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StartseiteBüchermarktGlänzende Psyche14.07.2004

Glänzende Psyche

Rudolf Arnheim: "Die Seele in der Silberschicht"

<em> Die Seele in der Silberschicht</em> versammelt erstmals vollständig Arnheims medientheoretische Texte, wie es im Untertitel heißt, seine bisher nur verstreut zugänglichen Aufsätze zu Photographie, Film und Rundfunk, deren Entstehungszeitraum von eben dem ersten titelgebenden Text 1925 bis zu <em>Die Verkopplung der Medien</em> aus dem Jahre 1999 reicht. Dieser Band ergänzt die Edition der gewichtigeren und bekannteren Arbeiten Arnheims, die 2001 und 2002 ebenfalls im Suhrkamp Verlag wieder aufgelegt wurden. Das sind <em> Film als Kunst </em>, die deutsche Fassung von 1932, sowie <em>Rundfunk als Hörkunst</em>, das er noch 1933 fertig stellte, das aber dann 1936 zuerst in englischer Übersetzung erscheinen musste. Insbesondere Arnheims Texte zur Photographie, die aus den siebziger bis neunziger Jahren stammen, sieht Helmut Diederichs, der Herausgeber dieses Bandes, als ein ‚Scharnier’ zwischen seiner frühen Film- und Radiotheorie und seiner Forschung als Kunstwissenschaftler auf der Basis der Gestaltpsychologie.

Von Barbara Büscher

Kino als Kunst: Roter Teppich bei der Berlinale (AP)
Kino als Kunst: Roter Teppich bei der Berlinale (AP)

Es war mir deshalb besonders wichtig, Arnheim vom Filmtheoretiker zum Medientheoretiker zu machen, weil er nie der reine Filmtheoretiker gewesen ist als der er über viele Jahrezehnte, vor allem in Deutschland, rezipiert wurde, denn sein Radiobuch hat er ja wenige Jahre, nur 2-3 Jahre nach "Film als Kunst" geschrieben und er hat auch schon während der Weltbühne-Zeit über die verschiedensten künstlerischen Medien publiziert, Aufsätze, Kritiken geschrieben. Und in der Nachkriegszeit kam zu den früheren Medien Film und Rundfunk eben auch noch die Fotografie dazu – die ihn da doch wohl auch eher im Vergleich zur Malerei interessiert hat, aber in denen man Argumente wiederfindet, ästhetische Grundanschauungen, wahrnehmungspsychologische Grundanschauungen wiederfindet, die er auch schon in seinen Film- und Rundfunkbeiträgen (...) die da schon enthalten waren.

"Ich unternahm den Versuch, die Photographie gegen den Vorwurf in Schutz zu nehmen, sie sei nichts weiter als eine mechanische Nachahmung der Natur", schreibt Arnheim 1974 und mit Blick auf seine Arbeiten aus den dreißiger Jahren. Sein Ziel ist es, gerade aus der Differenz zwischen der Wahrnehmung technisch hergestellter Bildern und der – wie er sagt – "direkten Anschauung der physischen Realität" die Kunstfähigkeit der Medien zu entwickeln. Er beschreibt diese Differenz im Kontext der apparativen Besonderheiten jedes Mediums und eröffnet so die Möglichkeit, den Prozess der Herstellung der Realitätsillusion offenzulegen. Indem er entschieden Position gegen die historisch vorherrschende Fixierung auf einen Abbildrealismus bezieht, ist seine Analyse auch inspiriert von den künstlerischen Avantgarde-Bewegungen der 20er und 30er Jahre. 1932, in "Film als Kunst", beharrt er - in Skepsis vor dem gerade durchgesetzten Tonfilm - auf dem Potential des schwarz-weißen Stummfilms. Ton, und später Farbe, rücken den Film scheinbar zwangsläufig näher an diesen Abbildrealismus heran.

Arnheims Ideal war ja der schwarz-weiße Stummfilm und ist es eigentlich bis heute geblieben. Im Grunde ist das Film als Bildende Kunst, wenn man so will. Schon auch mit story und plot, aber doch eher als Bildende Kunst aufgefasst. Und dieses wahrnehmungstheoretische Modell, diese Mängeltheorie, wie er auch sagt, basiert auf dem Unterschied des Filmbilds zur Realität, zum Weltbild. Er hat also genau hingeschaut, was unterscheidet den schwarz-weißen Stummfilm von der Wahrnehmung in der Wirklichkeit, nämlich die Reduzierung der Dreidimensionalität auf ne Zweidimensionalität, die Reduzierung der Farbe auf Schwarz-Weiß, das Wegfallen von Sprache, ... das war im ganz wichtig... und die Möglichkeit, Raum und Zeit durch die Montage relativ beliebig zu beeinflussen (...)

