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Freches Historienspektakel

Die Revue "Zur Sache" von andcompany&Co. in Göttingen liefert jede Menge Erinnerungsfutter

Von Michael Laages

 "Zur Sache" ist bei aller historischen Last auf den Schultern polemisch und perfide, frech und fröhlich.
"Zur Sache" ist bei aller historischen Last auf den Schultern polemisch und perfide, frech und fröhlich. (Thomas Müller)

Das Berliner Theaterkollektiv andcompany&Co. nimmt sich in seinem neuen Stück "Zur Sache" die späten 60er-Jahre vor: Notorische Realitätsverweigerer treffen auf radikale Revolutionäre, deutscher Schlager auf politische Protestsongs.

Zugegeben – wer, sagen wir mal, kurz vor Mauerfall geboren ist, wird zu Beginn des neuen Historien-Spektakels von andcompany&Co. am Deutschen Theater in Göttingen womöglich einige Schwierigkeiten mit dem Personal bekommen. Klar: John Lennon ist eine der ewigen Ikonen des vorigen Jahrhunderts - auch wenn gegen Ende keine Yoko Ono neben ihm sitzt beim Friedens fördernden "bed in", sondern ein junger Mann, der den ganzen Abend zuvor als "Rudi Dutschke" ausgewiesen wird. Rudi who? Auch klar: Die Kino-Schauspielerinnen Brigitte Bardot und Jeanne Moreau leben beide noch - aber dass Louis Malles Film "Viva Maria" von 1965 Dutschkes Lieblingsfilm war: wer weiß das schon?

Und wer war eigentlich Martin, der 1959 als einer der ersten konsequenten Gammler das Bett nicht mehr verlässt und unter Decke nichts als coole Sprüche ablässt – angeblich gab's einen Film über ihn, der "Zur Sache, Schätzchen!" hieß und DER deutsche Kinohit des Jahres 1968 war. Weiß jemand mehr? Wer ist schließlich dieser wunderliche Moderator, der zu Beginn das Publikum immer als "meine goldigen Landsleute" anquatscht; dieser alternde Hippie mit Haaren bis zum Arsch und zuweilen derart auf Gras-Droge, dass er sich für seine eigene Frau hält ...

"Das ist "Wolfgang Neuss". Tja. Interessant. Und wer war das?"

Vielleicht überschätzen ja Nicola Nord und Alexander Karschnia, Bühnenbauer Jan Brokof und Musiker Sascha Sulimma die historischen Vorkenntnisse der Kundschaft; wer die vielen Typen und alltagskulturellen Assoziationen in dieser lose verbundenen Szenenfolge zuordnen kann, etwa die ZDF-Show mit dem beunruhigend doppelsinnigen Titel "Der Goldene Schuss", der bekommt am Deutschen Theater in Göttingen an einem Abend Nachdenk- und Erinnerungsfutter für mindestens drei oder vier Folgenächte, allein oder zu zweit.

Zur Sache – der Hippie Neuss, verstorben kurz vor Mauerfall 1989, reflektiert den eigenen Ausstieg. Wie der Kino-Martin anno 1959 (der jetzt auftritt) wurde er, Neuss, später auch zum Gammler, saß daheim in der Berliner Lohmeyerstraße 7, fragte rhetorisch "Wie werde ich unbekannt'" und ließ sich von besten Freunden aushalten. Die "Viva Maria!"-Frauen poltern ins Bild und sprengen mal hier und mal da was, und schnell beginnt in ziemlich dynamisch montierten Szenen das deutsche Gesellschaftspanorama der Zeit: mit den Berliner Demonstrationen gegen den Schah von Persien 1967 und dem ermordeten Studenten Benno Ohnesorg aus Hannover, mit dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke ein Jahr später zu Ostern. Den Dutschke-Schuss des Arbeitslosen Josef Bachmann übrigens lässt "andcompany&co" übrigens als Siegerschuss in der genannten ZDF-Show ausführen. Das hat was.

Keine Sorge: "Zur Sache" ist bei aller historischen Last auf den Schultern polemisch und perfide, frech und fröhlich, der Grundton des Berliner Kollektivs ist wie immer eher ironisch und grotesk. Aber deutlich wird eben auch, dass eine Handvoll bedeutender Toter den Befreiungsprozess der zwischen Verbot und Verdrängung eingezwängten westdeutschen Nachkriegsrepublik begleiten. Hatte nicht Martin, der ewige Faulenzer, immer wieder finster geulkt: "Es wird böse enden!" Der Satz war ernst zu nehmen.

Auch er sollte ja – wäre es nach dem Drehbuch der Regisseurin May Spils und Hauptdarsteller Werner Enke gegangen - im Film sterben wie Jean Paul Belmondo in Jean Luc Godards Nouvelle-Vague-Klassiker "Außer Atem". Aber dann war der tote Benno Ohnesorg noch zu frisch in Erinnerung, und Film-Schluss und Schuss wurden geändert: Martin blieb leicht verletzt. "andcompany&co" drehen dieses Hin und Her der Entscheidung (oder Zensur) durch die Rückblenden-Maschine. Und auch Wolfgang Neuss zieht sich da wieder ins durchrauchte Nirwana zurück.

"Zur Sache!" kam wohl schon das Personal von damals nur in engen Grenzen – was "Zur Sache!" heute bedeuten könnte und müsste, außer Marx lesen und "attac!" unterstützen, das bleibt fürs erste noch ungeklärt.

Vielleicht wird ja noch eine Deutsche Trilogie draus, mit dem mutigen Göttinger Ensemble samt andcompany&Co.



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