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StartseiteEssay und DiskursGemeinplatz Führungsschwäche23.12.2012

Gemeinplatz Führungsschwäche

Der Ruf nach starken Männern

In Zeiten der Globalisierung gehört es zum guten Ton, über eine erschreckend ohnmächtige Politik zu klagen. Doch es stellt sich die Frage, wie modernes Führungspersonal aussehen muss, das nicht nur den populären Wunsch nach autoritären Entscheidern befriedigt.

Von Leonard Novy

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Kreise der Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten in Lissabon. (AP)
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Kreise der Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten in Lissabon. (AP)

Was sich lange nur in einem diffusem Unbehagen über Globalisierung ausdrückte oder Gegenstand elitärer akademischer Debatten war, ist inmitten der Krisenkaskaden der Gegenwart plötzlich für alle spürbar: ein grundsätzliches Ohnmachtsgefühl, das sogar die Minderheit der vermeintlich wohlinformierten Eliten umfasst.

Selbst die Akteure der Finanzmärkte fühlen sich mittlerweile den Prozessen, die sie geschaffen haben, hilflos ausgeliefert: Unwissen über die Mechanismen paart sich mit Gefühl der völligen Orientierungslosigkeit. Das ist spätestens zu einem politischen Grundsatzproblem geworden, seit die Finanzkrise die Agenda demokratischer Regierungen bestimmt.

Seitdem erleben wir auf breiter Flur eine im postmodernen und postnationalen Denken im Grunde obsolete Debatte über die Rolle und Relevanz nationalstaatlicher Politik und ihrer Protagonisten Und wir erleben eine ganz neue Debatte um politische Führung. Die noch vor wenigen Jahren bis weit ins sozialdemokratische Lager selbstverständlichen Abgesänge auf den vom Markt "outperformten" Staat sind verstummt. Statt der intellektuellen Monotonie von Effizienz, weniger Staat und Deregulierung geht es plötzlich um die Handlungsfähigkeit der Demokratie, um den "Primat der Politik", dessen Wiederherstellung unversehens selbst in den Reihen von CDU/CSU und FDP gefordert wird.

Dies mutet schon paradox an, hat doch gerade die Krise gezeigt, von welch eingeschränkten Spielräumen politisches Handeln geprägt ist, nationales Regierungshandeln zumal.

Ob Autosuggestion oder diskursive Ersatzhandlung der Politik, sie verfängt nicht. Denn in den Augen der Bürger scheint die Politik nur mehr damit beschäftigt, dem Diktat vermeintlicher Sachzwänge zu folgen.
Ein zukunftsorientiertes Handeln, so etwas wie langfristige Rationalität im Umgang mit den großen Herausforderungen unserer Zeit traut man ihr nicht zu. Es dominiert der Eindruck einer gegenwartsfixierten Politik des Klein-Klein, die sich eher an parteipolitischen Motiven und durch Wahlen und Karriereinteressen vorgegebenen Zeithorizonten orientiert als an der nachhaltigen Lösung bestehender Probleme. Der Philosoph Karl Popper regte einst an, Politiker sollten "Stückwerkingenieure" bleiben:

"Was immer seine Ziele sein mögen, er sucht sie schrittweise durch kleine Eingriffe zu erreichen, die sich dauernd verbessern lassen [...] Wie Sokrates weiß der Stückwerkingenieur, wie wenig er weiß. Daher wird er nur Schritt für Schritt vorgehen und die erwarteten Resultate stets sorgfältig mit den tatsächlich erreichten vergleichen, immer auf der Hut vor den bei jeder Reform unweigerlich auftretenden unerwünschten Nebenwirkungen. Er wird sich auch davor hüten, Reformen von solcher Komplexität und Tragweite zu unternehmen, dass es ihm unmöglich wird, Ursachen und Wirkungen zu entwirren und zu wissen, was er eigentlich tut."

Während Wissenschaftler und Praktiker diskutieren, welche Spielräume der nationalstaatlichen Politik überhaupt noch bleiben, haben sich weite Teile der Bevölkerung längst ihr Urteil gebildet. Sie zweifeln grundsätzlich an der Problemlösungsfähigkeit und am Problemlösungswillen der politischen Akteure. Sie fühlen sich vor allem von den politischen Verhältnissen entfremdet.

