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StartseiteInterviewFreude, "dass Sachsen zum Modell geworden ist"18.11.2008

Freude, "dass Sachsen zum Modell geworden ist"

Kultusminister Wöller ist stolz auf PISA-Ergebnisse in seinem Bundesland

Der sächsische Kultusminister Roland Wöller (CDU) glaubt nicht, dass allein die vermehrten Investitionen in das Schulsystem der östlichen Bundesländer für das erfolgreiche Abschneiden bei PISA maßgeblich sind. Vielmehr habe dies mit den Lehrern zu tun - und der Zusammenfassung von Haupt- und Realschule in seinem Bundesland.

Roland Wöller im Gespräch mit Silvia Engels

Schüler der Mittelstufe im naturwissenschaftlichen Unterricht. (AP)
Schüler der Mittelstufe im naturwissenschaftlichen Unterricht. (AP)

Silvia Engels: Heute Vormittag werden in Berlin die Ergebnisse der so genannten Pisa-Ergänzungsstudie vorgestellt (kurz Pisa E). Hier haben die Forscher die letzte Pisa-Untersuchung über das Wissen von Neuntklässlern aus dem Jahr 2006 aufbereitet und nach Bundesländern sortiert. Mittlerweile ist in mehreren Presseberichten vorab nachzulesen, dass in allen drei Kategorien des Tests (also Naturwissenschaft, Mathematik und Leseverständnis) Sachsen auf Platz Eins gelandet ist. Am Telefon ist der sächsische Kultusminister Roland Wöller (CDU). Guten Morgen!

Roland Wöller: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Darf man schon gratulieren?

Wöller: Ja, das dürfen Sie.

Engels: Was macht Sie besonders stolz an diesem Ergebnis?

Wöller: Ja, das ist ja das Ergebnis einer langjährigen Arbeit in unserem Bildungssystem. Wir freuen uns besonders, dass wir bei den Naturwissenschaften sehr gut abgeschnitten haben. Das ist schon lange ein Fokus sächsischer Bildungspolitik. Wir haben beispielsweise über 30 Prozent Anteil an naturwissenschaftlichen Fächern über alle Schularten und haben jetzt besonders noch mal nachgelegt in der Oberstufe, indem wir verpflichtend alle drei Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) bis zum Abitur durchgehend haben.

Engels: Die jüngste Pisa-Studie konzentrierte sich ja gerade auf die Naturwissenschaften. Dort hat Ihr Konzept also gefruchtet. Kommen denn da vielleicht die Geisteswissenschaften und Sprachen wiederum zu kurz?

Wöller: Das ist eine berechtigte Frage, aber ich glaube, wir muten unseren Schülern insgesamt einen hohen Lernanteil zu, auch zeitlich. Aber insgesamt ist die Mischung ausgewogen. Es ist aber klar, dass der Wohlstand Deutschlands und die Zukunft jedes einzelnen davon abhängt, ob er naturwissenschaftlich ausgebildet ist. Naturwissenschaften gehören verbindlich zum Kanon der Allgemeinbildung dazu. Und im Übrigen versuchen wir natürlich auch, die Studierfähigkeit damit zu fördern. Ich glaube, insgesamt zeigt sich, dass wir auf einem guten Wege sind. Das macht uns natürlich stolz. Aber wir wollen uns keinesfalls ausruhen, sondern weiterarbeiten.

Engels: In Sachsen haben Sie ein zweigliedriges Schulsystem, also Gymnasium und Mittelschulen. Liegt Ihr Pisa-Erfolg vielleicht auch darin begründet, dass es bei Ihnen keine Hauptschule gibt?

Wöller: Das ist richtig. Wir haben seit Anfang an einen eigenen Weg gewählt, einen sächsischen Weg gewählt, mit der Mittelschule, die unter einem Dach den Hauptschulgang und den Realschulgang vereinigt. Und das Interessante – und das bestätigt auch die Pisa-Studie – ist, dass es uns damit gelingt, möglichst viele in einen Bildungsabschluss, einen mittleren Bildungsabschluss zu führen, in den Realschulabschluss. Über 50 Prozent eines Schülerjahrgangs schaffen bei uns den Realschulabschluss. Das ist so hoch wie nirgendwo anders in Deutschland. Und damit kommen wir natürlich der Forderung nach, dass jeder zählt, denn Bildungschancen sind auch Lebenschancen.

