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Gestorben für unsere Sünden?

Theologen diskutieren über den Tod Jesu am Kreuz

Von Ingeborg Breuer

Jesus am Kreuz
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Dass Jesus am Kreuz starb, ist unter Theologen unumstritten. Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch immer wieder haben sich die Menschen mit diesem Symbol schwer getan: Hat ein zorniger Gott seinen Sohn am Kreuz geopfert, um sich mit den Menschen zu versöhnen?

"Von den Stricken meiner Sünden / mich zu entbinden, / wird mein Heil gebunden", heißt es in einer Arie der Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Einer Arie zum Karfreitag sozusagen, die daran erinnert, dass Jesus für uns gestorben ist, um uns von unseren Sünden frei zu machen. Doch der pensionierte evangelische Gemeindepfarrer und ehemalige Superintendent von Bonn, Burkhardt Müller, berichtet, wie die Chormitglieder, mit denen er die Johannespassion einstudierte, Fragen dazu stellten:

"Dann hab ich vor zwei Jahren mit einem Chor, ich leite einen Chor, die Johannespassion aufgeführt. Und in Vorbereitung dazu gab es unendlich viele Anfragen dazu, wie ist das zu verstehen? Das können wir nicht singen, das glaube ich nicht. Dann musste ich mich damit auseinandersetzen, wir haben Gemeindeversammlungen gemacht, und haben das analysiert. Und ich habe versucht, deutlich zu machen, das ist die Ausprägung einer ganz bestimmten Theologie."

Musste Jesus für unsere Sünden am Kreuz sterben? Konnte Gott sich nur durch dieses schreckliche Opfer wieder mit den Menschen versöhnen? Burkhard Müller meint: Nein. Im vergangenen Jahr predigte er in einigen Morgenandachten des WDR, dass er nicht glaube, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei. Und trat damit eine Lawine los.

"Das Telefon stand nicht still. Und da waren welche, die mich sehr beschimpft haben. Aber auch eine alte Nonne aus Bonn, 84, die sagte, ich fühle mich wie erlöst. Dieser Ausdruck "Erlösen" in vielen Briefen. Wenn man Ketten zerstört, dann ist das befreiend."

Burkhard Müller steht mit seiner Überzeugung, dass Jesus nicht für unsere Sünden gestorben ist, nicht allein. Auch der emeritierte Theologe Klaus Peter Jörns hat in mehreren Büchern dazu aufgefordert, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass Jesu Blut vergossen werden musste, um unsere Schuld zu büßen. Die Menschen könnten heute nicht mehr verstehen, dass ein barmherziger und liebevoller Gott die Sünden von uns allen mit einem Menschenopfer, noch dazu seines Sohnes, habe sühnen lassen. Doch Jörns wie auch Müllers Thesen veranlassen andere Theologen zu scharfem Widerspruch. Zum Beispiel Prof. Dr. Ulrich Eibach, evangelischer Theologe in Bonn:

"Das ist Häresie! Das sagen wir aber heute nicht mehr, weil wir nicht mehr um die Wahrheit ringen. Die Postmoderne kennt keine Wahrheit, jeder macht seine eigene Wahrheit. Die Postmoderne, die Nietzsche angekündigt hat mit dem Tod Gottes. Jeder macht sich seine Wahrheit, jeder macht sich seinen Gott."

Vor kurzem erschien Burkhardt Müllers Buch "Für unsere Sünden gestorben?", in dem er erläutert, warum er die sogenannte "Sühneopfertheorie" nicht überzeugend findet. Und kontrovers dazu erschien der Band "Für uns gestorben", eine Aufsatzsammlung von Theologen, die dieses Sühneopfer in heute verständlicher Form zu erklären versuchen. Die evangelische Kirche des Rheinlands wiederum verfasste eine "Orientierungshilfe", die die Wogen der Kontroverse zu glätten versucht.

Die Diskussion um den Sühnetod ist aber auch eine Diskussion ums Menschen- und ums Gottesbild, das von der Bibel vermittelt wird: Der sündige Mensch trifft auf einen unversöhnten, zornigen Gott. Ist denn das "Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ( ... ) böse von Jugend auf"? wie es schon im Alten Testament heißt? Sind die Menschen, wie Paulus schreibt: "voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht ... unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig"? Sind die Menschen also wirklich so schlecht, dass ein Unschuldiger für sie gefoltert und hingerichtet werden musste?