"Es wird gezeigt, dass die Filmaufnahme niemals Wirklichkeitswiedergabe ist und welches diese Abweichungen sind." Sagt Arnheim in der Einleitung von Film als Kunst, und er fährt fort: "Ohne diese Abweichungen, die zunächst als Mängel erscheinen, ist Kunst überhaupt nicht möglich". Und so wird der erste Teil dieser Untersuchung zu einem Inventar der technisch-apparativen Möglichkeiten des Films und deren Wahrnehmungseffekte.
Als Mängel erscheinen können sie aber nur – und das führt zu einer wichtigen Basis von Arnheims Theorie - im Verhältnis zur psychophysiologischen Beschreibung von Wahrnehmung.

In "Film als Kunst" kulminiert sozusagen einerseits die Wissenschaftlichkeit, das was er in der Gestaltpsychologie in den 20er Jahren als Student und Doktorand bei Wertheimer, Lewin usw. gelernt hat... dieser eine Wissenschaftsbegriff konkurriert mit dem anderen, dem geisteswissenschaftlichen... Er als Filmkritiker, als kulturell sehr gebildeter Mensch, der in der Weltbühne über alles, über alle Künste geschrieben hat, nicht nur über Film und Radio oder Fotografie, sondern auch Literaturkritiken und Tanzkritiken und sogar die ein oder andere Theaterkritik.

Arnheim hat in Berlin bei den Begründern der Gestaltpsychologie Max Wertheimer und Wolfgang Köhler studiert und 1928 mit einer Arbeit über Experimentell-psychologische Untersuchungen zum Ausdrucksproblem promoviert. Gestaltpsychologie beobachtete die Synthetisierungsleistung in der Wahrnehmung und überschritt damit die einfache Zuordnung von Reiz und Empfindung. Auf Wertheimers experimentelle Untersuchung des Sehens von Bewegung bezogen, schreibt Arnheim dann in Film als Kunst: "Die Vereinigung von objektiv getrennten Reizen zu einem Totaleindruck beobachtet man auch bei der Montage im Film." Während er hier an einem Kern der technisch-apparativen Möglichkeiten des Films, der Montage, das Herstellen von Synthetisierungsleistungen erklärt, macht er sie an anderer Stelle, in der Verbindung von Visuellem und Auditivem, zu einem besonderen Hindernis für die künstlerische Gestaltung.

Und deswegen habe ich vorhin auch gesagt, Filmkunst ist für Arnheim eher Bildende Kunst gewesen und so bald Sprechen dazukommt, ja, geht das Ganze weg vom Vorrang des Visuellen. Er hat ja in den 30er Jahren, in Italien, noch einen größeren Aufsatz geschrieben – sein zweitgrößter Beitrag zur Filmtheorie "Der neue Laokoon" – und dort hat er klar eine Hierarchie der filmästhetischen Mittel behauptet, und einen Vorrang der visuellen Mittel vor den auditiven. Und das hat er im Grunde bis heute aufrecht erhalten. Noch 1999 – also mit 95 Jahren – hat er einen kleinen bestätigenden Aufsatz geschrieben, in dem er das, was Kernthese des Neuen Laokoon war, noch mal betont hat, dass es nach wie vor seine Meinung sei.

In diesem Text von 1999 mit dem Titel Die Verkopplung der Medien bezeichnet sich Arnheim selbst als "Verteidiger der Medienreinheit" und Verfechter des "Prinzips der Sparsamkeit". Der Tonfilm oder Sprechfilm, wie er ihn gelegentlich abwertend nannte, war in dieser Sicht – und auch was seine apparative Aufnahmeprozedur anging - eine Kopplung von visuellem und akustischem Medium. Letzteres hat er dann in seiner ‚Reinheit’ in "Rundfunk als Hörkunst" untersucht. Im Neuen Laokoon von 1938 stellte er aber auch Überlegungen darüber an, unter welchen Bedingungen eine Kopplung möglich sein kann. "Ein zusammengesetztes Kunstwerk ist (...) nur so möglich, dass die einzelnen Mittel vollständige Gebilde schaffen." Die einzelnen Medien – hier noch als Mittel bezeichnet – sollen geschlossene, vollständige, voneinander streng getrennte Teilganze bilden, die dann auf einer komplexeren Stufe zu einer neuen Ganzheit zusammengeführt werden sollen. So denkt er zum Beispiel über die Asynchronität von Bild- und Tonspur nach. Diese Überlegungen, die im Kontext der Entwicklung der Filmtechnik hin zu Ton und Farbe obsolet erscheinen, korrespondieren andererseits mit Strategien des Experimentalfilms und später auch der Videokunst.

Arnheims Auseinandersetzung mit technischen Medien konzentriert sich auf Film und Radio – das zeigt die Zusammenstellung der Texte in diesem Band. Indem er versucht, Wahrnehmungspsychologie, technisch-apparative Eigenheiten der Medien und den Anspruch auf einen künstlerischen Umgang mit ihnen zusammenzuführen, weisen seine Arbeiten über diese konkreten Medien hinaus.

Rudolf Arnheim
Die Seele in der Silberschicht. Medientheoretische Texte. Photographie – Film – Rundfunk
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Helmut Diederichs
Suhrkamp, 433 S., EUR 15,00

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