In einer von "Alternativlosigkeiten" dominierten politischen Kultur erscheinen selbst die großen Projekte der letzten Jahre nur noch als Nachvollzug extern diktierter Handlungs- und Strukturvorgaben, die von der Politik in Maßnahmen einer politischen Verwaltung transponiert werden; nicht mehr als Ergebnis gesamtgesellschaftlicher Selbststeuerung und kollektiver Selbstbestimmung.

Das zeigen die eindrucksvollen Langzeitstudien eines Forscherteams um den Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer. Ihnen zufolge ist eine Mehrheit der Bevölkerung inzwischen der Überzeugung, sie hätte ohnehin "keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut". Es herrsche eine "hoffnungslose Unzufriedenheit", die jedoch nicht mehr zu Engagement und Beteiligung führt. Hier artikuliert sich nicht zuletzt der Frust über Institutionen, die zwar formal intakt scheinen, tatsächlich aber Züge dessen tragen, was der Soziologe Colin Crouch "Postdemokratie" nannte.

Dem politischen Gegner Führungsschwäche vorwerfen, das ging immer. Die Geschichte ist voll von Beispielen, man denke nur an Konrad Adenauers beharrlich gestreute Zweifel an den Führungskompetenzen seines wenig geschätzten Nachfolgers, des "Herrn Erhard", oder an Herbert Wehners scheinbar beiläufig gemachte Bemerkung, Bundeskanzler Willy Brandt bade "gern lau".

Doch der ehemals nur implizite Ruf nach Führung ist in den letzten Jahren salonfähig und explizit geworden: Der Regierung fehle es an Führungspersönlichkeiten, der Kanzlerin an Führungsstärke, dem Land an einem Helmut Schmidt, so lauten jene gängigen Lamentos, die aus Politikerstatements und Talkshows nicht mehr wegzudenken sind.

Helmut Schmidt wiederum beklagt, dass es keinen Winston Churchill mehr gibt. "Solche Führer haben wir heute nicht mehr", ließ der Altkanzler Ende Oktober auf einer Konferenz in Berlin verlauten. Der Kult um den von den Briten aus dem Amt gewählten Kriegsherrn, der erst nach seiner Zeit im Amt einsetzende Nimbus des "großen Kommunikators" Ronald Reagan und die groteske Züge annehmende Verehrung des einstmals gerade ob seines autoritären Führungsstils eher ungeliebten Helmut Schmidt - all das zeigt die historische Kontingenz von Führung.

Weder Adenauer und Schmidt, noch Churchill, De Gaulle oder Roosevelt galten zu allen Zeiten und jedem als starke Führungspersönlichkeiten. Nach dem vielen Testosteron der Ära Schröder, den Jahren der Basta-Politik, erschien Angela Merkels abwartend-wissenschaftsorientierter Politikstil ab 2005 vielen Beobachtern als willkommene Abwechslung und war im Übrigen den großkoalitionären Machtverhältnissen ihrer ersten Legislatur angemessen.

Zuhören und beobachten, abwägen, entscheiden - Kohls "Mädchen" präsentiert sich als schnörkellose Problemlöserin, als resolute Sachwalterin nationaler Interessen auf der EU-Ebene und - im Umgang mit parteiinternen Gegnern - als robuste Machtpolitikerin. Gesellschaftliche Vorstellungen von Führung sind immer auch expost Rationalisierungen, Zuschreibungen des Zufälligen, abhängig von Faktoren, die ein Politiker selbst nur bedingt beeinflussen kann.

Die gängige, längst zum Standardrepertoire der politisch-publizistischen Auseinandersetzung gehörende Klage, es mangele an Führung, offenbart bei näherer Betrachtung jedenfalls schon mal eine vom Wuppertaler Historiker Georg Eckert formulierte Grundregel der öffentlichen Debatte:

"Wer öffentlichkeitswirksam Führung einfordert, unterstellt letztlich, just selbst derjenige zu sein, dem Führung zustehe und folglich zukommen müsse. Führung ist in diesem Sinne ein Mittel der Macht. Führung ist kein persönlich-moralisches Abstraktum, sondern ein machtpolitisches Konkretum."

