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StartseiteTag für TagMaria, das junge jüdische Mädchen aus Nazareth23.12.2013

GlaubensfragenMaria, das junge jüdische Mädchen aus Nazareth

In den biblischen Schriften wird sie nur 21 Mal erwähnt, dennoch entwickelte sich über die Jahrhunderte eine ausgeprägte Marienfrömmigkeit. Warum und wie sich der Mythos Maria im Laufe der Zeit gewandelt hat, erklärt der Bamberger Neutestamentarier Joachim Kügler.

Joachim Kügler im Gespräch mit Matthias Kügler

Eine Madonnenfigur in Frankreich (Stock.XCHNG / Dimitri Castrique)
Eine Madonnenfigur in Frankreich (Stock.XCHNG / Dimitri Castrique)
Weiterführende Information

Der Jude aus Galiläa (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 20.12.2012)

Matthias Gierth: Die biblischen Zeugnisse über die junge jüdische Frau mit Namen Maria sind äußerst dünn gesät. Ganze 21 Mal wird Maria aus Nazareth im Neuen Testament als Mutter Jesu erwähnt, 19 Mal mit ihrem Namen. Dem gegenüber steht eine reiche Tradition der Marienfrömmigkeit, die auch einen großen Resonanzboden für Dichter, Musiker und Künstler über die Jahrhunderte hinweg entfaltet hat.

Herr Kügler, Maria, das jüdische Mädchen aus Nazareth hat eine ungeheure christliche Karriere gemacht. Wie konnte es zu dieser Karriere kommen?

Joachim Kügler: Ein Punkt ist sicher, dass man so wenig über sie historisch weiß. Damit stehen also wenige Informationen zuzusagen im Wege. Das öffnet natürlich dann das Tor für alle möglichen Sehnsüchte und religionsgeschichtlichen Mechanismen – Vorstellung, die man dann auf Maria übertragen kann. Dann kommt hinzu: Sie ist sozusagen die Frau, die mit der wichtigsten Figur der christlich-abendländischen Kultur in Verbindung steht – nämlich mit Jesus. Und die Mutter, das ist einfach auch ein Urtypus, mit dem ganz viele Menschen etwas anfangen können.

Jeder Mensch wird von einer Mutter geboren normalerweise. Die Mutter ist eigentlich dann – zumindest für die frühe Entwicklung des Kindes – sehr oft viel wichtiger als der Vater.

Gierth: Jeder Mensch wird von einer Mutter geboren, sagen Sie. Die wenigsten allerdings von einer Jungfrau. Die frühe Kirche hat zahlreiche Aussagen über Maria getroffen, und vor allem die Jungfräulichkeit Mariens betont. Weshalb?

Kügler: Das ist sehr wichtig, weil in der Antike oft die Vorstellung ist, dass das Kind mehr oder weniger ausschließlich das Produkt des Vaters ist. Die Mutter ist für viele antike Kulturen mehr so etwas wie eine Art Brutkasten. Das ist jetzt nicht negativ gemeint, sondern die Mutter beschützt sie, ernährt im Bauch, sie sorgt dafür, dass das Kind dann gut zur Welt kommt. Aber in Kulturen, in den Abstammung sehr stark über die väterliche Linie gedacht wird – und das sind fast alle antiken Kulturen – ist der Vater sozusagen für die Abstammung das Eigentliche. Das heißt also, wenn Jesus das Produkt des Joseph wäre, dann würde sehr stark, welche Art, welches Wesen, welche Talente, welche Fähigkeiten hat Jesus von Joseph geerbt. Das soll aber nicht so sein, sondern Jesus soll eben in der frühchristlichen Verkündigung begriffen werden als das Geschenk Gottes an die Welt. Und dann ist es naheliegend, auch die Vaterschaft des Joseph zu leugnen oder auszublenden. Es gibt wenige Ausnahmen. Das Johannesevangelium zum Beispiel kommt ohne Jungfrauengeburt aus, weil da eine andere Vorstellung greift, nämlich die Vorstellung: das, was an Jesus wichtig ist, ist das, was aus dem Himmel kommt – also die zweite göttliche Person, sagt man dann später. Da ist es im Grunde relativ gleichgültig, wo die menschliche Basis für die Menschwerdung dann herkommt.

Gierth: Nun hat das Konzil von Ephesos Maria ja im Jahr 431 als Gottes-Gebärerin bekannt. Worum geht es bei diesem Begriff? Geht es darum, Maria jetzt zu einer göttlichen Mutter zu erklären?

Kügler: Nein, gerade nicht. Das Konzil weiß aber um dieses mögliche Missverständnis des Titels. Und deswegen ist im Konzil-Text selbst festgehalten, dass dieser Titel eben nicht bedeutet, dass Maria jetzt als Göttin verstanden wird, die einen Gott zur Welt bringt. Das ist ja die klassische Vorstellung in der antiken Welt. Sondern, dass man sagt, sie ist eine menschliche Frau, bringt aber einen Gott zur Welt. Natürlich nicht einen Gott im antiken Sinn, der kein Mensch ist, sondern nur Gott, sondern eben eine Person, die sowohl Gott als auch vollkommen Mensch ist. Das ist nach der Lehre des Konzils Jesus von Anfang an, also er wird nicht irgendwann mal von Gott als Sohn adoptiert, sondern er ist von vorneherein, vom Punkt seiner Entstehung an, wahrer Gott und wahrer Mensch.