"Die Kirchen haben gedacht, der Mensch ist so schlecht und haben das versucht nachzuweisen auf viele, viele Arten. Und ich persönlich seh' den Menschen völlig anders. Da gibt's ja von Adam her die Vorstellung der Erbsünde, dass die Sünde über den Menschen gekommen ist und wir sind alle ganz böse. Mir fehlt der Ausdruck dafür, aber so ne Art Erb-Liebe wäre dagegen zu setzen. Also jeder von uns lebt davon, dass er von irgendjemand geliebt und gepflegt und umsorgt ist. Es gibt so viel Liebe auf der Welt und das wird bei den christlichen Sühnetheologen völlig unterschlagen."

Ulrich Eibach hält diese Sicht für verkürzt. Das Böse, theologisch gesprochen - die Sünde, könne nicht einfach als lässliche Verfehlung des Menschen vernachlässigt werden, weil der Mensch ja auch seine guten Seiten hat. Das Böse, meint Eibach, sei nicht nur ein bisschen Schmutz auf einer sonst weißen Weste, sondern eine Macht, die den Menschen in seinem Innersten ergreifen kann. Seit der Aufklärung aber sei diese Verstrickung des Menschen in Schuld verharmlost worden.

"Kant und die Aufklärung gingen von einem optimistischen Menschenbild aus. Kant sagt, die Würde des Menschen besteht in seiner Autonomie und der Mensch muss mit seiner Schuld selbst fertig werden und er kann es auch. Aber Kant hat nicht gesehen, wie tief das Böse ragt. Aber wir haben die Erfahrung von Hitler, wir haben die Erfahrung von Stalin, Pol Poth, wir haben die Wirtschaftskrise. Ich war 30 Jahre Pfarrer in der Psychiatrie. Eine Frau ist von ihrem Vater vom 6. – 13. Lebensjahr missbraucht worden. Und sie sagt zu mir, wenn Gott ihm vergibt, dann ist Gott ein Sadist, dann solidarisiert er sich mit dem Täter. Gott darf ihm nicht vergeben. Und an dem Punkt müssen wir fragen, soll das ungerichtet bleiben?"

Unsere zeitgenössische Vorstellung von einem "lieben Gott", der über die Sünden der Menschen vergebend hinweg sieht, der alles Böse sozusagen automatisch begnadigt, genügt nach Meinung Ulrich Eibachs der Idee von Gottes Gerechtigkeit nicht. Denn im Bösen trennt sich der Mensch von Gott, zerstört seine heilsame Lebensordnung und stellt sich letztlich gegen die menschliche Gemeinschaft. Dieser Skandal kann von Gott nicht einfach gütig übersehen werden. Sondern Gott geht in seinem Sohn sozusagen mitten in ihn hinein. Er erträgt mit der Kreuzigung den größten aller Skandale, den nämlich, dass Menschen einen Gott töten. Doch er hält diesen Skandal sozusagen aus, geht mit seinem Tod durch ihn hindurch – und sühnt damit zugleich für menschliches Vergehen.

"Gott ist da nicht aktiv handelnd, sondern er zeigt, wie tief die Sünde geht, wie die Sünde Leben zerstört und den Tod gebiert. Gott lässt sich dieses gefallen. Darin ist er nicht Akteur des Todes, sondern Erleidender des Tods. Er wollte nicht, dass sein Sohn stirbt, er wollte nicht, dass der Mensch ihn so ablehnt. Das wollte er nicht, aber der Mensch hat es getan. Gott hätte das Problem ja anders lösen können, wenn wir denken an Gethsemane, Jesus sagt, ich könnte von meinem Vater im Himmel Legionen erbitten, die das Problem lösen. Nein, das Problem wird nicht durch Macht gelöst, sondern allein durch eine Liebe, die zum Leiden bereit ist bis zum Tod."

Dass ein unauflösbares Geheimnis in diesem Geschehen bleibt, stellt auch die Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche des Rheinlandes fest. Ein Mysterium, dem man sich eher durch Meditation als durch rationales Durchdringen nähern kann.

