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StartseiteHintergrundGeschäfte auf dem Rücken der Armen04.02.2012

Geschäfte auf dem Rücken der Armen

Neue Spieler im Rohstoffmonopoly

Die Preise für Agrarrohstoffe haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, bereits jetzt hungern eine Milliarde Menschen. Eine Ursache: Banken, Versicherungen und Hedgefonds zocken ein globales Rohstoffmonopoly. Die Politik will den exzessiven Handel in die Schranken weisen – bislang vergeblich.

Von Oliver Ramme

Längst ist auch Getreide zum Spekulationsobjekt geworden (Jan-Martin Altgeld)
Längst ist auch Getreide zum Spekulationsobjekt geworden (Jan-Martin Altgeld)
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Mit Essen spielt man nicht!
Felder leer, Kasse voll
Die Hunger-Spekulanten

"Wut, die aus dem leeren Magen kommt. Brennende Autos, Barrikaden, Plünderungen von Supermärkten und Banken. Weltweit sind Lebensmittel im vergangenen Jahr um 45 Prozent teurer geworden und derzeit herrscht ein gravierender Mangel an Weizen, Mais, und Reis, während sich viele darum sorgen ihren Benzintank zu füllen, sorgen sich andere darum ihren Magen zu füllen."

Schlagzeilen aus den Jahren 2008 und 2009: Über eine Milliarde Menschen in der Dritten Welt hungern. Die Ärmsten dieser Welt können sich Lebensmittel nicht mehr leisten, in Ländern wie Haiti oder Mosambik kommt es zu Massenprotesten. Die Ursache: Die globalen Preise für Agrarrohstoffe haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Allein im Jahre 2010 sind laut Weltbank die durchschnittlichen Preise für Grundnahrungsmittel wie Zucker, Getreide, Speiseöle oder Milch um mehr als ein Drittel gestiegen. Dadurch stürzten weitere Millionen von Menschen in absolute Armut.

Doch was ist der Grund dafür, dass sich Nahrungsmittel derart verteuert haben? Thilo Bode, Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, macht dafür mehrere Entwicklungen verantwortlich:

"Einmal steigt die Nachfrage langsam aber stetig durch den zunehmenden Fleisch- und Lebensmittelkonsum in den Schwellenländern. Dieser Anstieg wird ausgeglichen durch den Anstieg der Produktion. Zweiter Punkt: die Ethanol-Konversion in den USA."

Zur Herstellung dieser Biokraftstoffe wurden in den USA alleine im Jahre 2007 gut zehn Prozent der weltweiten Maisproduktion verbraucht.

"Das führt dazu, dass der Preis von Mais und anderen Getreidearten jährlich um ca. drei Prozent steigt. Das ist relativ moderat. Das, was darüber an Schwankungen kommt, kann dadurch nicht mehr erklärt werden, also durch schlechte oder gute Ernten. Das geht auf die Spekulationen zurück."

Sind Spekulationen auf Rohstoffe also die Hauptursache für die explodierenden Lebensmittelpreise? Fakt ist: Seit Anfang dieses Jahrtausends drängen neue Teilnehmer auf den Rohstoffmarkt. Gewettet wird auf Erdöl genauso wie auf Soja, Schweinehälften, Kaffeebohnen oder Orangensaftkonzentrat.

Waren es früher die Tierfutterproduzenten oder Kaffeeröster selbst, die mit Rohstoffen gehandelt haben, sind die neuen Spieler im Rohstoffmonopoly vor allem milliardenschwere Banken, Versicherungen und Hedgefonds. Unternehmen also, die an den Rohstoffen selbst keinerlei Interesse haben. Marita Wiggerthale, Expertin für Welternährung und globale Handelsfragen bei der Nichtregierungsorganisation OXFAM, beobachtet diese Entwicklung mit Sorge.

"Diese Investmentfonds gucken sich überhaupt nicht an, wie Angebot und Nachfrage auf den Welt-Agrarmärkten funktioniert, gehen in den Markt rein, wetten auf hohe Preise und damit auch auf Preise, die für viele nicht mehr bezahlbar sind."

Anscheinend ein lukratives Geschäft: Das Spekulationskapital in diesem Bereich ist in den vergangenen zehn Jahren nahezu um das 40-fache gestiegen. Und dieses Kapital wächst Analysten zufolge jeden Monat um weitere fünf bis zehn Milliarden Dollar an. Ein Großteil dieser Wettgeschäfte bezieht sich auf Rohstoffe wie Metalle oder Erdöl. Ein Drittel aber – also rund 200 Milliarden Dollar – sollen in Fonds stecken, die auf Agrarrohstoffe wie Weizen, Reis oder Soja wetten.

