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StartseiteBüchermarktFunkeln und Schillern von Anfang bis Ende04.09.2012

Funkeln und Schillern von Anfang bis Ende

Mathias Gatza: "Der Augentäuscher". Roman. Graf Verlag.

Der einstige Verleger und Lektor deutschsprachiger Literatur Mathias Gatza ist sich auch als Autor treu geblieben. Noch immer ist er gut für gelungene Überraschungen. Zwar kommt sein neuer Roman wie schon "Im Schatten der Tiere" im Gewand eines Krimis daher. Doch ansonsten reibt man sich verwundert die Augen.

Von Claudia Kramatschek

Mathias Gatza (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Mathias Gatza (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Um es gleich vorwegzusagen: Der einstige Verleger und Lektor deutschsprachiger Literatur Mathias Gatza ist sich auch als Autor treu geblieben. Noch immer ist er gut für gelungene Überraschungen. Zwar kommt sein neuer Roman "Der Augentäuscher" wie schon sein Debütroman "Im Schatten der Tiere" im Gewand eines Krimis daher. Doch das ist auch die einzige Ähnlichkeit, ansonsten nämlich reibt man sich verwundert die Augen.

Früchtestillleben im Dresdner Barock ist diesmal das Ausgangssujet für eine literarische Charade, die selbst nichts weniger ist als eine trick- und fintenreiche Augentäuscherei.

"Ich habe tatsächlich als Jugendlicher schon Stillleben in der Gemäldegalerie sehr gerne gemocht. Und zwar immer mit diesem kindlichen Gedanken: Aha, das ist toll, ich sehe den Blick von einem Menschen vor 300 Jahren. Das heißt, ich war da einfach durch ein Sujet und ein magisches Blickinteresse an diese Zeit gebunden."

Magisch angezogen von der Malerei dieser Zeit ist auch Gatzas Ich-Erzähler, ein namenlos bleibender, auf ganzer Bahn gescheiterter Kunsthistoriker. Seine diversen Anläufe, sich in der Wissenschaft zu etablieren, sind fehlgeschlagen – und das, obwohl er einer aufregenden Entdeckung auf der Spur zu sein glaubt: einem sächsischen Maler namens Silvius Schwarz, der in seinen Bildern die Fotografie vorweggenommen haben soll. Da die Wissenschaft das in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragene Quellenmaterial des einsamen Forschers eisern verschmäht, steht es nun, so die Rahmenhandlung des Romans, für jeden frei zugänglich im Netz.

"Verehrter Leser, Ihr freundliches Interesse an der faszinierenden Früchtestilllebenmalerei auf dem Territorium des Kurfürstentums Sachsen zwischen 1673 und 1680, übrigens mein Spezialgebiet, führte Sie zu mir."

... so erfährt man gleich zu Auftakt im Vorwort jener Schriften, die wir fortan lesen – und schon ist man drin in einer Fiktion der Fiktion. Denn schon Schwarz ist natürlich eine Erfindung (dennoch hat man als Leser zur Sicherheit rasch noch im Internet nachgeschaut). Es gab jedoch, so Gatza, ein reales Vorbild für Silvius Schwarz – einen holländischen Stilllebenmaler namens Torrentius.

"Seine Bilder waren damals, um 1620, die teuersten, die es in Amsterdam gab. Und von diesem Maler gibt es nur noch ein einziges Bild im Reichsmuseum. Aber - man kann nachweisen, dass es in königlichen Depots – beim englischen König – 39 Bilder von ihm gab, dass der schwedische König Bilder von ihm hatte. Dass diese Bilder verschwunden sind, ist kunsthistorisch nicht evident. Dieser Mann wurde tatsächlich angeklagt, galt als Rosenkreuzer, Unzucht wurde ihm vorgeworfen und Gottlosigkeit. Und in den Gerichtsakten sind sehr merkwürdige Aussagen von diesem Mann. Nämlich dass er nicht mit dem Pinsel gemalt hätte; dass er die Bilder auf dem Boden hätte, dann würde er, man weiß nicht genau, was machen, und dann würde es über den Bildplatten wie ein Bienenschwarm summen; dass er nur mit einer Maske arbeiten würde. Das heißt: Dieser Mann hat offensichtlich Ätzverfahren, irgendeine reproduktive Technik entworfen – es kann nicht die Fotografie gewesen sein – die nicht haltbar war und deswegen sind diese Bilder 100 Jahre später einfach nicht mehr brauchbar gewesen und sind aus den Depots verschwunden."

