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StartseiteWissenschaft im BrennpunktGefährliches Wissen10.08.2008

Gefährliches Wissen

Forschen in Zeiten des Bioterrorismus

Im Herbst 2001, kurz nach dem Anschlag auf die Türme des World Trade Center, tauchten in den USA sieben Briefe mit Sporen des Milzbranderregers auf. 22 Menschen infizierten sich, fünf starben, die Dekontaminierung kostete Millionen Dollar. Der Bioterrorismus war von einem Planspiel der Theoretiker zu einer ernsten Bedrohung mutiert. Die Politik stellte in Folge dieses Angriffs die Lebenswissenschaften unter Generalverdacht. Arbeiten auf dem Gebiet der Infektionsbiologie wurden erschwert, gleichzeitig kam es zu einer massiven Ausweitung der B-Waffen-Schutzforschung.

Von Volkart Wildermuth

Arbeiter in Schutzanzügen bei einer Durchsuchung des Verlagsgebäudes von "The National Enquirer" in Florida, das Opfer einer Anthrax-Attacke per Brief war. (AP Archiv)
Arbeiter in Schutzanzügen bei einer Durchsuchung des Verlagsgebäudes von "The National Enquirer" in Florida, das Opfer einer Anthrax-Attacke per Brief war. (AP Archiv)

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Gefährliches Wissen. Die Gensequenz für das tödlichste Gift der Welt - das Botulinustoxin. Darf man dieses Wissen verbreiten? Die japanische Aum-Sekte versprühte das Gift von einem Hausdach in Tokio. Dieselbe Substanz ist als "BOTOX" ein wertvolles Medikament.

"Bioterrorismus, das ist eine neuartige Krankheit gepaart mit böser Absicht. Die große Frage lautet, warum gab es bislang keinen größeren Angriff?"

Professor David Franz, Midwest Research Institute, USA.

"Es gibt technische Hürden. Nicht jeder, der Schaden zufügen will, schafft das auch. Aber die Biotechnologie breitet sich weltweit aus, macht den Umgang mit Erregern einfacher. Mehr Menschen erlernen die nötigen Fähigkeiten. Meine Sorge gilt der Schnittmenge aus Fähigkeit und böser Absicht. "

17. September 2001. Der Angriff auf das World Trade Center liegt eine knappe Woche zurück. Ein Unbekannter wirft fünf Briefe in den Postkasten, sie sind an Medienkonzerne gerichtet. "09-11-01; This is next, take Penicillin now, Death to America, Death to Israel, Allah is great”. Wirre Worte, trotz der angespannten Stimmung nimmt niemand die Drohung ernst. Ein Fehler. Denn in den mit Tesafilm verklebten Umschlägen steckt ein grobes, braunes Pulver. Sporen von Bacillus anthracis. Die Briefe durchlaufen das Postsystem, werden zugestellt und meist schnell weggeworfen. Doch dann wird der Fotoredakteur Robert Stevens in ein Krankenhaus in Florida eingeliefert. Er hat hohes Fieber, ist völlig desorientiert. Am. 5. Oktober 2001 stirbt Robert Stevens. Trotz der Diagnose mag da von Bioterrorismus noch niemand sprechen.

Insgesamt werden im Herbst 2001 sieben Briefe mit Anthrax-Sporen verschickt, 22 Menschen infizieren sich. Fünf von ihnen sterben, die anderen können mit Antibiotika gerettet werden. Dutzende große Gebäude werden zeitweilig geschlossen. Die Dekontamination kostete Millionen Dollar. Mit den Anthrax-Briefen war der Bioterrorismus von einem Planspiel der Theoretiker zu einer ernsten Bedrohung mutiert. Die Politik reagiert, lässt die Lebenswissenschaften verstärkt kontrollieren. Gleichzeitig wird die Bio-Schutzforschung und damit auch die Arbeit mit gefährlichen Erregern massiv ausgeweitet. Abwehr von Bio-Terrorismus lautet die Begründung.

