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StartseiteBüchermarktGeschichten einer großen Obsession15.10.2006

Geschichten einer großen Obsession

Mario Vargas Llosas neuer Roman "Das böse Mädchen"

Als einen Roman, den er schon lange schreiben wollte, hat der peruanische Autor sein neues Buch "Das böse Mädchen" bezeichnet. Ein Liebesroman in Reinform ist tatsächlich noch nicht in seinem Werk zu finden. Diesmal gelten die Gesetze des Melodrams, in dem Vargas Llosas bis zum Sentimentalen, Schön-Kitschigen alle Register zieht.

Von Hans-Jürgen Schmitt

Einen gefühlsduseligen Kitschroman hat Vargas Llosa aber nicht geschrieben.  (AP)
Einen gefühlsduseligen Kitschroman hat Vargas Llosa aber nicht geschrieben. (AP)

"Es ist ein Roman, den ich schon vor langer Zeit schreiben wollte. Es ist eine Liebesgeschichte, eine moderne Liebe, bedingt durch die Welt, in der wir leben, und sie ist der Realität viel näher als die romantischen Lieben der Literatur. Diese Liebe erstreckt sich über vierzig Jahre und dient mir auch für eine Art großen Freskos des Universums, das sich so außergewöhnlich verändert hat. Wenn ich daran denke, wie die Welt für diese Kinder der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts in der ersten Geschichte des Romans ist, verglichen mit der im Madrider Viertel Lavapiés am Ende der achtziger Jahre, sind doch die Wandlungen außerordentlich."

So hat sich Mario Vargas Llosa kürzlich in einem Gespräch in der spanischen Tageszeitung 'El País' zu seinem neuen Roman "Das böse Mädchen" geäußert. Einen "Liebesroman", der längst nur noch Trivialautoren vorbehalten bleibt, den hatte der große peruanische Erzähler bisher nicht geschrieben; die beiden lange zurückliegenden Romane "Lob der Stiefmutter" und "Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto" waren hochmanierierte erotische Kunstwelten. Aber einen gefühlsduseligen Kitschroman bekommen wir hier auch nicht vorgesetzt. In der Tat, wie der Autor andeutet, handelt es sich um einen realistischen Roman mit ganz starkem autobiographischem Einschlag, anders gesagt. "Das böse Mädchen" ist eine raffiniert gebaute autobiographische Fiktion.

Vier der Schauplätze sind identisch mit den Orten, an denen Vargas Llosa sich viele Jahre aufgehalten hat: Das bürgerliche Viertel von Miraflores im Lima seiner Kindheit, das Paris Anfang der sechziger Jahre als Zentrum aller Ideologien, das swinging London der siebziger Jahre, das wiederum alle Ideologie und Politik für die Hippie-Kultur verabschiedete, und das Madrid, Ende der achtziger Jahre, Spaniens Aufbruch in eine demokratische Gesellschaft.

Sieben exemplarische Geschichten bilden die sieben Kapitel des Romans, ziehen das Interesse des Lesers von Anfang an auf die unterschiedlichsten Schicksale bis zu dem Punkt, da in diesen Erzählungen unweigerlich immer das 'böse Mädchen' auftauchen muss; ihre Abenteuer werden zur unendlich währenden Geschichte einer großen Obsession, die zugleich eine permanente Täuschung und Enttäuschung für Ricardo, den Erzähler und eigentlichen Protagonisten des Romans ist.

Da verliebt sich der 15-jährige Ricardo in Miraflores in Lily, eine der beiden chilenischen Schwestern, die plötzlich auf geheimnisvolle Weise erscheinen, sich als aus bester Gesellschaft vorstellen und die Feste mitfeieren. Lily ist eine kleine, gewitzte Person, die nicht nur gut den Mambo tanzt, sondern Ricardo so schön von Santiago vorschwärmt, als sei es Paris. Paris nämlich ist sein Traum, den er durch die Lektüre von Jules Verne und Alexandre Dumas nährte. Paris, dort wolle er einmal leben, wo die Welt schöner, das Leben besser wäre. Als der Schwindel mit den Chileninnen auffliegt, - es sind schlichte Peruanerinnen der Unterschicht-, die dann wie der Spuk verschwinden, konstatiert Ricardo Jahre später:

"An jenem letzten Sommertag des Jahres 1950-ich war kurz zuvor fünfzehn Jahre alt geworden- begann für mich das wirkliche Leben, das Leben, das die Luftschlösser, die Illusionen und die Märchen von der rauhen Wirklichkeit scheidet."

