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StartseiteInterview"Menschen haben sich von Angst beeinflussen lassen"02.11.2016

Genpflanzen-Verbot"Menschen haben sich von Angst beeinflussen lassen"

Der CDU-Abgeordnete Kees de Vries hält die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen für übertrieben. Es sei kein Fall bekannt, wo ein Mensch oder ein Tier dadurch krank geworden sei, sagte er im DLF. Vor allem die Grünen verbreiteten Angst, um sich dem Wähler gleichzeitig als Retter zu empfehlen.

Kees de Vries im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Symbolisch steht ein Schild mit der Aufschrift "Genfood" vor einem gentechnisch veränderten Maiskolben. (picture-alliance / ZB)
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Wenn es eine sachliche Diskussion über die Gentechnik gäbe, dann wäre das Problem schnell gelöst, meinte de Vries. Das sei aber nicht gewollt. Vor allem die Grünen verbreiteten nur Angst. Deutschland drohe wegen dieser Haltung seinen Wissensvorsprung zu verlieren. 

Kritik am neuen Gentechnikgesetz der Bundesregierung wies der CDU-Politiker zurück. Die Regierung habe ein wasserdichtes Gesetz vorgelegt. Dieses ziele wie mit den Ländern vereinbart darauf, dass die Gentechnik verboten werde.


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Am Telefon ist jetzt Kees de Vries von der CDU. Er ist Mitglied im Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, Berichterstatter für Pflanzenzucht seiner Fraktion. Schönen guten Tag, Herr de Vries.

Kees de Vries: Guten Tag!

Heckmann: Herr de Vries, Naturschützer sagen, die grüne Gentechnik, die störe das natürliche Gleichgewicht. Außerdem seien die Langzeitrisiken für Menschen, Tiere und Natur nicht ausreichend erforscht. Sie sind da offenbar risikobereiter?

Grüne Gentechnik weiter ausloten

de Vries: Na ja, die Langzeitrisiken - - Wissen Sie, Gentechnik ist nicht etwas Neues. Ich glaube, schon 20, 25 Jahre alt, und bis jetzt ist nicht ein Fall bekannt von einem Menschen oder Tier, was krank geworden ist durch grüne Gentechnik, auch wenn die Grünen gerne etwas anderes behaupten. Aber ich persönlich, ich bin nicht für die Round-up-Resistenz und das ist das Problem in Deutschland mit grüner Gentechnik, gleichgestellt mit Round-up-Resistenz. Da habe ich auch meine Zweifel. Aber was grüne Gentechnik weiter alles noch kann, um das ganz einfach nicht mal auszuloten in einem Land wie Deutschland - wir waren immer die Vorreiter, wir waren immer die Neugierigen, und jetzt auf einmal wollen wir Neuigkeiten einfach nicht erkunden?

"Wer weiß überhaupt, was grüne Gentechnik ist"

Heckmann: Das heißt, Sie sind schon dafür, dass die grüne Gentechnik auch in Deutschland breitflächig angewendet wird, obwohl die große Mehrheit der Deutschen strikt dagegen ist?

de Vries: Na ja, das Letzte, das zweifele ich auch mal an. Die große Mehrheit der Deutschen hat sich durch Angst beeinflussen lassen und hat wohl angegeben, gegen grüne Gentechnik zu sein. Aber ich weiß nicht genau, wer überhaupt weiß, was grüne Gentechnik ist. Kennen Sie noch den Begriff goldenen Reis?

Weniger Kindstod- und Blindheit durch Gen-Reis

Heckmann: Im Moment nicht, nein. Sie können uns da bestimmt helfen.

de Vries: Ja, ja. Wissen Sie, der goldene Reis ist ein Produkt der grünen Gentechnik. Große Teile dieser Welt essen nur Reis. Das Problem ist, dass Reis zu wenig, ich glaube, Vitamin B oder A enthält, eines von beiden, und das ist verantwortlich dafür, dass große Kindersterblichkeit auftritt und dass viele Neugeborene erblinden. Jetzt hat die grüne Gentechnik eine Reissorte entwickelt mit mehr von diesen Vitaminen und wir haben deutlich weniger Kindertod und Kinderblindheit. Ist das ein Nachteil?