"Ich würde nicht sagen, der Staat soll sagen, es wird nicht an Anthrax geforscht, das wäre Quatsch, weil Anthrax natürlich Milzbrand ist, eine Krankheit, die existiert, wo auch regelmäßig vor allem in nichtwestlichen Staaten die Leute auch erkranken, da muss es eine Forschung geben, das ist nicht die Frage."

Dr. Iris Hunger, Forschungsstelle Biologische Waffen und Rüstungskontrolle der Universität Hamburg.

"Aber was die Amerikaner auch in großem Maßstab machen oder in relativ großem Maßstab, ist, zu gucken, was könnten Terroristen denn gentechnisch vielleicht verändern an Erregern. Kann man zum Beispiel bestimmte Erreger gefährlicher machen, kann man sie stabiler machen, dass sie in der Umwelt nicht so schnell kaputtgehen. Da kreiert man sozusagen den Erreger, vor dem man sich schützen möchte."

"Wir stehen jetzt hier vor unserem S3-Bereich, Sicherheitsstufe-3-Bereich, hier drin wird mit Krankheitserregern gearbeitet, die auch über Luft übertragen werden können, das heißt über Aerosole. Beispiel Mykobakterium tuberculosis. Im Moment haben wir auch ein kleines Projekt Bacillus anthracis, was hier läuft."

Dr. Ali Nasser Eddine steht vor einer Glastür im Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Dahinter wird mit tödlichen Erregern gearbeitet, auch mit Anthrax. Das S3 Labor ist Sperrgebiet. Nasser:

"Nur Leute, die ein bestimmtes Training absolviert haben, dürfen hier rein, dafür haben wir Magnetkarten, die sind codiert. Wir haben eine Liste von Leuten, die Sicherheitsbehörden sind informiert, wer darf hier bei uns in diesem S3-Bereich arbeiten."

Das ist neu. Früher reichte wissenschaftliche Kompetenz, um diese Tür zu öffnen. Nach der amerikanischen Anthrax-Attacke wird zusätzlich die politische Verlässlichkeit geprüft. Am Institut arbeiten Forscher aus über 30 Nationen. Bislang gab es keine Bedenken von Seiten des Innenministeriums. Nasser:

"Was die jetzt mit diesen Informationen machen, das weiß der Herr Schäuble, das weiß ich selber nicht. Aber die wissen genau, wer hier drin arbeiten darf."

Das Berliner Institut wurde kurz vor den Anthrax-Briefen neu errichtet, komplett mit modernsten Sicherheitseinrichtungen. Das gebot schon der Respekt vor den gefährlichen Erregern. Die Forschung an der Tuberkulose, am Milzbrand ist auch nach 2001 dingend erforderlich, betont Professor Stefan Kaufmann, einer der Direktoren des Max Planck Institut für Infektionsbiologie. Kaufmann:

"Der Erreger des Milzbrand oder Anthrax ist in der Tat in Verruf gekommen, das ist eigentlich nicht berechtigt. Anthrax ist ein außerordentlich spannender Erreger. Er nutzt nämlich Wege des Immunsystems, also umgeht die körpereigene Abwehr, und letztendlich interessieren wir uns dafür, wie diese Immunantwort, die körpereigene Abwehr, umgangen wird und wie wir daraus lernen können, dann vielleicht doch auch neue Interventionsmethoden, also neue Behandlungsmethoden, über das Immunsystem zu entwickeln."

Der Milzbranderreger soll auf die Spur neuer Medikamente führen. Dafür braucht es den besten Sachverstand und den freien Austausch wissenschaftlicher Ideen. Doch der kam in den USA zeitweilig zum Erliegen. Die Einreisebedingungen wurden verschärft. Für Konferenzen erhielten Forscher aus dem arabischen Raum oder aus Asien kaum noch Visa. Die Zahl der Gastwissenschaftler sank stark ab, Universitäten begannen, sich um die Versorgung mit dem Rohstoff Talent Sorgen zu machen. Heute hat sich die Sicherheitsüberprüfung in den USA so weit eingespielt, dass der Austausch kaum noch behindert wird. Dafür zogen die Behörden in Europa nach. Ende 2007 erließ Großbritannien neue Sicherheitsbestimmungen. 41 Gebiete, von der Kernphysik bis zur Mikrobiologie gelten als kritisch, die Einreise von rund 23.000 Studenten wurde erschwert, zumindest deutlich verzögert. Auch in Deutschland wurden neue Sicherheitskontrollen eingeführt.