Im Roman kommt Silvius Schwarz 1653 zur Welt, wächst als Ziehkind eines arabischen Gelehrten auf und gelangt als junger Mann an den Hof eines sächsischen Kurfürsten – just zu jener Zeit, als dort eine rätselhafte Mordserie um sich greift: Kastraten und Sänger werden heimtückisch ermordet, man munkelt, der Teufel habe die Hand im Spiel – und bald steht auch Silvius im Verdacht, der Täter zu sein. Es gibt also jede Menge höfische Feste und höfische Intrigen, die althergebrachte Macht der Geistlichkeit kämpft gegen die aufblühende Macht der Wissenschaft. Sprich: Silvius' Lebensgeschichte ist eine so sinnen- wie detailreiche Zeitkapsel, die uns Leser zurück katapultiert in eine Epoche, die man getrost als Zeitenwende bezeichnen kann. Ob Kepler, Newton, Brandt und der Stein der Weisen; Ghazali und die Schriften von Alhazen: Immer wieder blitzen im Roman historisch überlieferte Namen auf und verweisen auf ein Universum, in dem sich alles um Optik und damit um die Frage nach der Abbildbarkeit der Welt dreht. Auch der junge Silvius rätselt über das Wesen der Bilder und die Natur des Sehens.

"Das Sehen der Gegenstände zu malen, das wäre es. Der Mensch sieht doch den ganzen hellen Tag, begreift aber nicht, was er tut. Silvius malte das Übriggebliebene, abgegessene Äpfel, verwahrloste Zechtafeln, die im fahlen Augenlicht zurückblieben. ... Dann immer weiter und weiter und weiter, bis er nur mehr einen einzelnen Pfirsich malte, wochenlang; monatelang. Aber es genügte ihm nicht, er wollte den Augeneindruck."

Genau das aber ist der Geistlichkeit ein Dorn im Auge. Und so wird Silvius – wie sein reales Vorbild – wegen Gotteslästerung angeklagt und zum Tode verurteilt. Überhaupt geht in diesem Roman die Lust an der historischen Rekonstruktion Hand in Hand mit der Lust an einem wilden Fabulieren. Immer wieder nämlich lockt Gatza seine Leser inmitten von verbürgten Fakten bewusst auf falsche Fährten.

"Mein Interesse war es nicht, eine Monografie über diese Zeit zu schreiben. Mein Interesse war es nicht, eine Reflexion über diese Zeit zu schreiben. Sondern ich wollte einen Roman schreiben über diese Zeit – und auch einen Mantel- und Degenroman. Das ist für mich als Autor einfach großartig gewesen, dass ich sagte, mein Gott, ich habe ein Sujet und ich habe einen Zugang und ich habe ein Objektiv in die Zeit, das es möglich macht, das, was man als Kind gerne macht, zu tun: nämlich eine Geschichte zu spielen."

Tatsächlich ist der "Augentäuscher" kein historischer Roman, sondern ein lustvolles Spiel mit Masken und Kostümierungen: Immer wieder bricht Gatza das Genre des Historienromans auf ironische Weise. Sein höchst dubioser Ich-Erzähler und Herausgeber etwa hat sich die Quellen, die er uns anvertraut – allem voran sechs alte Druckerbögen aus der Feder eines Setzers namens Leopold – mit nicht immer koscheren Mitteln erschlichen. Dieser Setzer fungiert in der Binnenlogik des Romans quasi als Chronist der Zeit. Silvius selbst wiederum spricht zu uns in einer weiteren Form: Zwischen die Druckerbögen und die Anmerkungen des Herausgebers sind Ausschnitte gesetzt aus einem wiederum fiktiven Briefroman, in dem sich Silvius und seine Geliebte, eine berühmte Mathematikerin ihrer Zeit, der beiderseitigen Liebe in schwindelerregenden Arabesken versichern.

