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StartseiteKultur heuteKritik an Kultursenator Klaus Lederer12.04.2018

Freie Kulturszene in BerlinKritik an Kultursenator Klaus Lederer

Trotz einer Erhöhung des Berliner Kulturetats um mehr als 15 Prozent für 2018/19 murrt die Off-Kultur. Die 40.000 Künstler vertretende "Koalition der freien Szene Berlin" zieht eine bittere Bilanz. Eine ihrer Befürchtungen: Schon bald könnte sich die alternative Kulturszene kaum mehr in der Innenstadt halten.

Von Christiane Habermalz

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Blick aus dem kleinen Saal auf die Spree (Radialsystem / Sebastian Bolesch)
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Berlin - Streit um Geld für die freie Szene

Eigentlich müsste die freie Kulturszene in Berlin frohlocken, denn der Rubel rollt mehr denn je für die Berliner Kultur. Dennoch klang die Erklärung, die Christophe Knoch, Filmemacher und Sprecher der "Koalition der freien Szene Berlin " heute zur Kulturpolitik der Stadt abgab, fast verbittert.

"Wenn man sich anschaut, was davon tatsächlich in der freien Szene ankommt, ist das nach wie vor sehr, sehr wenig. Es ist nach wie vor deutlich weniger als im Verhältnis der Aufstieg im Kulturhaushalt ist, es ist im Verhältnis nach wie vor deutlich weniger, als das was zum Beispiel durch die Teuerung der Stadt sich erreicht. Also es hat sich nicht nur nicht verbessert, sondern wahrscheinlich sogar verschlechtert."

Denn die alternative Kunst und Kultur, für die Berlin in der Welt geliebt wird, ist stark unter Druck.

Künstler verlassen die Innenstadt-Bezirke

Der Verdrängungsdruck durch steigende Mieten und Immobilienpreise sei enorm, erklärte Knoch - Berlin sei auf dem besten Wege, den gleichen Weg wie Paris oder New York zu gehen, in dem Künstler und Kulturszene komplett aus der Innenstadt verbannt worden seien.

"Die steigenden Preise, die natürlich dann bedeuten, dass es keine Ateliers mehr gibt, dass Theater schließen müssen, da drückt sich das bei der freien Szene sofort durch. Das ist der Klassiker. Ein Ort wird spannend, dadurch, dass Kunst da ist, dadurch, dass dort was passiert, und sobald es teuer wird, werden die Leute gehen müssen, die das Geld dann nicht mehr dafür haben für den Erfolg, den sie selber produziert haben. Das sieht man jetzt ganz klassisch hier in Berlin."

Knoch und seine Sprecherkollegin Wibke Behrens ziehen sich nach sechs Jahren nun von ihren Sprecherposten zurück – und begründen dies explizit auch mit der aktuellen Kulturpolitik unter Lederer.

Klage über Intransparenz bei der Geldverteilung

Zwar seien zentrale Forderungen umgesetzt worden wie Honoraruntergrenzen und Ausbildungsvergütungen für Künstler, die in öffentlich geförderten Kulturinstitutionen auftreten oder ausstellen. Doch die versprochene Partizipation sei auf vielen Gebieten nur eine Scheinbeteiligung, für die man künftig nicht mehr zur Verfügung stehen wolle. Christophe Knoch:

"Was stattfindet ist eine sehr stark etatistische Politik, darunter verstehe ich eine Art Black Box. Man kann immer sprechen, man hört jemanden, der all die guten Worte sagt, der sich auch sehr ansprechbar zeigt, der allerdings in keiner Form nachvollziehbar macht, wie die Entscheidungen laufen."

Und: Es werde leider versäumt, jetzt die Strukturen dafür zu schaffen, damit freie Kunst und Kultur auch in Zeiten knapperer Kassen überleben können, kritisiert Knoch.

City-Tax-Traum ist vorbei

 Beispiel City Tax, die Steuer, die Berlin-Touristen bei Übernachtungen zahlen müssen. 50% davon sollten in die freie Kulturszene fließe, so bereits vor Jahren der Vorschlag der Kulturschaffenden, der im Wahlkampf auch gerne aufgegriffen wurde. Aber, so Wibke Behrens, der "Begriff der City Tax wurde abgeschafft, der wurde ersatzlos gestrichen. Und das Einvernehmen, was eine Zeitlang zu herrschen schien zwischen freier Szene und Politik, davon ist nichts mehr geblieben." Knoch ergänzt:

"Wir sehen eine Regierung, die offensichtlich überfordert ist damit. Die auf der einen Seite ein bisschen beschwipst ist von den eigenen Beliebtheitswerten, die auf der anderen Seite mehr Geld als je zum Verteilen hat, und immer wieder den Eindruck hat, dass das Geld, das sie verteilt ihr eigenes ist und deswegen auch ein eigenes Verdienst ist, wenn sie es verteilen kann."

Von Kultursenator Lederer war heute kein Statement auf die Kritik zu bekommen. Klar ist, dass die linke Senatsverwaltung für Kultur von der wachsenden Stadt überrollt wird.

Zu früh Kasse gemacht mit kommunalen Liegenschaften?

 Im Koalitionsvertrag hatte der rot-rot-grüne Senat noch angekündigt, bis zum Jahr 2020 2.000 neue Atelier – und Probenräume zu schaffen. Doch laut den Zahlen, die dem Berliner Kulturausschuss im Dezember vorgelegt wurden, fehlen allein für bildenden Künstler 4.000 Atelierräume in der Stadt – und jedes Jahr gehen 350 bezahlbare Ateliers durch Kündigungen oder Mieterhöhungen verloren. Da sind Lederers Bemühungen und Erfolge – kürzlich wurde ein Atelierhaus im Prenzlauer Berg gerettet - nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Nun rächt es sich, dass die Stadt, als sie noch arm aber sexy war, alle landeseigenen Liegenschaften verkauft hat – urbane Räume, die nun für die alternative Kultur zur Verfügung stehen könnten. Das war allerdings vor Lederers Zeiten.

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