4. Oktober 2001. Experten der Centers for Disease Control suchen nach der Infektionsquelle, die Robert Stevens zum Verhängnis geworden ist. Der natürliche Lebensraum des Anthraxbakteriums ist das Erdreich. Stevens war wandern, vielleicht hat er sich in der Natur infiziert. Doch dann finden sich Anthraxsporen in Stevens Computertastatur bei American Media. Das Gebäude wird geräumt und versiegelt, die Mitarbeiter erhalten vorsorglich Antibiotika. Ernesto Blanco von der Poststelle lag seit Tagen mit Lungenentzündung im Krankenhaus. Jetzt wird Anthrax diagnostiziert, er überlebt dank Antibiotika. Am 8. Oktober ist es dann offiziell: die USA haben es mit Bioterrorismus zu tun. Die Amerikaner beginnen, ihre Briefe misstrauisch zu beobachten. Umschläge von unbekannten Absendern werden nicht mehr geöffnet. Die Sorge ist begründet: Der Täter verschickt zwei weitere Briefe an Senatoren in Washington.

In der Mikrobiologie ist es normal, Krankheitserreger per Post zu befördern. Es gibt spezielle Stammsammlungen, die Tausende Mikroben auf Abruf bereithalten, darunter auch viele Krankheitserreger, und die werden auf Trockeneis gekühlt verschickt. Lange Jahre ohne Zwischenfall. Doch dann, Mitte der Neunziger, versuchte ein rechtsradikaler Mikrobiologe aus Ohio Pestbakterien bei der amerikanischen Stammsammlung zu bestellen. Die Lieferung wurde im letzten Moment gestoppt, weil sie an eine Privatadresse und nicht an ein Labor gehen sollte. Die genauen Umstände sind unklar, ein terroristischer Hintergrund nicht ausgeschlossen.

"Das hat sich sehr wohl geändert. Es ist also nicht mehr ohne weiteres möglich bei den entsprechenden Stammsammlungen Referenzproben zu beantragen oder zu beziehen."

Dr. Walter Biederbick vom Zentrum Biologische Sicherheit beim Robert Koch Institut.

"Man muss also eine Berechtigung und einen berechtigten Zweck für den Bezug dieser Stämme nachweisen. Das ist zwischenzeitlich ein erheblicher bürokratischer Aufwand geworden, der durchaus auch Kosten verursacht, aber zur Erhöhung der Sicherheit ist das ein Preis, den wir zahlen müssen."

In Europa wird der Umgang mit gefährlichen Erregern seit langem unter den Seuchengesetzen reguliert. Die USA haben nach dem Vorfall mit den Pest-Erregern nachgezogen, nach den Anthrax-Briefen mussten zusätzlich alle B-Waffen-Erreger registriert werden. Viele Universitäten hatten daraufhin selten genutzte Viren oder Bakterien vernichtet. Zu viel Bürokratie für zu wenig Erkenntnis. Die Sicherheitslücke Erregerversand schien damit geschlossen. Bis der "New Scientist" das Gegenteil bewies. Man braucht nicht unbedingt eine ganze Mikrobe, um Unheil anzurichten, manchmal reicht ein Gen, mit dem sich ein eigentlich harmloses Bakterium aufrüsten lässt. Es gibt Firmen, die DNA nach Wunsch synthetisieren. Aus solchen bestellten Erbgutschnipseln konnten amerikanische Forscher zum Beispiel das Poliovirus, den Erreger der Kinderlähmung, nachbauen. Iris Hunger:

"Das Interessante oder das Dramatische daran ist, dass man noch nicht einmal mehr den Erreger aus einer Stammsammlung bekommen muss oder irgendwo als Wildtyp bei Kranken isolieren muss, sondern dass man tatsächlich in seinem Labor sitzen kann, die Einzelteile sich zusammenkauft und dann damit ein Virus produziert."

