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StartseiteBüchermarktGeisterkabinett15.02.2010

Geisterkabinett

Sarah Khan: "Die Gespenster von Berlin". Suhrkamp Verlag

Im neuen Band von Sarah Khan wimmelt es nur so von Geistern und Gespenstern. In 14 Geschichten entführt die Autorin in eine Welt, die unsichtbar ist und doch stets da. Bewusst verzichtet Khan darauf, offenbar Übersinnliches zu erklären. Vielmehr lässt sie die Geschichten einfach zu uns sprechen.

Von Claudia Kramatschek

Die Anwesenheit von "Gespenstern" deutet sich in Sarah Khans Geschichten dezent an.  (AP)
Die Anwesenheit von "Gespenstern" deutet sich in Sarah Khans Geschichten dezent an. (AP)

"Ach, jetzt haste auch was gehört?", sagte der Maler. "Ich habe eine Untermieterin, aber wer weiß, vielleicht ist es nur ein Traum."
... Dann erzählte er: "Ich lag auf dem Sofa und schlief ein. Eine Frau erschien, sie trug ein Kleid mit Schürze, lange Zöpfe. Wir blickten uns verwundert an. Mir war unwohl, ich wusste nicht, was ich ihr sagen könnte. Dann dachte ich plötzlich: Ich schlafe doch! Ich schloss die Augen und wachte wieder auf." Er zeigte Anne ein Bild, das er unmittelbar nach dem Aufwachen gezeichnet hatte. Die Frau trug Schnürstiefel mit Absätzen, sie wirkte klein und ernst und überarbeitet. Eine Frau wie vor 100 Jahren. Seine Untermieterin."


Willkommen im Geisterkabinett von Sarah Khan, die uns mit ihren Geschichten – 14 an der Zahl – in eine Welt entführt, die unsichtbar und doch stets da ist; die – zumindest für einige – mit allen Sinnen wahrnehmbar, aber mit keiner Logik erklärbar ist. Anne aus Magdeburg war einst eine Meisterin im Gläserrücken und schreckte gerne Stasigeister auf; zwei Grufti-Schwestern aus Ost-Berlin klauen von einem Friedhof ein altes Kreuz – und alsbald wird ein Besucher der beiden vom kalten Nebelhauch des Todes heimgesucht. Die in Berlin-Mitte ansässige Geschäftsfrau Minna Mohn wiederum beauftragt einen Feng-Shui-Großmeister, um die neu gemieteten Räume mit Blick auf den Dorotheenstädtischen Friedhof von bösen Geistern zu befreien; in einem anderen Haus fallen ständig die Bilderrahmen von den Wänden, Kerzen verlöschen und ein Schimmelfleck an der Wand birgt eine kryptische kyrillische Nachricht.

Kurz: Es wimmelt in diesen Geschichten nur so von Phänomenen, die ebenso unheimlich sind wie rätselhaft und die in den Augen und Ohren der geneigten Leser wie eine Ausgeburt der blühenden Fantasie klingen müssen, wüsste man nicht, dass Sarah Khan hier nicht wirklich etwas erfindet, sondern – getreu ihrer Rolle als Geisterreporterin – nur das wiedergibt, was sie gehört und – in einem besonderen Falle – auch selbst erlebt hat.

"Im Grunde genommen sind die Geschichten entstanden auch dadurch, dass Menschen mir von Sachen erzählen, die sie eigentlich nicht glauben möchten, die eigentlich so gar nicht passieren sollten, die aber eben doch so passiert sind. Ich musste also das, was die Leute mir erzählen, in einem gewissen Grad erst mal als Kraft, als Evidenz nehmen und dann weitermachen. Die Leute erzählen einem erst mal ja nur Splitter. Und dann musste ich gucken:Was könnte das für eine Geschichte werden – die Geschichte war ja nicht vollständig mit dem, was ich da an Splittern bekommen habe. Ich musste dann entweder mit Nachbarn sprechen, ich musste in Archive gehen, ... ich musste einmal eine Nacht in einem Haus verbringen – ich musste sozusagen die Geschichte erstmal herstellen."

