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StartseiteUmwelt und VerbraucherGentechnik auf dem Acker01.02.2013

Gentechnik auf dem Acker

Warum Spritzmittel immer raffinierter kombiniert werden

Eine Studie des langjährigen Greenpeace-Mitarbeiters Christoph Then warnt vor dem Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen. Denn Unkraut und Schädlinge passen sich immer besser an Vernichtungsmittel oder von den Pflanzen produzierte Abwehrgifte an. Ein Wettrüsten zulasten der Umwelt, so Then.

Von Philip Banse

Gentechnisch veränderter Mais wurde so gezüchtet, dass er gegen bestimmte Unkraut-vernichtungsmittel geschützt ist. (AP)
Gentechnisch veränderter Mais wurde so gezüchtet, dass er gegen bestimmte Unkraut-vernichtungsmittel geschützt ist. (AP)

Der Wissenschaftler und langjährige Greenpeace-Mitarbeiter Christoph Then sagt, er könne im Wesentlichen zwei Dinge beweisen. Erstens: Immer mehr Unkraut wird resistent gegen Unkrautvernichtungsmittel, die wegen gentechnisch veränderter Pflanzen eingeführt wurden. Zweitens: Gentechnisch veränderte Pflanzen, wie zum Beispiel Mais, produzierten immer mehr Insekten-Gifte, um sich gegen Schädlinge zur Wehr zur setzen.

Diese Erkenntnis hat Then gewonnen aus öffentlichen Zahlen, Datenbanken sowie wissenschaftlichen und industriellen Studien. Seine Ergebnisse gelten erstmal vor allem für USA, weil dort am meisten gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden und seine Zahlen sich auf die USA beziehen. Die Studie hat Gentech-Kritiker Then im Auftrag der Grünen erstellt.

Zum ersten Ergebnis seiner Studie: Gentechnisch veränderter Mais wurde so verändert, dass der Mais gegen bestimmte Unkrautvernichtungsmittel geschützt ist, der Bauer also spritzen kann, ohne den Mais zu gefährden. Er könne zeigen, so Then, dass nicht nur der Mais resistent gegen diese Unkrautvernichtungsmittel werde, sondern zunehmend auch eben die Unkräuter selbst.

"Das heißt, es gibt inzwischen massenhaft Herbizid resistente Unkräuter auch, die genau gegen diese Spritzmittel resistent geworden sind, gegen die auch die Pflanzen unempfindlich gemacht wurden. Das heißt, der Spitzmittelaufwand steigt deutlich, weil ich diese Unkräuter bekämpfen muss; der Zeitaufwand steigt deutlich für die Landwirte und die Kosten für die Landwirte steigen deutlich."

Zum Ergebnis Nummer zwei: Es gibt gentechnisch veränderte Pflanzen, die sich selbst gegen Schädlinge wehren können, nämlich, indem sie selber Insektengift entwickeln.

"Bei den Insektengift produzierenden Pflanzen ist es so, dass erfolgreich bekämpft wurden bestimmte Schädlinge, die hohe Schäden verursacht haben im Maisanbau, dass aber dadurch eine ökologische Nische geschaffen wurde, die besetzt wurde von anderen Schädlingen, die ähnlich hohe Schäden ausgelöst haben."

Im Schatten des Kampfes Gentech-Pflanze gegen Hauptschädling hätten sich also andere, neue Schädlinge breit gemacht, sagt Forscher Then:

"Und wir haben inzwischen Pflanzen auf dem Acker in den USA, die produzieren sechs verschiedene Insektengifte, um sich gegen all diese Schädlinge zu wehren, die auf dem Acker aktiv sein könnten. Wir haben damit also eine Zunahme der Giftrückstände in den Pflanzen natürlich, denn diese Pflanzen produzieren diese Gifte in all ihren Pflanzenteilen über die gesamte Vegetationsperiode. Und wir haben so eine Art Wettrüsten. Das heißt, die Schädlinge versuchen, sich an diese Gifte anzupassen und die Industrie versucht immer wieder neue Pflanzen auf den Markt zu bringen, die aber nicht umweltfreundlicher sind, sondern immer nur noch mehr Giftstoffe produzieren. Insofern ist das eine Spirale, die nicht in Richtung umweltfreundlicher Landwirtschaft geht, sondern eher in Richtung industrialisierter Landwirtschaft."

Die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie, die also die Interessen der Gentech-Industrie vertritt, sagt, sie müsse die Studie erst noch genau lesen. Auf den Vorwurf, Unkräuter würden Resistenzen entwickeln, reagierte DIB-Geschäftsführer Ricardo Gent gelassen:

"Ich bin nicht überrascht, was Herr Then scheinbar gefunden hat, weil Resistenzentwicklungen in der Landwirtschaft völlig normal sind – und zwar egal, ob es im Öko-Landbau, im konventionellen Landbau mit und ohne Gentechnik ist. Was er also da zu beschreiben scheint, ist eine völlig normale Erscheinung, die mit Gentechnik spezifisch gar nichts zu tun hat."

Ganz anders reagiert Martin Häusling, er sitzt für die Grünen im Europäischen Parlament und hat die Studie bei Then in Auftrag gegeben. Die Untersuchung belege, so Häusling, dass gentechnisch veränderte Pflanzen schlecht seien für die Umwelt.

"Daraus muss die [europäische] Kommission eigentlich ihre Schlussfolgerungen ziehen. Sie muss ein Moratorium in Kraft setzen, also in dieser Periode der Amtsführung der Kommission keine Freisetzung mehr zuzulassen. Sie muss auch die ganze Zulassungspolitik als solche überdenken. Das ganze Verfahren der Zulassung ist absolut intransparent. Wir als Parlamentarier haben überhaupt keinen Einfluss darauf, ob was zugelassen wir oder nicht. Das muss dringend geändert werden. Das Ganze muss auf die Agenda des europäischen Parlaments und der europäischen Kommission."

Die von Then untersuchten Pflanzen werden vor allem in den USA angebaut. Deutsche Verbraucher könnten Lebensmittel aus diesen Pflanzen de facto nicht kaufen, sagt Then. Nach Deutschland und Europa, so Then, kämen die Gentech-Pflanzen aus den USA fast ausschließlich als Futtermittel für Tiere. Auf diesem Weg kämen dann auch deutsche Verbraucher mit diesen Gentech-Pflanzen in Kontakt. Eine konkrete Gefahr bestehe nicht, aber das Risiko sei eben nicht abschätzbar.

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