Genau das wollten die Mitarbeiter der Wissenschaftszeitschrift "New Scientist" zeigen. Sie bestellten Gene gefährlicher Viren bei verschiedenen Synthesefirmen - und hätten sie bei vielen Unternehmen auch erhalten. Der Artikel löste Ende 2005 ein Nachdenken in der Branche aus. Inzwischen haben die Firmen strengere Sicherheitskontrollen etabliert. In Europa haben sich die DNA-Synthese-Unternehmen vernetzt um zu verhindern, dass Terroristen gefährliche Gene sozusagen portionsweise bei verschiedenen Firmen bestellen. Genart in Regensburg ist ein solches Unternehmen, der Firmengründer Professor Rolf Wagner:

"Wir würden auf einen reinen Anruf hin überhaupt nicht reagieren, wir würden sie bitten, sich zu identifizieren, wir würden definitiv keine Sequenzen an Privatpersonen schicken, sondern nur an Institutionen, wir haben beruhend auf unserer corporate ethics Regeln definiert, nach denen bestimmte Länder überhaupt nicht beliefert werden. Wir würden darüber hinaus selbstverständlich jede Gensequenz zunächst überprüfen. Und aus diesem Maßnahmenpaket resultiert ein extrem hoher Sicherheitsstandard."

Nasser:

"In diesem Raum zieht man sich aus bis auf Unterhosen. Schmuck, Uhren et cetera wird alles abgelegt. Wir haben erst mal diese Hose, verschiedene Größen, und dann kommt ein Hemd dazu, so wie sie das von der Charité von der Chirurgieabteilung."

Einkleiden für die Begegnung mit gefährlichen Erregern. Neue Hose, neue Socken, zwei Kittel übereinander, Haarschutz und eine Atemmaske, die schützt, aber nicht die Luft wegnimmt. Wichtig die Handschuhe, zwei Lagen, festgeklebt am Kittelärmel. Nasser:

"Man nimmt ein Klebeband, klebt man das so dicht rum. In der Regel soll der zweite Handschuh in einer anderen Farbe sein und der Grund ist ganz einfach: wenn ich jetzt arbeite, plötzlich geht meine Handschuh kaputt, dann sehe ich das grüne da unten, da weiß ich: OK, ich muss jetzt meine Handschuhe wechseln, denn man muss immer mit zwei Lagen Handschuhe arbeiten."

Von Ali Nasser Eddine sind nur noch die Augen hinter der Schutzbrille zu sehen. Die Chipkarte öffnet die Schleuse. Es rauscht. Die Luft wird ständig abgesaugt, gefiltert, damit kein Bakterium entkommen kann. Wie bei allen Türen im S3-Labor ist die Schwelle zehn Zentimeter hoch, verschüttete Flüssigkeit kann nicht hinaufließen. Erst dahinter dürfen die Laborschuhe den Boden berühren. Nasser:

"Das ist der S3-Bereich, hier ist das S3."

Technisch gesehen sind moderne Biolaboratorien heute ausgesprochen sicher. Nicht jeder kommt hinein, und die Erreger kommen nur unter strengen Auflagen hinaus. Doch eines verlässt nach wie vor jedes Labor, muss es verlassen: Information. Schließlich ist die Veröffentlichung von neuen Theorien, Befunden, Methoden Sinn und Zweck der Wissenschaft. Doch wie problematisch bloße Information sein kann, zeigte ein Beispiel aus Australien. Dort suchten Forscher an der Universität Canberra nach einem Impfstoff, der Mäuse unfruchtbar macht, als Mittel gegen die Nagerplage. Weil man aber nicht jede einzelne Maus impfen konnte, sollte ein Virus den Wirkstoff verbreiten. Die Wissenschaftler rüsteten das eigentlich harmlose Mäusepockenvirus sowohl mit dem Impfstoff als auch mit einem Stimulator für Abwehrzellen aus. Doch das Gentech-Virus sterilisierte die Mäuse nicht - es brachte sie rasant um. Ohne es zu wollen hatten die Forscher eine neue tödliche Mäusekrankheit konstruiert. Einer der Beteiligten sagte: "Wenn ein Idiot dieses Gen in die menschlichen Pocken hineinbringt, dann wird die Sterblichkeit dramatisch ansteigen". Iris Hunger:

