Samstag, 16.12.2017
StartseiteForschung aktuellWie Abholzung die Artenvielfalt bedroht24.11.2017

Gestörte und ungestörte WälderWie Abholzung die Artenvielfalt bedroht

Gefährdet das Roden von Waldflächen die Artenvielfalt stärker in Gebieten, die bereits viel Wald verloren haben? Oder leiden zuvor unberührte Ökosysteme mehr? Darüber ist unter Forschern eine Debatte entbrannt. Auslöser ist eine neue Studie, die bisherigen Theorien widerspricht.

Von Monika Seynsche

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Ein Regenwald in Costa Rica (picture-alliance/dpa)
Welche Gebiete im Regenwald müssen am dringendsten geschützt werden? (picture-alliance/dpa)
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Wenn tropische Wälder abgeholzt werden, zerstört das den Lebensraum vieler Arten und der Artenreichtum schwindet. Das ist unumstritten. Die Frage ist nur, ob jede Rodung die gleichen Folgen hat. Der bislang gängigen Theorie zufolge hat der Waldverlust anfangs geringe Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Erst wenn beim fortschreitenden Flächenverlust ein Kipppunkt erreicht wird, kommt es plötzlich zu einem enormen Artensterben. Diese Aussterbeschwelle ist demnach erreicht, wenn weniger als die Hälfte des ursprünglichen Lebensraums übrig ist.

Matthew Betts von der Oregon State University und seine Kollegen wollten herausfinden, ob das stimmt, ob also für die Artenvielfalt der Verlust von Waldflächen in Gebieten, die bereits viel Wald verloren haben, schlimmer ist, oder der in zuvor unberührten Ökosystemen. Das zu wissen, ist wichtig, um festlegen zu können, welche Gebiete am dringendsten geschützt werden müssen. Die Ökologen analysierten deshalb Satellitendaten zum weltweiten Waldverlust sowie Daten der Weltnaturschutzunion IUCN zum Bedrohungsstatus von über 19.000 Wirbeltierarten.

"Wir hatten der gängigen Theorie zufolge erwartet, dass Landschaften, die bereits stark fragmentiert sind, am heftigsten unter zusätzlichem Waldverlust leiden würden. Aber das Gegenteil war der Fall. Unseren Analysen zufolge sind die meisten Arten bedroht, wenn in bislang weitgehend unberührten Wäldern Flächen gerodet werden. Das betrifft Regionen im Kongobecken, in Amazonien und auf Borneo."

Durch kleinste Störungen an den Rand der Ausrottung

Matthew Betts erklärt sich dieses Ergebnis seiner statistischen Auswertungen damit, dass es in den bislang ungestörten Ökosystemen möglicherweise noch viele Arten gebe, die sehr sensibel auf Umweltveränderungen reagierten und schon durch kleinste Störungen an den Rand der Ausrottung getrieben werden könnten. In bereits fragmentierten Wäldern seien diese Arten dagegen vermutlich schon verschwunden, so dass weitere Rodungen dort weniger große Auswirkungen auf den Bedrohungsstatus der verbliebenen, robusteren Arten hätten. John Alroy war nicht an der Studie beteiligt. Er untersucht an der Macquarie University im australischen Sydney mithilfe statistischer Methoden Aussterberisiken und biologische Vielfalt.

"Die Schlussfolgerungen der Autoren sind kontrovers und ich stimme ihnen nicht völlig zu. Meiner Ansicht nach haben ihre Analysen einige technische Schwachstellen. Auch wenn die Grundaussage natürlich stimmt: Waldverlust ist schlecht für die biologische Vielfalt. Nur wie genau das funktioniert, darüber haben sie jetzt eine Kontroverse ausgelöst." 

Fragwürdige Details, wichtige Studie

John Alroy ist ein Befürworter der bisherigen Theorie, nach der es nicht schon bei ersten Störungen zu einem massiven Artensterben kommt, sondern erst wenn viel Wald bereits verschwunden ist. 

"Im Grunde genommen sagen Matthew Betts und seine Kollegen in ihrer Studie: man verliert viel mehr biologische Vielfalt, wenn man Flächen in einem großen, bislang intakten Wald abholzt, als wenn man Flächen in bereits fragmentierten Waldgebieten rodet. Und diese Aussage fußen sie auf rein statistischen Analysen. Sie haben einen sogenannten Interaktionseffekt gefunden, der aber – wenn man sich die Studie genau durchliest - nicht sonderlich robust wirkt. Und der Zusammenhang funktioniert auch nicht bei allen taxonomischen Gruppen, die sie sich angeschaut haben." 

 Er sei deshalb nicht sehr überzeugt von den statistischen Methoden, sagt John Alroy.

Trotzdem hält er die Studie von Matthew Betts und seinen Kollegen für wichtig. Die statistischen Details seien zwar fragwürdig, die generelle Aussage der Studie aber sei völlig richtig und von allen Seiten akzeptiert: die Abholzung tropischer Wälder verursacht ein massives Artensterben. 

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