Heckmann: Das heißt, Herr de Vries, Sie würden also bestätigen, dass der jetzt vorgelegte Gesetzentwurf des Ministers im Prinzip dazu dient, ein nationales Anbauverbot im Prinzip zu unterlaufen? Habe ich Sie jetzt richtig verstanden?

de Vries: Nein. Ich habe nur gesagt, dass ich persönlich eine andere Meinung über die grüne Gentechnik habe, aber wir haben im Bundestag beschlossen, dass wir keine grüne Gentechnik in Deutschland wollen, und dieses Gesetz, was Christian Schmidt vorgelegt hat, geht genau in diese Richtung. Sie haben es vorher auch klar und deutlich gesagt. Es ist schwierig, das mit Argumenten zu unterbauen, und da brauchen wir die Hilfe der Bundesländer und dann können die Bundesländer nicht sagen, na ja, das müssen die dann in Berlin mal regeln. So einfach ist das nicht.

Bundesländer sollten die Firmen begrenzen

Heckmann: Geht in die richtige Richtung, sagen Sie, und in die versprochene Richtung, aber der Entwurf des Ministers, der setzt die Hürden ja jetzt so hoch, dass es praktisch schwierig wird. Und es hat ja im Frühjahr einen Kompromiss mit den Ländern gegeben und die Umwelt- und Agrarminister von zehn Bundesländern, die sagen jetzt, dieser Entwurf, der jetzt vorliegt, der widerspricht diesem Kompromiss in mehreren Punkten. Zum Beispiel müsse ein Verbot jetzt nicht nur vonseiten der Länder gefordert werden, sondern auch sechs Bundesministerien müssten zustimmen. Das wird praktisch nicht der Fall sein.

de Vries: Das weiß ich nicht. Wenn 88 Prozent der Deutschen gegen grüne Gentechnik ist, dann wird das seinen Einfluss haben auch in den Ministerien. Ich weiß eigentlich nicht genau: Wir haben hier so ein wasserdichtes Gesetz vorgelegt. Glauben Sie denn, wenn die Länder die Argumente nicht bringen können, dass der Bund das kann? Der Bund kann sagen, wir wollen es nicht, aber dann muss man das begründen. Wenn wir das nicht können, dann werden die Firmen sich durchsetzen. Wir haben alles dafür getan, dass die Länder, dass die mit uns stimmenden Länder die Firmen begrenzen können, dass wir den Anbau von grüner Gentechnik verbieten können.

Heckmann: Wie kommen Sie denn darauf, Herr de Vries, dass die Länder eine solche zwingende Begründung liefern können, der Bund aber nicht?

de Vries: Weil es immer wieder um örtliche Zustände geht. Regionale Probleme müssen da vorgetragen werden. Was gibt es bundesweit vorzutragen, Gesundheit? Das ist abgeschmettert.

Heckmann: Kritiker befürchten jetzt aber, dass es praktisch kein nationales Verbot geben wird. Die Länder müssten im Prinzip einspringen. Entzieht sich der Bund seiner Verantwortung und überlässt das Problem den Ländern und damit auch das Risiko? Denn es kann ja Firmen geben, die dann gegen solche entsprechenden Verbote auch den Klageweg beschreiten.

de Vries: Aber die werden genauso gut den Klageweg beschreiten, wenn der Bund die zwingenden Argumente nicht liefert, und ich glaube, der Bund hat das gemacht, was absolut notwendig ist, um ein bundesweites Verbot begründen zu können. Wir brauchen die Argumente der Bundesländer, um geschlossen zusammen sagen zu können, wir in Deutschland können diese grüne Gentechnik nicht zulassen.