"Die Australier haben damals ihre Regierung kontaktiert, die Wissenschaftler haben ihre Regierung kontaktiert, die haben mit dem Militär geredet und mit dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und haben dann nach langen Diskussionen entschieden, wir publizieren doch. Wenn wir das unterdrücken, dann kann uns vorgeworfen werden, dass wir hier vielleicht an Biowaffen arbeiten und so haben sie sich sozusagen, ich glaube schweren Herzens, dafür entschieden zu publizieren."


Die Veröffentlichung sorgte im Januar 2001 für Schlagzeilen, doch damals galt Bioterrorismus als eher theoretische Bedrohung. Erst nach der Attacke mit den Milzbrandbriefen begannen sich Politiker und Wissenschaftler zu fragen, ob wirklich alles, was erforscht wird, auch veröffentlicht werden sollte. 2003 lud die National Academy of Science die Herausgeber der wichtigsten Wissenschaftszeitschriften nach Washington. In einem Akt der Selbstregulation sollten sie Regeln für den Umgang mit kritischen Artikeln festlegen. Die Regeln sind in Kraft, doch viel verändert haben sie nicht, ergaben Untersuchungen von Iris Hunger an der Forschungsstelle Biologische Waffen und Rüstungskontrolle. Es macht sowieso wenig Sinn, erst bei den Veröffentlichungen anzusetzen, betont Stefan Kaufmann.

"Ich persönlich glaube, dass es gut ist, dass Wissenschaftler sich Gedanken machen über die Relevanz und die Konsequenz von unseren Experimenten. Ich glaube auch, dass im Zweifelsfall möglichst einvernehmlich auch Einschränkungen angedacht werden müssen. Das sollte aber möglichst passieren, bevor das Experiment überhaupt gemacht wurde, denn es macht ja zumindest für mich wenig Sinn, wenn wir zuerst das Geld ausgeben für ein bestimmtes Experiment und dann an der letzten Stufe sagen: Veröffentlichung nein."

Die wichtigsten Geldgeber der Wissenschaft in den USA und Großbritannien und in diesem April auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben Regeln für die Arbeit mit hochpathogenen Mikroorganismen und Toxinen vorgelegt. Danach sollen die Wissenschaftler die "dual use" Problematik, die mögliche Verwendung von Erkenntnissen durch Terroristen, im Hinterkopf behalten. Das gilt besonders für Experimente, die Krankheitserreger noch gefährlicher machen. Die Europäische Union geht sogar noch weiter: im Juli 2007 legte sie den Entwurf eines Grünbuchs zur Biogefahrenabwehr vor, in dem sie dafür plädiert, die Forschung stärker zu kontrollieren, vielleicht auch einzuschränken. Davon wäre nicht nur die Infektionsbiologie betroffen.

"Eine wichtige Tatsache auf dem Feld des Bioterrorismus lautet: die Erreger gibt es überall. Die Erreger zu bekommen ist einfach, sie so weit zu entwickeln, dass sie 1000 oder 100.000 Menschen töten, ist etwas ganz anderes."