Dieser Ricardo liebt wie sein Schöpfer Victor Hugos Roman "Die Elenden". -Gerade hat Vargas Llosa einen großen Essay über den Franzosen publiziert -. Ricardo ist wie Vargas Llosa ein überaus belesener, an Kultur, besonders am Theater interessierter Mensch. Solche literarischen Verweise und Anspielungen machen unter anderem das Feuer aus, das der Autor wunderbar zu entfachen versteht. Der Leser bzw. Kenner von Vargas Llosas Werk erfährt immer wieder politische oder literarische Wertschätzungen und Vorlieben des Romanhelden, die man unzweifelhaft als bekannte Ansichten des Autors Vargas Llosa erkennen kann.
Etwa als er nach einiger Zeit von London nach Paris zurückkehrt, am Ende der so genannten "Mai-Revolution" von 68:

"Als ich nach Paris zurückkehrte, fand ich meine kleine Wohnung bei der École Militaire unversehrt, denn die Mai-Revolte war in Wirklichkeit nicht über die Grenzen des Quartier Latin und von Saint-Germain des Prés hinausgekommen. Anders als die vielen in jenen euphorischen Tagen prophezeiten, hatte sie keine größeren politischen Auswirkungen, außer dass sie den Sturz de Gaulles beschleunigte, die kurze fünfjährige Regierungszeit Pompidous einleitete und die Existenz einer Linken offenbarte, die moderner war als die Kommunistische Partei Frankreichs ("la crapule stalinienne", nach einem Ausdruck Cohn-Bendits, der zu den Anführern von 68 gehörte). Die Sitten wurden freier; was jedoch die Kultur betraf, so kam es in den Jahren mit dem Abtreten einer ganzen illustren Generation - Mauriac, Camus, Sartre, Aron, Merleau-Ponty, Malraux zu einem gewissen Rückschritt, in dessen Verlauf die theoretischen Köpfe die Schöpferischsten als maitre à penser ablösten."

Kühler und klarer kann man die Pariser Szenerie in wenigen Sätzen nicht beschreiben mit allen intellektuellen Leuchttürmen, inklusive dem Zitat von Cohn-Bendit. Die ganz andere Seite des Romans, der ihn zum Liebensroman macht, ist ebenso gekonnt geschrieben. Hier eine der aller ersten Liebeszenen mit der einstigen "Chilenin", die jetzt, auf dem Weg nach Kuba mit Zwischenstation in Paris Genossin Arlette heißt und sich nicht so rasch von Ricardo erobern lässt:

"Sie ließ sich küssen, streicheln, ausziehen, alles mit dieser merkwürdig entrückten Haltung, ohne mir zu erlauben, die unsichtbare Distanz zu verkürzen, mit der sie auf meine Küsse, Umarmungen und Liebkosungen reagierte, obwohl sie mir ihren Körper überließ. Es rührte mich, sie nackt auf dem schmalen Bett zu sehen, das in dem Winkel mit der abgeschrägten Decke stand, in den kaum der Schein der einzigen Glühbirne drang. Sie war sehr schlank, gut proportioniert, und ihre Taille war so schmal, dass ich glaubte, sie mit meinen beiden Händen umfassen zu können. Unter dem kleinen Haarbüschel des Schamhügels war die Haut heller als am übrigen Körper. Ihre olivbraune Haut hatte etwas Orientalisches und fühlte sich glatt und frisch an. Sie ließ sich lange mit der gewohnten Passivität, vom Kopf bis zu den Füssen küssen und hörte sich unbewegt Nerudas Gedicht Material nupcial an, das ich in ihr Ohr sagte, ebenso wie die Liebesworte, die ich erstickt stammelte: Es sei die glücklichste Nacht meines Lebens, niemals hätte ich jemanden so begehrt wie sie, ich würde sie immer lieben.

'Komm, wir wollen uns zudecken, es ist ganz schön kalt', unterbrach sie mich und holte mich damit in die profane Wirklichkeit zurück. 'Wie kommt es, dass du hier nicht frierst?'"