Engels: Es wird ja immer bemängelt, dass die Hauptschule nicht mehr für das Leben genügend ausbildet, für den Ausbildungsplatz nicht genug ausbildet. Sollte die Hauptschule generell in ganz Deutschland abgeschafft werden?

Wöller: Das müssen die Länder selber entscheiden. Ich glaube, der Bildungsföderalismus ist richtig. Wir haben ein gemeinsames Ziel, nämlich die Qualität von Bildung und von Ausbildung zu verbessern. Aber die Wege dorthin sind unterschiedlich. Wir haben einen eigenen Weg gewählt seit Anfang der 90er Jahre, übrigens mit gleichen Startbedingungen aller ostdeutschen Länder, und die haben sich unterschiedlich entwickelt. Wir nehmen natürlich mit Freude zur Kenntnis, dass Sachsen zum Modell geworden ist. Viele andere Bundesländer schauen es sich bei uns ab. Aber noch mal: Die Entscheidung, ob die Hauptschule weitergeführt werden soll, trifft natürlich jedes einzelne Bundesland.

Engels: Herr Wöller, dann gießen wir mal etwas Wasser in den Wein Ihrer Pisa-Begeisterung. In allen Bildungsstudien wird ja immer auch darauf hingewiesen, dass vor allem Kinder mit ausländischen Eltern durch fehlende Förderung nach wie vor Probleme haben, gute Schulleistungen zu erzielen, und so etwas schlägt sich auch in Pisa-Tests wieder nieder. Ketzerische Frage: Schneidet Sachsen deshalb so gut ab, weil der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund bei Ihnen so viel geringer ist als in vielen westdeutschen Bundesländern?

Wöller: Das könnte man meinen. Allerdings muss man sich auch dabei berücksichtigen, dass nicht jeder, der einen Migrationshintergrund hat, automatisch schlechte Schulergebnisse liefert. Bei uns in Sachsen ist es beispielsweise so, dass die Kinder mit Migrationshintergrund gerade in den großen Städten wie Leipzig oder wie Dresden besonders gut abschneiden. Und das trifft auch beispielsweise auf Nordrhein-Westfalen zu. Also so einfach kann man es sich nicht machen. Aber wichtig ist, nicht nur Migrationshintergrund einzubeziehen, sondern auch die soziale Herkunft. Und in der Tat ist es da noch eine große Baustelle. Die sozialen Disparitäten haben zwar nicht zugenommen, aber immer noch ist es so, dass ein Kind aus einem Akademikerhaushalt eine viermal höhere Chance hat, aufs Gymnasium zu gehen, als ein Kind aus einem Facharbeiterhaushalt. Und das bleibt eine der großen Baustellen in den nächsten Jahren.

Engels: Was tun Sie dagegen, Herr Wöller?

Wöller: Ja, indem wir versuchen, eine individuelle Förderung und gezielte Maßnahmen anzusetzen. Wir haben in Sachsen beispielsweise neben der Mittelschule noch Fördermaßnahmen, wie beispielsweise Lerncamps oder produktives Lernen, wo wir versetzungsgefährdeten Schülern in der Mittelschule Hilfe angedeihen lassen, und die haben sich als sehr erfolgreich herausgestellt. Und damit haben wir die Abbrecherquote noch weiter senken können.

Engels: Andere Länder könnten ja auch auf die Idee kommen, dass diese spezielle Erfolgsgeschichte, die ja auch andere Bundesländer in den neuen Ländern im Bereich Bildung haben, auch damit zusammenhängt, dass einfach mehr Milliarden im Zuge der Aufbau-Ost-Förderung in Ihre Region geflossen sind. Stimmt das?