Das hieß: recherchieren – und dann aus den Splittern und Fragmenten die jeweilige Geschichte formen. Wobei das Rätselhafte hier stets für sich selbst einstehen muss: Khan verzichtet bewusst darauf, irgendetwas zu erklären. Vielmehr lässt sie die Geschichten sowie jene, die sie erzählen, recht unverstellt und ohne allzu große Eingriffe zu uns sprechen. Kernstück und eine der besten Geschichten der Sammlung ist sicher "Gespensterjagd in Bethanien". Denn in diesem Bethanien, einst ein Krankenhaus, 1849 unter Friedrich Wilhelm IV. fertig gestellt und eine Art mittelalterliche Trutzburg, die schon als Neubau alle Qualitäten eines Spukschlosses hat, verkehren tatsächlich die Geister. Sehr zum Schrecken wiederum der internationalen Künstler, die dort inzwischen als Stipendiaten unruhige Nächte verbringen und die Sarah Khan von ihren Erlebnissen erzählt haben, wie etwa eine Neuseeländerin, die 2007 für ein Jahr in Bethanien war.

"Es war mitten am Tag, ich unterhielt mich gerade mit einem Freund, da hörte ich 'Krack' und eine Vase zersprang. Man macht viele solche Erfahrungen, wenn man dort eine Weile wohnt. Eine einzige Nacht reicht nicht. Und ich glaube, die Leute die dort wohnen, machen ganz andere Erfahrungen als die, die dort zur Arbeit gehen. In den Korridoren und Treppenhäusern – da sind 'Wesen', die herumhängen – von der Größe eher Erwachsene (keine Kinder), wie eine Erscheinung, eher dunkel von der Ferne und dünn in der Textur. Sie sind nicht störend – und sie wollen uns nicht 'erschrecken' – sie hängen einfach nur rum, warten darauf, endlich gehen zu dürfen, erlöst zu werden."

Auch Sarah Khan verbringt eine Nacht in diesem Haus – sie begegnet dort zwar keinem Geist, dafür aber einer kleinen Zucht von Stabheuschrecken, deren botanischer Name, wie sie später erfährt, Gespenstschrecken lautet. Edgar Allan Poe lässt also grüßen: Man muss nur richtig hinschauen, um das Offensichtliche zu sehen, wenn man nach dem sucht, was ein Geheimnis ist. Khan hat sich diesen Ansatz auf gewinnbringende Weise zur eigenen Devise gemacht. Denn wie in der Geschichte über Bethanien, liegt die Stärke der gesamten Sammlung dort, wo die Autorin in ihren Berichten aus dem Heute die darunter liegenden Schichten des nur scheinbar Vergangenen freilegt und zu den untoten Toten vorstößt, die Berlins Grund und Boden auf Schritt und Tritt bevölkern: Ein Pärchen etwa zieht in das Umland von Berlin, genauer ins Märkische Oderland, doch das ersehnte Glück im eigenen Heim will sich nicht einstellen.

Der Garten bleibt ein Trauerbeet; Rohre lecken; Wände bleiben feucht – und Khan lässt es bewusst offen, ob es wirklich daran liegt, dass sich ganz in der Nähe die Gedenkstätte Seelower Höhen befindet, die an die letzte Schlacht vor dem Einmarsch der russischen Armee in Berlin im April 1945 erinnert und wo die Gebeine von rund 70.000 russischen und ungezählten deutschen Soldaten ruhen.

"Letztendlich ist das auch das, was ich immer am ehesten hinzugezogen habe zu dem, was die Leute mir erzählt haben. Dann habe ich geguckt: Was sagt die Geschichte? Was gibt es in den Archiven? Was gibt es auch von Leuten – also ich bin manchmal mit den Geschichten zu Experten gegangen, habe mit einem Historiker gesprochen. Da habe ich noch mal eine andere Perspektive drauf bekommen. Ich musste ja die Geschichten, nachdem ich bestimmte Dinge gehört habe, erst mal einordnen und verstehen und wissen, in welche Richtung ich noch bohren könnte."