"Sophie von Schlosser an Silvius Schwarz, Schloss***rode, 14. Juli 1673

Mein leuchtender Apollon, wenn ich Sie, und ich sage das ganz bedächtig, wenn ich Sie das nächste Mal zwischen die Finger bekomme, reiß ich Ihnen Ihr vermaledeites Lichtgeschwafel vom Leibe, zieh es Ihnen mit einem Ruck herunter, und dann können Sie, Leibniz rezitierend, den Gang der Lachse durch die Wasserfälle antreten, nach oben, Müssjöh Schwarz!"


Das Wunderbare ist: Allen drei Stimmen verleiht Gatza eine je täuschend echt wirkende Sprache. Überhaupt merkt man ihm die Lust an, mit der Sprache zu spielen. Wie ein Bauchredner imitiert er die barocken Exzesse; die Windungen der Arabeske übernimmt er bis in die Form seines Romans hinein. Fast scheint es also, als wollte hier einer auch zugleich der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur eine Nase drehen ...

"Da muss ich jetzt meine Zunge zügeln und freundlich antworten. Ja, ich habe da tatsächlich ein großes Unbehagen, was die Literatur glaubt, nur noch zu können. Mich interessieren die meisten Themen nicht. Mich interessiert das meiste Personal auch nicht. Und mich interessiert die Sprache nicht, in der erzählt wird. Deswegen war das für mich auch wichtig, noch mal in diese Epoche der deutschen Sprachentwicklung – also da, wo sie offen war, da wo sie experimentiert hat, da, wo nichts sicher war, da wo sie aber gleichzeitig unglaublich brillant war – in diese Zeit einzutauchen, um nicht zu sagen: 'Die größte Form der Genauigkeit ist der Rückzug, ist das lakonische Schreiben'.

Ich finde eine barocke Arabeske weniger kitschig als viele von diesen Hauptsatzkloppern, die sagen:

Ich gucke aus dem Fenster. Eine Frau guckt hoch, ich drehe mich um. Die Zigarette liegt im Aschenbecher.

Ich wollte was anderes. Ich wollte auch eine Literatur, wo ich andere Sprachformen probieren kann, wo ich auch sagen kann: Halt, wir haben nicht nur einen Setzkasten mit zwei Buchstaben und wir haben nicht nur eine Malerpalette mit einer Farbe."

Und so funkelt und schillert dieser Roman von Anfang bis Ende. Er ist Kunstkrimi, Liebesgeschichte und eine der fröhlichen Wissenschaft huldigende Persiflage auf die Wissenschaft selbst. Und man entdeckt mit Gatza einen epochalen Umbruch mentaler Seelenlandschaften, dessen Auswirkungen wir noch heute spüren: Man denke an Amerika und China, die sich schon nach dem Dreißigjährigen Krieg drohend am Horizont erheben. War das bürgerliche Subjekt damals Effekt der Briefkultur, ist es heute Effekt von medialen Aufschreibesystemen à la Gala oder den Romanen eines Dan Brown, mit denen Gatza geschickt ein Spiel der Zeichen treibt. Wo Silvius Schwarz das Sehen malen möchte, möchte Mathias Gatza schreibend zeigen: Wir sind, was wir sehen und lesen. Sein Roman vollzieht somit eine raffinierte Doppelbelichtung: Wer mit "Der Augentäuscher" in Gatzas um 100-prozentige Authentizität nicht immer bemühtes Barock zurückreist, reist zugleich zurück in die Zukunft unserer Gegenwart. Leselust und Erkenntnisglück sind auf dieser Reise zu 100 Prozent garantiert.

Mathias Gatza: "Der Augentäuscher". Roman. Graf Verlag 2012. 318 Seiten, Euro19,99

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