Spekulanten sind auf den Rohstoffmärkten eigentlich nichts Neues. Bereits vor 150 Jahren öffnete die heute weltweit größte Rohstoffbörse in Chicago. Das Geschäft mit den Rohstoffen funktionierte schon damals nach dem gleichen Muster wie heute: An der Börse finden der Produzent – zum Beispiel ein Landwirt – und der Abnehmer der Rohware, etwa ein Müller, zueinander. Die beiden vereinbaren einen Preis und ein zukünftiges Lieferdatum. Dieser Terminvertrag wird an der Börse als Future bezeichnet: Ein Vertrag, der erst zu einem späteren Zeitpunkt, also in der Zukunft wirksam wird. Diese Futures geben sowohl dem Landwirt als auch dem Müller Preissicherheit. Ein Geschäft mit Garantie.

Doch es gab und gibt bis heute einen dritten Spieler auf dem Börsenparkett: der Spekulant, der mit seinen Wetten auf sinkende oder steigende Preise verdient. Der Spekulant bringt das Kapital mit ins Geschäft und sorgt außerdem für die Absicherung der Preise, für das so genannte "hedging". Viele Jahrzehnte lang war die Zahl der Spekulanten relativ klein, das Geschäft blieb also überschaubar. Das aber änderte sich vor etwa zehn Jahren. Regeln, die sich über Jahrzehnte eingespielt hatten, wurden aufgeweicht, erklärt Thilo Bode von Foodwatch.

"Die Grundproblematik ist, dass man den Markt geöffnet hat, dass es die Limits für Spekulationen nicht mehr gibt. Das ist abgeschafft worden Anfang des Jahrtausends. Und dass man den Banken ermöglicht hat, diese Art von Spekulationen zu machen. Das gab es ja früher nicht. Sinnvolle Restriktionen noch von Präsident Roosevelt wurden einfach abgeschafft."

Abgeschafft unter dem Postulat der Deregulierungen. Die mächtige Bankenlobby setzte zum Beispiel durch, dass Positionslimits – also eine Art Obergrenze an Futures pro Akteur – gekippt wurden. Damit können Banken unbegrenzt Futures kaufen. Also Verträge, die erst in Zukunft wirksam werden und leer, also ohne von real vorhandenen Rohstoffen gedeckt zu sein, gehandelt werden können. Die Deregulierung begann in den USA und erreichte wenig später auch Europa.

Die Immobilien- und Finanzkrise vor drei Jahren verschaffte den marktfremden Spekulationen einen weiteren Schub. Schließlich ist der Rohstoffmarkt verlockend, da er – im Gegensatz zu vielen anderen Märkte – stetiges Wachstum verspricht: Denn immer mehr Menschen auf der Welt brauchen immer mehr Rohstoffe. Für Computer, Handys, Autos – und Nahrung. Nur sind die neuen Marktteilnehmer, Banken, Investment- und Hedgefonds, nicht daran interessiert, eine Ladung Erdöl oder einen Frachter voll Weizen zu kaufen. Ihnen geht es nur um die Spekulation – nicht um den realen Wert der Rohstoffe. Es ist ein schwindelerregendes Geschäft. Ein Geschäft, in dem Computer mit ausgefeilten Algorithmen unvorstellbare Geldsummen hin- und herschieben. Und das im Millisekundentakt. Professor Hans Heinrich Bass, Ökonom an der Hochschule Bremen, hat sich mit dem hochkomplexen Handelssystem an den Rohstoffbörsen beschäftigt.

"Darüber gibt es jetzt einen weiteren Markt, das ist noch eine Stufe darüber, noch verdünnter. Dieser Markt ist für die Exchange Traded Commodities. Hier geht es um Finanzmarktanlagen, die sich auf Veränderungen auf dem Futuresmarkt beziehen. Darüber gibt es eine weitere Stufe: Die hochspekulativen Derivate, die beziehen sich auf Veränderungen auf den anderen Ebenen. Also wie verändert sich die Volatilität, also die Schwankung des Preises? Ab einer bestimmten Stufe geht es darum, die zukünftige Entwicklung zu prognostizieren. Oder noch einfacher gesagt: Es geht darum, Wetten abzuschließen und diese Wetten zu gewinnen."

Gewettet wird bei den Fonds in der Regel auf steigende Preise. Hans Heinrich Bass hat in einer Studie für die Welthungerhilfe die Preisänderungen von Soja, Mais und Weizen untersucht.

