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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteSport am WochenendeGewalt gegen Schiedsrichter im Amateurfußball08.12.2012

Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurfußball

Die Kritik am Bayerischen Verband wächst

Nach dem Tod eines Linienrichters in den Niederlanden haben dort rund 100 ehrenamtliche Unparteiische ihre Arbeit aufgegeben. Aber auch in Deutschland herrscht Angst vor der Gewalt. Schon vor rund drei Wochen haben Unparteiische in Bayern ihre Arbeit beendet.

Von Sebastian Krause

Schiedsrichterassistent an der Linie (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Schiedsrichterassistent an der Linie (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Der 23 Jahre alte Daniel Maurer aus Unterschleißheim bei München war sechs Jahre lang Schiedsrichter und hat mit Freude und Leidenschaft Jugendspiele und Partien in den Amateurligen geleitet. Doch jetzt mag er nicht mehr. Immer wieder wurde er auf dem Spielfeld beschimpft, bedroht und attackiert.

"Nachdem ich einen Elfmeter gegen eine Heimmannschaft entschieden hatte, kam ein Spieler auf mich zu und hat mich umgerannt. Dann habe ich das Spiel abgebrochen. Danach haben Spieler und Zuschauer versucht, in die abgesperrte Kabine einzudringen. Ich habe dann die Polizei gerufen und bin dann mit etwa 15 Polizisten aus der Kabine begleitet worden und konnte nur unter Polizeischutz die Sportanlage verlassen."

Die Übergriffe auf Schiedsrichter, Trainer und Betreuer werden immer mehr. Die Gewaltbereitschaft steigt. Die Hemmschwelle sinkt. Aus meiner Sicht tut sich nichts im Verband und deswegen habe ich mich zu dem Schritt entschlossen.

Mit ihm haben auch die beiden Schiedsrichter-Obmänner aus Dachau ihre Ämter niedergelegt. Hans-Jürgen Schreier und Andreas Hitzelsperger, der Bruder von Fußball-Profi und Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger. Sie könnten die Sicherheit ihrer Leute nicht mehr gewährleisten. Einen Todesfall wie diese Woche in den Niederlanden hätte es auch bei uns geben können, sagt Hitzelsperger.

"Hier wird dem holländischen Verband vorgeworfen, dass sie nicht aktiv geworden sind. Und wir schätzen die Situation hier in Bayern ähnlich ein. Wir hatten Fälle, wo Polizei vor Ort war, wo es Prügeleien gab. Und wir haben den Verband darauf aufmerksam gemacht, und dann wird uns mitgeteilt: Das waren bedauerliche Einzelfälle, das ist alles nicht so dramatisch. Der Bayerische Fußball-Verband sollte schon im Hinterkopf behalten, dass er sich hier in eine ganz gefährliche Situation begibt."

Erst vor Wochen gab es in Oberbayern einen schweren Übergriff: Bei einem Spiel in Rosenheim wurde ein Unparteiischer so verprügelt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste und beinahe sein Augenlicht verlor. Trotzdem ist man beim Bayerischen Fußball-Verband nicht der Meinung, dass sich die Situation verschärft hat. Horst Winkler, der Bezirkschef von Oberbayern kann deshalb die Vorwürfe der zurückgetretenen Schiedsrichter nicht nachvollziehen. Sie würden dem Fußball nur Schaden.

"Der Rücktritt hat nicht geschadet. Sondern die daraus ausgelöste Diskussion. Weil die unseren Amateurfußball in ein Licht gerückt hat, das er so nicht verdient hat. Wir werden riesige Probleme mit der künftigen Gewinnung von Schiedsrichtern bekommen. Wir haben ein Problem, ja. Aber dass in den vergangenen Wochen und Monaten die Gewalt eskaliert ist, stimmt so nicht."