David Franz vom Midwest Research Institute der schon seit vielen Jahren den Schutz vor Biowaffen erforscht. Um Erreger aufzurüsten, sind weniger Mikrobiologen als Techniker gefragt. Und auch hier, warnt Franz, gibt es "dual use"-Forschung. Beispiel Aerosolforschung. Insulin lässt sich inzwischen so zubereiten, dass es nicht mehr gespritzt werden muss, sondern inhaliert werden kann. Auf ähnlichen Wegen könnten in Zukunft auch Impfstoffe verabreicht werden – oder Biowaffen. Beispiel Computersimulation. Informatiker haben durchgerechnet, was passiert, wenn ein Giftstoff in einen kalifornischen Milchlaster gelangt. Einerseits diente der Artikel dazu, Schwachstellen zu identifizieren, für die Behörden. Doch genauso interessant wären die Informationen für Terroristen. Walter Biederbick hat sich mit ähnlichen Fragen für Deutschland beschäftigt, sich aber entschlossen, die Ergebnisse nicht zu publizieren.

"Das ist für einen Wissenschaftler natürlich immer schade, denn er möchte natürlich gerne publizieren. Wir sind aber zu dem Schluss gekommen, dass das besser nicht der Fall ist, weil wir dann doch Vorbereitungsarbeit für terroristische Anschläge leisten könnten und das wollen wir definitiv nicht."

15. Oktober 2001. In Washington wird ein Brief im Büro von Senator Tom Daschle geöffnet, ein feines Pulver fliegt auf. Die Sekretärin reagiert schnell. Doch da sind bereits 31 Mitarbeiter des Capitols infiziert. Im Briefverteilzentrum Brentwood sterben Thomas Morris und Joseph Curseen, ebenso wie in New York die Krankenhausangestellte Kathy Nguyen. Eine erste Analyse zeigt: in allen Briefen befand sich derselbe Anthraxstamm. Allerdings sind die Sporen in den Briefen an den Senat in Washington deutlich effektiver aufbereitet. Sie gelten als "waffenfähig", sind mit Hilfsstoffen zu einem feinen Pulver vermahlen. Es fliegt leicht auf, ohne dass die Sporen wieder zusammenklumpen. Professionelle Arbeit. Mehrere Politiker verdächtigen den Irak, hinter den Anschlägen zu stehen. Walter Biederbick:

"Die politischen Entscheidungsträger in den USA sind im Herbst 2001 persönlich betroffen gewesen. In den Kongress sind diese Briefe gegangen und die Leute haben dort Angst um ihr eigenes Leben gehabt. Also die USA haben ein sehr, sehr großes Forschungsprogramm und die Aufwendungen des US-Gesundheitsministeriums zum Schutz vor bioterroristischen Anschlägen belaufen sich auf circa vier Milliarden US-Dollar pro Jahr seit 2003 kontinuierlich."

In Deutschland wurde nach den Anthraxbriefen das kleine Zentrum Biologische Sicherheit gegründet, an dem auch Walter Biederbick forscht. In den USA dagegen erlebt die B-Schutzforschung einen wahren Boom. Immer mehr amerikanische Laboratorien steigen ein, inzwischen arbeiten 400 Laboratorien und mehr als 15.000 Menschen mit den so genannten "select agents", den potentiellen Biowaffen. Doch Iris Hunger bezweifelt , dass hier mit einem Mehr an Forschung automatisch ein Mehr an Sicherheit produziert wird.

"Je mehr Leute existieren, die dieses Wissen haben, um so größer ist auch die Möglichkeit, dass einer davon willens ist, sein Wissen an terroristische Organisationen zu verkaufen und damit denen einen enormen Entwicklungsvorsprung zu gewähren. Al Kaida zum Beispiel hat gesagt, dass der schnellste Weg, sich Biowaffen zu verschaffen, ist, jemand zu finden, der damit schon Erfahrung hat. Auch das wieder ist aus einem Memo bekannt, das in Afghanistan gefunden wurde."

Die politische Verlässlichkeit der Mitarbeiter wird streng überprüft. Doch für ihre wissenschaftlichen Qualifikationen gelten weniger strikte Maßstäbe. Iris Hunger:

"Es ist so, dass 96 Prozent, also wirklich der allergrößte Teil der Personen, also der leitenden Forschern, die an Erregern mit Biowaffen-Relevanz im B-Schutzprogramm der USA arbeiten, 96 Prozent davon haben vorher nie mit diesen Erregern gearbeitet."

