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StartseiteInterviewFansein "keine nationale und patriotische Sache"14.07.2014

FußballFansein "keine nationale und patriotische Sache"

Dass seit der WM 2006 zahlreiche Menschen, die sich vorher kaum für Fußball interessierten, bei Public Viewings lautstark die Nationalelf feierten, habe mit Patriotismus nichts zu tun, sagte Klaus Theweleit, Autor des Buches "Tor zur Welt: Fußball als Realitätsmodell", im DLF. Weltweit sei das Interesse an Sportereignissen wegen des Event-Charakters gestiegen.

Klaus Theweleit im Gespräch mit Sandra Schulz

Zwei ältere Fußballfans feiern am 26.06.2014 beim Fan-Fest in Hamburg kurz vor dem WM-Gruppenspiel Deutschland gegen die USA. (dpa/ picture alliance /Daniel Reinhardt)
"Die heften sich was an, was denen nicht gehört. Die sollen von mir aus zum Teufel gehen", sagte Theweleit. (dpa/ picture alliance /Daniel Reinhardt)
Weiterführende Information

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Sandra Schulz: Schlafentzug, das ist für die deutschen Fußball-Fans heute eigentlich die einzige schlechte Nachricht. Die ganze Nacht über lief die Party in ganz Deutschland und morgen geht sie schon weiter, allerdings tagsüber. Um neun Uhr soll die Sondermaschine LH2014 mit dem Weltmeister-Team am Flughafen Tegel landen. Dann steht der Empfang am Brandenburger Tor an. Bis zur 113. Minute war Zittern und Bangen angesagt, gestern, und danach war es ja noch nicht vorbei. Deutschland ist jetzt wieder Fußball-Weltmeister, zum vierten Mal. Am Telefon begrüße ich jetzt den Schriftsteller Klaus Theweleit, früher Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Guten Tag!

Klaus Theweleit: Ja, schönen guten Tag.

Schulz: Deutschland ist jetzt Fußball-Weltmeister, zum vierten Mal. Und jetzt?

Theweleit: Und jetzt? - Ich sage für mich immer nicht Deutschland, sondern Löws Mannschaft, Jogi Löws Fußball spielende Typen. Ich verbinde das nicht mit Land und Fahne.

"Diese berühmten deutschen Tugenden hat es nie gegeben"

Schulz: Wofür steht denn dieser Weltmeister-Titel 2014?

Theweleit: Der steht, wenn man das fußballerisch ansieht, für eine bestimmte neue Art, Fußball zu spielen, für Deutschland neue Art, und zwar hat es diese berühmten deutschen Tugenden in dem Sinne nie gegeben, wie immer behauptet wird, Härte, Kampf und so. Das waren immer auch technisch gut spielende Mannschaften um Beckenbauer und Overath herum, die die Weltmeisterschaften gewonnen haben. Das ist so eine aus dem Zweiten Weltkrieg fortschreibende europäische Legende der deutschen Tugenden. Aber endgültig damit aufgeräumt hat Löw, der gegen alle Widerstände im DFB und in der Sportpresse, unter den Journalisten, die gerne diesen alten Trainer-Kampfstil weitergeschrieben hätten, der spielerisches Spiel eingeführt hat nach dem Vorbild der Spanier, muss man klar sagen, Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft auf die deutschen Spieler übertragen, und die haben das sehr gut begriffen und spielen das jetzt besser als die Spanier.

Schulz: Und ist es auch das beste Team, das Deutschland je hatte?

Theweleit: So was würde ich nicht sagen. Aber es ist ein anders besseres Team. Das kann man, glaube ich, schon sagen. So stark ein offensives Spiel und eine Betonung eines technisch hoch stehenden Mittelfeldes, das hat es vorher tatsächlich nicht gegeben. Das gab es vorher nur in Einzelfiguren wie zum Beispiel Overath, der da für mich der Prototyp ist. Der würde sehr gut in die heutige Mannschaft auch passen.

"Bis zum Schluss gleichwertige Mannschaften"

Schulz: Wenn wir jetzt noch mal auf das Spiel von gestern kommen. Heute Morgen hat hier im Deutschlandfunk Paul Breitner gesagt, ein WM-Finale sei eigentlich nie schön. Stimmt das auch für das Spiel gestern?