Garniert waren solche Forderungen in der Vergangenheit häufig mit Gemeinplätzen, denen zufolge alles zu langsam gehe und endlich "durchregiert" werden müsse - über all jene lästigen Verhandlungs- und Kompromisszwänge hinweg, die demokratische Verfahren mit sich bringen.

Gerne verlangt man von Politikern ein ähnlich effizientes Handeln wie von Führungskräften aus der Wirtschaft. Dabei agieren letztere allen Veränderungen der modernen Unternehmenswelt zum Trotz letztlich innerhalb zumeist hierarchischer Strukturen, die primär, wenn nicht ausschließlich, der Verwirklichung bestimmter, auf Produktivität und Profitabilität gerichteter Organisationsziele dienen.

Als Teil eines mit stark normativen Forderungen konfrontierten Gesamtsystems stehen Politiker dagegen vor der Aufgabe, ganz unterschiedliche, nicht selten konfligierende Zielvorstellungen auszugleichen. Vor allem aber bedarf demokratische Politik der Legitimation durch Wahlen. Die Entscheidungsfreiheit und Karriere eines Politikers finden letztlich dort ihre Grenzen, wo die Zustimmung durch die Wähler endet.

Mit der Vergleichbarkeit oder gar Übertragbarkeit von Führungsmodellen aus der Managementlehre, deren populärwissenschaftlicher Ausfluss in Form von Ratgeberliteratur à la "Radikal führen" oder "Führungsstark in alle Richtungen: 360Grad-Leadership" inzwischen ganze Regalreihen in den Flughafen-Buchhandlungen füllt, ist es jedenfalls nicht weit her.

Vor allem aber werden Schlagwörter wie "Effektivität" und "Effizienz" der Komplexität von Führung als Modus und Strukturelement demokratischer Politik nicht gerecht. Führung ist beides: vielschichtige politisch-soziale Tatsache und zugleich eine Notwendigkeit - in der Theorie wie in der Praxis der Demokratie, die essenziell auf gesellschaftliche Problemlösungsfähigkeit und die Produktion von gemeinwohldienlichen Politikergebnissen angewiesen ist, aber auch der Legitimation bedarf.

Führung und Demokratie sind keine Gegenspieler, sie bedingen sich wechselseitig. Denn die moderne Demokratie ist unabdingbar eine repräsentative, sie kann ohne ein Mindestmaß an Führung durch Politiker gar nicht existieren. In repräsentativdemokratischen Systemen ist ein gewisses Maß an Differenzierung zwischen dem Souverän und seinen Repräsentanten institutionell eingeplant, basieren sie doch auf der temporären Delegation von Macht durch Wahlen.

Trotzdem wird Führung alltagssprachlich bis heute mit formaler Autorität, Durchsetzungsstärke, den individuellen Eigenschaften und Leistungen herausragender Führungspersönlichkeiten in Verbindung gebracht. Die klassische Formel des Historikers Heinrich von Treitschke "Große Männer machen Geschichte", sie stammt nicht zufällig aus Deutschland.

Praktisch irreparabel kontaminiert wurde der Begriff der Führung durch die desaströsen Erfahrungen mit "charismatischen" Führungspersönlichkeiten während der Jahre 1933 bis 1945. Die Bundesrepublik hat sich im expliziten Gegensatz zum totalitär-faschistischen Führerstaat des Dritten Reiches konstituiert, die 68er-Bewegung wiederum im Gegensatz zu restringierend empfundenen Autoritätsstrukturen. Führung, so argumentieren Kritiker bis heute, schaffe durch die ihr immanente Dichotomisierung von Führendem und Geführten eine Differenzierung, die elitär-autoritären Tendenzen Tür und Tor öffne und die Aufgabe von Selbstbestimmtheit und Autonomie impliziere.

Folglich taten sich die Sozialwissenschaften lange schwer, sich der Thematik zu nähern. Lange konzentrierte sich die politikwissenschaftliche Forschung auf die Makroebene, untersuchte Regierungssysteme, Strukturen und Prozesse der politischen Steuerung - oder Neudeutsch: Governance -, scheute sich aber, die Individuen in den Strukturen in den Blick zu nehmen.

