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StartseiteUmwelt und VerbraucherGen-Lachs aus den USA15.02.2013

Gen-Lachs aus den USA

Europa bereitet sich auf den Import von genveränderten Tieren vor

In den USA könnte bald ein gentechnisch veränderter Lachs auf den Markt kommen. Dieser könnte dann auch in Europa auf den Tellern der Verbraucher landen. Gegner fordern, die Risiken von Gen-Fleisch im Vorfeld abzuwägen.

Von Mirjam Stöckel

Im Vergleich zu seinen Verwandten in der freien Natur nimmt der Gen-Lachs viel schneller an Gewicht zu. (picture alliance / dpa - David Cheskin)
Im Vergleich zu seinen Verwandten in der freien Natur nimmt der Gen-Lachs viel schneller an Gewicht zu. (picture alliance / dpa - David Cheskin)
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Auf den ersten Blick sieht er aus wie jeder andere Lachs. Doch der Größenvergleich mit einem normalen Exemplar zeigt den entscheidenden Unterschied: Der Gentechnik-Lachs der Firma Aquabounty ist ein Riesenexemplar. Er legt etwa doppelt so schnell an Gewicht zu wie seine Artgenossen aus der Natur. Möglich wird das, weil Wissenschaftler aus den USA ihm Erbgut zweier anderer, schnell wachsender Fischarten eingepflanzt haben.
Steak von diesem Turbolachs auf dem eigenen Teller? Vielen Verbrauchern verdirbt dieser Gedanke den Appetit.

"Dann überlege ich mir, wo der nächste Demeter-Hof ist, wo ich einkaufen kann. Das mag ich nicht essen."
"Das ist doch ein Eingriff ins Natürliche und davon halte ich nichts."
"Ich finde das den absoluten Hammer. Ich würde so etwas nie essen und nie kaufen."

Auch in den USA wollen viele Konsumenten den Gen-Lachs nicht. Dennoch steht er dort kurz vor der Zulassung, die US-Sicherheitsbehörde hat Zustimmung signalisiert. Nach geltendem EU-Recht könnte der Lachs auch hierzulande erlaubt werden – denn die Vorschriften ermöglichen nicht nur Zulassungsverfahren für Gentechnik-Pflanzen, sondern auch für Gentechnik-Tiere. Brüssel verfolge daher die Situation in den Vereinigten Staaten sehr genau, sagt Frederic Vincent, Sprecher des EU-Verbraucherschutzkommissars.

"Wir können davon ausgehen, dass der Lachs-Hersteller aus den USA eine Vermarktungserlaubnis auch in Europa beantragen wird. Darauf müssen wir uns gefasst machen. Und es ist vorstellbar, dass irgendwann auch europäische Unternehmen mit dieser Forschung anfangen. Überall auf der Welt laufen solche Projekte schon, auch an anderen Tieren. Wir müssen also vorbereitet sein auf diese neue Technologie."

Genau deshalb hat die Europäische Kommission jetzt auch die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit beauftragt, spezielle Leitlinien für die Zulassung zu erarbeiten. Eine Art technisches Handbuch für die Hersteller von Gentechnik-Tieren ist das. Darin steht beispielsweise, welche Art von Daten die EU-Sicherheitsprüfer in einem Zulassungsverfahren brauchen, damit sie ein Gentechnik-Lebensmittel bewerten können. Das werde Herstellern das Verfassen von Anträgen erleichtern, schreibt die Sicherheitsbehörde selbst auf ihrer Homepage. Fertig werden die Leitlinien wohl im März. Umweltschützer wie Mute Schimpf von Friends of the Earth halten diesen Ansatz der EU für völlig falsch.

"Nirgendwo auf der Welt haben Verbraucher Produkte von Gentechnik-Tieren gegessen. Und es ist einfach unangemessen und frech, diesen Ozean an Nichtwissen zu ignorieren und zu sagen, wir setzen Experten – die sich noch nicht mal mit dem Thema richtig auskennen – hin, entwerfen technische Leitlinien und schauen dann mal, was passiert."

Und seien die Leitlinien als Grundlage für eine Sicherheitsprüfung von Gentechnik-Tieren erst einmal formuliert, sagt Mute Schimpf, werde es extrem schwierig, solche Lebensmittel überhaupt noch zu verbieten. Statt den Zulassungsprozess durch Leitlinien zu erleichtern, müsse die EU-Kommission erst einmal wichtige Grundsatzfragen stellen.

" Wenn es jetzt in den USA eine Arbeit an gentechnisch verändertem Lachs gibt, wäre es hier in Europa Zeit zu sagen: Wir machen zum ersten Mal eine Kosten-Nutzen-Analyse, bevor ein komplett neuartiges Produkt eingeführt wird. Was heißt das für Gesellschaft? Was heißt das für den Fischerei- oder Imkereisektor? Was heißt das für die Lebensmittel verarbeitende Industrie? Welche Erwartungen haben Verbraucher?"

Eine solche Debatte über Lebensmittel aus Gentechnik-Tieren will die EU-Kommission dagegen nicht. Sie stellt sich auf den Standpunkt: Das europäische Recht macht die Zulassung von Gentechnik-Tieren eben grundsätzlich möglich – und dieses Recht müssen wir jetzt nicht mehr grundsätzlich infrage stellen. Ohnehin könne ja jeder frei entscheiden, ob er Gentechnik-Tiere essen will oder nicht, sagt Kommissars Sprecher Frederic Vincent.

"Die europäischen Regeln besagen: Wenn ein Lebensmittel mehr als 0,9 Prozent Gentechnik enthält, dann muss das gekennzeichnet sein. Sollte es also irgendwann einmal ein gentechnisch verändertes Tier als Lebensmittel zu kaufen geben, dann steht das auf dem Etikett."

Ob es tatsächlich so weit kommen wird, hängt jetzt erst mal von den USA ab: Dort dürfte sich im März entscheiden, ob der Gentechnik-Lachs auf die Teller darf. Und falls ja, kann sich wohl auch Europa bald auf den ersten Antrag zur Vermarktung eines Gentechnik-Tieres als Lebensmittel gefasst machen.

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