Pablo Nerudas Gedicht "Bräutliches Material" lässt der Literaturkenner Vargas Llosa seinen Helden beim Liebessspiel zitieren, eine von vielen perfekt geschilderten Liebeszenen einer amour foux, die Ricardo durchlebt; man könnte auch mit einem auf Flaubert gemünzten Titel Vargas Llosas sagen, diese Liebe ist für ihn wie eine "ewige Orgie".

Durch sie verwandelt sich der Durchschnittsmensch Ricardo in eine fast tragische Figur, immer schwankend zwischen Enthusiasmus und Depression, die ihn am Pont Mirabeau fast in die Seine springen lässt. Er ist wieder einmal verlassen worden, nachdem er dem böse Mädchen einen Klinikaufenthalt bezahlt und sie sich häuslich bei ihm niedergelassen hatte: Nun kommt Rettung für Ricardo im letzten Moment durch einen weinseligen Clochard, der ihn zurück aufs Pflaster zieht. Dieses melodramatische Ereignisse wird noch verstärkt durch das unmittelbar folgende bei seiner Rückkehr in die Wohnung:

"Als ich die Tür aufschloss, bemerkte ich einen Lichtstreif im Innern. Ich durchmaß in zwei Sprüngen das Wohn-Esszimmer. Von der Tür des Schlafzimmers aus sah ich das böse Mädchen, von hinten, wie sie vor dem Spiegel der Kommode das Bauchtanzkleid anprobierte, das ich in Kairo gekauft hatte und das sie meines Wissens noch nie angezogen hatte...

Was machst du hier?, sagte, schrie oder brüllte ich, auf der Schwelle erstarrt, mit dem Gefühl, eine völlig fremde Stimme zu haben, wie die eines Mannes, den man erwürgt.
Mit großer Ruhe, so als bestünde kein Grund zur Aufregung und als wäre die ganze Szene die trivialste der Welt, drehte sich die kleine braunhäutige, halb nackte, in Schleier gehüllte Gestalt...sich halb zu mir um, schaute mich an und sagte lächelnd:

'Ich hab es mir anders überlegt, und hier bin ich wieder.'

Mehr konnte sie nicht sagen, denn ich hatte, ich weiß nicht, wie, mit einem Sprung das Zimmer durchquert und sie mit all meinen Kräften geohrfeigt. Ich sah ein erschrockenes Flackern in ihren Augen, sah, wie sie wankte...hörte, wie sie sagte oder laut rief, ohne ihre Gelassenheit, ihre theatralische Ruhe ganz zu verlieren: 'Allmählich lernst du mit Frauen umzugehen, Ricardito.'"

Im Alltag agiert Ricardo als eine Art "mittlerer Held", - wie Georg Lukács solche Romanfiguren zu nennen pflegte, eine Gestalt, die aufgrund ihrer Durchschnittlichkeit mit den verschiedensten Menschen an verschiedensten Orten zu kommunizieren versteht. Als Übersetzer und Dolmetscher ist er dazu prädestiniert. Doch wird sein Beruf von ihm geringschätzig als Ich ohne eigene Stimme verstanden:

"Dolmetscher sein erschien mir als ein geistloser Beruf, aber auch als einer, der demjenigen, der ihn ausübt, die wenigsten moralischen Probleme stellt. Und er erlaubte mir, zu reisen, ziemlich gut zu verdienen und mir soviel freie Zeit zu nehmen, wie ich wollte."

Das Urteil impliziert unausgesprochen, dass der Schriftsteller Ricardo sich als die unverwechselbare Stimme bestimmt, die auch einen moralischen Impetus erfordert.

Ricardo hat das Vertrauen seiner Freunde, die ihm erzählen, so dass er verbürgt erzählen kann: von Paúl z.B., der Guerrillero und Mittelsmann der peruanischen Linken in Paris, die die Revolution vorbereiten wollten, und über den er seine "Chilenin" nach der Zeit der Kindheit wieder fand, heißt es:

"Ich sagte ihm auch, er solle nicht auf den Gedanken kommen, mir etwas über seine Konspirationen zu erzählen, ich wolle nicht in der Angst leben, dass mir irgendeine Information entschlüpfen und ihm und seinen Genossen schaden könnte.

'Mach dir keine Sorgen. Ich hab Vertrauen zu dir, Ricardo.'

Das hatte er in der Tat, und es war so groß, dass er nicht auf mich hörte. Er erzählte mir alles, was er tat, sogar die internen Komplikationen im Zuge der Vorbereitung auf die Revolution."

