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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenGeschichten gegen die Angst09.02.2012

Geschichten gegen die Angst

Eine Tagung zur Lesbarkeit von Hans Blumenberg

Der Philosoph Hans Blumenberg ist 1996 gestorben. Doch immer noch erscheinen neue Bücher aus seinem Nachlass. Das Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung hat jetzt zu einer Tagung über Hans Blumenberg eingeladen. Mythen und Urgewalten spielen dabei eine große Rolle.

Von Gerald Beyrodt

Götter als Wolkenschieber könnten auf unsere Vorfahren eine beruhigende Wirkung gehabt haben. (Stock.XCHNG / Michael Bretherton)
Götter als Wolkenschieber könnten auf unsere Vorfahren eine beruhigende Wirkung gehabt haben. (Stock.XCHNG / Michael Bretherton)

Warum erzählen Menschen Geschichten? Der Philosoph Hans Blumenberg sagt: Um sich gegen die Welt zur Wehr zu setzen. Als die Menschheit entstand, waren die Geschichten lebensnotwendig. Denn als der Mensch oder ein Vorfahr des Menschen den Urwald verließ, war er von Feinden umgeben. Er war nicht schnell und nicht kräftig, konnte nicht so gut flüchten wie andere Tiere und nicht so gut jagen. Obendrein plagten ihn Ängste. Kurzum, der Mensch war ein "Mängelwesen", wie Blumenberg immer wieder sagt. Der britische Blumenberg-Forscher Angus Nicholls von der Universität London.

"Die Idee ist, bei dem Menschen fehlen die organischen Anpassungen, die nötig sind für das Überleben. Das heißt, der Mensch ist dann in diesem Sinne ein Wesen, das durch kulturelle und nicht biologische Anpassungen überleben muss. "

Kulturelle Anpassungen an die Umwelt – das sind zum Beispiel Faustkeil und Speer. Sie bieten Möglichkeiten zum Überleben. Eine kulturelle Anpassung ist auch die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Denn der Mensch bannt seine Angst vor den Urgewalten der Natur, indem er ihnen Namen gibt.

"Ein Mensch zu sein, heißt Existenzangst zu haben. Am Anfang ist diese Existenzbedrohung oder diese Angst ohne Objekt, das heißt, man hat Angst, aber kein Objekt der Angst. Geschichten zu erzählen, Götter zu haben, Mythen zu haben, bedeutet dann in dieser Hinsicht, Objekte zu schaffen, fiktive Objekte zu schaffen, durch welche diese Angst abgearbeitet werden kann. Das ist ein psychologisches Verfahren. "

Wenn etwa das Meer bedrohlich tobt, dann erzählen die Menschen Geschichten vom Gott des Meeres, der wütend sei. Der Mensch gibt den Naturgewalten Namen und fühlt sich ihnen nicht mehr schutzlos ausgeliefert. Denn wenn der Gott des Meeres wie ein Mensch wütend sein kann, dann kann man ihn auch wie einen Menschen besänftigen. "Terror" und "Spiel" sind Kernbegriffe von Blumenbergs Mythostheorie. Am Anfang steht nach Hans Blumenberg der Schrecken. Dieser Schrecken ist so groß, dass es dafür keine Worte gibt. Schon die ersten Mythen sind Widerstand gegen den Schrecken. Jetzt hat der Schrecken Namen: Zeus und Hera, Dionysos und Aphrodite. Die Dichter der Antike und ihre Nachfolger wandeln die Göttergeschichten ab und spielen mit ihnen. Die Geschichte der Mythenbearbeitung ist nach Blumenberg eine Geschichte der "Depotenzierung". Von Homer bis James Joyce wird das Fürchterliche immer zahnloser.
Auch Technik und Kultur dienen für Blumenberg dazu, uns von der Welt unabhängiger zu machen, uns die Naturgewalten vom Leib zu halten. Das war schon so, als Faustkeil und Speer erfunden wurden. Wenn Hans Blumenberg über Naturwissenschaft spricht, greift er manchmal auf Bücher zurück, die schon zu seiner Zeit längst veraltet waren. Das hat Blumenberg offenbar gewusst und in Kauf genommen. Man sollte seine Vermutungen über die Entstehung des Menschen also nicht für bare Münze nehmen, nicht als Tatsache ansehen, sondern als eine kulturwissenschaftliche Theorie. Der Mann, der über Mythen und Naturgewalten schrieb, führte als Professor in Münster ein weniger dramatisches Leben und hielt sich auch vom Wissenschaftsbetrieb fern, erzählt sein damaliger Mitarbeiter Manfred Sommer.