Doch hat es nicht zuletzt mit dem Fehlen plausibler konzeptioneller Alternativen zu tun, dass der gesellschaftliche und politische Diskurs um Führung heute nicht nur von beispielloser instrumenteller Beliebigkeit, sondern im Kern, wie der Aachener Politikwissenschaftler Emanuel Richter herausgearbeitet hat, von anachronistischen Idealen geprägt ist.

"Das Ideal einer Fürstenherrschaft lebt fort, die Sehnsucht nach personalisierter Macht prägt die Vorstellungen von politischer Kompetenz, und die Auffassungen von politischer Repräsentation sind mehr vom Ideal einer Vormundschaft als vom Modell einer mandatorischen Stellvertretung durchdrungen."

Dahinter steht eine ganze Tradition abendländischer politischer Philosophie, die sich jahrhundertelang darauf konzentriert hat zu erforschen, was ein guter Führer sei. Ihr Erklärungsmuster hat schon Platon vorgegeben: "Der Weise ist Führer und regiert. Der Unwissende möge ihm folgen."

"Wenn nicht, sprach ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten oder die jetzt sogenannten Könige und Gewalthaber wahrhaft und gründlich philosophieren und also dieses beides zusammenfällt, die Staatsgewalt und die Philosophie, die vielerlei Naturen aber, die jetzt zu jedem von beiden einzeln hinzukommen, durch eine Notwendigkeit ausgeschlossen werden, eher gibt es keine Erholung von dem Übel für die Staaten."

Moralisch integren, universell gebildeten und kompetenten Herrschern werde es leicht fallen, für noch so gravierend spezielle Probleme situationsspezifische Lösungen zu finden. Heute wie damals erklärt der Pädagoge Bernhard Bueb:

"Wo Menschen zusammenleben und arbeiten, sind sie auf Führung angewiesen. Da Führung ihrerseits Bildung voraussetzt, müssen wir sie zur Hauptsache Deutschlands erklären."

Wenn die Richtigen herrschen, so kann man diese Denkweise zusammenfassen, wüssten sie das Gute schon durchzusetzen, gediehe das Gemeinwohl gleichsam automatisch - eine wohlfeile Überzeugung. Obwohl demokratiepolitisch bedenklich, taugt sie in der Gegenwart freilich noch immer zum Gemeinplatz. So resümiert der aktuelle deutsche Außenminister:

"Es geht nicht darum, das Populäre zu machen, sondern das Richtige zu tun. Und dann muss man dafür sorgen, dass es populär wird. So funktioniert politische Führung."

Wirklich? Dieses Verständnis findet seinen Ausdruck jedenfalls regelmäßig an Wahlabenden, wenn Politiker aller Parteien ihre Niederlage auf "Vermittlungsprobleme" zurückführen. Besser vermarktet wären sie schon gewählt worden, soll das heißen. Man hätte nur genauer informieren müssen.

Was als aufklärerische Verheißung daherkommt, ist bei genauerer Betrachtung oft nur elitäre Anmaßung. Indem sie den Hebel allein an den Führenden ansetzt, schlimmer noch: implizit an dienjenigen, die vermeintlich zum Führen berufen sind, erweist sie sich aus zwei Gründen als problematisch, einem empirischen und einem normativen.

Erstens nimmt die Qualität politischer Entscheidungen bei steigendem Wissen nicht zwingend zu. "Ich würde lieber von den ersten 2000 Namen im Bostoner Telefonbuch regiert werden als von den 2000 Harvard-Professoren", schrieb einst der konservative US-Publizist William Buckley.

Auch ein zweites Problem entsteht, wenn Führung auf persönliche Kompetenzen und Tugenden verengt wird: Diese Betrachtungsweise nämlich unterstellt meist, der politische Führer wisse allein, was "richtig" sei, kenne als einziger die unmittelbaren "Sachzwänge", die nicht weiter zu hinterfragen seien, Politik ließe sich nach Maßgabe empirisch objektivierbarer Wahrheiten gestalten.

Das beste Argument dagegen hat bereits Immanuel Kant geliefert, einerseits aus skeptischer Bescheidenheit am Wissensumfang des Einzelnen, andererseits aus funktionalen Gründen:

"Dass Könige philosophieren oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten, aber auch nicht zu wünschen, weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt."

