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Geschichte ohne Bewegung

Cécile Wajsbrot tritt auf der Stelle

Eine Frau mittleren Alters steht am Bahnhof. Sie wartet auf ihren Zug, der nicht kommt. Um sie herum Reisende, Menschen, die ankommen, Menschen, die abfahren. Rolltreppen. Durchsagen. Alles weist auf Bewegung hin.

Von Imogen Reisner

Die Reise stagniert, bevor sie überhaupt begonnen hat. (AP)
Die Reise stagniert, bevor sie überhaupt begonnen hat. (AP)

Es war mir gelungen, nur das Allernötigste mitzunehmen, ebenso, wie ich versucht hatte, die Dauer der Reise zu beschränken, um den Gefahren vorzubeugen, die ich auf mich zukommen sah, denn ich wollte zugleich abreisen und nicht abreisen, etwas entdecken und es nicht entdecken, etwas wissen und es nicht wissen.

Damit ist der Ton angeschlagen: Er ist ambivalent, widersprüchlich, es geht um alles andere denn um Gewissheiten. Die Frau auf dem Bahnsteig, es ist die Ich-Erzählerin des neuen Romans von Cécile Wajsbrot, will in den Osten reisen, nach Polen, in jene Stadt, die ihre Familie einst verlassen hat. Sie möchte den Dingen auf den Grund gehen, die auf ihrem Schicksal lasten, auf ihrer Herkunft:

Alles, was uns hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben läßt.

Aber der Zug, auf den die Protagonistin wartet, wird nicht angezeigt.
Die Reise stagniert, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Wie alle, die weggingen, waren sie vor Krieg oder Verfolgung, Hunger, Elend, Armut oder auch nur ihrer Unzufriedenheit geflohen im Glauben, anderswo ein besseres Leben zu finden; aber sie konnten keine Wurzeln fassen, keine neue Heimat finden, das mussten wir tun, und so trugen wir von Geburt an die Last ihres Lebens, sowohl die ihrer Enttäuschungen wie die ihrer Illusionen, und mussten Wünsche erfüllen, die nicht unsere waren.

Der Zug, auf den nicht nur die Protagonistin, sondern auch Leser und Leserin eine halbe Ewigkeit warten, fährt schließlich mit mehrstündiger Verspätung doch noch ab. Aber die Reise kommt nicht wirklich in Fahrt. Die vermeintliche Bewegung hin auf ein fernes Ziel in der polnischen Provinz ist durchsetzt von Zweifeln und Fragwürdigkeiten, nur scheinbar von einem Vorwärtsstreben bestimmt, das doch immer wieder von den Stimmen der Vergangenheit ausgebremst wird:

Die Zeit bemißt sich nach Generationen.
Ihr glaubt zu sehr ans Individuum.
Ihr haltet euch für unabhängig.
Für autonom.
Aber ihr seid Gefangene einer Bewegung.
Es gibt die Generationen der Vergangenheit.
Und die künftigen Generationen.
Diejenigen, die zu etwas anderem streben.
Diejenigen, die zurückdrängen.
Jede Fährmann.
Oder Totengräber.
Der nachfolgenden.


"Aus der Nacht", so der deutsche Titel der französischen Übersetzung, erzählt vom Schweigen der Eltern, das doch so beredt ist, dass es einem vielstimmigen Chor der Gefangenen gleicht. Es handelt von der verzweifelten Suche nach der eigenen Identität und einer Vergangenheit, die nicht vergeht; von den namenlosen Schrecken, die sich spinnengleich aus längst versunkenen Zeiten in die Zukünfte der Nachgeborenen einnisten und ihnen die Luft für das eigene Leben nehmen.

Ein Bild von Else Lasker-Schüler, der großen jüdischen Dichterin, drängt sich unwillkürlich auf, die in ihrem Gedicht Weltflucht von der Herbstzeitlosen ihrer Seele spricht:

O, ich sterbe unter Euch!
Da ihr mich erstickt mit Euch.
Fäden möchte ich um mich ziehn -
Wirrwarr endend!
Beirrend,
Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts!


Cécile Wajsbrots vierter Titel auf dem deutschen Buchmarkt ist eine knapp 220 Seiten währende Meditation über die Unausweichlichkeit der eigenen Geschichte und die unerhörten Zumutungen, die Eltern im Leben ihrer Kinder hinterlassen. Das geschieht in einer kristallscharfen reflektierenden Prosa, die sich wie eine Fräse ins Bewusstsein des Lesers schraubt und streckenweise an kritischer Intensität kaum zu überbieten ist. Und doch hat man den Eindruck, man sei am Ende nicht einen Zentimeter vom Fleck gekommen oder, anders ausgedrückt, man habe sich im Kreis gedreht. Das wiederum hat mit der Ebene des Erzählens, mit der Form der Erkenntnis zu tun, die - eben Erkenntnis - und weniger Erlebnis ist.

Cécile Wajsbrots Aus der Nacht ist vorzügliche Kopfprosa, ist Selbstvergewisserung in Form von Denkbewegungen, ist Reflektion, die manchmal ein wenig abhebt, so klug und rational kommt sie daher.

Ein Beispiel dafür ist die Beschreibung des alzheimerkranken Vaters:

Diese Krankheit war ein langer Abstieg ins Unbekannte, eine Art Eintauchen ins Unterirdische, ein Versinken in den Eingeweiden, die Entdeckung von immer neuen Finsternissen, Schicht für Schicht, ein langer Abstieg, eine langsame Eingewöhnung in die Dunkelheit. Normalerweise suchen wir nach dem Bekannten, wie die Konquistadoren, die kaum dass sie den Boden der neuen Welt betreten hatten, Kirchen bauen ließen, damit inmitten jener feindseligen, weil ungewohnten Umgebung wenigstens ein vertrautes Gebäude ihren Blick beruhigte.

Während es in dem Vorgängertitel "Der Verrat" aus dem Jahr 2006 noch Bewegungen sowohl nach vorn in die Zukunft wie zurück in die Erinnerung gab, kreist "Aus der Nacht" lediglich in der Form des Pro und Contra in dem engen, lebensfernen Radius des Bewusstseins. Gewiss, Cécile Wajsbrots Prosa ist äußerst geistreich, und man staunt immer wieder über die brillanten Einfälle, die das kritische Bewusstsein der Autorin wie ein Hochfrequenzbohrer zutage fördert. Doch letztlich opfert die französische Literaturwissenschaftlerin auf dem Altar der Selbstreflektion das Fleisch lebendigen Erzählens, zu dem auch das Feuer einer voranschreitenden Geschichte gehört.

Wie hat kürzlich der neue shooting star der Literaturszene, Miranda July, das Credo ihres Schreibens so knackig formuliert: "Weniger denken, mehr fühlen."
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Cécile Wajsbrot: Aus der Nacht.
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
Liebeskind, München 2008

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