Das Konzil selbst grenzt sich sehr deutlich von den üblichen antiken Vorstellungen ab, wonach Götter von einer Göttin geboren werden. Halbgötter können von einer menschlichen Frau geboren werden. Aber Halbgott ist Jesus eben nicht, weil das wäre ja eine Mischung aus Göttlichem und Menschlichem. Es ist gerade diese paradoxe Lehre der Kirche zu sagen: nein nicht gemischt, es ist kein Halbgott, sondern der ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich. Das ist ein Paradox. Aber das wird versucht festzuhalten eben mit dieser Lehre von Maria als Gottes-Gebärerin.

Gierth: Aber dieses Konzept, dass besondere Menschen nicht von einem menschlichen Vater stammen können und also dann von einer Jungfrau geboren werden, war dieses Konzept in der religiösen Umwelt Israels bekannt?

Kügler: Ja, sehr gut bekannt. Dieses Ausblenden des menschlichen Vaters, das ist üblich für große Männer in der antiken Kultur. Das finden wir schon im alten Ägypten, das finden wir in der hellenistischen Kultur, das kannten sogar die Römer, die ja sonst religiös nicht besonders glühend waren. Zum Beispiel Augustus lässt die Legende verbreiten – als er auf dem Weg zum Alleinherrscher ist – dass seine Mutter Atia bei einem nächtlichen Opfer im Tempel von einer Schlange bekrochen wurde und dann wurde er zehn Monate später geboren. Das deutet dann darauf hin, dass er der Sohn des Apoll ist. Solche Dinge gibt es immer wieder. Das ist jetzt nicht das Außergewöhnliche.

Gierth: Was ist dann das Außergewöhnliche der Evangelien? Wie gehen sie mit diesen Zeugungsmythen der Umwelt um?

Kügler: Das Außergewöhnliche der Evangelien – also ich finde, dass das besonders stark bei Lukas ausgeprägt ist – ist, dass man versucht, obwohl man ja mit diesem mythischen Material arbeitet, um die Besonderheit Jesu auszudrücken, sich trotzdem gleichzeitig von bestimmten Aspektes dieses mythischen Materials zu entfernen. Wenn wir Lukas genau lesen, dann findet ja bei Lukas keine sexuelle Zeugung statt. Also der Heilige Geist ersetzt nicht Joseph. Das wäre ja so ein vorchristlicher Mythos von Zeus, der immer auf der Jagd nach schönen Mädchen ist, sondern, wenn man die Ausdrucksweise des Lukasevangeliums ernst nimmt, dann sind das Schöpfungsbilder. Also der Geist und die Kraft, die über Maria kommt. Das heißt, die Botschaft bei Lukas ist eher die: Joseph ist nicht der menschliche Vater Jesu, aber es ist auch keine Zeugung, wie es die Mythen der antiken Welt kennen, sondern es ist praktisch ein Schöpfungsakt Gottes. Also Gott schafft im Leib Mariens den Menschen Jesus.

Gierth: Auf der anderen Seite können sich aber auch die Evangelien dem Einfluss der mythischen Traditionen nicht immer entziehen.

Kügler: Natürlich nicht. Das geht auch gar nicht. Jede Zeit ist herausgefordert, ihre religiösen und sonstigen Überzeugungen mit dem Material auszudrücken, das die Gesellschaft, die Kultur bereithält. Es ist ganz selten, dass da etwas ganz Neues erfunden wird. Das Neue ist eher eben zu entdecken in der Art, wie das mythische Material bearbeitet wird. Deswegen ist es ganz selbstverständlich, dass auch die neutestamentlichen Autoren das Material, die Gedankenmuster, die kulturellen Muster verwenden, die in ihrer Kultur da sind, in der sie ja alle aufgewachsen sind. Es gibt damals noch keine christliche Kultur. Dann kommt noch dazu, dass der wichtigste Bezugstext im religiösen Bereich – nämlich das Alte Testament – selber auch schon mythische Kultur, mythische Tradition benutzt.

Gierth: Das wäre jetzt meine Frage gewesen. Das Alte Testament ist ja vermutlich auch nicht frei von diesen Traditionen.

Kügler: Kann gar nicht. Also sonst hätten diese Menschen diese Texte gar nicht verstanden. Man muss sich vorstellen, dass auch Israel Teil einer größeren Kultur ist, die von Ägypten hinüberreicht bis ins Zweistromland, Irak, Iran. Natürlich mussten die auch die Besonderheit ihres Jahwe-Glaubens ausdrücken, indem sie eben das gemeinsame kulturelle Erbe benutzen. Das ist jetzt kein Mondgestein in der Kultur des Nahen Ostens, sondern da werden eben die Muster, die man kennt, benutzt, sie werden verändert, Elemente werden neu zusammengesetzt. Dadurch entsteht im Endeffekt etwas Neues. Aber es ist vom Material her immer das Alte, Bekannte, mit dem man arbeiten muss.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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