wir auf die radioaktive Dosis gekommen, die man normalerweise in einem Jahr erhalten darf. Es ist heute immer noch gefährlich, länger dort zu bleiben, und das 45 Jahre danach. Man kann sich vorstellen, was die, die damals in In Eker waren, abbekommen haben . Wir haben diese verstrahlten Lavabrocken gesehen , die frei zugänglich sind , alles mögliche Material liegt noch da, Toilettenbeutel, Kabel und im Zaun drum herum haben wir mindestens fünf Löcher gezählt."

Pierre Leroy (65) blättert bei sich zu Hause , im 18. Pariser Arrondissement, in einem Fotoalbum, auch er ein Zeitzeuge des missglückten Atombombentests in der algerischen Sahara. Vor wenigen Jahren hat er eine Krebsoperation überstanden.

"Die Basis In Eker, das war eine kleine Stadt, da lebten 3000 Menschen","

sagt der, der am 1. Mai '62 30 Kilometer vom Ort der Explosion entfernt war, in der Basis Zeuge der Panik wurde, die herrschte, als klar war, dass die Atombombenexplosion einen Spalt in der Berg gerissen hatte und Radioaktivität austrat. Er selbst bringt seine Krebserkrankung nicht mal unmittelbar mit dem Erlebten in Zusammenhang, kann aber generell nicht verstehen, dass der französische Staat weiter so stur bleibt und konstatiert nur trocken:

""Man weiß heute , dass unter den 3000 bis 4 000 Mitgliedern unseres Verbands die Zahl der Krebserkrankungen überdurchschnittlich hoch ist und auch, dass es sehr viele Witwen gibt. Außerdem sind die Leute, die verstrahlt wurden, sind nicht nur selbst krank , sondern ihre Kinder und Enkelkinder auch, das überträgt sich von Generation zu Generation."

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