"Ein ruhiges und regelmäßiges Leben, und es gibt auch Bemerkungen von ihm, dass der Konservativismus im Alltagsleben die Voraussetzung dafür ist, dass man im Denken entsprechend abenteuerlich sein kann. "

Von 1974 bis 1982 war Manfred Sommer Assistent von Hans Blumenberg. Heute ist er selbst pensionierter Philosophieprofessor. Seinen Chef von einst hat er so in Erinnerung:

"Ein äußerst höflicher Mensch, ein distanziert höflicher Mensch, der immer darauf bedacht war, einem jede Blamage und jede Verlegenheit zu ersparen, der auch Vertrauen zu Menschen fassen konnte, und der sich insbesondere gegenüber den Institutsmitarbeitern durch ein extrem hohes Maß an Loyalität auszeichnete.
Er kam ins Seminar als Professor an der Universität Münster und der erste Eindruck war von einer geistigen Frische und Präsenz, der zweite Eindruck war einer von Schwerverständlichkeit dessen, was er sagte. "

Schwer verständlich fanden und finden viele Hans Blumenberg. Einfach nur zu begreifen, was die Aussage des Textes ist, erfordert oft ein hohes Maß an Konzentration. Das liegt an langen, mäandernden Satzkonstruktionen, an vielerlei Einschüben und Anekdoten. Das liegt auch an der Länge seiner Bücher: Denn eine Zeitlang ging bei Hans Blumenberg unter 500 Seiten fast gar nichts. "Die Lesbarkeit der Welt" ist mit 432 Seiten geradezu kurz, die "Arbeit am Mythos" ist 699 Seiten lang, "Die Legitimität der Neuzeit" zählt 712 Seiten. Da kann man als Leser schon einmal den Faden verlieren. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler verliert auch der Autor manchmal den Faden: Vor lauter Exkursen und Assoziationen entferne er sich oft weit von seiner ursprünglichen These. "Zur Lesbarkeit von Hans Blumenberg" hieß denn auch die Berliner Tagung am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Dessen stellvertretender Direktor Daniel Weidner tritt dafür ein, Blumenbergs Bücher zu lesen wie Literatur.

"Ich bin Literaturwissenschaftler. Also, schwer zu lesende Texte sind für mich keinesfalls unleserliche Texte, sondern die, deren Lesbarkeit aber vielleicht irgendwie hergestellt werden muss. Das heißt: Man muss die richtige Perspektive einnehmen, um aus ihren etwas herauslesen zu können. So kann man Literatur vielleicht definieren, als eine Form von Texten, die die Leser in Bewegung setzen. Das ist fruchtbar. Auch nicht immer und alles. Eine kritische Lektüre ist auch immer eine Lektüre, die Unterschiede trifft und sagt: "An dieser Stelle hätte er sich mehr Mühe geben können", das gibt es auch. Blumenberg sei ein "Materialist", hieß es mehrfach bei der Berliner Tagung. Damit meinten die Forscher, dass Blumenberg sein Material ernst nimmt: die Geschichten, Mythen und Metaphern. Der Tenor der Tagung: Bei Hans Blumenberg prallen Philosophie und Geschichte aufeinander. Es reicht ihm nicht, Platons Höhlengleichnis auszudeuten und selbst zu übersetzen. Stattdessen rekonstruiert er, wie die Philosophen über zwei Jahrtausende mit dem Höhlengleichnis umgegangen sind. "

1920 ist Hans Blumenberg in Lübeck geboren. Das Abitur machte er noch mit Auszeichnung. Doch für die Nazis galt der Katholik Blumenberg als "Halbjude". An staatlichen Universitäten konnte er deshalb nicht studieren. Zwei Jahre durfte er noch kirchliche Hochschulen besuchen, musste dann Zwangsarbeit leisten, überlebte den Nationalsozialismus im Versteck. In der Nachkriegszeit absolvierte er Studium, Promotion und Habilitation in atemberaubenden Tempo. Von seinen Erlebnissen in der Nazizeit sprach er später nur sehr selten, sagt Manfred Sommer.

"Darüber hat er fast nie etwas verlauten lassen. Allenfalls einige auch nur andeutende Bemerkungen, wenn man mit einem oder zwei Assistenten zusammengestanden hat, aber sonst war dieses niemals Thema."

1996 ist Hans Blumenberg in Altenberge bei Münster gestorben. Immer noch erscheinen neue Bücher aus seinem Nachlass, so etwa "Die Beschaffenheit des Menschen". Demnächst kommt ein Buch über Wassermetaphern heraus: über Quellen, Eisberge und Flüsse.
Die Manuskripte aus dem Nachlass sind meist erstaunlich weit gediehen: Es sind säuberlich getippte Texte. Blumenberg hat sie am Rand mit Korrekturzeichen versehen und handschriftlich überarbeitet. Daneben hinterließ er viele Spuren seiner Sammelleidenschaft. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lagern etwa 30.000 Karteikarten aus seiner Feder.

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