"Wir spüren, dass wir uns hier etwas zu nähern versuchen, was letztendlich ein Mysterium ist. Ein Geheimnis, und es ist völlig falsch zu glauben, wir könnten dies mit der Ratio verstehen, wir könnten das auflösen. Wir müssten ja Gott verstehen, wir müssten ja nicht Mensch sein, sondern Gott."

Für Burkhard Müller hingegen bleibt dieses "Mysterium" der Selbstopferung Jesu dem "Sühneopfergedanken" verpflichtet. Auch wenn in der heutigen Interpretation dieses Opfers der Mensch die Versöhnung Gottes empfängt – und nicht Gott versöhnt werden muss – bleibe solches Denken gefangen in der mittelalterlichen "Satisfaktionstheorie" des Philosophen Anselm von Canterbury. Geprägt von germanischem Denken ging Anselm von Canterbury davon aus, dass Gott - durch die Sünde des Menschen in seiner Ehre verletzt - ohne "Satisfaktion" nicht verzeihen kann. Doch nur ein Ebenbürtiger, nicht ein kleiner Mensch, kann Gott Genugtuung leisten. Also musste Gott selbst zum Menschen werden und den Tod erleiden.

"Damals hat man von einer Theologie drei Dinge gefordert: Erstens musste sie dem Denken entsprechen, Gott muss gerecht sein, wenn Gottes Ehre verletzt wird, muss die durch Sühne wieder hergestellt werden. Das Zweite war, eine Theologie muss vernünftig sein, den Intellekt befriedigen. Und das Dritte war, sie muss der Frömmigkeit der damaligen Zeit entsprechen. Und genau das ist dem Anselm gelungen. Also er ist meisterhaft gewesen: Logisch, dass dieser Jesus als Gottessohn sterben musste! Und insofern hat er diese Bedürfnisse getroffen und auch der germanischen Vorstellung entsprochen, eine Entehrung Gottes kann es nicht geben und wenn es sie gibt, dann muss gesühnt werden. Und darum dieser Sühnetod."

Doch der Gedanke des Sühneopfers taucht nicht erst im Mittelalter auf. Spricht Jesus nicht beim Abendmahl selbst davon, dass sein Fleisch für uns hingegeben, sein Blut vergossen wird zur Vergebung der Sünden? Nennt der Evangelist Johannes Jesus nicht das "Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt"? Und erklärt Paulus nicht: "dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift"? Doch für Burkhardt Müller wie auch für den Theologen Klaus Peter Jörns sprechen aus solchen Texten einerseits Vorstellungen der jeweiligen Zeit. Und zum anderen handele es bei diesen Texten lediglich um eine Deutung des Todes Jesu, die allerdings durch die "Sühneopferbrille" der Theologen mehr und mehr zu der zentralen Botschaft der Heiligen Schriften umgedeutet wurde.

"Wenn man dann mal die Brille abnimmt, und dann genau nachguckt, was steht denn da und dann genauer liest. Dann stell ich fest, das kommt ja nur an ganz wenigen Stellen vor und insofern ist die Kritik, die seit der Aufklärung von allen Seiten kommt, gut. Also es gibt nicht die eine, objektive durch die Zeit hindurch bleibende Wahrheit, sondern es ist die Wahrheit, die ist immer auch Ausdruck der Zeit: Das Wort Gottes will ja reden zu Menschen, die in einer bestimmten Zeit leben und dann muss dieses Wort so sein, dass diese Menschen das hören können mit ihren Worten und ihrer Sprache."

Für manche Theologen ist eine solche Interpretation ein Ärgernis. Eine Entfernung von den Botschaften der Bibel, um unseren heutigen "Zeitgeist", der alles mit dem Zuckerguss von love and peace überziehen will, zu befriedigen.

"Das Kreuz ist das Zentrum des Glaubens, der Apostel Paulus hat das schon empfangen, dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift. Das ist ganz früh und wer das leugnet, sagt der Apostel Paulus, der bleibt in seinen Sünden. Und der Versuch, so etwas zu verdeutlichen, etwas verstehbar machen, ist etwas völlig anderes als wenn ich einen externen Maßstab nehme, zu sagen, was ist heute gefragt? Dann tun wir das aussondern, was da nicht hineinpasst und machen das zum Maßstab. Das ist aber keine Auslegung der Heiligen Schrift mehr sondern wir konstruieren damit einen neuen Gott. Und das wäre ja gerade das Wesen der Sünde, das wir uns unsere eigenen Götter machen."