Theweleit: Ja, das stimmt, jedenfalls zum Teil. Die Finals waren oft schwach, oder die Spieler waren erschöpft und brachten nicht mehr die Leistung, die sie bringen können. Das war gestern nicht der Fall. Die waren eigentlich noch alle sehr, sehr gut in der Kondition und dadurch war das Spiel ein sehr hoch stehendes Spiel, technisch interessant, nicht schön, aber interessant und spannend bis zum Schluss gleichwertige Mannschaften.

Schulz: Welche Situationen, welche Szenen haben das Spiel gestern entschieden, jetzt mal das Tor ausblendend? Das war ja nicht ganz unwichtig in der Tat fürs Ergebnis.

Theweleit: Das Spiel entschieden hat, was weiß ich, um die 15. Minute herum die argentinische Sturmspitze Higuain, als er diesen missglückten Rückkopfball von Kroos aufnahm und gut und gerne noch zwei Meter hätte laufen können und den Ball an Neuer vorbeischieben ins Tor. Dass er die Chance nicht genutzt hat, das war sozusagen eine tausendprozentige. Das hat, glaube ich, das Spiel entscheidend bestimmt. Wäre Argentinien da in Führung gegangen, hätte alles ganz anders laufen müssen.

Schulz: Konnte die National-Elf was mitnehmen aus diesem 7:1-Triumph gegen Brasilien im Halbfinale?

Theweleit: Ja, nur das sogenannte Selbstvertrauen. Das hatte sie aber vorher auch schon. Aber ich glaube, als sie das Spiel analysiert haben, haben sie bemerkt, dass die brasilianische Deckung nach ungefähr 20 Minuten völlig auseinandergefallen war und nicht mehr wusste, wie sie decken sollte, und alle Spieler standen mehr oder weniger frei. Und das wussten sie genau, dass Argentinien ihnen das auf keinen Fall gewähren wird und dass die eine sehr stabile und starke Defensive haben. Die wussten ganz genau, was auf sie zukam.

"Löw wird viel zu wenig gelobt für dieses ganze Turnier"

Schulz: Und den Titel geholt hat Deutschland jetzt wegen, oder trotz der Favoritenrolle?

Theweleit: Ja, wegen beidem und auch wegen ein bisschen Glück. Löw hat ja mit seinen Auswechslungen bisher immer ein gutes Händchen gehabt, und hier jetzt Götze zu bringen in der Verlängerung und den dann doch erschöpften Klose rauszunehmen, das hatte auch wieder eine glückliche Hand gehabt, und jeder weiß, dass Götze ein Superspieler ist, der in guten Momenten zu den Top Ten auf der Welt gehört. Der macht nun das Tor, der Kleine. Kleines Glück, riesen Glück. Aber auch Löw. Löw wird meiner Meinung nach auch viel zu wenig gelobt für dieses ganze Turnier. Das ist so. Seine Hand, seine Aufstellung und sein Selbstbewusstsein, sich nicht beirren zu lassen von der Presse, Klose soll nicht rein und die anderen sind nicht fit, Khedira, Schweinsteiger, das stimmte alles nicht und er hat, glaube ich, alles richtig gemacht.

Schulz: Wir wissen es heute Mittag ja noch nicht, aber was sagen Sie? Macht Löw weiter?

Theweleit: Ich würde sagen, ja. Ich würde es ihm empfehlen.

"Die Journalisten müssen ihren Stil ändern, nicht Löw"

Schulz: Trotz dieser Anwürfe? Wäre das nicht auch ein guter Zeitpunkt zu sagen, Leute, das war's?

Theweleit: Rudi Völler hat das ja so gemacht, hat gesagt, ich habe es satt, in der Weise von der Presse angemacht zu werden als Vollidiot, ich höre auf. In der Lage ist Löw nicht. Die Journalisten müssen ihren Stil ändern, sie müssen sich umstellen, nicht Löw. Ich glaube nicht, dass er geht.

Schulz: Das schauen wir mal, kann man an dieser Stelle, glaube ich, ganz gut sagen.

Theweleit: Genau.

Schulz: Sie haben das am Anfang schon kurz angedeutet. Noch ein bisschen pointierter hat das Manuel Neuer gesagt. Der sagt, ganz Deutschland sei Weltmeister. Ist das so?

Theweleit: Nein, für mich nicht, denn man hat ja genug bei diesen Public Viewings Leute vor der Kamera gesehen mit ihren schwarz-rot-gold vollgeschmierten Gesichtern und Brutalo-Fratzen dahinter. Die heften sich was an, was denen nicht gehört. Die sollen von mir aus zum Teufel gehen!