Eine praxistaugliche Konzeption von politischer Führung unter demokratischen Vorzeichen kann nur eine normative sein. Der Versuch, eine solche zu entwickeln, muss damit beginnen, das Konzept zu entpersonalisieren, zu entkoppeln vom Aspekt der personalisierten Macht. Das heißt auch, überkommene Herrschaftsideale, die Führung auf persönliche Tugenden oder Weisheit reduzieren, aufzugeben.

Denn weder beruht Führung in der Demokratie auf einem generellen Kompetenz- oder Wissensvorsprung noch erschöpft sie sich darin, ein Spitzenamt zu erobern und abzusichern. Führung ist nicht gleichbedeutend mit formaler Macht, sie vollzieht sich in verschiedensten gesellschaftlichen Sphären, nicht nur der Politik, und auf allen Ebenen. Zumal "Macht in den Verhältnissen", um eine einflussreiche Unterscheidung des Althistorikers Christian Meier aufzugreifen, nicht notwendigerweise "Macht über die Verhältnisse" bedingt.

Und anders als von Wilhelm Hennis in den 1960ern formuliert, geht es auch nicht nur um Beeinflussung, nicht nur darum, "andere Menschen zu einem bestimmten Tun zu veranlassen", etwa dazu, den Wähler "an der erwünschten Stelle sein Kreuz" machen zu lassen. Ginge es rein funktional lediglich um Gewinn, Ausübung und Absicherung von Herrschaft, genügte der Rekurs auf den unüberbietbaren Machiavelli.

Nachgerade schädlich ist Führung, die ihre demokratische Rückkoppelung - scheinbar paradox - nur aus der populistischen Abgrenzung zu demokratischen Verfahren bezieht. Guttenberg scherte sich kaum darum. Sein Aufstieg und seine Popularität basierten auf einer direkten Bindung zu Bevölkerung und Medien, die aber die tatsächliche Leer- oder Fehlstelle im politischen Prozess nicht schloss, auch nicht zu schließen beabsichtigte, sondern nur zum eigenen Vorteil nutzte.

Rückblickend betrachtet hatte seine charismatische Attitüde wenig bis gar nichts mit erfolgreicher politischer Steuerung zu tun; zur Lösung komplizierter Sachfragen - Opel, Afghanistan, Bundeswehrreform - trug sie nicht bei.

Demokratische Führung muss das Spannungsverhältnis zwischen effektiver Problemlösung, die Vertreter einer realistischen Demokratietheorie stets als Rechtfertigung für straffe Führung anführen, und demokratischer Rückkoppelung auflösen. Sie beschreibt weder eine imperative Einbahnstraße noch bloße Überzeugung, sondern eine komplexe Beziehung zwischen Menschen, einen reziproken Prozess.

Eine solche Herangehensweise impliziert, was in der US-amerikanischen Forschung Konsens ist: dass auch die Anhänger des Führenden in den Blick genommen werden müssen: "Es gibt keine Führung ohne Folgende", so die Harvard-Professorin Barbara Kellerman. Als soziales Interaktionsmuster zweier Protagonisten, des Führenden auf der einen und seinen Anhängern, den Followern, auf der anderen Seite, dient Führung beiden dazu, als gemeinsam wahrgenommene politische Ziele aufzustellen und zu erreichen.

Ein zeitgemäßes Konzept von politischer Führung muss dieser demokratietheoretisch und demokratiepraktisch beinahe trivialen Erkenntnis Rechnung tragen. Theoretisch, weil sowohl liberal-prozedurale Politikmodelle als auch anspruchsvollere republikanische Konzeptionen ein Mindestmaß an Diskurs und Partizipation erfordern.

Praktisch, davon zeugen das Aufbegehren gegen Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 wie auch das Aufkommen der Piratenpartei, weil "Top-down"-Lösungen und "Basta"-Politik, die kurzfristig Entscheidungskosten zu verringern versprechen, schon mittelfristig politisches Vertrauenskapital vernichten und den Anschluss an ein Zeitalter versäumen, das von andersgearteten, größeren gesellschaftlichen Beteiligungsansprüchen geprägt ist.