Wöller: Entscheidend ist die Verwendung der Milliarden.

Engels: Aber Sie haben sie gehabt!

Wöller: Ja, aber man muss überlegen, für was sie ausgegeben werden. Richtig ist, dass Bildung ein Schwerpunkt der Regierungspolitik in Sachsen immer gewesen ist und das mit dem neuen Haushalt bleibt. Wir geben aber nicht mehr Geld aus pro Kopf als andere Länder. Entscheidend ist nicht, wie viel Geld ins System fließt, sondern wie das Geld verwandt wird. Und am Gelde hängt nicht alles; auch das zeigen Studien, auch außerhalb der Pisa-Studie. Es kommt nicht darauf an, mehr Geld ins System einzuschleusen, sondern die Qualität der Bildung zu verbessern. Und hier ist ganz eindeutig die Lehrerschaft wichtig. Der Erfolg, der jetzt errungen worden ist – übrigens in allen Ländern hat sich ja gezeigt, dass es deutliche Fortschritte gibt; das ist ja nicht nur Sachsen -, dass die Lehrerinnen und Lehrer eine der bedeutendsten Rollen dabei spielen.

Engels: Werden Sie das Personal, das Lehrpersonal weiter aufstocken?

Wöller: Das haben wir ja bereits, indem wir mit dem Schülerrückgang im Osten und auch in Sachsen weniger Lehrer abgebaut haben, als es notwendig gewesen wäre. Und damit haben wir ein pädagogisches Plus erwirtschaftet. Also, wir können die Betreuungsmöglichkeiten noch verbessern und ich glaube, damit liegen wir auf dem richtigen Wege.

Engels: Heißt aber auch, die zurückgehenden Schülerzahlen machen Ihnen das Leben leichter.

Wöller: Nicht unbedingt, wenn Sie überlegen, welchen einschneidenden Prozess wir zum Beispiel bei Schulschließungen hinter uns haben. Wir haben das Schulnetz anpassen müssen. Wir haben große Teile unserer Lehrerschaft auf Teilzeit. Jetzt kommen wir gerade wieder im Grundschulbereich auf Vollzeit zurück. Das sind alles Transformationsmaßnahmen, die für den Einzelnen nicht angenehm sind. Gleichwohl ist es bei einer engagierten Einstellung geblieben und deswegen bin ich den Lehrerinnen und Lehrern in besonderer Weise dankbar.

Engels: Auch wenn Sachsen nun im nationalen Vergleich vorne liegt, international kommt Deutschland ja beim jüngsten Pisa-Test nicht über Platz 13 unter 57 Staaten hinaus. Was machen andere Staaten immer noch besser?

Wöller: Da sind wir dabei, es zu analysieren. Was allerdings auffällig ist, dass die Grundgesamtheit, also die Schülerzahlen, die in die Tests mit einbezogen sind, höchst unterschiedlich ist. Das Finnland-Ergebnis sticht ins Auge, aber wenn man berücksichtigt, dass die Finnen keinerlei Förderschüler mit in die Prüfung mit einbeziehen, wir allerdings schon, dann ist das Ergebnis, das finnische Ergebnis deutlich überzeichnet. Aber noch mal: Die Pisa-Studie, auch international, ist keine Studie, die die Bildungssysteme miteinander vergleicht, sondern die vergleicht die Qualität der Bildung. Also muss man vorsichtig sein mit Rückschlüssen, aber gleichwohl: Wir müssen besser werden. Sachsen ist zwar auf allen drei Plätzen (Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften) auf Platz 1 und damit auch oberhalb des OECD-Durchschnitts, aber wir sind in einigen Bereichen wie zum Beispiel beim Lesen nicht in die internationale Spitzengruppe vorgestoßen.

Engels: Es ist also noch einiges zu tun. Vielen Dank für das Gespräch. Wir sprachen mit dem sächsischen Kultusminister Roland Wöller (CDU).

Wöller: Herzlichen Dank, Frau Engels.

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