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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteUmwelt und VerbraucherGefahr für natürliche Populationen11.01.2016

Gentechnisch veränderte TiereGefahr für natürliche Populationen

In den USA werden immer mehr genveränderte Tiere entwickelt und zugelassen. Sie sind resistenter gegen Krankheiten, wachsen schneller und sollen die Landwirtschaft effizienter machen. Wissenschaftler sehen die kommerzielle Zulassung modifizierter Tiere kritisch und warnen vor unerforschten Risiken und Langzeitwirkungen.

Von Daniela Siebert

Atlantische Lachse - hier auf dem Hamburger Fischmarkt (picture alliance /dpa /Marcus Brandt)
Bald ganzjähriges Körperwachstum: Gentechnisch veränderter Lachs. (picture alliance /dpa /Marcus Brandt)
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Gleich zu Beginn seiner rund 40seitigen Bestandsaufnahme konstatiert Christoph Then, es gebe eine Kampagne zur Einführung neuer gentechnisch veränderter Tiere.

"Man sieht derzeit vor allem aus den USA Firmen wie Recombinetics, die neue gentechnisch veränderte Tiere entwickeln und sehr erfolgreich auch in der Öffentlichkeit kommunizieren, welche angeblichen Vorteile mit diesen Tieren verbunden sind. Das ist ein neues Phänomen. Nach dem was man so sieht an Verlautbarungen von Firmen, ist fest damit zu rechnen, dass in den USA und dann auch in Europa oder auch in Afrika es in den nächsten sagen wir fünf Jahren zu Anmeldungen kommen wird, die gentechnisch veränderte Tiere betreffen, ihre Vermarktung, der Einsatz in der Landwirtschaft, davon muss man ausgehen."

Immerhin: in der EU gebe es noch keine Anträge auf kommerzielle Zulassung solcher Tiere. Doch zahlreiche, nach neuen Methoden modifizierte Tiere sind weltweit bereits freigesetzt worden. Viele andere Konzepte sind noch in der Laborphase oder schon patentgeschützt. Im wesentlichen gibt es dabei zwei Anwendungsziele: zum einen die Ausbreitung von Krankheiten bei Mensch und Tier stoppen, zum anderen die Landwirtschaft effizienter und ergiebiger machen.

Rinder ohne Hörner, Lachse mit mehr Körperwachstum

Das ist auch das Ziel bei dem veränderten Lachs, der ein fremdes Gen für ganzjähriges statt saisonalem Körperwachstum in sich trägt und im letzten Jahr die Marktzulassung in den USA bekam. Christoph Then sieht das kritisch, auch weil diese Tiere aus den geschlossenen Fischfarmen entkommen könnten:

"Wenn die Lachse entkommen, ist auch gezeigt worden, können sie sich auch mit natürlichen Fischen paaren, mit Lachsen oder auch Forellen, und das würde bedeuten, dass diese Wachstumsgene dann auch in den natürlichen Populationen vorhanden sind."

Schließlich könnten diese natürlichen Populationen von den veränderten Lachsen sogar gänzlich verdrängt werden fürchtet Then und dieser Effekt sei auch nicht reversibel, nicht rückholbar.

Zu den zahlreichen genetischen Neukonzeptionen gehören beispielsweise Rinder ohne Hörner, Kuhmilch, in der weniger allergie-auslösendes Eiweiß enthalten ist oder Schweine, die gegen die afrikanische Schweinepest immun sein sollen.

Ein großer Trend betrifft auch Insekten. So gibt es eine gentechnische Variante der Olivenfliege, die sich nicht mehr vermehren kann. Ein Antrag auf Ausbringung in Spanien wurde von der Firma Oxitec zurückgezogen berichtet Then. In Brasilien und anderen Ländern brachte das britische Unternehmen dagegen schon gentechnisch veränderte Stechmücken in die Natur, die die Ausbreitung von Dengue-Fieber stoppen sollen.

Langzeitauswirkungen noch unbekannt

Then: "Man hat zwar keine positiven Effekte gesehen, die Firma hat aber trotzdem die Versuche dort durchgeführt und will auch in Zukunft gentechnisch veränderte Mücken dort freisetzen, theoretisch sollen die Mücken bald nach der Freisetzung sterben, in der Praxis sieht man aber, dass einige doch überleben und welche Langzeitauswirkungen das hat, wenn diese gentechnisch veränderten Mücken dort sich verbreiten, das hat keiner untersucht."

Bei keiner der genetischen Neu-Schöpfungen an Tieren sei eine ausreichende Risikoabschätzung möglich, so der Tierarzt. Sei es weil die Ausbreitung der Tiere selbst nicht vorhergesagt werden könne, sei es weil Auskreuzungen möglich seien, sei es weil sich ungewollt auch andere Bestandteile etwa der Milch dadurch veränderten oder weil ein biologisch wirksamer Botenstoff, die Mikro-RNA, auch in Umwelt oder den Menschen gelangen könnte, etwa durch den Verzehr tierischer Produkte.

Zu den Fachleuten, die den Trend zu gentechnisch veränderten Tieren weltweit überschauen, gehört Stig Tanzmann von Brot für die Welt. Der Landwirtschafts-Experte sieht in den Verheissungen der Gentechnik-Industrie keine Hilfe für seine Klientel:

"Wir sehen natürlich sehr sehr große Probleme und haben da auch eher Befürchtungen und sehen die Technologie nicht ausgereift und finden es unverantwortlich was dort in den letzten Monaten und Jahren an Freisetzungen geschehen ist und auch an Zulassungen erfolgt ist. Wir plädieren da ganz ganz eindeutig für das Vorsorgeprinzip und das sehen wir hier mit Füssen getreten."

Regularien für die genetischen Neuentwicklungen reichen nicht aus

Es gebe viel bessere Problemlösungen als die Gentechnik findet Tanzmann. Beispielsweise beim Kampf gegen die Olivenfliege und andere Schädlinge einfach weniger riesige Monokulturen.

Tanzmann und Then sind sich einig, dass die bestehenden Regularien für die genetischen Neuentwicklungen nicht mehr ausreichen. Gerade mit Blick auf die Handelsabkommen CETA und TTIP müsse die EU ihre Position zu den neuen Gentechnik-Tieren klarstellen und gegen Vermarktungsinteressen wappnen findet Then.

"Auch die Politik ist natürlich gefordert, wenn die jetzt signalisiert, dass sie solche Zulassungen auch akzeptieren würde, dann werden Investoren und Firmen aufspringen und dann wird der Marktdruck solche Tiere letztenendlich zuzulassen immer stärker zunehmen."

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