Doch die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Interessen der Folgenden ist nur die notwendige, nicht aber die hinreiche Bedingung politischer Führung in der Demokratie. Responsivität ist nämlich erst dann ein Kernelement guter politischer Führung, wenn sie nicht nur eine einfache Spiegelung der Befindlichkeiten der Geführten darstellt, sondern selbige auch zu hinterfragen und Veränderungen anzustoßen wagt.

Dies kann auch bedeuten, unpopuläre Entscheidungen gegen akute Widerstände durchzusetzen, denn Führung in der repräsentativen Demokratie impliziert immer auch ein gewisses Maß an unabhängiger Verantwortlichkeit, für das der Führende in nachfolgenden Wahlen allerdings zur Verantwortung gezogen werden kann. Es geht um Haltung; darum, eigene Prinzipien, Wertvorstellungen und Ideen zu entwickeln - natürlich nicht, ohne die Konsequenzen politischer Entscheidungen realistisch abzuschätzen.

Doch schon Max Weber bezeichnete Gesinnungs- und Verantwortungsethik in seiner einflussreichen Rede zu Politik als Beruf nicht als sich wechselseitig ausschließende Gegensätze, sondern als

"Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den 'Beruf zur Politik‘ haben kann."

Die Wirkungsmacht feudal geprägter Führungsideale, die begrifflich in Etiketten wie "Landesfürst" fortleben, und insbesondere natürlich die Erfahrungen des Dritten Reiches überschatten jedoch Traditionslinien, die für eine Neudefinition des Führungsbegriffes wertvolle Anregungen vermitteln können.

Deutschland ist traditionell auf Konsens und Integration programmiert, mithin auf eine sehr partizipationsreiche und gemeinschaftliche Beilegung von Konflikten. So wurde Führung sowohl in der staatsphilosophischen Theoriebildung als auch in der politischen Praxis Deutschlands in der Neuzeit weniger als autoritäres Modell denn als kooperatives Unterfangen betrieben. Dies gilt für das Heilige Römische Reich deutscher Nation, einem relativ losen Verbund, innerhalb dessen der Kaiser stets auf Kooperation und Ausgleich mit den Landesobrigkeiten und Ständen angewiesen, war wie auch für das Kaiserreich.

Das unter Berücksichtigung der politischen und verfassungsrechtlichen Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik gestaltete politische System der Bundesrepublik wiederum knüpfte an diese institutionellen Traditionen und Mentalitäten an. Der bewusste Verzicht auf eine starke Führung, der die deutsche politische Kultur eben auch prägt, bringt eminente Chancen mit sich - gerade in der globalisierten, vielfach vernetzten Wissensgesellschaft, die traditionelle, hierarchische Steuerungsmodelle sowohl auf der internationalen Ebene als auch im nationalen Kontext zusehends obsolet werden lassen.

Eine solche Herangehensweise lenkt den Blick auf Führung als Steuerung nichthierarchischer Netzwerke und auf die Relevanz von Führung als diskursiver Kompetenz im Umgang mit konfligierenden Interessen, Meinungen und Werten.
Damit einher geht ein Perspektivwechsel, der wegführt von der Frage danach, "wer" - im Sinne von: welche Person mit welcher Qualifikation - führen soll.

Mit der Auswahl starker Männer und Frauen ist's nicht getan. Vielmehr gilt es, stattdessen die strukturellen Voraussetzungen für eine den Bedingungen der modernen Demokratie angemessene Praxis öffentlicher Führung in den Blick zu nehmen. Damit ist nicht gemeint, dass letztlich jeder Führende austauschbar ist, lediglich ein Produkt seiner Zeit, aber ohne Einfluss und Möglichkeit, sie zu gestalten. Doch basiert die Demokratie auf dem Grundwert, dass jeder Bürger a priori als kompetenter Mandatsträger gelten muss und sich mit gewissen Chancen für jedes Amt bewerben kann.

Entstünde der Eindruck, nur eine qualifizierte Elite käme für Führungspositionen in Frage, verfestigten sich Apathie und Desintegration. Es geht darum, Führung als Interaktionsprozess dergestalt zu institutionalisieren, dass unabhängig von den individuellen, kontingenten Kompetenzen der tatsächlich Gewählten gute, gemeinwohlfähige Ergebnisse erzeugt werden. Qualitative Verbesserungen politischer Dezisionen und Prozesse im Sinne des Gemeinwohls erfordern eine Führungspraxis, die sich auf Problemlösungen und Integration versteht.