So erfährt man auch, dass das Gelände des heutigen Nordbahnhofs einst die Wirkstätte des Berliner Scharfrichters war – und dass der Bahnhof in den Wirren am Ende des Zweiten Weltkrieg, als er noch Stettiner Bahnhof hieß, vielen Menschen eine verhängnisvolle Zuflucht versprach – denn ein unterirdisch verlaufender S-Bahn-Tunnel wurde eines Morgens gesprengt und die Menschen ertranken qualvoll im einlaufenden Kanalwasser. Und natürlich fehlen auch nicht die Toten des Holocaust, die sich hier einfinden als Widergänger in einer abstrusen Erzählung aus dem Munde einer schwedischen Künstlerin, die mit ihrer weißen Katze zu Gast ist in einer Wohnung des DAAD am Bayrischen Platz in Schöneberg, einst die sogenannte Jüdische Schweiz.

"Sie hatte schon ein ungutes Gefühl, als sie zum ersten Mal die Treppen in den vierten Stock hinaufging. Der Kater machte ein paar vorsichtige Schritte in die Wohnung hinein, dann drehte er durch. Aufgerissene Augen, langsames Zurückweichen und den Blick auf etwas fixiert – nicht ersichtlich, was es sein konnte. Das passierte in den folgenden Wochen oft."

"Letztendlich wusste ich ja: Es geht jetzt alles von dieser Katze aus. Und warum gehört das jetzt zusammen? Wie kann man denn so etwas zusammen erzählen? Das ist ja irgendwie schlechter Geschmack. Um über den Holocaust zu sprechen, dafür brauche ich keine Katze. Und überhaupt die Vorstellung, dass Holocaust-Opfer in ihre Wohnung zurückgehen und dort im Jahr 2000 irgendwelche schwedische Stipendiatinnen verschrecken. Aber was mich daran so interessiert hat: Wie geht man eigentlich kulturell damit um, dass ein Riesenteil der Bevölkerung dieser Stadt kein Grab hat? Wenn man durch Berlin geht, sieht man es überall: Die Leute, die keine Gräber haben, die haben heute Stolpersteine oder sie haben an den Wohnhäusern Schilder: hier hat gelebt, hat sich versteckt. Es scheint irgendein Bedürfnis zu sein, den Leuten einen Gedächtnisort zu geben. Und wenn der Gedächtnisort eben nicht der Friedhof ist, sondern eine Wohnanlage, dann ist das relativ neu und auch unheimlich. Deshalb mag es irgendwie geschmacklos sein: weiße Katzen, die Geister sehen, und Juden, die in Wohnungen herumspuken sollen, miteinander zu verknüpfen. Aber es ist nicht so, dass es mir darum geht, zu sagen: es ist so. Sondern ich präsentiere eine Blüte des Erzählens in Berlin."

Tatsächlich handelt es sich bei den Erzählungen nicht nur um die quasi moderne Variante der Gruselgeschichte à la Edgar Allan Poe oder E.T.A. Hoffmann. Es ist trotz aller Geschichte, die sich hier ihren Weg in die Gegenwart bahnt, das gegenwärtige Berlin selbst, das hier zu uns spricht. So sind letztlich auch die immer wieder eingestreuten Namen von Prominenten der A- oder B-Klasse zu verstehen: als Zeitmarker, die darauf verweisen, dass wir es mit einer Art akustischem mind mapping aus dem Berliner Hier und Jetzt zu tun haben. Sarah Khan macht dieses mind mapping mit ihrer Sammlung unheimlicher Geschichten auf unprätentiöse und unterhaltsame Weise hörbar.

Sarah Khan: "Die Gespenster von Berlin. Unheimliche Geschichten." Suhrkamp nova, Berlin 2009. 190 Seiten, 9 Euro

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