Das sehen Schiedsrichter und Trainer in Bayern aber anders. Seit ihrem Rücktritt vor rund drei Wochen gab es viele Reaktionen, sagt Hans-Jürgen Schreier:

"Obleute und Schiedsrichter aus ganz Bayern haben uns angerufen und haben uns Respekt ausgesprochen für die Aktion. Es hat unter anderem ein Vater angerufen, der angeordnet hat, dass sein Sohn keine Spiele mehr pfeifen darf. Die Sache hat uns überrollt."

Auch dem Jugendtrainer Joseph Nefzger vom SV Weichs im Landkreis Dachau ist die Lust vergangen.

Der Bayerischer Fußball-Verband bestreitet die Vorwürfe und verweist auf die sogenannten Konfliktmanager und Streitschlichter, die bei gefährlichen Spielen eingesetzt werden. Da kann der ehemalige Schiedsrichter Daniel Maurer nur müde lächeln.

" Es gab auch Fälle, da hat der Streitschlichter gesagt: Mit dem Verein und der Mannschaft kann man nicht reden. Also es ist aus meiner Sicht mehr Aktionismus, der da betrieben wird."

Mittlerweile machen sich sogar Jugendspieler im Raum München Gedanken und fordern mehr Respekt vor den ehrenamtlichen Schiedsrichtern.

"Meiner Meinung nach ist das immer noch ein Sport/ Aber wenn man sieht, wie zum Beispiel der Mourinho im Fernsehen auf die Schiedsrichter schimpft./ So Aktionen, wenn der Jürgen Klopp Nase an Nase mit dem vierten Offiziellen steht, die sind absolut nicht förderlich. Die Jugendlichen, die das am Samstag sehen, gehen am Sonntag auf den Fußballplatz und sagen, der darf das in der Bundesliga, dann darf ich das in der Kreisliga auch."

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp hat nach der Kritik an seiner aufbrausenden Art an der Seitenlinie erst vor wenigen Tagen gesagt.

"Ich werde an mir arbeiten, dass mein Verhalten da möglicherweise etwas vorbildlicher wird. Mein Respekt vor den Schiedsrichtern ist überragend groß, weil ich weiß wie schwer das ist."

Doch auch das Verhalten des Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbandes Rainer Koch wird als "nicht vorbildlich" kritisiert. Daniel Maurer sei im Stich gelassen worden, als er damals von Polizisten aus der Kabine befreit werden musste, und es danach zum Wiederholungsspiel kam.

"Beim Wiederholungsspiel war unser Präsident Rainer Koch vor Ort, wollte mit seiner Geste versöhnen. Das ist meiner Ansicht nach aber nicht gelungen. Er hat dann einen Fan-Schaal der besagten Mannschaft um den Hals getragen und hat sich damit von der Presse fotografieren lassen. Was für mich eine Demütigung war. Er hat sich nie bei mir erkundigt, wie es eigentlich mir geht. Obwohl ich einer seiner Schiedsrichter und Funktionäre war."

Rainer Koch, gleichzeitig Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, müsse jetzt ein Zeichen setzen. Außerdem fordert Ex-Schiedsrichter-Obmann Schreier härtere Strafen nach roten Karten.

"Zum einen sollten die Strafen erhöht werden. Zum anderen habe ich den Vorschlag gemacht, die Geldstrafen vom Spieler selbst zu fordern. Bisher läuft das über die Vereinshaftung. Das heißt: Der Spieler bekommt drei Spiele Sperre, 50 Euro und 20 Euro Verfahrenskosten werden dem Verein abgebucht. Man sollte darüber nachdenken, das Geld direkt vom Spieler zu fordern, denn der eigene Geldbeutel ist wichtiger als der des Vereins. Dann würde ein Spieler vielleicht wieder überlegen."

Für kommenden Montag wollen sich die Funktionäre und Spielbetrieb Verantwortlichen in Oberbayern zusammensetzen, um über mögliche neue Maßnahmen zu beraten.

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