"Man muss sich noch mal vor Augen halten: Es geht hier um Wetten. Aber nicht um Wetten wie beim Fußball, dass ich darauf wette: Mein Lieblingsverein spielt jetzt gegen einen andern Verein und es werden drei Tore geschossen – was aber keine Auswirkungen auf das reale Fußballgeschehen hat. Sondern dadurch, dass man hier Wetten abschließt im Rohstoffbereich, gibt es natürlich Rückwirkungen auf die Rohstoffpreise. Das ist sehr vermittelt, aber es gibt diese Rückwirkungen. Deshalb haben solche Wetten – wenn man sich ansieht, dass steigende Preise für viele Menschen in Entwicklungsländern eine Existenz-bedrohende Bedeutung haben, dann muss man natürlich sagen, dass man diese Wetten als unethisch bezeichnen muss."

Bass kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass im untersuchten Zeitraum 2007 bis 2009 die Spekulationen von Banken und Hedgefonds zu einer Preiserhöhung von 15 Prozent bei Mais oder Weizen geführt haben könnten. Eine konservative Berechnung. Studien der UNCTAD – der Organisation für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen, der Weltbank und zahlreicher Wirtschaftsforschungsinstitute sprechen von bis zu 50 Prozent. Der Agrarökonom Professor Michael Schmitz von der Uni Gießen bezweifelt allerdings diese Ergebnisse vor einem Bundestagsausschuss im Sommer vergangenen Jahres.

"Eine der ersten Erfahrungen, die man im Volkswirtschaftsstudium macht ist, dass man auf Basis von Korrelationen keine genauen Aussagen manchen kann. Deswegen muss man vorsichtig sein, das ist wissenschaftlich nicht sauber."

In der Wissenschaft ist ein Streit über die Auswirkungen der Rohstoffspekulationen entbrannt. Ausgang ungewiss. Sicher ist nur: In Europa spielt die Spekulation mit Rohstoff-Futures eine wachsende Rolle. Die wichtigsten Börsen für diese Geschäfte haben ihren Sitz in London oder Paris. Nahezu alle Banken – auch die deutschen – mischen mit. Am weitesten ist diese Entwicklung aber in den USA. Die größte Warenterminbörse der Welt ist die Chicago Board of Trade.

Dort gehen nur noch rund zehn Prozent der Umsätze auf Produzenten oder Händler zurück. 90 Prozent der Verträge dagegen sind spekulative Kapitalanlagen. Mehr noch: Die gehandelten Futures überschreiten das 30-fache der real existierenden Rohstoffmengen. Die Fachwelt spricht von Blasenbildungen. Die wachsende Zahl von Spekulanten führe dazu, dass immer mehr Verträge abgeschlossen werden, die nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben, meint der Börsenmakler und Buchautor Dirk Müller.

"Die Rohstoffpreise bewegen sich längst im Takt der Finanzmärkte und nicht mehr im Takt der Jahreszeiten."

In den USA wird bereits erbittert um eine Wiedereinführung von Regulierungen gefochten. Bei dem Streit geht es aber weniger um steigende Nahrungsmittel, sondern um sich stetig verteuernden Treibstoffkosten. Auch Frankreichs Präsident Sarkozy hatte das Thema Rohstoffspekulationen auf die Agenda seiner G20-Präsidentschaft im vergangenen Jahr gesetzt. Beim Gipfeltreffen Ende des Jahres in Cannes wurde das Thema von der Schulden- und Eurokrise überlagert. Die G20-Politiker haben sich aber grundsätzlich darauf verständigt, für mehr Transparenz auf den Warenterminbörsen sorgen zu wollen.

Ilse Aigner verantwortet in Berlin das Bundesverbraucherschutzministerium. Die CSU-Ministerin bestreitet nicht den Zusammenhang zwischen massiven Spekulationen und Rohstoffpreisen, meint aber auch:

"Die generellen Preissteigerungen sind nicht auf Spekulanten zurückzuführen. Es zeigt, dass es ein Gut ist, das knapper wird. Wir haben am 31. Oktober den siebenmilliardsten Menschen auf der Welt begrüßt. Die Menschen werden mehr und essen anders. Lebensmittel und Futtermittel werden knapper plus erneuerbare Energien, die auch erzeugt werden. Auf diese Erwartung steigen natürlich auch Investoren ein, die nicht alleine die Erhöhung bedeuten sondern die Schwankungen verstärken."

Genau diese Schwankungen hält Dirk Müller für fatal. Für die Menschen in den Entwicklungsländern, aber auch für die deutschen Landwirte.