Unbedarfte Wissenschaftler werden selbst zum Risiko, zunächst für sich selbst, dann auch für ihre Umgebung. Im Februar 2006 infizierten Forscher an der Texanischem A & M Universität Mäuse mit Brucella-Bakterien. Anschließend reinigten Mitarbeiter die Kammer, ohne selbst Schutzkleidung zu tragen. Eine Frau entwickelte hohes Fieber, doch erst nach Wochen erkannten die Ärzte die Brucella-Infektion und konnten sie behandeln. Später erkrankten andere Mitarbeiter an Q-Fieber. Beide Vorfälle wurden zunächst vertuscht. Als sie 2007 herauskamen, wurde der A & M Universität die Arbeit mit Biowaffenerregern untersagt und eine Strafe in Höhe von einer Million Dollar verhängt. Dass der sorglose Umgang mit gefährlichen Erregern kein Einzelfall ist, zeigt auch der Ausbruch der jüngsten Maul- und Klauenseuche in England. Der Erreger stammte aus einem Forschungskomplex, den sich das Institut für Tiergesundheit und eine Impfstofffirma teilen. Wo geforscht wird, passieren Fehler.

Laboralltag in S3. Winzige Flüssigkeitsmengen werden von einem Gefäß ins andere übertragen, Bakterien auf Nährböden ausgestrichen. Wissenschaftliche Normalität. Vielleicht ist das S3-Labor aufgeräumter als andere Forschungseinrichtungen, es gibt mehr Boxen mit Handschuhen, sicher wird häufiger unter der Abzugshaube gearbeitet, ansonsten gibt es wenig Hinweise auf die Gefährlichkeit der Erreger. Nur wenn Ali Nasser Eddine Proben von einem Raum in den anderen trägt, wird das Risiko sichtbar. Nasser:

"Dann öffnet man diese Behälter, tut man seine Flasche hier rein und dann schließt man und kann von A nach B seine Kulturen transportieren. Das ist wichtig, weil alles bruchsicher ist. Erstens, wenn etwas runterfällt, bleibt alles innerhalb der Behälter. Zweitens, die Plastikflasche die drin ist, die geht nicht kaputt, die ist durch diesen Sicherheitspanzer auch geschützt."

Für die Forschung an Anthrax und Co braucht es die richtige Ausrüstung, eine gute Ausbildung, Routine und Erfahrung. Im S3-Labor ist das Risiko unter Kontrolle. Nasser:

"Da kann nichts schiefgehen."

Auch wenn nichts schiefgeht, die massive Ausweitung der Bio-Schutzforschung hat ihre ganz eigenen Nebenwirkungen, und die betreffen indirekt schon heute Millionen Menschen, bedauert Stefan Kaufmann.

"Während wir über die potentiellen Gefahren reden durch Biowaffen, müssen wir natürlich sehen, dass es natürlich auch reale Gefahren bereits gibt und Infektionskrankheiten ein großes Problem darstellen, und dass HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria knapp sechs Millionen Menschenleben jährlich fordern, und ich finde es sicherlich auch nicht sehr befriedigend, wenn an den größten biomedizinischen Forschungsinstituten, den National Institutes of Health, das Budget für die Pockenforschung und für die Anthraxforschung größer war im Jahr 2005 als die Forschung für Malaria und Tuberkulose, also die wirklich großen Bedrohungen."

Die Ausweitung der Forschung an Biowaffen führt auch zu einer Aushöhlung der Biowaffen-Konvention. Seit 1972 verbietet sie die Entwicklung, die Lagerung und den Einsatz von Biowaffen. Forschung an Medikamenten und Impfstoffen gegen einen Bioangriff sind erlaubt, die Grenze aber ist schwer zu ziehen. Die USA haben sich schon immer gegen eine wirksame Kontrolle der Konvention gesträubt. In der amerikanischen Lesart gilt sogar der Nachbau einer russischen Biobombe als nur vorbeugende Forschung. Absurd, meint Iris Hunger.