Die Kompetenzen und Interessen der Folgenden bedürfen moralisch wie politisch der Berücksichtigung, und das geschieht durch Partizipation. Es bedarf offener, kooperativer Netzwerkverfahren, die die Selbstorganisation des vorhandenen Wissens, aber auch neue Formen der Beteiligung fördern. Mit der Abgabe nationaler Kompetenzen an die EU hat die Politik in den letzten Jahren auf sich zusehends nationalem Zugriff entziehende Problemlagen reagiert.

Nun gilt es, den veränderten Handlungsbedingungen einer Gesellschaft Rechnung zu tragen, die anders als vor 50 Jahren unter Demokratie eben nicht mehr nur Frieden, Wohlstand und Konsum versteht, sondern Rechenschaft einfordert und mitgestalten will, sich aber gleichzeitig zusehends außerhalb traditioneller politischer Strukturen organisiert.

Diese Entwicklungen haben nun mit langem Vorlauf im Internet eine technisch-kommunikative Entsprechung und Verstärkung gefunden, die beträchtliche Chancen für eine den gesellschaftlichen und technologischen Realitäten angemessene partizipative Öffnung der Politik bereithält. Anders gesagt: Auch der vermeintlich schwache kann ein starker Mann sein.

Selbstverständlich liegt die politische Letztentscheidung auch bei solchen ergänzenden Beteiligungsformen nach wie vor bei demokratischen, durch Wahlen legitimierten Institutionen: Erst in ihrem Rahmen, in Parlament, Parteien und Regierung, können Werte-Diskurse auf Dauer geführt, können Gemeinwohl- und Zukunftsorientierung in politischen Entscheidungen ausbalanciert werden, statt ständigen ad-hoc-Situationen unterworfen zu sein.

Doch schwindet die Akzeptanz dieser abstrakten Vorteile der repräsentativen Demokratie, je mehr die Bürger an der demokratischen Qualität politischer Entscheidungsprozesse zweifeln, weil sich die Politik hinter "Sachzwängen" versteckt. Chantal Mouffe beschrieb diese technokratischen oder konsensorientierten Politikansätzen als "Negation des 'Politischen‘".

Politik in der Demokratie bezieht ihre Legitimation nicht ausschließlich auf empirische Evidenzen oder wissenschaftlich belegbare "Richtig/Falsch"-Kriterien, sondern basiert auf unterschiedlichen Werten, Ideen und Vorstellungen, über die Natur des Menschen, die "gute" Gesellschaft. Diese gilt es transparent zu machen. Führung meint mithin immer, Werte vorzuführen und sie zum politischen Programm zu machen.

Doch sind einst attraktive Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit in den Programmen aller Parteien zu abstrakten Leerformeln ohne Aussage- und Orientierungskraft geworden. Kurzfristig mag ihre Unbestimmtheit zwar gewisse Marketingvorteile bieten - davon zeugte auch der Hype um die sich ostentativ ideologiefrei gebenden Piraten. Doch ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit sichern sich politische Organisationen und ihr Spitzenpersonal nur, indem sie diese Begriffe in einen dezidierten Wertekontext setzen.

Der Verlust einer autoritären Form der Kontrolle, den eine derart gestaltete Führungspraxis mit sich bringt, ist kein Angriff auf die zentralen politischen, intermediäre Parteien und Verbände - er liegt vielmehr in ihrem und im Eigeninteresse des politischen Systems insgesamt. Er bietet eminente Chancen für eine ebenso Wissen wie Legitimität stiftende Revitalisierung der Demokratie - verstanden nicht als Legitimationsmechanismus für die politische Herrschaft anderer, sondern als partizipative Lebensform aller.

Damit immunisiert sich eine Gesellschaft nicht gegen die charismatische Verführung, die Attraktion des Versprechens auf einfache Lösungen. Aber sie bewahrt sich ihre Fähigkeit, solche Angebote als das zu enttarnen, was sie in aller Regel sind: Frischzellenkur oder Farce, in jedem Fall keine Erlösung. Stark ist eine demokratische Gesellschaft, die keinen starken Führer braucht.

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