"Wir hatten in 2008 gesehen, dass sich der Maispreis von Dezember 2007 bis Sommer 2008 mehr als verdoppelt hat. Der Bauer, der in dieser Phase gesagt hat: Mensch klasse, ich investiere jetzt in Acker, Düngemittel und Traktoren – 20 Wochen später ist der Preis eingebrochen und hat sich mehr als halbiert. Der gleiche Bauer steht vor den Trümmern seiner Existenz. Auf langfristige Preissteigerungen hätte er sich einstellen können. Er hätte mehr produziert und den Preis auch damit wieder gedrückt. Aber durch die Sprünge kann sich weder ein Produzent noch ein Esser darauf einstellen. Ein Esser kann seinen Hunger nicht um ein halbes Jahr verschieben."

Profite der Banken auf Kosten der Armen: Wie gehen die Geldinstitute mit der Kritik um? Sie schweigen. Interviewanfragen bei GoldmanSachs, der Commerzbank, JP Morgan oder der Deutsche Bank blieben unbeantwortet. Keine der Banken war zu einem Gespräch bereit. Sie geben sich wortkarg, wenn es um Rohstoffspekulationen geht, und lassen die Schlagzeilen in ihren Hochglanzbroschüren sprechen. So warb 2008 die Deutsche Bank mit dem Slogan:

"Agrarrohstoffe: Begrenzt und begehrt."

Im gleichen Jahr platzierte die Deutsch Bank auf Brötchentüten von Frankfurter Bäckereien die Frage:

"Freuen sie sich über steigende Preise?"

Die Landesbank Baden-Württemberg will …

"…Erträge ernten."

… oder Allianz Global Investors preist den …

" …Megatrend knappe Ressourcen … "

Von einigen Werbeideen haben sich die Banken unterdessen distanziert, offenbar fürchten sie einen Imageverlust beim Kunden.

An dem Geschäft mit Rohstoffen beteiligen sich weltweit nahezu alle namhaften Banken. GoldmanSachs entwickelte bereits 1991 einen 24 Rohstoffe umfassenden Index. Der sogenannte GoldmanSachs Commodity Index ist inzwischen der Richtwert für Rohstoffe in der Investmentbranche geworden. Der Anteil an Agrarrohstoffen in diesem Index umfasst rund 20 Prozent. Aber auch deutsche Banken mischen in ihren Fonds- und Investmentsparten kräftig mit. Seien es öffentlich-rechtliche Kreditinstitute wie die Sparkassen, die Volks- & Reifeisenbanken oder die Großbanken. Eine herausragende Rolle spielt die Deutsche Bank, erklärt Marita Wiggerthale von der Nichtregierungsorganisation OXFAM.

"Getreide wird vor allen Dingen an der Chicagoer Börse gehandelt, und die Deutsche Bank gehört zu den wichtigen Playern auf den Futuresmärkten in den USA. Als eine Bank die auch sehr im Investmentbanking agiert, ist sie eben auch an vorderster Front mit ihren eigenen Rohstofffonds."

Wie viel Geld tatsächlich in Rohstofffonds steckt, darüber kann nur spekuliert werden. Oxfam will herausgefunden haben, dass die Deutsche Bank 2010 rund fünf Milliarden Dollar in Agrarrohstofffonds investiert hat. Sicherlich nicht ihr größtes Geschäftsfeld, aber eines der umstrittensten. Wie rechtfertigt man in den Konzernzentralen dieses in die Kritik geratene Geschäft? Öffentlich sprechen Banken- und Fondsmanager ungern über das Thema. Eine der wenigen Ausnahmen ist der häufig in den Medien auftretende Hedgefonds-Manager Karsten Schröder – hier in einer Talkshow des ZDF.

"Wenn ein Nahrungsmittel knapp ist, und es wird ja nicht knapp, weil es an der Börse gehandelt wird, sondern weil eine Ernte schlecht ist. Dann ist es wichtig, dass sich der Preis dahingehend findet, dass dieses Nahrungsmittel in der nächsten Saison verstärkt hergestellt wird."

Mit anderen Worten: Das massive Auftreten der fremden Investoren erzeuge keine Verknappungen, sondern fördere vielmehr den Markt.

Die Fronten sind verhärtet zwischen Banken und ihren Kritikern. Umso erstaunlicher ist die Reaktion der Deutschen Bank auf einen im Oktober publizierten Foodwatch-Report. Der trägt den Namen: ‘Die Hungermacher – wie Deutsche Bank, GoldmanSachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren.’ Vorstandschef Josef Ackermann schreibt an Foodwatch-Chef Thilo Bode:

"Ich teile Ihre Betrübnis darüber, dass viele Menschen auf der Welt immer noch in Armut leben und Hunger leiden müssen. Die Deutsche Bank wird Ihren Bericht zu den Auswirkungen des Rohstoffhandels daher gründlich prüfen."