"Man muss sich immer wieder vorstellen, solche Experimente würden im Iran durchgeführt. Dann würden aber alle Leute schreien, der Iran hat ein Biowaffenprogramm, und das ist der Beweis. Da nützt die Begründung, wir wollen gucken, wie es funktioniert, gar nichts, weil die Waffenfähigmachung ist verboten, sobald es um die Ausbreitungsmethoden geht, das ist verboten. Das ist ein Beispiel dafür, wo es meiner Meinung nach zu weit geht mit den B-Schutzprogrammen."

Die USA haben die Bio-Schutzforschung massiv ausgeweitet. Gemessen an den hohen Forschungsgeldern fällt die Liste der Veröffentlichungen mager aus. Ein Indiz dafür, dass längst nicht alles publiziert wird, nicht publiziert werden kann. Gerade die Bio-Sicherheitsforschung findet hinter einem Schleier statt, der nur unvollständige Einblicke erlaubt und Kontrollen erschwert. Nasser:

"Dieser Autoklav ist einfach nur eine Hitzedesinfektion von infiziertem oder kontaminiertem Material. Das heißt, was hier drin in diesem Raum passiert, wird ein ziemlich hoher Luftdruck aufgebaut von etwa 3 bar, sagt man, von sehr hohen Temperaturen 128 oder 134 Grad."

Das gilt für Labormaterial genauso wie für alte Computer. Notizblöcke gibt es drinnen erst gar nicht. Alle Messwerte und Protokolle werden über das Intranet elektronisch nach draußen übermittelt. Nichts verlässt das S3-Labor, ohne dass alle Erreger verlässlich abgetötet werden. Nichts – bis auf die Forscher selbst natürlich.

21. November 2001. Die 94 jährige Rentnerin Ottilie Lundgren stirbt an Lungenmilzbrand, als letztes Opfer der Anthraxbriefe. Am 16. Dezember belegt ein DNA-Vergleich, dass die Anthraxsporen zum Ames Stamm gehören. Das US-Militär hatte in den 90ern in Fort Detrick eine waffenfähige Variante dieses Stammes hergestellt und an mehreren Standorten mit ihm experimentiert. Im Internet kursieren Verschwörungstheorien, nach denen niemand verhaftet wird, um diese Verbindung geheim zu halten. Erst im Sommer 2008 nennt das FBI offiziell Dr. Bruce Ivins als mutmaßlichen Täter. Der Biowaffen-Experte hatte 18 Jahre lang in Fort Detrick gearbeitet und das FBI sogar bei der Fahndung nach dem Attentäter unterstützt. Noch bevor er verhaftet werden kann, begeht Bruce Ivins im Juli 2008 Selbstmord. Die Akte Ivins wird nun wohl geschlossen. Zweifel bleiben, doch klar ist: Der erste B-Waffenanschlag des 21. Jahrhunderts geht direkt auf die Bio-Sicherheitsforschung zurück.

Einen großen Angriff mit Hunderten von Toten durch genmanipulierte Superbakterien halten Experten für unwahrscheinlich. Terroristen könnten aber schon mit Allerweltserregern, mit dem Darmbakterium Noro etwa, für Chaos sorgen, bei einer großen Konferenz, einem internationalen Turnier. Vorbereitung auf möglichen Bioterrorismus ist nötig. Entscheidend ist aber, dass Forschungsprogramme nicht die Angriffe wahrscheinlicher machen, vor denen sie doch eigentlich schützen sollen. Iris Hunger:

"Sobald Staaten signalisieren, wir haben Angst vor diesen Waffen, wir sind nicht richtig vorbereitet, dann macht das natürlich gerade diese Waffen für Terroristen interessant. Und wir wissen aus Memos, die in Afghanistan von Al Kaida, die da gefunden wurden, dass genau das, genau das das Interesse dieser Terrororganisation geweckt hat. Die haben wirklich gesagt, wenn da so viel Angst davor da ist und so wenig Vorbereitung auf den Ernstfall, dann lohnt es sich, auf jeden Fall da zu investieren."

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