So wird der Leser auch Zeuge der tristen politischen Verhältnisse Perus. Wenn die Freunde ihm nicht erzählen, berichtet der Erzähler über Peru aus den Briefen des Onkel Ataúlfo. Das geschieht unaufdringlich geschickt und wird elegant in den Erzählstrom des Romans eingelassen.

Der Dolmetscher und Übersetzer Ricardo entpuppt sich also als der wahre Erzähler, der gerade an seinem ersten Roman schreibt, an einer Biographie, seinen "Lehrjahren des Gefühls" à la Flaubert, dem er ausdrücklich huldigt. Und wie er auf einem Spaziergang durch den Jardin du Luxembourg sich selbstgenügsam an der Natur freut, dabei einen Vers von Cesar Vallejo zitierend, hält ihm sein Freund Paúl vor:

" 'Gib zu, dass du heimlich Gedichte schreibst', beharrte Paúl. 'Dass das dein verborgenes Laster ist. Darüber habe ich oft mit anderen Peruanern geredet. Alle glauben, dass du schreibst und dich nicht traust, es zuzugeben, weil du so selbstkritisch bist. Oder so schüchtern. Alle Südamerikaner kommen nach Paris, um große Dinge zu vollbringen. Willst du mir weiß machen, dass du die Ausnahme von der Regel bist?"

Über die Schilderung der Tätigkeiten seiner Freunde lenkt Vargas Llosa die Neugier der Leser für die Fortsetzung der Liebesabenteuer mit dem bösen Mädchen auf andere nicht minder spannende Fährten: den Guerrillero Paúl, den Maler Juan Barreto, den Dolmetscher Salomon, Arquímedes, den Erbauer von Wellenbrechern, und die italienische Bühnenbildnerin Marcella, die alle ihre eigenen Schicksale haben - bis zu dem Moment, worauf jede der sieben Geschichten hingearbeitet ist: dem Willkommen und Abschied des bösen Mädchens, Liebesraserei und Zerwürfnis.

"Auch dieses Mal war ich sicher, dass ich nie wieder etwas von ihr hören würde. Wie früher fasste ich den festen Entschluss, mich mit meinen achtunddreißig Jahren in jemanden zu verlieben, der weniger ungreifbar und kompliziert wäre, in eine normale Frau, mit der ich eine Beziehung ohne böse Überraschungen haben könnte...Aber so geschah es nicht, denn in diesem Leben geschehen die Dinge selten so, wie wir armen Teufel sie planen."

Die armen Teufel seiner Umgebung sterben an ihrer unberechenbaren Leidenschaft: Paúl fällt als Guerrillero in Peru, der Pferdemaler Juan stirbt an Aids im swinging London, der Dolmetscher Salomon, der unglücklich Verliebte, bringt sich in Tokio um.

Der Liebesheroe mit seinem Dennoch ist von anderem Stoff gebaut. In Paris bleiben und brav als Übersetzer leben sind zwar Ricardos vorderste Ziele - eine sehr reale Illusion, die ihn mit großen Ambitionen wie sie seine Freunde haben, nicht auszeichnet. Seine Revolution ist diese Liebe zum bösen Mädchen; sie macht ihn zum tragikomischen Helden. Nur die ungebrochene Liebesleidenschaft sprengt immer wieder die Fesseln seiner Alltagsroutine.

"Sie ließ zu, dass ich ihren Kopf mit beiden Händen fasste und meine Lippen auf ihre drückte. Unter meinen, die sie gierig, zärtlich und mit der ganzen Liebe küssten, die ich für sie empfand, verharrten ihre reglos.

'Ich begehre dich', flüsterte ich ihr ins Ohr, während ich an ihrer Ohrmuschel knabberte.' Du bist schöner denn je, peruanita. Ich liebe dich, ich begehre dich mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Körper. In diesen vier Jahren habe ich nichts anderes getan als von dir zu träumen, als dich zu lieben und dich zu begehren. Und auch, dich zu verfluchen. Jeden Tag, jede Nacht, alle Tage.'"