Ackermann hatte damit Erwartungen geweckt, kurzfristig aus den umstrittenen Nahrungsmittel-Deals auszusteigen. Medien berichteten, das Unternehmen wolle bis Ende Januar eine Entscheidung fällen – doch nun ist die Deutsche Bank zurückgerudert und hat lediglich bekannt gegeben, sie wolle die Sache weiter prüfen. Bode wirft dem Deutsche-Bank-Chef vor, auf Zeit zu spielen. Er selbst hat sein Urteil über die Nahrungsmittelspekulationen längst gefällt:

"Im Zweifel müssen die es beweisen, dass es unschädlich ist. Die können nicht sagen: Der letzte Beweis fehlt. Das verstößt gegen internationale Rechtsprinzipien, das habe sie nicht mehr gesagt bei der Deutschen Bank, das fand ich interessant. Das war früher die Standardantwort. Beweist doch mal, dass es schädlich ist. Aber es gibt Sachen, die kann man nie zu 100 Prozent beweisen. Mal sehen, wie es ausgeht."

Ungeachtet dessen versucht die internationale Politik, den exzessiven Handel in die Schranken zu weisen. Ob ihr das allerdings gelingen kann, angesichts der Macht der Geldhäuser und der Undurchschaubarkeit der verwinkelten Geschäfte, ist mehr als fraglich. Limits und Transparenz, das sind deshalb die Schlüsselwörter für Bundesagrarministerin Ilse Aigner:

"Spekulation wächst hauptsächlich da, wo wenig Transparenz da ist oder Intransparenz herrscht. Deshalb haben wir mit den G20-Agrarministern beschlossen, ein sogenanntes Agrarinformationssystem aufzubauen bei der Welternährungsorganisation in Rom, wo man feststellt wie viel ist eigentlich an Waren vorhanden."

Dieses Informationssystem heißt AMIS. Der Haken: Es basiert auf Freiwilligkeit, niemand ist gezwungen, seine Zahlen offenzulegen. Warum aber sollten Rohstoffhändler wie Bunge, Cargill oder Glencore ihr bestgehütetes Geheimnis – nämlich die Lagerbestände – freiwillig preisgeben? Denn diese oft milliardenschweren Konzerne nehmen, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, einen enormen Einfluss auf die Preisfindung von Rohstoffen: Spekulanten kaufen im großen Stil ein, lagern die Rohstoffe in eigenen Lagern zwischen und verkaufen, wenn der Preis wieder steigt.

Warum sollten Banken und Handelskonzerne also nicht gemeinsame Sache machen? Es wird vermutet, dass dies bereits geschieht: So sollen Geldinstitute wie GoldmanSachs oder JP Morgan im beträchtlichen Umfang Lagerhausbetreiber für Metalle gekauft haben. Vergleichbares passiert auch mit Agrarrohstoffen: So hat im Sommer 2010 ein Londoner Fonds in Verbindung mit einem eng gekoppelten Handelsunternehmen 7 Prozent der jährlichen Kakaoproduktion eingelagert. Die Preise für diesen Rohstoff stiegen daraufhin beträchtlich. Die Geschäfte sind unübersichtlich, werden ausgelagert an Subfirmen. Fest steht nur: Es geht um viel Geld - und um Macht. Und dieses Gemisch beunruhigt den Börsenfachmann Dirk Müller. Vor allem mit Blick auf die Politik.

"Die Politik versteht in der Regel die Zusammenhänge nicht und muss sich die Expertise bei den Banken holen, weil niemand anderes hat sie. Dass die Banken natürlich das nutzen, ihren Lobby-Einfluss geltend machen um ihre Interessen zu vertreten, ist klar. Der Politiker lässt sich gerne beim Abendessen von den Banken erkläre, wie es funktioniert und glaubt das dann auch, weil er es nicht anders versteht, setzt das um, was er gehört hat und macht sich zum unfreiwilligen Erfüllungsgehilfen. Es ist eigentlich erst die Bevölkerung, der Zorn auf der Straße, es ist auch die Occupy-Bewegung, die den Druck auf die Politiker in allen Bereichen so groß setzt, dass die Politik sagt, wir müssen uns wieder von der Finanzwelt emanzipieren."

Davon aber ist die Realität noch weit entfernt. Und so können Banken unbehelligt weiter ihre Geschäfte machen. Auch und vor allem auf dem Rücken der Armen.

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