"Dieser Event-Charakter ist ja nicht unbedingt deutsch"

Schulz: Aber es ist ja spätestens seit der WM 2006 jetzt auch immer wieder die Rede, also fast schon seit einem Jahrzehnt, von einem neuen freundlichen Patriotismus. Dem können Sie gar nichts abgewinnen?

Theweleit: Ja, den gibt es. Den würde ich aber gar nicht Patriotismus nennen. Das sind Leute, die sich vorher nicht besonders für das Spiel interessiert haben, die durch die gute WM 2006 dazugekommen sind, auch Freude zu finden an diesem Event-Charakter, und dieser Event-Charakter, der ist ja nicht unbedingt deutsch. Der ist überall auf der Welt eine Erscheinung, die durchs Fernsehen, die durch die Medien induziert ist, und sehr viele Leute, auch besonders Frauen, haben sich dem angeschlossen, die vorher mit Fußball nichts zu tun hatten. Das ist für mich keine nationale und patriotische Sache, das ist eine weltweite Erscheinung, mit Sportereignissen verbunden. Da hat sich die ganze Haltung dem Sport gegenüber, und zwar durchs Fernsehen vor allem, geändert. Das ist international.

"Im Fußball lässt sich die ganze Gesellschaft ausdrücken"

Schulz: Dazu gehört jetzt noch die Zahl von gestern Abend. Die Einschaltquote lag bei 86 Prozent. Es haben in Deutschland noch nie so viele Menschen gleichzeitig das gleiche geschaut. Versuchen Sie, das noch mal auf den Punkt zu bringen. Was macht denn den Fußball so interessant?

Theweleit: Den Fußball macht so interessant - es gibt eine einfache Antwort. Erstens, weil er einfach ist. Das Spiel ist relativ einfach zu verstehen und man muss nicht wie bei der Tour de France 30 Etappen über sich ergehen lassen mit jeweils wechselnden Tagessiegern und Stürzen und Leuten, die ausscheiden. Oder Schwimmen oder Tennis. Tennis hat das auch, die Einfachheit, aber es ist natürlich sehr stark eine mediale Sache. Es gibt immer eine Geschichte, eine Sportart oder was anderes, die in einem Land so benutzt wird, dass sich alle anderen Verhältnisse in ihr ausdrücken lassen. Im Fußball lässt sich ausdrücken Teamverhalten, Unterordnung, Chefverhalten, Bestechung, Betrug, falsche Schiedsrichter-Entscheidungen et cetera.

Das sind auch alles Dinge, die im gesellschaftlichen Leben vorkommen, Auseinandersetzungen, kommt man hoch, wer geht runter, wen kann man erniedrigen, Arbeitsverhältnisse, Unterdrückung. Im Fußball lässt sich die ganze Gesellschaft ausdrücken, besser als in anderen Sportarten, und so wird er auch in der Presse benutzt. Es ist ja immer ein Doppeltext. Es geht ja nie nur um Fußball, wenn geschrieben wird, sondern, wie Sie eben schon sagten, oder wie Neuer gesagt hat, ganz Deutschland ist Weltmeister, kann sich das zuschreiben. Das ist halt so. Wer diesen ganzen Fußballkomplex wirklich umfassend begreift und sich darin ausdrückt, kann auch zugleich alle gesellschaftlichen Vorgänge darin ausdrücken. Vielleicht nicht gerade jetzt die Überwachung durch NSA, aber die abgehörten Telefone im italienischen Drogenskandal vor ein paar Jahren gab es ja auch schon. Selbst das ist da drin. Mit Fußball lässt sich alles andere auch ausdrücken.

Schulz: Und was wird jetzt in Deutschland besser mit diesem vierten WM-Titel?

Theweleit: Ob hier was besser wird, weiß ich nicht. Aber eine Änderung kann ich sehen. In meiner Kindheit, wenn ich am Strand herumlief, an der Nordsee, dann spielten alle Fußball. Und wenn ich da heute herumlaufe, spielen alle Volleyball und Fußball fast bei den Kleinen niemand mehr. Das wird sich ändern. Es wird jetzt wieder eine neue junge Generation geben, die noch stärker in die Vereine strömt und auch wieder diesen Fußball, Freizeit-Fußball, Straßen-Fußball wieder stärker aufnehmen wird. Das sehe ich ab.

Schulz: Klaus Theweleit, Autor des Buches „Tor zur Welt: Fußball als Realitätsmodell", heute hier im Deutschlandfunk in den „Informationen am Mittag". Haben Sie herzlichen Dank!

Theweleit: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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