Burkhard Müller aber bleibt dabei: Er will die "Sühneopferbrille" abnehmen und einen anderen Zugang zum Sterben Jesu bekommen:

"Er ist umgebracht worden, weil er in das politische Konzept der Mächtigen nicht passte. Aber nun hätte er das ja auch vermeiden können, in Galiläa bleiben. Aber er hat sich so verstanden, ich muss diese Botschaft von der unendlichen Güte Gottes auch in die Zentrale meines Volkes bringen. Er ahnte und wusste, dass ihn das das Leben kostete. Warum ist er gestorben? Er ist gestorben, er hat sich hingegeben, er hat sich selbst gefährdet, weil er ein Zeugnis seines Glaubens geben wollte. Also, der Tod Jesu ist sinnlos, aber er ein ganz großes Dokument seiner großen Liebe. Das macht das Kreuz nicht sinnvoll. Also wenn ich nen Vergleich machen darf, Kortcak, polnischer Priester, ging mit seinen Schülern ins KZ. Das ist ein Dokument seiner Liebe, aber das macht das KZ nicht sinnvoll. Also das ist nicht das Heilsereignis und so ist es mit Jesus auch. Dass er stirbt, verrät seine große Liebe."

Die Hinrichtung Jesu, schreibt Burkhard Müller "war kein heilstiftendes Sühneopfer, sondern ein Justizverbrechen, eine vor allem politisch begründete Liquidation eines Unruhestifters. Es war ein sinnloses Ende eines großartigen Menschen". Das Heil der biblischen Botschaft zeige sich erst in der Auferstehung: Hier erst bekomme das gesamte irdische Leben Jesu eine göttliche Autorität. Denn in der Auferstehung hat sich Gott vollständig mit Jesus identifiziert. Und den Menschen Hoffnung gegeben.

"Ich finde über die Auferstehung wird viel zu wenig bei uns gearbeitet, alle reden über den Sinn des Kreuzes. Dieses Osterlicht gibt einen Schein auf das Neue Testament, qualifiziert Jesus als den Bevollmächtigten. Die Hoffnung, dass man nach dem Tod weiterlebt, gibt es. Und diese Auferstehung Jesus ist das Licht wie eine Bekräftigung auch daran zu glauben. Ich glaube, dass man manchmal anders lebt und die Lebenszeit anders versteht, wenn einem das geschenkt ist, das Glück, dass man glauben kann, dass man nach dem Tod weiterlebt."

Nicht: "Jesus ist für uns gestorben", ist deshalb für den Theologen Klaus Peter Jörns die christliche Botschaft, sondern "Jesus hat für uns gelebt". Ein Leben, das dann mit der Auferstehung im Licht der Zustimmung Gottes erstrahlt. Vom Kreuz dagegen gehe kein Heil aus. - Doch ist es nicht gerade das Kreuz, dass das Christentum von den anderen Religionen trennt? Jenes Kreuz, dass den "Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit" war, wie es in der Bibel steht? Für Ulrich Eibach jedenfalls ist die Verkleinerung des Kreuzestodes auf ein Justizverbrechen ein Skandal, der das Zentrum der christlichen Botschaft aushöhlt.

"Da steht das Kreuz quer. Das kann der Islam nicht gebrauchen, das ist völlig undenkbar, dass Gott sich so erniedrigt an diesem Punkt, die Griechen finden diese Gottesvorstellung undenkbar. Im Grund ist der Gekreuzigte die Differenz zwischen allen humanistischen Menschenbildern und dem christlichen Verständnis des Menschen. Bonhoeffer hat einmal gesagt, das Kreuz Christi ist nicht die Verklärung hohen Menschentums, sondern das barmherzige Ja Gottes zum sündigen und erbarmungsbedürftigen und leidenden Menschen. Wir können das heute ablehnen. Wir tun das nicht mehr, indem wir Jesus ans Kreuz nageln, sondern über ihn gleichgültig weggehen. Oder auch dass wir aggressiv dagegen vorgehen."

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