"Das jetzt vorgelegte Gesetz ist ein Produkt der Angst"

Heckmann: Ich habe es gerade schon gesagt: Die große Mehrheit der Deutschen sind gegen die grüne Gentechnik. Sie haben das jetzt so ein bisschen relativiert, weil Sie sagten, die Leute wissen gar nicht so genau, was damit eigentlich gemeint ist. Die EU lehnt ein europaweites Verbot ja weiter ab. Jetzt doch recht hohe Hürden für ein nationales Verbot. Ist das Ganze nicht möglicherweise auch ein Brandbeschleuniger für die Europa- und die Politikverdrossenheit in Deutschland?

de Vries: Ich weiß nicht genau, wie ich das einzuschätzen habe. Aber ich sage Ihnen eins: Diese ganze Diskussion grüne Gentechnik und das daraus resultierende jetzt vorgelegte Gesetz ist ein Produkt der Angst. Wir sind so was von besorgt. Ich glaube, die Meinung der Deutschen ist, warum sollen wir etwas ändern, es geht uns zu gut.

"Grüne Gentechnik ist mehr als was wir bis jetzt kennen"

Heckmann: Aber gibt es nicht auch gute Gründe, wirklich besorgt zu sein bei diesem Feld?

de Vries: Nee, das sehe ich nicht, wenn ich ehrlich bin.

Heckmann: Die Artenvielfalt zum Beispiel, das ist doch eine Sache, die auch mit Recht wirklich ins Feld geführt wird als Kritikpunkt.

de Vries: Wenn die Artenvielfalt ins Feld gebracht wird im Zusammenhang mit der Round-up-Resistenz, kann ich das verstehen. Aber einfach zu sagen, grüne Gentechnik gefährdet die Artenvielfalt, das ist Quatsch. Und das ist das Problem, was ich versuche klar zu machen: Grüne Gentechnik ist mehr, als was wir bis jetzt kennen. Übrigens ich habe noch eine schöne Frage: Kennen Sie Süßkartoffeln?

Heckmann: Die ist bekannt, ja.

de Vries: Wissen Sie, dass die Süßkartoffel inzwischen durch die grüne Lobby auch als gentechnisch geändert dargestellt wird? Weil man in der Süßkartoffel Gene gefunden hat von Bakterien, die normalerweise dahin nicht gehören.

Heckmann: Sie halten die ganze Diskussion für völlig übertrieben und regelrecht hysterisch, die in Deutschland geführt wird?

de Vries: Ja.

Heckmann: Und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

de Vries: Wenn man eine Süßkartoffel, die 5.000 Jahre existiert, jetzt als politisch motivierte Grüne zu gentechnisch geändert deklariert, Leute, in welcher Welt leben wir dann noch?

Grüne nutzten Angst der Menschen, um Wählerstimmen zu erhalten

Heckmann: Das Problem ist allerdings, dass die Leute nun mal diese Meinung haben und es ein bisschen schwierig ist, gegen diese Einstellung der Bevölkerung Politik zu machen, oder?

de Vries: Ja, das weiß ich, und das geht weiter. Wir haben die andere Diskussion auch und ich sage dann einfach, wenn wir bei solchen Diskussionen zu einer sachlich fundierten Diskussion kommen könnten, hätten sich die Probleme schnell gelöst, würde übrigens dieses Gesetz auch ganz anders aussehen. Aber das ist nicht gewollt. Ich erlebe in meiner Arbeit im Ausschuss vonseiten meiner grünen Kollegen nur noch das Produkt Angst. Alles wird infrage gestellt, überall sind Risiken, und liebe Wähler, haben sie doch Angst, dass alles falsch läuft, und wählen sie uns und wir werden die Welt retten. Aber ich sage Ihnen: Wenn wir so weitermachen, dann verlieren wir als Deutschland unseren Vorsprung, wenn es um Know-how geht, wenn es um Innovation geht.

Heckmann: Gut! Ihre Position ist klar geworden. - Kees de Vries war das von der CDU, Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Das Bundeskabinett hat eine Novelle des Gentechnikgesetzes auf den Weg gebracht. Herr de Vries, danke Ihnen für das Gespräch!

de Vries: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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