Unter den Geliebten und Gelegenheitskumpanen des bösen Mädchens war er der Uninteressanteste für sie, der Selbstloseste, der Dumme. Der arme Junge, der gute Junge, der nicht mithalten konnte. Der große Schmerz wegen der politischen und kulturellen Entwicklungen der Zeit, der packt ihn nicht gerade. Aber die durch sein ganze Leben aufgeschobene Liebe mit dem Bösen Mädchen führt immer wieder in ein amouröses Inferno, wenn sie den nächsten Reichen nimmt. Einmal lockt sie Ricardito von Paris nach Tokio:

"Ich freue mich, dass du kommst. Ich denke immer an dich, obwohl wir uns nicht oft sehen. Soll ich dir sagen, warum? Weil du der einzige Freund bist, der mir bleibt.'

'Ich bin nicht dein Freund und werde es auch niemals sein. Hast du es noch immer nicht begriffen? Ich bin dein Liebhaber, dein Geliebter, der Mensch, der seit seiner frühesten Jugend verrückt nach dir ist, nach der kleinen Chilenin, der Guerrillera, der Beamtengattin, der Frau des Pferdezüchters, der Geliebten des Gangsters. Der arme Teufel, der nur lebt, um dich zu begehren und an dich zu denken. Ich will nicht, dass wir uns in Tokio an irgendetwas erinnern. Ich will dich in meinen Armen halten, dich küssen, dich riechen, dich beißen, dich lieben.'"

Dieses Mädchen, das sich immer wieder neu erfindet, ist schön, arm, talentiert, stammt von einer Köchin ab aus dem Armenviertel Limas, das erfährt der Leser schließlich in der sechsten Erzählung. Ricardo trifft bei einem Besuch in Lima auf den Vater des bösen Mädchens; Arquímedes ist der Erbauer von Wellenbrechern. Damit die wunderbare Zufallsbegegnung nicht allzu sentimental ausfällt, lesen wir, wie der Alte wie mit einem siebten Sinne bewaffnet, die Stellen am Meer findet, wo dann der Ingenieur sicher seine Wellenbrecher konstruieren kann.

Ricardo gibt sich aber auch als der scharfsinniger Analysant seines Liebeschaos. Er erkennt die Trugbilder, denen er nicht entkommen kann. Selbst als das Liebesdrama wie im schönsten Kitschroman als Happyend in ihrer Heirat zu enden scheint, ist Ricardo nicht sicher, dass er das böse Mädchen nun für sich hat.

Vargas Llosa hat die Lust am Erzählen nicht verloren; er geht mit der Phantasie in seinem "bösen Mädchen" freier und leichter um als in den letzten Romanen. Diesmal gelten die Gesetze des Melodrams, in dem er bis zum Sentimentalen, ja Schön-Kitschigen alle Register ziehen darf. Das böse Mädchen, das Ricardo noch einmal abhanden kommt, kehrt zurück vom Krebstod gezeichnet, mit einem Aktienpaket und einem Häuschen in Sète, in Südfrankreich, wo sie an der Küste ihr Grab findet, nahe dem Paul Valérys und Georg Brassens. Sie hat Ricardo "die bösesten Streiche gespielt , die eine Frau einem Mann nur spielen kann". Und doch, oh Wunder, solch ein Liebesroman macht's möglich: sie lieben sich am Ende noch einmal, wenn's hier auch ein wenig zu bewusst antiromantisch konstruiert wirkt.

Das eigentliche Happyend aber folgt sofort: Vargas Llosa, dieser listige, kunstfertige Romancier, bietet dem Leser eine literarische Lösung an: dem Ich-Erzähler Ricardo wird indirekt durch das böse Mädchen ein Lob zuteil, das auf den Autor Mario Vargas Llosa als Verfasser dieses Liebesromans hindeutet und so dem bösen Mädchen, das das letzte Wort hat, auch jede Absolution zuteil wird:

"Eines Abends, als wir in der Dämmerung im Garten saßen, sagte sie, wenn ich jemals auf den Gedanken käme, unsere Liebesgeschichte aufzuschreiben, dann solle ich sie nicht zu schlecht wegkommen lassen, sonst würde ihr Gespenst mich jede Nacht an den Füßen ziehen.
'Und wie kommst du darauf?'

'Weil du immer ein Schriftsteller sein wolltest, du hast dich bloß nicht getraut. Jetzt, wo du bald allein sein wirst, kannst du die Gelegenheit nutzen, so wirst du mich weniger vermissen. Gib wenigstens zu, dass ich dir das Thema für einen Roman geliefert habe. Nicht wahr, guter Junge?'"


Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen. Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag Frankfurt, 400 Seiten. 24,80 Euro.

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